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Wasser und Wein

Eines Tages kam meine Tochter nach Hause und sagte, ihre Sekundarklasse plane eine Reise nach Paris und zwar mit dem Flieger oder mit dem Zug. Und ich so: Mein liebes Kind, du wirst selbstverständlich in der Hölle schmoren, wenn du fliegst, aber ich bin liberal und nett und daher werd ich den Teufel tun und dir das ausreden, also mach, was die Mehrheit will. Natürlich entschied sich die Klasse für den Flug. Keine paar Tage später hatte ich einen Brief im Kasten von einer erzürnten Mutter, was mir eigentlich einfalle zum Henker, ich sei doch ein Grüner, das ginge ja wohl gar nicht, usw. usf., und ob sie auch noch das Wort «verlogen» hingeschrieben hatte, weiss ich bigoscht nicht mehr.

 

Nun, damit muss man leben. Denn wenn ich anders entschieden und das Kind dazu angestiftet hätte, seine Gschpänli zu indoktrinieren und vom Zug zu überzeugen – tja, dann verwette ich meine ganze Nettigkeit, dass es keine paar Tage gedauert hätte, bis ich einen Brief von einer erzürnten Mutter (oder einem Vater) erhalten hätte, des Inhalts, was mir eigentlich einfalle zum Henker, etc. pp. Und ganz bestimmt, aber sowas von ganz bestimmt, hätte der Brief auch noch das Wort «Taliban» oder so enthalten, da kannst du machen, was du willst.

 

Nun ist es kein Beinbruch, wenn man auch von PolitikerInnen Konsequenz einfordert. Oder zumindest ein bisschen Haltung und Übereinstimmung mit ihren Ideen. Verlogenheit dagegen, also Wasser predigen und Wein saufen, geht gar nicht. (Und nur so nebenbei: Das Doofe ist, dass es bei einem Grünen auch nicht geht, Wasser zu predigen und Wasser zu saufen, elendige Spassbremse.) Allerdings ist nun das mit der Frau Weidel von der AfD aus Biel schon etwas speziell: Lebt die doch mit einer Frau in einer Partnerschaft, deren Hautfarbe nicht dieselbe ist, wie man liest, und die beiden haben Kinder, und schicken die auch noch in eine Kita! Wobei, da sag ich ja: Soweit alles très sympa.

 

Nur dass dann die Weidelsche, kaum ist sie am Montag von Biel nach Berlin zurückgereist und steht wieder vor dem Parlament, gegen Homosexualität, MigrantInnen und Staatskinder in der Kinderbetreuung hetzt. Pas du tout sympa! Denn derart verzwurgelt kann man im Kopf gar nicht sein, dass man da etwas durcheinanderbringen würde in guten Treuen, und es ist auch nicht anzunehmen, dass die Weidel ernsthaft damit rechnet, dass die Medienöffentlichkeit ihren Spagat nicht schnallt. Nein, ich nehme im Gegenteil mal an, das ist bei ihr kalte Berechnung. Bloss, was ist jetzt das? Wein trinken und gegen Wein hetzen? Gibt es neuerdings nicht nur alternative Fakten, sondern auch sowas wie alternative Tatbeweise?

 

Natürlich gibt es einen Unterschied zur Haltung, selber konsequent zu leben, aber anderen nicht vorzuschreiben, wie sie das zu sehen haben. Also «ich trinke Wasser, mach du, was du willst». Die Weidel macht das genau umgekehrt, was zwar an ihrer politischen Integrität kratzt, aber leider nicht heisst, dass sie nicht effektiv sei in dem, was sie tut und sagt. Integrität ist schon lange keine Anforderung an die Politik mehr, das musste uns nicht erst ein Donald beweisen. Beispiele gibt es genug, angefangen vom Parlament in Bern, das sich grad wieder mal in der Verwässerung des CO2-Gesetzes übt, nachdem es dem Pariser Abkommen zugestimmt hat, bis hin zur Dauerdisziplinierung von Asylbewerbenden oder Sozialhilfebeziehenden, die, wenn schon, nur verdrecktes Wasser trinken sollen, damit uns der Wein besser schmeckt. Oder so. Aber vermissen tun wir schon was, oder?

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Lügen 2.0

Alle PolitikerInnen lügen. Das taten sie schon immer und nicht mehr und nicht weniger wie alle Menschen, also 200-mal pro Tag, wie man liest. Tut nichts zur Sache, jede Gesellschaft hat die PolitikerInnen, die sie verdient, zumindest in einer Demokratie. Jegliche Empörung ist ebenso rührend naiv wie unappetitlich verlogen, weil es nicht den geringsten Grund gibt, warum PolitikerInnen bessere Menschen sein sollten, als alle anderen.

 

Nur: Was wir heute erleben, ist schon schockierend. Es geht nicht mehr nur um die Lüge als Ausnahme und Abweichung von der Wahrheit, schnell entlarvt und ebenso schnell vergessen. Und es geht auch nicht mehr darum, obschon es immer noch vorkommt, dass die Wahrheit mit Gewalt unter den Teppich gekehrt, manipuliert oder schlicht verboten wird – quasi die Steinzeit der Lüge. Nein, es geht heute um das Wegbrechen aller bisherigen Diskursregeln, um die totale Umbildung der Wahrheitswerte ins Gegenteil, um Fake-News.

