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Von Luxus und Moden

 

Vor ein paar Jahren bekam ich Post. Nun gut, werden Sie sagen: tolle Kolumne, passiert mir ja nie. Aber solche Post bekommen Sie in der Tat nie, denn über der absolut richtigen Anschrift stand «Fidelio AG». Dabei handelt es sich nicht um die politisch korrekt schlachtreif aufgezogenen Schweinchen von Porco Fidelio, sondern um diesen Kleiderladen am Münzplatz. Also nobel. Und nein, ich wusste bis dahin auch nicht, dass ich der CEO dieses Ladens wäre.

 

Item, die Post kam von einem der angesagten Immobilienvermittler im Dunstkreis der Bahnhofstrasse und beinhaltete auch ein leckeres Mietangebot im leicht höher segmentigen Bereich, das ich leider, mangels Kleiderladens, ausschlagen musste. Ich stellte per Mail die Sache sofort richtig und schlug vor, mich aus der Adresskartei zu streichen. Es kam nie auch nur ein Echo, und ich wurde auch nie gestrichen.

 

Und da ich fand und immer noch finde, ich hätte dem Recht Genüge getan, lese ich seither immer gerne die Post, die mal aus Geschäftsberichten, mal aus weiteren Leckereien aus der mir ansonsten nicht sehr zugänglichen Welt des Luxus und der Moden besteht.

 

So auch letzthin. Kam doch ein Prospekt mit einer Kurzfassung der neuesten Retail Market Study. Kostet Sie ein Schweinegeld, falls Sie ein gedrucktes Exemplar kaufen wollen. Ich dagegen verfüge nun über die wichtigsten Appetithäppchen, die ich aber, ganz der alte Sozi, gerne mit Ihnen teile.

 

Zürich ist die fünf-teuerste Stadt der Welt, was die Mietzinsen betrifft. Wobei ich jetzt natürlich nur von den Retailern spreche, also von den Lädeli. Während Sie in New York satte 2512 Euro bezahlen, wenn Sie ums Verworgen an der Fifth Avenue Ihr Gemüse verkaufen wollen, und immer noch 1152 an der Madison Avenue, legen Sie bereits in London an der New Bond Street nur noch 1244 hin, an der bekannten Carnaby Street schlappe 573 oder in Paris an den Champs Elysées 1355 Euro –… wie bitte? Ach ja, ich vergass: per Quadratmeter und Monat, was dachten Sie denn!? Pro Jahr? Schnusig.

 

Zürich dagegen kostet Sie an der Bahnhofstrasse 1172 Euro, was ja heutzutage jedes Kind im Kopf in Franken umrechnen kann, und dann geht’s rapide abwärts, denn am Rennweg kostet es nur noch 354 und am Bellevue verdächtig ramschige 185 Euro. Das sind die Top-Preise. Der Durchschnitt beträgt gemässigte 881 Euro an der Bahnhofstrasse und 232 am Rennweg. Wenn Sie also ein Lädeli von 100 m2 an der Bahnhofstrasse betreiben wollen, dann liefern Sie … über eine Million an Mietzinsen ab (ich musste das im Taschenrechner zweimal eingeben, pardon). Da soll noch einer behaupten, die Personalkosten seien in der Schweiz der grösste Anteil bei den Betriebskosten.

 

Aber man soll ja nicht nur vom Geld reden. Es gibt weitere wichtige Nachrichten aus der Retail-World. So etwa, dass die TokioterInnen wahnsinnig sind vor Freude, denn IWC Schaffhausen eröffnete endlich seine lang ersehnten Boutique in Ginza. Oder, dass Indiens führende Luxus-Uhrenmarke ausgerechnet Ethos heisst. Oder dass der Plastikspielwarenhersteller Toys«R»Us jetzt endlich auch in Wuhan zu finden ist. Oder dass IKEA ein Lädeli in Xi’an eröffnet, dem Geburtsort, wie die Studie weiss, einer der ältesten Kulturen der Welt. Da fehlte wirklich nur noch das Billy-Regal. Oder das Kinderbett «Gutvik». Oder schliesslich, dass es in Lima kein Problem mehr sei («not surprising»), 50 000 Dollars für ein paar Anzüge von Ermenegildo Zegna auszugeben.

