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Gleichverpflichtung

Ina Müller hat mir vor zwei Wochen das Wort aus dem Mund genommen. Auch ich bin schampar froh um Experten wie unseren Brigadier Denis Froidevaux, Präsident der Schweizerischen Offizierinnen- und Offiziersgesellschaft, der findet, die Frauen seien nun genügend gleichberechtigt und damit quasi reif für den nächsten Schritt, nämlich die Wehrpflicht. Ein toller Schluss, gespiesen aus einer offenbar unerschütterlich selektiven Wahrnehmung der Lastenverteilung in unserem Land. Mittlerweile sind vom Bundesamt für Statistik die neusten Zahlen über die Arbeit, die hierzulande geleistet wird, erschienen, und obschon sich da nichts grundsätzlich Neues zeigt, zeigt sich eben doch, wie grauenhaft daneben der Herr Brigadier liegt.

 

Denn 2013 wurden in der Schweiz 8,7 Milliarden Stunden gratis gearbeitet – und damit mehr als bezahlt, da waren es ‹nur› 7,7 Milliarden Stunden. Monetarisiert käme man auf eine Lohnsumme von über 400 Milliarden, was rund zwei Drittel des BIP sind. Und, wen wunderts: Frauen übernehmen knapp zwei Drittel dieser unbezahlten Arbeit. Am meisten Zeit wird im Haushalt fürs Kochen und Putzen aufgewendet; mit 67 beziehungsweise 72 Prozent tun das hauptsächlich Frauen. Beim Waschen betrug der Frauenanteil sogar 80 Prozent. Jetzt weiss ich, warum der Volksmund sagt: «Jede Frau braucht zwei Männer. Einen fürs Kochen und einen fürs Putzen.»

 

So what, werden Sie jetzt fragen? In einer Zeit, wo Ständeratskandidaten fast vor Stolz platzen, wenn sie sich vornehmen, einen «Papitag» pro Woche freizuhalten – die anderen 313 Tage lassen wir dann das Mami wieder an die Windel –, kann das doch nicht überraschen. Aber jenseits dieser innerbetrieblichen Probleme geht es natürlich um – ja, was wohl: Economy, Stupid! Die 267 Milliarden – und andere Erhebungen weisen darauf hin, dass diese Zahl eher noch zu tief geschätzt ist – fehlen nicht nur bei der Lohnsumme, sondern in der Folge natürlich auch bei der Altersvorsorge. Also Mehrfachbetrug.

 

Ich frage mich immer, welche Mickymaus-Ökonomie wir eigentlich haben, die solche «verdeckte Wertschöpfung» nicht einbezieht und ausweist. Sogar die NZZ schreibt über die unbezahlte Arbeit: «Ohne diese würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren.» Die faule Ausrede, der Wert der unbezahlten sei bereits in den Lohnsummen der bezahlten Arbeit eingerechnet, vermag – im Zeitalter fehlender Mindestlöhne sowieso – nicht zu überzeugen. Man bekommt nicht übel Lust, die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens, aber subito, zu fordern, weil dies nämlich schlagartig mit der Diskriminierung unbezahlter Arbeit aufhören würde.

 

Es gibt aber noch eine andere heikle Argumentationsschiene. Nimmt nämlich die Berufstätigkeit der Frauen in der Gesellschaft zu, fehlt es an Stunden, in denen sie die unbezahlte Arbeit verrichten können. (Ähm sorry, nein, das, was Sie jetzt grad gedacht haben, nämlich dass die Männer in diese Lücken springen werden, ist vermutlich unzutreffend. Aber nett von Ihnen, das zu denken!) Und flugs tauchen Konzepte wie dasjenige der allgemeinen Dienstpflicht auf, neuerdings von Rechts. Die Absicht ist nicht ganz so durchsichtig wie beim Brigadier, aber ähnlich verquer. Frauen sollen noch eine dritte Form von Arbeit verrichten: unterbezahlte, unbezahlte und pflichtige.