 

Der Journalist Constantin Seibt hat das letzthin in einem sehr erhellenden Text auf den Punkt gebracht. Der Angriff starte mit dem Ersatz von Fakten durch Meinungen. Ob Klimawandel, fremde Richter oder Quantenphysik – alles eine Frage der Meinung! Menschenrechte? Kann man in guten Treuen für oder gegen sein! Und Seibt vergisst nicht, darauf hinzuweisen, dass «eine ganze Industrie zur Produktion von alternativen Fakten: Thinktanks, Universitäten, Medienimperien» dafür zur Verfügung steht, mehrheitlich auf der rechtskonservativen Seite. Meinungen, aber eben auch manche Fakten, sind nicht, sie werden gemacht.

 

Stufe zwei, so Seibt, sei dann erreicht, wenn die Fakten nicht mehr nur eine Frage der persönlichen Meinung sind, sondern eine der Loyalität. Wenn man für Trump ist oder für Orban oder für den Dings aus Herrliberg, dann muss man auch dessen Wahrheit vertreten. Selbstverständlich gibt es das auch von links, fragt sich einfach, ob mit derselben Durchschlagskraft. Denn die Lüge ist bei Autokraten ein Unterwerfungsmittel – und da fragt es sich, ob die Anfälligkeit dafür gleichmässig verteilt ist.

 

Stufe drei ist dann erreicht, wenn die Autokraten die alleinige Quellenwahrheit für sich beanspruchen. Quasi: Wenn ja doch nur die SVP die Wahrheit sagt, warum sollte ich mich dann aus mehreren Quellen mit Infos versorgen? Auch das ist nicht ganz neu (der Papst!), aber in der säkularisierten Form doch eine neue Erscheinung in diesem Ausmass. Zum Schluss werden Nägel mit Köpfen gemacht: «Die vierte Stufe kennt man aus der Geschichte: Sie zündet, wenn die Justiz mitmacht. Und jede abweichende Meinung strafbar wird.»

 

Was in dieser erschreckenden Analyse tröstlicherweise etwas fehlt, ist Wesen und Substanz jeder demokratischen Bemühung. Dass hinter vielen Fakten auch Ziele stehen, die breit anerkannt sind, die sinnvoll sind – und gerecht. Dass um Ziele gekämpft werden musste und werden kann, wie zum Beispiel bei den Menschenrechten. Dass deren Notwendigkeit kaum bestreitbar ist, wie etwa beim Klimawandel. Lügen verzögern hier zwar, aber sie haben nicht unbedingt die längeren Beine. «Ist eine Gesellschaft derart gespalten, dass platte 180-Grad-Lügen genügen, ist die demokratische Debatte tot. Die Macht der Lüge kann nicht mehr durch Entlarvung oder Argumente gebrochen werden. Sondern nur, indem die Macht der Lügner gebrochen wird.» Alsdann! Denn die Autokraten rechnen nicht mit Vielfalt, Hartnäckigkeit und Phantasie. Und sie sind sterblich. Aber einfach wird das nicht, da haben Sie recht.

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Kahlschlagcharakter

Kahlschlag, der, Subst., mask. (ich würd’ sogar meinen: extrem mask.) «bezeichnet in der Forstwirtschaft eine Fläche, auf der alle aufstockenden Bäume planmässig in einem oder wenigen einander in kurzen Intervallen folgenden Hieben entnommen wurden.» Sagt Wikipedia. Na also. Halb so schlimm. Es stehen ja noch einzelne Bäume am Hang. Nur: «Das Belassen einzelner Bäume verändert den Kahlschlagcharakter nicht.» Ups. Aber immerhin dauert es dann wieder 100 Jahre, bis die Fundis erneutes Geheul anstimmen können. Von Kahlschlag dürfen wir dagegen ungeprügelt bei Novartis sprechen. Obschon da auch noch ein paar Restbestände in Basel stehen bleiben.

 

Was wäre denn das Gegenteil? Einzelstammwirtschaft? Aber oha: «Der betriebliche Aufwand ist geringer [gemeint: beim Kahlschlag] als bei Einzelstammwirtschaft.» Mist. Also doch ökonomische Gründe. Qualitäts- und Gratiszeitung melden: Holzverkauf nach China, aber Gemach: Die Firma, die das macht, ist selbstverständlich FSC-zertifiziert. FSC kam erst gerade kürzlich in die Schlagzeilen. Alles andere als nachhaltig, die ‹Schreiner-Zeitung› spricht sogar von «FSC-Lüge». In den FSC-Regeln steht auch so einiges über den Umgang mit der lokalen Bevölkerung. Gemeint sind zwar primär indigene Völker und nicht SpaziergängerInnen am Üetliberg, aber: «Der Forstbetrieb ergreift unter Beteiligung der lokalen Bevölkerung Massnahmen, um erhebliche negative soziale, ökologische und wirtschaftliche Auswirkungen durch die Bewirtschaftung auf die lokale Bevölkerung zu identifizieren, zu vermeiden und abzumildern.»

 

Apropos abmildern: Wie viele Schlammlawinen gingen schon wieder in den letzten 100 Jahren auf Zürich nieder? Genau: 4 weniger als in der Schweiz Minarette stehen und gleich viel wie die von Eiben erschlagenen SpaziergängerInnen. Gut, dass wir was dagegen tun. Das darf man nicht kleinreden, da hat Grün Stadt Zürich schon recht. Der Partei mit einem «e» mehr ins Poesiealbum geschrieben!