 

Und so weiter. Ich weiss, Sie hätten gerne noch mehr gehört, aber mein Platz hier ist beschränkter als an der Bahnhofstrasse. Mein Fazit: Mann, was bin ich froh, dass ausgerechnet ein paar SozialdemokratInnen sich dafür einsetzen, dass der Manor an der unteren Bahnhofstrasse bleiben darf! Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

 

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Entscheidet euch!

Und es hub ein grosses Heulen und Zähneklappern im Lande an, denn bei den letzten Kantonalwahlen gingen noch weniger Leute an die Urnen als je. Das wurde im Nachgang von vielen ernst zu nehmenden Menschen als ernsthaftes Problem eingestuft, auch wenn das Phänomen nicht neu ist und man sich ja eigentlich fragen muss, ab wann es nicht mehr nur ernst, sondern hoffnungslos ist, ab wann die Demokratie nicht mehr spielt oder in Gefahr oder bereits am Boden zerstört ist.

 

Aber mich beschäftigt das schon auch, weil es einmal mehr darauf hinweist, wie unbeliebt Politikerinnen und Politiker im Allgemeinen sind. Brauchen tut man sie nicht, mögen schon gar nicht, geschweige denn wählen. Aber ein Taucher, der nicht taucht, taucht nix, und ein Politiker, der nicht gewählt wird, noch weniger.

 

Zugleich entpolitisiert sich die Gesellschaft schleichend, auch bei Wahlen. Dazu gehört nicht nur die destruktive Verbreitung von Umfragen und Hochrechnungen oder dass die Medien gar keine inhaltliche Wahlkampfberichterstattung mehr liefern, sondern es gehören auch Instrumente wie smartvote oder die unsäglichen Wahlbörsen dazu: Infotainment, wo man hinguckt. Die Wirkung ist, dass man sich der Bedeutung des Parteiensystems immer weniger bewusst ist, sondern ganz wie am Salatbuffet und häppchenweise seinen Wahlzettel à la carte zusammenstellt. Weil der Grillabend mit dem SVP-Nachbarn so gemütlich war oder die FDP-Schulpflegerin letzten Elternabend durchaus kinderfreundlich schien – rauf auf den Zettel, denn man ist ja nicht so ideologisch festgefahren! Und abends kauft man noch schnell ein paar Kägi-Aktien, weil: ist ja nur ein Game. (Wogegen sich die Spielleiter übrigens damit brüsten, sie bildeten die Realität besser ab als alle Fliegenträger dieser Welt zusammen.)

 

Aber wie der Volksmund sagt: «In Gefahr und grosser Not ist Ausgewogenheit der Tod.» Und plötzlich wundert man sich kräftig, dass die Dinge so laufen, wie sie laufen. Die Kinderkrippen, welche die freundliche FDP-Frau befürwortet hatte, sind soeben aus Spargründen gestrichen worden, und der nette SVPler hat sich mit keinem Wort von den neusten Asylgrüselein seiner Partei distanziert. Entpolitisierung äussert sich hier in einem erschreckenden Mangel an Kenntnis, wie Realpolitik in einer parlamentarischen Demokratie funktioniert. Es mag ja toll sein, dass der neue SVP-Shooting-Star Vogt persönlich gegen die zweite Gotthardröhre ist, wir sind auch ganz hingerissen. Nur ist es dann halt einfach so, dass ein künftiger Ständerat Vogt bei einer entsprechenden Abstimmung im Rat selbstverständlich für die zweite Röhre stimmen würde. Man nennt das Fraktionsdisziplin, und niemand ist darin so gut wie ausgerechnet die SVP.

 

Oder nehmen wir einmal mehr die Energiewende. Während die NGO im ökologischen Bereich an Mitgliedern zunehmen, während also offenbar in breiten Kreisen der Rückhalt für dieses vernünftige und nötige Projekt durchaus vorhanden scheint, werden die grünen Parteien im Regen stehen gelassen, schwindet der wahlpolitische Support für Ökothemen. Ist das nun vornehme Zurückhaltung von Verbänden, die es sich mit ihren bürgerlichen Mitgliedern nicht verscherzen wollen, oder schon schiere Dummheit dem politischen System gegenüber?