 

Es geht allerdings noch schlauer: Sie können das Problem mit der Hausarbeit natürlich auch so lösen wie das Ehepaar F. aus E., er Asylpolitiker, sie Richterin. Beide haben nicht gewusst, dass man eine Asylbewerberin nicht als Putze anstellen darf. Wobei, angestellt war sie ja gar nicht, sie hat nur «Gefallen» getan. Unbezahlt natürlich. Und damit ist die Kirche wieder im Dorf. Schön an der Geschichte ist alleine, dass wir nun gerichtlich festgestellt haben, dass die SVP dümmer ist, als das Gesetz erlaubt.

 

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Atomkult

Mal ehrlich, die Lage beim Atomgüsel-Lagern ist derart verkorkst, dass es ja nur noch zwei Lösungen gibt: Eine, die tabu ist, die aber eintreten werden wird, und eine, die komisch tönt, die aber die einzig vernünftige wäre. Bei der Herausforderung, einen Haufen brandgefährlicher Fässer 100 000 Jahre lang sicher (!) aufzubewahren, stossen wir an unsere Grenzen. Niemand kann sich das vorstellen. Niemand weiss eine Lösung. Noch nie hat jemand so etwas gemacht. Und sogar diejenigen, die behaupten, sie wüssten wie, können nicht wissen, ob sie sich irren. Denn jedes Endlagerkonzept ist so etwas wie eine Wette auf die Zukunft. Also eine Prognose. Und die sind immer unsicher, insbesondere, wenn sie die Zukunft betreffen, wie Niels Bohr gesagt hat. Und der muss es ja wissen, er war Atomphysiker.

In Artikel 40 des Kernenergiegesetzes steht: «Der Bundesrat schreibt die dauerhafte Markierung des Lagers vor.» Dauerhaft meint mindestens 10 000 Jahre. Vor 10 000 Jahren wurde, laut Wikipedia, die Hausziege im Vorderen Orient domestiziert, und in Südchina stellten sie einfache Keramik her. Bei uns in Europa war Steinzeit und die Menschen lebten in Höhlen. Nix Keramik, nix Hausziege. Und schon gar keine Bücher oder Disketten, noch nicht mal Menhire oder Runen. Nur Höhlenmalerei gab es bereits. Ist das die Lösung? – Eine der vielen Ideen, die mittlerweile für das Problem der Überlieferung und Kommunikation ersonnen wurden, heisst «Schaffung mythologischer Erzählungen». Die logische Verbindung hiesse: Höhlencomics! Auf Sprechblasen, Symbole oder Zeichen, also Schrift, müsste allerdings verzichtet werden. Nur Bildli wären dauerhaft. Und auch nur dann, wenn sie die Realität abbilden. Eine Realität, die dann aber ein paar hundert Meter unter dem Boden ist.
Wenn etwas allzu anders wird, können wir es nicht mehr erkennen. Wir können zwar bestehende Realitäten extrapolieren, und wir können Szenarien entwerfen. Nur wissen wir nicht, welches das richtige ist. So haben wir zum Beispiel der Raumsonde Voyager eine Schallplatte mitgegeben, worauf unter anderem Männerhausgesänge aus Neuguinea drauf sind. Klar doch, auf Alpha Zentauri können sie den mitgelieferten Plattenspieler bedienen und erkennen das Gemöhne mühelos als Volksmusik. Ob es dem intergalaktischen Frieden nicht zuträglicher gewesen wäre, ein paar Kussgeräusche von Jean-Claude Juncker auf die Platte zu ritzen, wissen wir allerdings nicht. Aber es verweist auf unsere kümmerliche Extrapolationskompetenz, denn 1977 hatten wir offensichtlich noch nicht mal den Hauch einer Ahnung, dass Juncker mal EU-Präsident werden würde. Item: Wir sollten ohnehin nicht lange nach einem neuen atomaren Nationalmythos suchen, denn wir haben ja bereits den Schweizerpsalm, wo es heisst: «Seh’ ich dich im Strahlenmeer.» Na also.