 

Gelesen im ‹Zürcher Wald›: «Die Forstwirtschaft muss sich nicht verstecken, aber sie muss sich manchmal erklären.» In der Baumfrage reden wir aneinander vorbei. Darum löse ich schnell meine Ketten, klettere aus der Astgabel und erkläre folgendes: Der Stadtrat redet, wie er reden muss. Gehetzt vom Revierförster und der Holzfällerfirma, die schon die Schadenersatzklage vorbereitet haben soll, wie man liest. Eine 100-jährige Buche dagegen redet nichts, sondern erbringt ökologische Dienstleistungen im Gegenwert von 70 000 Franken. Andere sagen: Dreimal so viel. Malgenommen mit 2100 ist das: sehr viel. Und: «Etwa 2000 junge Bäume (mit einem Kronenvolumen von 1 m³) sind nötig, um einen solchen Baum vollwertig ersetzen zu können.» Sagt Grün Stadt Zürich auf ihrer Homepage. Aber das ist nicht die Pointe. Denn GSZ hat das abgeschrieben, nämlich bei der deutschen Stiftung «Die grüne Stadt». Und ganz vergessen, den letzten Satz des Originals zu zitieren: «Die Kosten dafür dürften etwa 150 000 € betragen.» Malgenommen mit 2100 ist das verflucht viel. Volksvermögen. Zum Glück wachsen die Bäume im Wald gratis. Die Gegenseite redet von Waldpflege, Schutzwald (was nicht zu verwechseln ist mit geschütztem Wald), Auslichtung und Verjüngung und verteilt dazu Helme und Schutzwesten. Und selbstverständlich sind sie auch grün. Wer nicht. Wir wollen alle dasselbe. Wozu die einen schön arbeitsteilig Fakten schaffen und die anderen dagegen protestieren. Die Bäume sind gefällt. Fertig.

Der Wolf strielt auf der Albiskette herum, so liest man. Böses Tier.

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Einfach Wohnen

Zweimal im Jahr spielen sich eigenartige Szenen im Zürcher Ratssaal ab, beim Budget und bei der Abnahme des Geschäftsberichts der städtischen Wohnbaustiftung, die 2013 unter dem programmatischen Titel «Stiftung für bezahlbare und ökologische Wohnungen» vom Volk mit überwältigender Mehrheit angenommen und daraufhin gegründet worden war. Ratsdamen und -herren von links bis rechts geraten in Wallung und versuchen, den Geschäftsbericht, der nur zur Kenntnis genommen werden kann, nicht zur Kenntnis zu nehmen, was etwa ähnlich effektiv ist, wie wenn ich den Klimawandel bekämpfen wollte, indem ich den Hitzesommer nicht zur Kenntnis nehme.

 

Werfen wir einen Blick zurück auf die Geschichte dieser Stiftung. 1983 setzte die UNO eine Kommission für Umwelt und Entwicklung ein. Das Revolutionäre dieser Kommissionsarbeit war schlicht und ergreifend, diese beiden Begriffe zusammenzudenken. Sie stellte in ihrem Bericht «Our Common Future» fest, «dass kritische, globale Umweltprobleme hauptsächlich das Resultat der grossen Armut im Süden und der nicht nachhaltigen Konsum- und Produktionsmuster im Norden sind. Er verlangt somit eine Strategie, die Entwicklung und Umwelt zusammenbringt. Dies wird mit dem heute geläufigen Begriff ‹sustainable development› umschrieben», wie beim Bundesamt für Raum­entwicklung nachzulesen ist. Damit wurde der Hauptwiderspruch der globalen Politik, der Grundkonflikt zwischen Entwicklung und Umweltkonsum bzw. -belastung gültig formuliert und 1992 an der Konferenz in Rio auch weltweit anerkannt. Ausser in Nordkorea, in der NZZ und im Ratshaus.

 

Bricht man diesen Widerspruch herunter auf das Thema Wohnbau, wird das Problem sofort klar: Bausubstanz muss regelmässig erneuert werden. In der Schweiz passiert das mit einer Rate von knapp zwei Prozent pro Jahr, also langsam, aber eben oft zu schnell. Bauen wie Erneuern bringt potenzielle Nachteile: Es verändert die soziale Struktur in den betroffenen Räumen und es belastet die Umwelt. Ökonomisch gesehen ist Erneuerung allerdings langfristig vorteilhaft und materiell schlicht unumgänglich. Selbstverständlich kommt es dabei darauf an, wie man es macht – aber zentral bleibt die Erkenntnis, dass jede Erneuerung einschneidende Veränderungen bringen kann. Das sehe ich auch bei einer der Genossenschaften, in denen ich Mitglied bin. Sie gibt sich enorme Mühe, Erneuerungsprozesse sozial- und umweltverträglich ablaufen zu lassen und kann Verwerfungen dennoch nicht ganz vermeiden.