 

Gefährlich ist das, weil die Linke schon immer auf soziale Bewegungen angewiesen war, bzw. sich schon immer zu einem guten Teil aus sozialen Bewegungen rekrutiert hat. Wo sich aber die Zivilgesellschaft und die Politik auseinanderdividieren, triumphiert die Seite, die noch gut funktioniert, nämlich diejenige der Verbände, der Lobbies und der Top-Fives.

 

Politischen Erfolg gibt es nicht ohne Parteinahme, schon gar nicht in polarisierten Zeiten wie diesen. Es reicht nicht mehr, sich zu empören, man muss sich entscheiden.

 

 

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Mehr statt besser

 

Kürzlich hab ich irgendwo gelesen, die Kolumne sei gewissermassen das Selfie der Printmedien. Das könnte heikel werden, denn weil ich ja ein Grüner bin, haben Sie jetzt vermutlich unanständige Gedanken, und damit liegen Sie immerhin halbrichtig. Denn letztes Wochenende waren Wahlen – ich weiss, eventuell haben Sie das bereits verdrängt, so wie ich –, und da wurde unsereins so ziemlich die Hosen heruntergelassen. Das war nicht angenehm, aber das Volk hat immer Recht.

 

Bloss, ein kleines bisschen klarer hätte sich das Volk, bzw. die 33 Prozente, die wählen gegangen sind, ja schon ausdrücken dürfen. Die beiden grün-kolorierten Parteien werden abgestraft, die FDP («Wir sind das Problem, nicht die Lösung!» ) marschiert durch, der Rest stagniert. «Weniger Ökologie, mehr Wirtschaft» , brachte es ein Moderator auf den Punkt, und man kann das ja mühelos nachvollziehen. Ich bin absolut gleicher Meinung, weshalb ich ja auch Grün gewählt hatte. Denn die Energiewende, um nur ein Beispiel zu nennen, ist ein Wirtschaftsprojekt, ökologischer Mehrwert quasi Kollateralnutzen. Das muss so sein, sonst geht hier nie etwas fürschi. Dass der Braunkohlepreis das nicht gleich sieht, mag schmerzen, spricht aber nicht dagegen, sondern beweist das ja grad. Was aber will das Volk? Noch mehr vom Gleichen wie die vier Jahre zuvor? «Weniger Ökologie» , das hab ich begriffen. Aber von welcher Wirtschaft denn, bitte schön, mehr?

 

Letzthin versuchte ich, für meine Suffizienz-Vorlesung ein paar Daten aufzufrischen, die ich zum Thema Stromverschwendung – das ist Verbrauch ohne Nutzen – brauchte. Ein hartes Geschäft: Es gibt kaum Zahlen, nur Vermutungen, Schätzungen, Kafisatzlesungen. Ich konnte dennoch, dank Unterstützung unter anderen des Bundesamts für Energie, vorsichtige, konservative 13 760 GWh errechnen. Das ist, verzeihen Sie den Ausdruck: scheissviel. Das ist die Hälfte von dem, was sämtliche AKW produzieren, oder etwa vier Mal der Verbrauch der Stadt Zürich.

 

Und, wohl verstanden: nur Standby, Überdimensionierung, falsche Laufzeiten. Nichts, was unseren Wohlstand vermehrt. So nützlich wie ein Hirntumor. Wollte das Volk mehr davon?

 

Ein paar Tage darauf: Kaffee mit einem Kollegen, der als Ingenieur Grossfirmen berät. Seine Wahrnehmung: Die Energiewende ist gegessen. Die Teppichetagen von Grossverbrauchern haben sich längst von Atom und Öl verabschiedet. COOP arbeitet an der CO2-Neutralität, die Migros will auch. Der neuste Hype in der Ingenieurbranche ist, dass man sich in Stellung zu bringen versucht für den Abbruch der AKW. Ein Milliardengeschäft, das sich niemand entgehen lassen will. Quasi Paradebeispiel für grüne Wirtschaft: AKW zusammenkloppen. Will das Volk mehr davon?

