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Von Vielen und Wenigen

Ungleichheit, vorab materielle, ist überhaupt kein Problem. Das Problem ist höchstens, dass solche Sprüche nur von den Wohlhabenden kommen, kaum von den Habenichtsen. Ungleichheit, und wir reden hier nicht von der Banalität, dass wir alle etwas unterschiedlich sind, ist im Gegenteil eine halbe Katastrophe für eine Gesellschaft. Ich brauche die Zahlen für die Schweiz bei den Einkommens- und Vermögensunterschieden nicht zu wiederholen, sie dürften bekannt sein, und sie haben sich in der Pandemie sogar noch verstärkt. Denn nur die Realwirtschaft, die Arbeitswelt hat gelitten, die Finanzeinkommen nicht. Alle Gesundbeterei, etwa von Ueli, dem Finanzminister, bestätigt das nur, etwa wenn er sagt, die Reichen täten ja auch am meisten Steuern bezahlen und damit gebe es eine Umverteilung von oben nach unten. Wie wenn nicht im Gesetz stünde, dass alle nach ihren Verhältnissen besteuert werden, und damit zahlen die Reichen logischerweise mehr, und das hat rein gar nichts mit Ungleichheit zu tun, sondern im Gegenteil mit Gleichheit («alle nach ihren Verhältnissen»). Dass es Umverteilung gibt, von unten nach oben nämlich, ist aber so gut belegt wie der Klimawandel. Und ähnlich gefährlich.

 

Denn es geht nicht nur ums Geld. Ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen ist die Quelle von zahlreichen Übeln. Das ist nicht neu. Materielle Ungleichheit hat enorme Auswirkungen auf eine Gesellschaft, auch in Bereichen, wo man es gar nicht vermutet. So etwa hängen Armut und Lebenserwartung miteinander zusammen. Das hat auch etwas zu tun mit der Gesundheit, körperlicher wie psychischer, die ebenfalls ungleich ist, nicht nur wegen einer ungleichen Versorgung, Stichwort Zweiklassenmedizin, sondern auch wegen weiterer Faktoren. Sodann ist der Zugang zur Bildung ungleich, was wiederum Auswirkungen auf die künftigen Einkommenschancen und Vermögensbildung hat. Und: Ungleichheit hat auch ein Geschlecht.

 

Je ungleicher eine Gesellschaft einkommens- und vermögensmässig ist, desto mehr soziale Probleme hat sie tendenziell. Das kann ganz unterschiedliche Bereiche betreffen: Der Drogenmissbrauch nimmt zu mit steigender Ungleichheit, die Kindersterblichkeit, die Selbstmordrate oder etwa die Anzahl der Inhaftierten. Es mag sein, dass einige dieser Effekte nicht direkt kausal mit Ungleichheit zusammenhängen, aber in den meisten Fällen findet sich sehr wohl ein zwingender Zusammenhang. Ungleichheit neigt überdies dazu, sich selbst zu verstärken. Sie reduziert die soziale Mobilität, was zur Zementierung der Zustände führt. Das heisst, Ungleichheit bewirkt erst eine noch grössere Ungleichheit oder bewirkt zumindest keinen Rückgang. Wie auch?

 

Was massive Ungleichheit ist, bzw. wie weit auch wir in der Schweiz betroffen sind, ist eine politische Frage. Es nützt nichts, dabei auf andere Länder zu zeigen, in denen es noch schlimmer sei als bei uns. Es bringt auch nichts, darauf hinzuweisen, dass es immer eine gewisse Ungleichheit geben werde, oder gar polemisch den Spiess umzudrehen und von Gleichmacherei zu reden – darum geht es nicht. Es geht um nichts weniger als um den sozialen Zusammenhalt und um eine dringend notwendige Umverteilung, nur schon, um die unheilvolle Dynamik der Ungleichverteilung zu brechen. Und am allerdümmsten ist der Reflex, die 99-Prozent-Initiative abzulehnen, weil man insgeheim hofft, einmal zum restlichen einen Prozent zu gehören. Das hiesse soziale Aufstiegsmobilität. Und die wird behindert – einmal raten, wodurch.