 

Die bittere Wahrheit ist, dass wir immer noch nicht wissen, wie man das optimal macht. Die Forschung hat riesige Fortschritte beim ökologisch und energetisch vorbildlichen Bauen erreicht und viele Bauträger wissen auch, wie man sozialverträglich baut. Aber es schleckt keine Geiss weg, dass jede Erneuerung… siehe oben. Und genau hier setzt die Idee zu einer neuen Stiftung an, eine Stiftung, die unter demselben Druck und denselben Bedingungen, denen auch andere Bauträger ausgesetzt sind, herausfinden soll, wie das geht – ganz einfach, weil dies im Stiftungszweck steht, und bei allen anderen nicht. Dies tut dringend Not: Wir müssen herausfinden, wie man Stadterneuerung macht, die den Ansprüchen an Umwelt- und Sozialverträglichkeit genügt und ökonomisch bewältigbar ist – unserer Stadt zuliebe, aber auch mit Blick auf die globale Entwicklung, in der ja immer mehr Menschen in Städten leben. Nun hat «Einfach Wohnen» endlich Fahrt aufgenommen und liefert erste Resultate. Ich bin froh, dass es sie gibt. Politisches Gewäffel hin oder her.

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Friss oder stirb unfair

Ideologisch sind immer nur die anderen. Und erziehen tun immer nur die anderen. Schon klar. Mein Barmherzigkeits-Gen wird grad wieder mal aufs Äusserste strapaziert, wenn ich an all die armen Leute denke, welche nach Annahme der beiden Ernährungsinitiativen gesund und fair essen müssen. Nicht dürfen. Müssen. Allerdings – und ich trockne meine Tränen – wird auch mein Verstand arg strapaziert.

 

Erstens durch den Vorwurf, die InitiantInnen wollten die Menschheit gängeln. Ich hör das oft, denn es ist die sprachgewordene Bankrotterklärung von Leuten, denen die Sachargumente ausgehen. Nur, der Vorwurf kann gar keiner sein. Politik ist die Kunst, seinen Einfluss geltend zu machen. Politische Macht ist die Fähigkeit einer Person oder Interessengruppe, auf das Verhalten und Denken anderer einzuwirken. Könn’ Sie bei Wikipedia nachlesen, wenn Sie’s nicht glauben. Und Erziehung? Schlagen Sie selbst nach. Sie werden staunen. Mit anderen Worten: Wir wären schlechte PolitikerInnen, wenn wir nicht einen möglichst grossen Einfluss ausüben wollten. Der Vorwurf macht demnach etwa so viel Sinn, wie wenn ich dem Bäcker vorwerfe, Brot zu backen.

 

Zweitens durch Inkompetenz. Sogar unser Bundespräsident ist sich nicht zu schade zu kolportieren, dass die armen Leute sich gar kein bio und fair leisten könnten. Schöner könnte man die Perversion einer Nahrungsmittelproduktion gar nicht beschreiben, welche die Leute zwingt, aus Armut andere Menschen noch ärmer zu machen. Daneben fehlt es aber auch an politischem Sachverstand, denn man soll nicht Sektorpolitiken miteinander vermischen: Wenn die Ernährungspolitik bewirkt, dass Nahrung teurer wird, weil sie gesund und fair produziert wird, weil in diesem Sektor also getan wird, was getan werden muss, dann muss die Sozialpolitik mithalten und dafür sorgen, dass die Menschen sich das auch leisten können. Dreht man die Logik um, kommt heraus: Wir müssen die Bauern und die Natur ausbeuten, damit die Nahrung billig bleibt und wir ja keine Mindestlöhne einführen müssen. Wir erzeugen Working-Poors in der Landwirtschaft im In- und Ausland, damit unsere anderen Working-Poors sich gesunden Food leisten können. Super. Ach und übrigens: Derselbe Bundespräsident sagt nur wenige Tage später, Armut sei in so einem reichen Land wie die Schweiz nicht akzeptabel. Genau. In der Schweiz. Da bleibt einem doch glatt die durch marokkanische Wandersklaven produzierte Pestizidtomate im Hals stecken.

 

Drittens durch die Moralkeule. Sie wird grad wieder mal kräftig geschwungen, vielleicht, weil eine der Initiativen das Wörtchen «fair» im Titel führt. Dabei sagt der Vorwurf, Konsumentscheidungen seien heute mit Moral aufgeladen, viel aus über die Vorwerfer, aber wenig über die Sache. Denn es geht nicht um Ethik, sondern um Ratio. Es ist schlicht vernünftig, die Umwelt nicht zu vergiften, die Böden für unsere Nahrung nicht kaputt zu machen, das Wasser, welches wir für die Nahrungsmittelerzeugung benötigen, nicht zu verschmutzen, Lebensmittel nicht zu verschwenden, die Massentierhaltung abzuschaffen und die Menschen, welche auf unseren Äckern den Rücken krumm machen, einen Lohn zu bezahlen, der ihnen zum Leben ausreicht. Dass es zugleich auch noch fair ist, umso besser, aber im Vertrauen gesagt: Dem Rüebli ist es sowas von egal, ob es mit oder ohne Herbiziden gewachsen ist, da kommen Sie mit Moral nicht viel weiter. Mit Vernunft aber kommen Sie auf bio. Richtig Unerzogene stimmen daher einfach Ja.

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He! Sie! Ritter!