 

Neulich, in der Dunkelkammer der Nation (endlich begreife ich, was damit gemeint ist): Die Kommission des Ständerates stellt die Energiewende in Frage. Möglicherweise unrentabel. Der starke Franken. Sie wissen schon. Nichts überstürzen. Lieber nochmals 20 Jahre unrentable, aber lukrative Atommeiler. Lieber noch mehr Förderung von Hirntumoren. Lieber den Kopf noch etwas mehr in den Sand stecken, der dank Klimaerwärmung angenehm temperiert ist. Frage mich, ob und welches Volk das wirklich will. Oder hofft es darauf, dass neben dem Flughafen Kloten Erdöl gefunden wird?

 

Aber eben. Die Energiewende, die Zersiedelung, der Artenschwund, die Pestizide in unseren Flüssen, der Schutz vor Datenmissbrauch oder gar, igitt, freie Velofahrt etc. interessieren nun wirklich niemanden. Die Wirtschaft muss brummen. Das Volk wählt daher die wirklich wirtschafts-expertisierten Parteien. Frage mich zwar, ob die Wirtschaft weiss, was ‹ihre› Parteien machen. Aber Verlierer haben immer unrecht. Es gibt noch viel zu tun. Ich ziehe die Hosen wieder hinauf. Legen wir los.

 

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Bärenkacke

 

Und so stellt sich G. (5) seinen ersten Theaterbesuch vor: «Wärdet det dänn Kassette gschpillt?» Nein, sagt Papi (30), da hat es eine Bühne und eine Frau drauf, die spielt Theater, und mehr weiss ich auch nicht, ich hab’s ja auch noch nicht gesehen. «Wooo?», fragt L. (3), und Papi sagt, wart’s ab und schtürm nicht, du wirst schon sehen.

 

Wir stehen an. Dann bezahlen wir vier Schtutz pro Kind und für Papi die Hälfte mehr, und dann trägt Papi L. im Wägeli in den Theatersaal im zweiten Stock. Oben ein Riesengedränge. Ein paar Buben balgen sich herum und knallen sich gegenseitig auf die Bretter. Auch eine Sirupbar ist da. Und lauter Mütter, denkt Papi grad – aber da kommt auch schon Hausmann B und grinst in die Runde. Sein Sohn lutscht am Finger und staunt. G. staunt auch und L. auch. So viele Kinder! So ein Krach! Und da: Noch ein Mann! Alle staunen.

 

Dann mosten wir uns in den Saal. Der ist rammelvoll, aber wir erkämpfen uns einen guten Platz. L. will ins Theater und Papi sagt, wir sind doch schon da, wart jetzt noch ein bitzeli, es geht gleich los. Das Kind vor uns tobt. Papi ist furchtbar stolz auf seine Kinder, denn die toben nicht, und dann fängt es endlich an.

 

Das Stück ist nicht gerade umwerfend, aber den Kindern ist das egal. Es geht so: Eine Frau will ins Bett gehen und erlebt mit ihrem Freund, dem Teddybären, manch lustiges Abenteuer. Dazwischen einige Liedlein und etwas Akrobatik. Nicht übel. Und die Gofen grölen konsequent das Gegenteil von dem, was von ihnen erwartet wird. Dann macht der Bär einen Haufen und stinkt enorm. Der Saal tobt. Endlich ein Thema, das alle fasziniert! Der Nachmittag ist gerettet.

 

G. arbeitet sich zwischen Langeweile und Faszination durch das Stück, so scheint es. Erst spät taut er auf und grölt mit. L. kapiert alle Pointen mit fünf Minuten Verspätung und hat viel zu lachen. Manchmal ist sie im falschen Stück, aber das stört nicht. Wo die Kacke dampft, sind alle zufrieden. Und was macht Papi? Er sitzt da, stopft L. alle drei Minuten einen Chätschgi ins Maul und zählt die Männer im Saal. Hausmann B’s Sohn sitzt immer noch mit dem Finger im Mund da und staunt. Er ist erst 19 Monate alt, scheint aber der ideale Zuschauer zu sein.

 

Jetzt sind die Frau und der Bär auf den Mond geflogen. Aber dann stürzen sie ab und der Bär bricht sich einen Arm. Ein Kind aus dem Publikum spielt den Doktor und verbindet ihn. «Meint ihr, das wird wieder heil?», fragt die Frau. Die Meinung ist einhellig. 100 zarte Kinderkehlen johlen ein klares «Näi»! Wieso soll’s dem Bären besser gehen? G. hat Hunger. Papi vertröstet auf später. L. isst Chätschgi wie andere Leute Spinat.