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Wenn…

Wenn etwas nervt, dann das, dass wir nach der verlorenen Abstimmung scheints auch noch den Siegern zuhören müssen, auch wenn sie nichts Neues vertreten, sondern nur ihre alten Interessen. Dabei war das CO2-Gesetz derart weich(sinnig) gespült, dass man sich fragen darf, ob das nicht sein Untergang gewesen ist. Dennoch schreien sie nun nach noch ‹liberaleren› Ideen, nach noch sorgsamerer Schonbehandlung der Erdölwelt oder nach Gaskraftwerken, die man aber, das muss man sich mal vorstellen, sofort klimakompensieren müsste. Das ist, wie wenn man sagen würde, ihr dürft schon mit Stinkbomben werfen, aber nur, wenn ihr gleichzeitig Duftbäumchen aufhängt. 

 

Wenn es eine Stunde der Selbstgerechten gibt, die schon immer wussten, dass diese Klimahysterie ja nur das Geschrei von wohlstandverwahrlosten Kids sei, dann ist sie jetzt da. Wobei verschleiert wird, dass bei der Ablehnung all der Umweltvorlagen jede Menge Geld im Spiel gewesen ist. Vielleicht ist das überhaupt die einzige richtig neue Erkenntnis, die man aus diesem Debakel ziehen muss: Wir sollten die finanzielle Gewalt derer nicht unterschätzen, die sich existenziell bedroht fühlen – weil sie es auch sind. Wer heute noch Öl, Gas und Umweltgifte verkauft, der ist morgen aus dem Markt. Wer derart mit dem Rücken zur Wand steht, dem wachsen Kräfte für Rückzugsgefechte.

 

Wenn ich etwas nicht verstehe, dann das Argument der Bevormundung. Es scheint uns nicht gelungen zu sein zu vermitteln, was eine nachhaltige Entwicklung ist. Um es in der Definition der Weltbank zu sagen: Es geht um die Erhaltung und Ausweitung von «opportunities people face». Also um die Ausweitung von Handlungsspielräumen, nicht um deren Einschränkung! Wenn wir täglich ein paar Arten ausrotten, unser Trinkwasser vergiften, die Böden zubetonieren oder das Klima rasant verändern, dann machen wir den Sack zu, nicht auf. Dann schränken wir die Handlungsspielräume der kommenden Generationen ein, nicht umgekehrt.

 

Wenn die KlimaaktivistInnen Schuld am Debakel hätten, dann wäre das ja der beste Beweis, dass sie Einfluss auf die Politik haben. Ich erlaube mir Zweifel. Aber ihr Argument stimmt, dass es um das gesamte System geht, weniger um individuelles Verhalten. Daher hat der grüne Zürcher Baudirektor recht, wenn er sagt, wenn ihr schon lenken wollt, dann lenkt auch wirklich. Diese Rappenbeträge, um die es ging, die lenken aber nicht, sondern verursachen nur Kosten. Wenn wirklich saftige Abgaben erhoben und wieder rückerstattet würden, dann ist plötzlich das System anders und es erzeugt auch mehr GewinnerInnen. Und andererseits haben diejenigen Recht, die sich in ihren Freiheiten behindert sehen, etwa in der Freiheit, verschwenden zu dürfen. Und die waren offenbar in der Mehrheit.

 

Wenn es der SVP gelungen sein sollte, aus der Klimafrage eine soziale Frage zu machen, dann beweist das nur, wie krank das von ihr verteidigte System ist, denn es macht nicht nur unsere Gesundheit und die Umwelt kaputt, sondern auch ärmere Menschen. Wenn die Pestizidgurke billiger ist als die Biogurke, liegt die Schuld nicht bei bio. Darum bin ich klar für Verbote, denn sie sind gerecht, effektiv und demokratisch. Gerecht, weil sie für alle gelten und nicht nur für Arme, effektiv, weil sie flächendeckend gelten und damit maximal wirksam sind, und demokratisch, weil sie durch Abstimmungen legitimiert sind.

 

Wenns also nach mir ginge, wir müssten einfach den Klimawandel verbieten.