Wir sitzen da also abends auf der Piazza del Quarto Novembre, (Bosa, Sardegna), hören zu, wie ein klappriger Jüngling mit Hilfe von Laptop und Synthie ein Platzkonzert gibt (Canzoni, tadellos geschnulzt), und schauen der bosanischen Jugend beim Flirten zu. Da erzählt mir S., die auf dem Telefonino Zeitung liest, dass das Schweizer Militär in Unterwasser, Toggenburg, mit dem Heli Wasser auf die Alpweide transportiere, damit die Kühe dort nicht elendiglich verdursten. Nicht, dass sowas neu wäre, und nicht, dass es ganz normal wäre, in den Sommerferien von Waldbränden, Wasserknappheit und anderen Klimafolgen zu lesen, aber irgendwie reicht es mir nun doch. Und offenbar nicht nur mir. Wenn sogar schon der GLP-Chef findet, Sie könnten endlich mal aufhören zu jammern und stattdessen den Finger rausnehmen und etwas tun, dann ist der Fladen nun aber wirklich am Dampfen, um vokabularmässig im Stall zu bleiben, oder kurz: Ritter, es reicht!

 

Was Sie jetzt subito presto machen, ist folgendes: Sie reisen nach Unterwasser, erklären den Bauern dort, dass Leute wie Sie und Parteien wir Ihre das Problem sind und nicht die Lösung, dass der Freihandel und seine Gefahren das reinste Nasenwasser sind gegen die Gefahren des Klimawandels, dass die Wasserknappheit, die ja offenbar quasi schon Tradition dort ist, nicht vom Himmel und nicht von der Globalisierung, sondern vom Klimawandel kommt, und dass Sie ab sofort aufhören, die Leute zu verarschen.

 

Wissen Sie, wenn man Bauernführer ist, darf man bauernschlau sei. Meinetwegen sogar hin und wieder frech. Aber derart saufrech wie Sie, der Sie eine Ernteausfallversicherung fordern, deren Prämie auch noch teilweise von den Steuerzahlenden finanziert werden soll, während im Hintergrund Armeehelis, die ja bekanntlich auch nicht mit Wasser fliegen, ein bisschen was zum Klimawandel und zur Sommertrockenheit beitragen, derart unverfroren kam mir jetzt aber schon lange mehr keiner! Sie sitzen breiten Arsches auf Ihrem mineralölsteuerbefreiten Träcki und verlangen im selben Atemzug, dass der Bund Sie für die Folgen von Hitze und Dürre entschädigen solle!

 

Das ist nun allerdings noch einen Zacken dümmer als die Qualitätszeitung, die als Saure-Gurken-Aufreger versucht, die Folgen des Hitzesommers in den städtischen Altersheimen den Grünen in die Schuhe zu schieben, indem sie Ursache und Wirkung vertauscht: Wegen den 2000-Watt-Zielen dürften keine Klimageräte installiert werden, weshalb unsere SeniorInnen leiden wie die Kühe auf den Unterwasser Almen. Dummdreistigkeit auch hier: Wir haben im Sommer bereits einen fast so hohen Stromverbrauch wie im Winter wegen all den Klimatisierungen, und da der Europa-Strommix aus unseren Steckdosen auch aus Quellen stammt, die CO2 ausstossen, ist das Herunterkühlen von Räumen ein Beitrag zur Sommerhitze und nicht einer zu deren Reduktion. Aber scheiss drauf, Hauptsache, die Kuh wird durchs Mediendorf getrieben. Womit wir wieder nahtlos bei den Bauern sind, also bei Ihnen, Ritter!

 

Nächstes Jahr sind Wahlen. Sie haben jetzt noch ein paar Monate Zeit, um den Kopf aus dem Misthaufen zu ziehen und zu beweisen, dass Sie sich wirklich für den Bauernstand einsetzen. Wenn’s blöd läuft, machen Ihnen ein paar Murgänge im Herbst und ein paar Lawinen im Winter noch einen Strich durch die Rechnung, aber dann können Sie ja nochmals ein paar staatliche Zuschüsse einfordern. Denn eines muss man Ihnen lassen, Ritter: Sie sind besser als die Alchemisten im Mittelalter, Sie wissen, wie man aus Kuhdreck Geld macht.

 

Markus Kunz

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Wahre Arroganz

Im März hatte das Stimmvolk entschieden, dass Zürich eine linke Regierung und ein linkes Parlament haben soll. Seither jammern die Wahlverlierer jedes Mal, wenn wir im Rat genau das machen, was Mehrheiten so tun, nämlich Mehrheitsentscheide fällen, wir seien arrogante Machtpolitiker. Soweit, so normal, aber ich finde, damit werde ich denn doch weit unter Wert beleidigt. Daher verrate ich hier exklusiv, was ich in dieser Stadt tun würde, wenn ich ein so richtig arroganter Machtarsch wäre.

 

Zunächst würde ich mir überlegen, wo denn diese mir ach so verhasste Stadt ihre Empfindlichkeiten hat und zugleich, wo die Mehrheiten nicht ganz so eindeutig sind, so dass ich nicht immer aufs Maul bekomme, wenn ich dagegen anrenne. Wie etwa im Wohnbau. Klar, es ist der Verkehr, und da alle wissen, dass seine fossile Variante aus dem letzten Loch pfeift, ist es also das Elektroauto. Und schon hab ich eine Idee: Wie wäre es, wenn ich ein Autorennen veranstalten würde – und zwar mitten in der Stadt, nicht etwa verschämt am Rand, wie das der Rest der Welt macht, oh nein: fett zmitzt! Dazu brauche ich zunächst mal eine Sonderbewilligung vom Bund, aber der ist ja zum Glück nicht links, und obschon es nicht den geringsten Grund gibt, das Autorennverbot in der Schweiz aufzuheben, lobbyiere ich solange, bis ich eine Ausnahme bekomme. (Herzig, dieser Bund, er merkt nicht mal, dass ich sicher nicht nur für ein Jahr plane.)