 

Dann ist das Stück fertig, alle ausser L. und G. klatschen, und dann dürfen alle Kinder nachsehen gehen, ob vielleicht doch einige Löwen unter dem Bett seien. Wir verziehen uns ins Foyer und saufen die Sirupbar leer. Hausmann B hat nasse Hosen dort, wo sein Sohn gesessen hat. Papi hat warm und fragt G. und L., ob’s gefallen hat. Es hat, und Papi trägt Wägeli samt L. wieder ins Parterre. Es regnet, und die Sonne scheint zugleich. Hausmann B flucht, weil er mit dem Velo da ist. Papi war clever und hat die Regenjacken eingepackt. Dann gehen wir zum Bus. L. schläft ein und G. hat seine philosophischen Minuten: «Papi, du wirst immer kleiner.» Logisch, er wird ja immer grösser. Alles ist relativ.

 

P.S. Diesen braven Aufsatz schrieb ich ungefähr 1990, nach dem Besuch eines Theaternachmittags in der Roten Fabrik mit meinen beiden Kindern – für beide der erste Theaterbesuch ihres Lebens. Ich widme den Text meinem Sohn Gion zum 30. Geburtstag. Er ist jetzt zwei Meter gross. Ach ja: Und Hausmänner waren 1990 imfall noch ziemlich Mangelware. Sind sie allerdings auch heute noch. Nicht alles ist relativ.

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Gleichverpflichtung

Ina Müller hat mir vor zwei Wochen das Wort aus dem Mund genommen. Auch ich bin schampar froh um Experten wie unseren Brigadier Denis Froidevaux, Präsident der Schweizerischen Offizierinnen- und Offiziersgesellschaft, der findet, die Frauen seien nun genügend gleichberechtigt und damit quasi reif für den nächsten Schritt, nämlich die Wehrpflicht. Ein toller Schluss, gespiesen aus einer offenbar unerschütterlich selektiven Wahrnehmung der Lastenverteilung in unserem Land. Mittlerweile sind vom Bundesamt für Statistik die neusten Zahlen über die Arbeit, die hierzulande geleistet wird, erschienen, und obschon sich da nichts grundsätzlich Neues zeigt, zeigt sich eben doch, wie grauenhaft daneben der Herr Brigadier liegt.

 

Denn 2013 wurden in der Schweiz 8,7 Milliarden Stunden gratis gearbeitet – und damit mehr als bezahlt, da waren es ‹nur› 7,7 Milliarden Stunden. Monetarisiert käme man auf eine Lohnsumme von über 400 Milliarden, was rund zwei Drittel des BIP sind. Und, wen wunderts: Frauen übernehmen knapp zwei Drittel dieser unbezahlten Arbeit. Am meisten Zeit wird im Haushalt fürs Kochen und Putzen aufgewendet; mit 67 beziehungsweise 72 Prozent tun das hauptsächlich Frauen. Beim Waschen betrug der Frauenanteil sogar 80 Prozent. Jetzt weiss ich, warum der Volksmund sagt: «Jede Frau braucht zwei Männer. Einen fürs Kochen und einen fürs Putzen.»

 

So what, werden Sie jetzt fragen? In einer Zeit, wo Ständeratskandidaten fast vor Stolz platzen, wenn sie sich vornehmen, einen «Papitag» pro Woche freizuhalten – die anderen 313 Tage lassen wir dann das Mami wieder an die Windel –, kann das doch nicht überraschen. Aber jenseits dieser innerbetrieblichen Probleme geht es natürlich um – ja, was wohl: Economy, Stupid! Die 267 Milliarden – und andere Erhebungen weisen darauf hin, dass diese Zahl eher noch zu tief geschätzt ist – fehlen nicht nur bei der Lohnsumme, sondern in der Folge natürlich auch bei der Altersvorsorge. Also Mehrfachbetrug.