 

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Grundrechte

Nein, wir sprechen nicht bloss von Landwirtschaft, das geht schon etwas tiefer. Wir reden von Grundrechten. Am 28. Juli 2010 erklärten die Vereinten Nationen in einer völkerrechtlich nicht bindenden Resolution den Anspruch auf sauberes Wasser zum Menschenrecht. Immerhin. Bloss, einklagbar ist das nicht. Aber das Recht auf Wasser ist das grundsätzlichste aller Rechte, denn Wasser (und notabene Boden und Luft) ist durch nichts zu ersetzen. Wir sind abhängig. Und nun ist es sogar bei uns in der Schweiz gefährdet, weil wir uns eine Landwirtschaft leisten bzw. teuer subventionieren, welche dieses Grundrecht tagtäglich einschränkt, nicht aus schlechtem Willen, nicht weil die LebensmittelproduzentInnen uns schaden wollen, sondern weil das Produktionssystem falsch aufgegleist ist. Adorno hatte Recht: Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Natürlich sagen jetzt sogar die Biobäuerinnen und Biobauern mit Empörung, auch sie kämen halt nicht ohne «Pflanzenschutzmittel» aus, und was wir denn eigentlich wollten: Nahrung oder Ideologie? Aber das ist nicht nur die falsche Frage, sondern es ist auch die falsche Front. Es ist ja nicht die Schuld der Bäuerinnen und Bauern, dass sie vor die perverse Alternative gestellt werden, nämlich, entweder vergifte ich meinen Boden und euer Trinkwasser, oder dann verhalte ich mich naturgerecht und muss womöglich meinen Betrieb aufgeben. Es ist schade, dass die Debatte über die beiden Landwirtschaftsinitiativen falsche Fronten generiert, weil wir nicht fähig sind, die wahren Gegner auszumachen, etwa Giftproduzenten, LobbyistInnen, falsche Beratung. Eine Nahrungsmittelproduktion, welche die Menschen vor eine solche Alternative stellt, kann gar nicht auf Dauer bestehen, weil die Natur nicht mitmacht. Und vor allem: Damit wird das Grundrecht auf Trinkwasser still und unheimlich ausgehebelt. Ein Grundrecht auf saubere Böden gibt es meines Wissens übrigens gar nicht oder höchstens indirekt, dabei leben wir alle auf und von solchen Ressourcen, und wenn ein Boden mal zur Sau ist, kann er nicht mehr oder nur mit allerhöchstem Aufwand wieder nutzbar gemacht werden.

 

Natürlich gilt Ähnliches auch für das Klima. Nicht nur, weil die Folgen gleich dramatisch sind, nicht nur, weil auch das Klima nicht substituierbar ist und es nur schon darum pervers ist, dass eine Minderheit der Menschheit zu Lasten der gesamten Menschheit das Klima in einer beispiellosen Art verändert. Das beeinträchtigt aber nicht nur die Rechte von Menschen weltweit, sondern das Ganze hat auch eine zeitliche Komponente. Zu reden ist nämlich auch von den Grundrechten künftiger Generationen. Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat kürzlich ein aufsehenerregendes Urteil gefällt: Das Gericht, das unter anderem von KlimaaktivistInnen angerufen wurde, verpflichtet den Gesetzgeber dazu, einen Ausgleich zwischen dem Freiheitsge-(oder wohl eher -miss)brauch der heutigen Generation und klar erwartbaren Schadenslasten für künftige Generationen zu finden. Das gibt dem inhaltsleeren Begriff der Verantwortung eine neue Brisanz. Sich, wie das die Brundtland-Kommission schon 1987 forderte, tatsächlich heute so zu verhalten, dass die Chancen künftiger Generationen nicht beeinträchtigt werden, macht schlagartig Schluss mit So-wie-bisher. Die Ethik hat Justitia eingeholt. Das lässt hoffen.

 

Jetzt müssen wir nur noch das kranke Bundesgesetz für polizeiliche Massnahmen zur Bekämpfung von gefährlichen Zwölfjährigen bodigen, und alles wird gut.

 

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Problempersonal

Neulich im Gemeinderat: Ratsherr Albert Leiser, der Silberrücken der FDP-Fraktion und Geschäftsführer des Hauseigentümerverbands (HEV), hat einen seiner extrem seltenen Auftritte am Redepult. Und genauso leitet er seine Rede auch ein, nämlich, er spreche halt nur sehr selten im Rat, denn er habe ja auch andere Bühnen zur Verfügung.