 

Sodann brauch ich Geld. Viel Geld. Und einen Chefsponsor, der zwar nicht zwingend etwas mit Autos oder Verkehr zu tun hat, Gott behüte, der aber ebenso wie ich bereit ist, penetrant zu sein und einen arroganten Auftritt nicht scheut: Sie raten richtig – eine Bank ist ideal. Auch wichtig: Ein internationaler Rennverband, der keinen Schimmer von lokalen Empfindsamkeiten hat und ebenfalls eingebildet genug ist, um anzunehmen, dass er überall auf der Welt willkommen sei. Da Zürich ja schon vertraut ist mit diesem mafiösen Verein namens FIFA, tut es also auch ein Buchstabe weniger: die FIA. Und fürs Lokalkolorit schiebe ich einen Gemeinderat als Strohmann vor.

 

Fette Kohle regiert sodann den Rest: Ich kauf mir die Stadt. Scheiss darauf, ob es sich um die Betreiberin des Hafenkiosks geht, die während Tagen einen Verdienstausfall hat, oder um die Stadtverwaltung, die massiven Zusatzaufwand hat: Ich bezahl denen das einfach! Ich kauf mir Sonderrechte, wie zum Beispiel die Bewilligung für ein mehrstöckiges leicht entflammbares Holzhaus über (!) dem Mythenquai, ich kauf mir die Zustimmung des Stadtrats und ich kauf mir am Schluss noch die Medien, am besten grad den Umschlag der NZZ. Und weil meine Marketingfritzen schüchtern eingewendet hatten, das könne eventuell etwas grosskotzig aussehen, kauf ich mir halt auch noch einen Haufen Plakatwände und kleb darauf hirnrissige Bildli zur Mobilität der Zukunft, mit herzigen Robotern, viel Grün und ganz, ganz wenig Verkehr, quasi heile Welt. Apropos: den Pöbel halt ich mir etwas vom Leib, weil die guten Plätze brauch ich selber für meine Klientel, dafür speise ich das Volk mit Würstli, Hüpfburgen und Autosimulatoren und die etwas Vergeistigteren unter ihnen mit einer ETH-Tagung ab. Pfeif drauf, dass all das Null Zusammenhang mit einem Formel-E-Rennen hat, merkt ja keiner.

 

Ja, verehrtes Publikum, wir hier in der politischen Mehrheit sind richtige Bräzelibuben und -mädchen dagegen. Wahre Arroganz tritt anders auf. Das nehmen wir demütig zur Kenntnis. Aber mehr davon? – Nö, ich denke, es reicht wieder für ein paar Jahrzehnte.

 

Markus Kunz

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Aufstand der Dummen

36 Prozent. Sie erinnern sich: Die Armeeabschaffungsinitiative bekam 1989 ebenfalls 36 Prozent Zustimmung – und die Armee hat sich nie mehr davon erholt. Gemäss letzten Umfragen könnte die Vollgeldinitiative, der Untergang unserer Banken, der Ruin unseres Wohlstands und die Abschaffung der Vernunft, auch auf 36 Prozent Ja kommen. Das ist keine Mehrheit. Aber eine kleine Erschütterung. Wie werden sich die Banken davon erholen?

 

Mich stimmt die ganze Debatte über diese Initiative nachdenklich. Verstanden hab ich davon nur das wenigste. Ich bin zu blöd. Wie vermutlich rund 95 der Bevölkerung auch. Und obschon ich schon mal ein Podium zum Thema geleitet habe! Leuten wie mir übergibt nun das demokratische System die Verantwortung – und lässt uns im Stich. Denn in der Pflicht stehen nicht wir, das Stimmvieh, in der Pflicht stehen die ExpertInnen, uns die Sache so zu erläutern, dass wir sie verstehen. Und wenn das Geldsystem und der Volkskopf aneinanderstossen und es klingt hohl, dann ist nicht automatisch der Volkskopf schuld.

 

Man muss sich das mal vor Augen halten: Es geht nicht um eine Macht- oder Interessenfrage nach dem Motto «Die Sache haben wir begriffen, aber wir sind gegensätzlicher Meinung». Sondern es geht tatsächlich um eine Frage, bei der sich noch nicht mal diejenigen Leute einig sind, die was davon verstehen sollten, ja, es ist noch schlimmer: Noch nicht mal diese Leute sind sich einig, was denn überhaupt die Frage sei. Das ist, mit Verlaub, grotesk. Und entlarvend. Es bestätigt höchstens, dass die Ökonomie keine Wissenschaft ist, sondern eine Religion.