 

Ich frage mich immer, welche Mickymaus-Ökonomie wir eigentlich haben, die solche «verdeckte Wertschöpfung» nicht einbezieht und ausweist. Sogar die NZZ schreibt über die unbezahlte Arbeit: «Ohne diese würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren.» Die faule Ausrede, der Wert der unbezahlten sei bereits in den Lohnsummen der bezahlten Arbeit eingerechnet, vermag – im Zeitalter fehlender Mindestlöhne sowieso – nicht zu überzeugen. Man bekommt nicht übel Lust, die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens, aber subito, zu fordern, weil dies nämlich schlagartig mit der Diskriminierung unbezahlter Arbeit aufhören würde.

 

Es gibt aber noch eine andere heikle Argumentationsschiene. Nimmt nämlich die Berufstätigkeit der Frauen in der Gesellschaft zu, fehlt es an Stunden, in denen sie die unbezahlte Arbeit verrichten können. (Ähm sorry, nein, das, was Sie jetzt grad gedacht haben, nämlich dass die Männer in diese Lücken springen werden, ist vermutlich unzutreffend. Aber nett von Ihnen, das zu denken!) Und flugs tauchen Konzepte wie dasjenige der allgemeinen Dienstpflicht auf, neuerdings von Rechts. Die Absicht ist nicht ganz so durchsichtig wie beim Brigadier, aber ähnlich verquer. Frauen sollen noch eine dritte Form von Arbeit verrichten: unterbezahlte, unbezahlte und pflichtige.

 

Es geht allerdings noch schlauer: Sie können das Problem mit der Hausarbeit natürlich auch so lösen wie das Ehepaar F. aus E., er Asylpolitiker, sie Richterin. Beide haben nicht gewusst, dass man eine Asylbewerberin nicht als Putze anstellen darf. Wobei, angestellt war sie ja gar nicht, sie hat nur «Gefallen» getan. Unbezahlt natürlich. Und damit ist die Kirche wieder im Dorf. Schön an der Geschichte ist alleine, dass wir nun gerichtlich festgestellt haben, dass die SVP dümmer ist, als das Gesetz erlaubt.

 

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Atomkult

Mal ehrlich, die Lage beim Atomgüsel-Lagern ist derart verkorkst, dass es ja nur noch zwei Lösungen gibt: Eine, die tabu ist, die aber eintreten werden wird, und eine, die komisch tönt, die aber die einzig vernünftige wäre. Bei der Herausforderung, einen Haufen brandgefährlicher Fässer 100 000 Jahre lang sicher (!) aufzubewahren, stossen wir an unsere Grenzen. Niemand kann sich das vorstellen. Niemand weiss eine Lösung. Noch nie hat jemand so etwas gemacht. Und sogar diejenigen, die behaupten, sie wüssten wie, können nicht wissen, ob sie sich irren. Denn jedes Endlagerkonzept ist so etwas wie eine Wette auf die Zukunft. Also eine Prognose. Und die sind immer unsicher, insbesondere, wenn sie die Zukunft betreffen, wie Niels Bohr gesagt hat. Und der muss es ja wissen, er war Atomphysiker.

In Artikel 40 des Kernenergiegesetzes steht: «Der Bundesrat schreibt die dauerhafte Markierung des Lagers vor.» Dauerhaft meint mindestens 10 000 Jahre. Vor 10 000 Jahren wurde, laut Wikipedia, die Hausziege im Vorderen Orient domestiziert, und in Südchina stellten sie einfache Keramik her. Bei uns in Europa war Steinzeit und die Menschen lebten in Höhlen. Nix Keramik, nix Hausziege. Und schon gar keine Bücher oder Disketten, noch nicht mal Menhire oder Runen. Nur Höhlenmalerei gab es bereits. Ist das die Lösung? – Eine der vielen Ideen, die mittlerweile für das Problem der Überlieferung und Kommunikation ersonnen wurden, heisst «Schaffung mythologischer Erzählungen». Die logische Verbindung hiesse: Höhlencomics! Auf Sprechblasen, Symbole oder Zeichen, also Schrift, müsste allerdings verzichtet werden. Nur Bildli wären dauerhaft. Und auch nur dann, wenn sie die Realität abbilden. Eine Realität, die dann aber ein paar hundert Meter unter dem Boden ist.
Wenn etwas allzu anders wird, können wir es nicht mehr erkennen. Wir können zwar bestehende Realitäten extrapolieren, und wir können Szenarien entwerfen. Nur wissen wir nicht, welches das richtige ist. So haben wir zum Beispiel der Raumsonde Voyager eine Schallplatte mitgegeben, worauf unter anderem Männerhausgesänge aus Neuguinea drauf sind. Klar doch, auf Alpha Zentauri können sie den mitgelieferten Plattenspieler bedienen und erkennen das Gemöhne mühelos als Volksmusik. Ob es dem intergalaktischen Frieden nicht zuträglicher gewesen wäre, ein paar Kussgeräusche von Jean-Claude Juncker auf die Platte zu ritzen, wissen wir allerdings nicht. Aber es verweist auf unsere kümmerliche Extrapolationskompetenz, denn 1977 hatten wir offensichtlich noch nicht mal den Hauch einer Ahnung, dass Juncker mal EU-Präsident werden würde. Item: Wir sollten ohnehin nicht lange nach einem neuen atomaren Nationalmythos suchen, denn wir haben ja bereits den Schweizerpsalm, wo es heisst: «Seh’ ich dich im Strahlenmeer.» Na also.