 

Hmmm. Das bringt mich doch zur Frage: Wie war das nochmals mit der Macht in Zürich? Liegt sie bei Rot-Grün, das die Stadtregierung seit Jahrzehnten dominiert? (Genauer: Seit ein FDP-Stadtrat wegen einem Finanzskandal zurücktreten musste und ein zweiter FDP-Stadtrat abgewählt wurde.) Liegt sie bei den Linken, die im Stadtparlament seit gerade mal drei Jahren die Mehrheit haben? Oder doch eher beim Rotary-Club, dem HEV und dem ACS? Ich lese folgendes in der WoZ vom 29. April 2021, in einem Beitrag über den Kunsthaus-Erweiterungsprotzklotz: «Die Reichen mögen die täglichen Mühen der Stadtverwaltung an die rot-grünen Parteien abgetreten haben, die nun für die Verschönerung mit Velowegen und Parkanlagen zuständig sind. Im Vorstand des Kunsthauses bleibt die Wirtschafts- und Finanzmacht aber weiterhin federführend. Das Präsidium sei eigentlich kein begehrter Job, heisst es. Aber hergeben möchte man ihn trotzdem nicht. So gesehen passt es durchaus, dass sich das Kunsthaus seit 1987 in den Händen von Swiss-Re-Leuten befindet. Es ist für das Zürcher Bürgertum die eigentliche Rückversicherungsanstalt.»

 

Hmmm. Zumindest auf den Bühnen Regierung und Parlament scheint die Bourgeoisie aufgegeben zu haben. Ihr Einfluss verlagert sich in die Hinterzimmer und die Verbände. Sie regiert nicht, sie lässt regieren. In den Vorständen von HEV bis Kunstgesellschaft sind lauter Bürgerliche, manche davon auch pro forma in den Parlamenten, manche nicht, nämlich jene, die für sowas keine Zeit haben. Weil sie Geld verdienen. Oder netzwerken. Oder wirklich Einfluss nehmen.

 

Woran liegt das? An den fehlenden Inhalten? Am Personal? Ich lese folgendes vom FDP-Mitglied Walter Kielholz, langjähriger Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse, CEO der Swiss-Re und Mitglied in zahlreichen einflussreichen Gremien (Kunstgesellschaft!). Gefragt, was er denn vom politischen Personal in Zürich halte, meinte er im NZZ-Folio vom September 2020: «In der Stadt Zürich ist es tatsächlich himmeltraurig, was die Bürgerlichen noch zustande bringen.» Und wie wenn diese Wunde noch ein bisschen mehr Salz vertragen würde, plaudert Altbundesrat Pascal Couchepin in der NZZ vom 7.12.2020 stocknüchtern über seine FDP: «Das grösste Problem der Partei ist ihr Personal.»

 

Hmmm. Muss uns das bekümmern? Ich meine ja, wenn man sieht, wohin das führt. Dieses Problempersonal macht nun nämlich folgerichtig zwei- oder mehrgleisig Politik: In den Räten brüstet sich die FDP, ganz wahlkampfgebürstet, ökologisch fortschrittlich zu sein, und hinter den Kulissen schickt man den HEV ins Referendum gegen ein fortschrittliches kantonales Energiegesetz, dem man allerdings zuvor mittels ‹Kompromissen› als Gegenleistung für die Zustimmung die Zähne gezogen hat, das aber den Partikularinte­ressen des fossilen Problempersonals immer noch nicht genehm ist. Oder man stimmt dem CO2-Gesetz in den nationalen Räten zu und engagiert sich dann in den Automobil-, Transport- und Mineralölverbänden dagegen. Links blinken, rechts abbiegen. Wie nannte das Leiser? Andere Bühnen eben. Ob das auch als Wahlkampfstrategie hinhaut?

 

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Wem sini Zuekunft?

Sie beschäftigt mich schon die Jugend, auch wenn ich schon lange nicht mehr dazu gehöre. Meine Gedanken kreisen oft um sie und es gehört auch nicht so viel Phantasie dazu, um sich einzudenken. Wie es der Jugend geht, wissen wir nicht so ganz genau, das war schon immer so, weil es «die Jugend» nicht gibt. Dazu gibt es jede Menge Déjà-vues: Dass die Jugend mehr Probleme habe als andere Altersklassen, dass es die Jugend eh schon schwer habe (Pubertät, verlängerte Adoleszenz, Berufswahl, Depressionen), dass die Jugend keine Lobby habe, dass sich die Pandemie besonders verheerend auf sie auswirke, und so weiter – und eines bleibt konstant, da eine Banalität: Nur die Jugend hat derart viel Zukunft, und damit mit gutem Grund Zukunftsängste, wie die Jugend.