 

Die möglichen 36 Prozent Ja an der Urne bekräftigen die alte These, dass man eine Volksinitiative nicht zwingend gewinnen muss, um zu gewinnen. Keine einzige Partei hat eine Ja-Parole herausgegeben, und dennoch hagelt es Zustimmung. Ist das jetzt einfach mangelnde Volksnähe? Ist das Feigheit? Oder sind die 36 Prozent einfach nur hysterisch? Wurden wir alle von einem Initiativkomitee verführt, das kaum Geld hat, eher David als Goliath ist und, glaubt man den Gegnern, erst noch mit winzigen argumentativen Steinchen in der Schleuder hantiert?

 

Dabei wäre eine sachgerechte, nachvollziehbare und ausgedehnte Debatte wichtig gewesen. Daniel Binswanger hat es schon vor Wochen auf den Punkt gebracht: «Diese Frage ist so wichtig, weil Kredite beziehungsweise Schulden die Droge des heutigen Wirtschaftssystems darstellen. Um weiterhin wachsen zu können, braucht die heutige Wirtschaft immer höhere und potenziell tödlichere Dosen an Leverage, an Fremdfinanzierung, an Schulden. Es herrscht breiter Konsens darüber, dass das eine fatale Entwicklung ist.» Sag ich doch: Unvernünftig ist weniger das Vollgeldexperiment, unvernünftig ist mit Sicherheit das heutige Geldsystem! Es kann nur noch besser werden. Dieselbe Zeitung, in der Binswanger publiziert, hat auch geschrieben, dass die VollgeldinitiantInnen, notabene teilweise gestandene ÖkonomInnen, uns irreführen, die Hälfte verschweigen würden und geradezu lächerliche Vorstellungen hätten, wie Banken funktionieren. Lächerlich ist allerdings alleine dieser öffentlich vorgeführte Streit unter ExpertIπnnen, die sich gegenseitig vorwerfen, von Banken und vom Geld rein gar nichts zu verstehen. So wie ich und das Volk, der grosse Lümmel.

 

Ich stimme trotzdem ja. Nur schon, damit die Debatte weitergeht. Nur schon, damit die Banken irritiert sind, wie damals die Armee. Nur schon, weil es vor 50 Jahren hiess: «Soyez réalistes, demandez l’impossible.»

 

Markus Kunz

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2000 Watt.  Eine Brandrede

Heilandsack! Jetzt hört endlich mal auf mit dem elenden Gewinsel! Ihr seid wie die Matrosen, die andauernd jammern: «Käpt’n, Käpt’n, wann endlich erreichen wir diesen Polarstern, den du da immer anpeilst?» Und ich sag: «Verfluchtes Pack, schrubbt das Deck weiter und geht mir nicht auf den Anker! Den Polarstern erreichen wir nie, denn darum geht es auch gar nicht.»

Klar hat die Stadt Zürich, und zwar mit grosser Mehrheit, sich zum Ziel gesetzt, den Energiekonsum auf eine Dauerleistung von 2000 Watt herunterzubringen. Aber es war Hinz und Kunz ebenso klar, dass dies nicht von heute auf morgen passiert, sondern dass es sich um ein Fernziel handelt, wenn auch nicht soo fern wie der Nordstern. Das nennt man Strategie, ihr Heulsusen, und wenn ihr das nun zum Anlass nehmt, das Ziel infrage zu stellen, bloss weil wir noch nicht dort sind, ist das ähnlich kindisch, wie wenn ich einen Marathon nach zehn Metern abbreche, bloss weil ich den Zieleinlauf mit blossem Auge immer noch nicht sehe. Aber ich kenne euch: Ihr wisst das natürlich so gut wie ich, aber ihr stellt das Ziel infrage, ihr hofft, der Pöbel sei vergesslich im Geist und schwach im Fleisch und alles in allem zur Hauptsache konsumgeil. Denn was sind schon 2000 Watt, wenn der Preis für den Shoppingflug tieffliegt?

Dabei ist Zürich auf gutem Weg! Der Energieverbrauch liegt heuer bei unter 4000 Watt, und dass diese Angabe totsicher falsch ist und andere ein anderes Resultat berechnen, ist jetzt eben genau nicht der Anlass, um saublöd zu rüsseln, sondern die Ungenauigkeit liegt in der Natur der Sache. Es kommt nicht so sehr darauf an, wie man rechnet, solange man immer gleich rechnet, und es geht auch gar nicht um Präzision, sondern um den Fortschritt, kurz: Es geht um den Weg, den Willen und die Wahrheit. Und mit 4000 Watt liegen wir nicht nur weit unter dem Schweizer Schnitt, sondern wir haben auch das Ziel von 2020 vorzeitig erfüllt und für die restliche Halbierung noch viel Zeit.

Aber nun zu euch Saboteuren: Was wäre denn eure Alternative? Was habt ihr denn zu bieten ausser verwüsteten Landschaften, überschwemmten Küstengebieten, geröllgefüllten Gebirgstälern, verdorrenden Feldern, verhungernden Menschen und Flüchtlingsströmen, die vor dem Klima fliehen statt vor Despoten? Schon mal was gehört vom Pariser Klimaabkommen? Ohne Heulen und Zähneklappern ratifiziert vom bürgerlichen Parlament in Bern. Das sind die wahren Ökotalibane, dagegen sind die lausigen 2000 Watt aus Zürich doch das reinste Nasenwasser!