Aber Sie wollten ja noch wissen, wie die beiden Lösungen heissen. Nun, diejenige, bei deren Erwähnung man geteert und gefedert wird, die aber eintreten wird, ist, dass einer Region schlicht ein Tiefenlager aufgezwungen wird, schön demokratisch und mit ein paar 100 Millionen versüsst. Denn warum auch sollte eine Region freiwillig zustimmen? Und die andere wäre, den Müll nicht zu verlochen, sondern ihn oberirdisch und gut sichtbar aufzubewahren, zum Beispiel auf einer künstlichen Insel mitten im Zürisee. Da erübrigt sich dann auch die Markierung, die Mythologisierung und mein persönliches Problem, dass die Wassertemperatur für mich meist zu tief ist zum Baden. Aber Sie haben natürlich Recht: Über so was macht man keine Scherze.

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BZO: Leben statt Profit!

Jede Revision einer Bau- und Zonenordnung (BZO) wirft im Voraus hohe Wellen. Dieses Mal scheint es gar ein kleiner Tsunami zu sein. Um die Aufregung im Vorfeld eines solchen Sachgeschäfts zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass es im kommunalpolitischen Kalender wohl kaum ein Thema gibt, bei dem derart enorme Geldsummen auf dem Spiel stehen wie bei einer BZO. Denn, vereinfacht gesagt, legt diese Planung fest, welche (Aus-)Nutzung auf welchem Grundstück zulässig ist. Und das geht gewaltig ins Geld. Dagegen sind Projekte wie ein Fussballstadion oder ein Kongresshaus geradezu ein Nasenwasser. Continue reading „BZO: Leben statt Profit!“

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„Hotel Suff“ – lieber nicht

Erschienen im „Zürich West“ vom Sept. 2014.    Nicht mit Ruhm bekleckert hat sich das Stadtzürcher Parlament beim Thema „Zürcher Ausnüchterungs- und Betreuungsstelle“, abgekürzt ZAB und vom Volksmund bekanntlich „Hotel Suff“ getauft. Diese Einrichtung der Stadtpolizei existiert schon seit längerem in dieser oder anderer Form und war immer wieder Gegenstand von Kontroversen. Nun hat sie der Gemeinderat, zu Handen einer freiwilligen Volksabstimmung, die vermutlich im November stattfinden wird, mit einer Rechtsgrundlage versehen und diese knapp verabschiedet. Richtig glücklich ist aber niemand dabei. Continue reading „„Hotel Suff“ – lieber nicht“

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Haldenstrasse und kein Ende

Blenden wir zurück: In den 70-er Jahren tobte im Säuliamt der Kampf um die N4. Die Befürworter versprachen die Entlastung der Dörfer vom Durchgangsverkehr, die Geg-ner wussten schon damals, dass das ein Irrtum war. Die Schlacht war erbittert und dauerte Jahre. Gefochten wurde mit harten Bandagen. Alt-Nationalrat Hans Steiger etwa erinnert sich, dass Flugblätter im Umlauf waren, welche die Autobahngegner als potenzielle Kindermörder betitelten, weil sie verhindern würden, dass die Dörfer vom Verkehr entlastet werden…

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Wachstum oder Zuwanderung begrenzen?

Erschienen im PS vom 14. Juli 2011

Gleich drei Volksinitiativen greifen im Wahljahr das Zuwanderungsthema auf: Unter dem Titel der Sorge um Natur und Infrastruktur wollen sie die Zuwanderung begrenzen. Ist das ein grüner Ansatz? Löst das die Probleme, oder ist es nur Symptombekämpfung? – Eine Antwort im Spannungsfeld zwischen Bevölkerungswachstum, Wirtschaftsförderung und Ressourcenverbrauch.

Noch nicht mal die Problematik ist eindeutig. Während die Wirtschaftsmotoren Genf und Zürich über „Dichtestress“ klagen, entvölkern sich ganze Täler und Gegenden im ländlichen Raum. Und während intensiv darüber gestritten wird, ob eine zusätzliche Gotthardröhre und nochmals eine schnellere Verbindung Zürich-Bern gebaut werden solle, sind Hunderte von Gemeinden einfach nur froh, wenn wieder einmal eine Familie zuzieht oder eine Postautoverbindung nicht aufgehoben wird. Continue reading „Wachstum oder Zuwanderung begrenzen?“

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