Aber Sie wollten ja noch wissen, wie die beiden Lösungen heissen. Nun, diejenige, bei deren Erwähnung man geteert und gefedert wird, die aber eintreten wird, ist, dass einer Region schlicht ein Tiefenlager aufgezwungen wird, schön demokratisch und mit ein paar 100 Millionen versüsst. Denn warum auch sollte eine Region freiwillig zustimmen? Und die andere wäre, den Müll nicht zu verlochen, sondern ihn oberirdisch und gut sichtbar aufzubewahren, zum Beispiel auf einer künstlichen Insel mitten im Zürisee. Da erübrigt sich dann auch die Markierung, die Mythologisierung und mein persönliches Problem, dass die Wassertemperatur für mich meist zu tief ist zum Baden. Aber Sie haben natürlich Recht: Über so was macht man keine Scherze.

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BZO: Leben statt Profit!

Jede Revision einer Bau- und Zonenordnung (BZO) wirft im Voraus hohe Wellen. Dieses Mal scheint es gar ein kleiner Tsunami zu sein. Um die Aufregung im Vorfeld eines solchen Sachgeschäfts zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass es im kommunalpolitischen Kalender wohl kaum ein Thema gibt, bei dem derart enorme Geldsummen auf dem Spiel stehen wie bei einer BZO. Denn, vereinfacht gesagt, legt diese Planung fest, welche (Aus-)Nutzung auf welchem Grundstück zulässig ist. Und das geht gewaltig ins Geld. Dagegen sind Projekte wie ein Fussballstadion oder ein Kongresshaus geradezu ein Nasenwasser. Continue reading „BZO: Leben statt Profit!“

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„Hotel Suff“ – lieber nicht

Erschienen im „Zürich West“ vom Sept. 2014.    Nicht mit Ruhm bekleckert hat sich das Stadtzürcher Parlament beim Thema „Zürcher Ausnüchterungs- und Betreuungsstelle“, abgekürzt ZAB und vom Volksmund bekanntlich „Hotel Suff“ getauft. Diese Einrichtung der Stadtpolizei existiert schon seit längerem in dieser oder anderer Form und war immer wieder Gegenstand von Kontroversen. Nun hat sie der Gemeinderat, zu Handen einer freiwilligen Volksabstimmung, die vermutlich im November stattfinden wird, mit einer Rechtsgrundlage versehen und diese knapp verabschiedet. Richtig glücklich ist aber niemand dabei. Continue reading „„Hotel Suff“ – lieber nicht“

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Haldenstrasse und kein Ende

Blenden wir zurück: In den 70-er Jahren tobte im Säuliamt der Kampf um die N4. Die Befürworter versprachen die Entlastung der Dörfer vom Durchgangsverkehr, die Geg-ner wussten schon damals, dass das ein Irrtum war. Die Schlacht war erbittert und dauerte Jahre. Gefochten wurde mit harten Bandagen. Alt-Nationalrat Hans Steiger etwa erinnert sich, dass Flugblätter im Umlauf waren, welche die Autobahngegner als potenzielle Kindermörder betitelten, weil sie verhindern würden, dass die Dörfer vom Verkehr entlastet werden…

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