Und warum, zum Henker, weckt das eigentlich nicht euren Ehrgeiz? Wo ist eure sonst unendliche technokratische Fortschrittsgläubigkeit, wenn man sie einmal braucht? Warum erkennt ihr nicht die Herausforderung, wenn schon mal eine da ist? Wo bleibt euer Gelabber von Eigenverantwortung? Und warum scheut ihr euch vor einem Weg, der ein guter Weg ist, wo ihr doch nicht davor scheut, jeden beschissenen Holzweg zu befahren, Hauptsache vierspurig und geradeaus?

Ja, es kann sein, dass es nicht einfach wird. Aber wir schaffen das, by design or by desaster, ihr habt es in der Hand. Und es ist kein Grund, die 2000 Watt nicht anzustreben, das ist genau wie mit der Unsterblichkeit. Lasst euch eines gesagt sein: Zwei Drittel der Menschheit lecken sich all ihre Finger beim Gedanken, sie dürften 2000 Watt Dauerleistung verbraten. Hört auf zu meckern und macht euch auf den Weg. Er ist richtig, er ist global mehrheitsfähig, er ist alternativlos und er ist zukunftsfähig. Was braucht ihr noch?

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Die Stadt ist gebaut

Ein Satz macht Geschichte. Ursula Kochs Aussage hat immer schon Anlass zu viel Spekulation und Geschrei gegeben. Aber heute ist er Realität. Früher ging ich davon aus, dass damit gemeint sei, dass die Stadt total verplant ist, bis auf den letzten Quadratzentimeter: Jeder Fleck ist einer Nutzung zugewiesen. Und das durchaus spannende Gedankenexperiment, was wäre, wenn wir keine Bau- und keine Zonenordnung hätten, wenn die Bautätigkeit also nur via Nachfrage und Angebot geregelt würde, führt schnell zur Ernüchterung, weil es die Machtfrage ausklammert. Denn dass das nicht klappt, ist längst klar. Sonst gäbe es ja wohl keine leerstehenden Büroflächen und Luxuswohnungen, die komplett an der Nachfrage vorbei erstellt wurden.

 

Aber nun zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab: Die Stadt ist nicht nur verplant, sondern tatsächlich auch gebaut. Unbebaute Flächen, die auch weder Frei- oder Grünflächen, See, Wald noch Strassen sind, gibt es kaum mehr, die Brache stirbt aus. Mit einem ebenso erstaunlichen wie erschreckenden Furor macht sich unsere Generation daran, Zürich komplett zuzubauen.

 

Logischerweise übrigens falsch. Denn zwischen Planung und Realität besteht immer ein Ungleichgewicht, sonst wärs ja keine Planung, sondern Hellseherei. Und Planung ist interessengesteuert. Daher kommen darin auch alle unter die Räder, die nicht den mittelständischen, fitten, mobilen und kaufkräftigen Leuten in unserer Stadt zugeordnet werden können: Auszubildende, Alte, Arme und andere A-Menschen, die es natürlich immer noch gibt bei uns.

 

Nur ein Beispiel, meine Lieblingsmilchbubenrechnung (mittlerweile mehrfach bestätigt): Wenn der Kanton seine Verdichtungsorgie durchzieht, die notabene von zahlreichen PlanerInnen jeglicher Couleur gerne geteilt wird, werden rund 8000 zusätzliche Schulkinder in Zürich leben. Das macht, freundlich gerechnet, 25 Schulhäuser aus. In Worten: fünf und zwanzig. Sie bekommen von mir schon einen fetten warmen Händedruck, wenn Sie mir verraten, wo wir fünf Schulen hinstellen sollen. (Und malen Sie sich ja nicht aus, was ich anstelle, wenn Sie auch noch die weiteren 20 platzieren…) Kurz, es geht nicht. Und die paar Altersheime und die Freizeiteinrichtungen und die Freiräume, die es alle auch noch braucht, von denen haben wir noch gar nicht gesprochen. Denn die eigenartige Reduktion des stadtmenschlichen Lebens auf Wohnen, Arbeit und Konsum reicht hinten und vorne nicht. Und wissen Sie, was der Brüller ist? Das wissen alle, die rechnen können. Aber wir reden nicht vom Elefanten, auch wenn er im Raum steht.

 

Daher werden wir wohl radikaleren Zeiten entgegengehen. Wir müssen wieder mehr Vernunft in die Stadtentwicklung bringen. Wir müssen abbrechen und umnutzen. Weg mit einem Bürohaus, wenn es ein Schulhaus braucht! Enteignen wir die Besitzer und reissen wir das Unnötige ab. Sie müssen jetzt nicht aus dem Schuhen kippen: Der Staat macht das, wenn er eine Autobahn oder einen Stadttunnel bauen will, auch. Das ist komplett normal. Und was uns für das Auto recht ist, sollte uns für die Kinder billig sein. Aber wenn wir schon davon reden: Verkleinern wir die Strassenfläche! Wir brauchen Platz für Nötiges, nicht für Luxus, wie im Stau stehen oder parkieren. Die Stadt der Zukunft muss weder grandios dichter sein noch höher gebaut. Sie muss einfach allen Nutzungen Raum bieten, welche die Menschen auch wirklich brauchen. Das geht, wenn man will. Mal sehen, wie sich das mit den neuen Mehrheitsverhältnissen in der Politik umsetzen lässt.

 

Markus Kunz

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