 

Nochmals eine Banalität: Als meine erste Enkelin vor drei Jahren auf die Welt kam, realisierte ich plötzlich und mit Schrecken, dass sie alle Chancen hat, das Jahr 2100 zu erleben. 2100 gilt in der Nachhaltigkeitsforschung als Annus horribilis. Sie müssen nur mal ein paar entsprechende Suchwörtli eingeben – es wird nichts Tröstliches, Optimistisches oder nur schon Moderates kommen. Dafür lauter Dystopien, Katastro­phen und Horrormeldungen, wobei man immerhin einwenden kann, dass eine Voraussage auf eine solch lange Frist eh unseriös ist. Dennoch, und umso mehr: Gerade weil 2100 derart die Hölle werden könnte, weiss ich seitdem noch mehr, dass wir alles in unserer Macht stehende unternehmen müssen, damit das nicht passiert.

 

Dass viel schief läuft, wird heutzutage nur noch von denen bestritten, die von der Lage profitieren bzw. suchtmässig davon abhängig sind, wie etwa Ölhändlerinnen, SUV-Verkäufer oder Kohlebergbauaktienbesitzerinnen. Wir anderen wissen darum, und dieses Wissen macht Angst. Wieviel Angst müssen erst Kinder und Jugendliche haben, wenn sie sich ausrechnen, was passiert, wenn nichts passiert? Nur haben wir Angst davor, alles zu verändern, und die Jugend hat Angst davor, wenn sich nichts ändert.

 

Also zum Eingemachten: Wer hat Macht? Wer hat Verantwortung? Warum führen wir nicht morgen schon mal als winziger Anfang das Stimmrechtsalter Null ein nach dem Motto «Ein Mensch, eine Stimme»? Und warum stellen wir uns nicht schon heute die richtigen Fragen, wie etwa: Warum zum Henker gehen wir allen Ernstes davon aus, dass unsere heutige Verschwendungswirtschaft ein weltverträgliches Wirtschaftsmodell sein könnte, das bis 2100 und darüber hinaus funktioniert? Das ist ja noch nicht mal heute und global der Fall! Warum, um mit Greta zu sprechen, benehmen wir uns nicht, wie wenn das Haus in Flammen stehen würde? Denn das tut es.

 

Haben Sie gewusst? In der Schweiz wurde das 1,5-Grad-Ziel, momentan das Mass aller (Klima)Dinge – bereits überschritten. Haben Sie nicht gewusst? Können Sie beim BAFU nachlesen. Ist öffentlich zugänglich und lesen können Sie. Und das ist nur eines von diversen Beispielen dafür, dass und wie sehr das Haus in Flammen steht. Vor der Klimakonferenz in Katowice sagte Greta: «Wir sind nicht hierhergekommen, um die Spitzenpolitiker der Welt anzubetteln. Ihr habt uns in der Vergangenheit ignoriert. Und ihr werdet uns wieder ignorieren. Euch gehen die Entschuldigungen aus. Und uns geht die Zeit aus.» Dem kann ich mich nur anschliessen. Die Hoffnung auf Veränderung ist heute zwar noch ein «trotzdem». Aber die Veränderung wird kommen, weil sie kommen muss. Vielleicht beginnen wir ganz bescheiden mal mit der Debatte über netto null in der Stadt Zürich.

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Orientierung

Vielleicht war es immer schon so und ich habs nicht bemerkt, aber mir scheint, es häuft sich ein bisschen, dass ich mit Leuten darüber rede, was links sein eigentlich bedeutet. Man kann solcherlei Selbstfindung ja bereits in der Tageszeitung lesen, wo sich selbstdefinierte Linke hinterfragen, was eine eigenartige Anmutung hat, aber natürlich immer gut ankommt. Sagte nicht schon mein Onkel selig, «wer zwanzig ist und nicht links, hat kein Herz, wer vierzig ist und immer noch links, keinen Verstand»? So eine Art reduzierter Pestalozzi-Meccano, bei dem die unsichtbare Hand vergessen gegangen ist. Diese Debatte, so wie sie gerade auftaucht, weist eine eigenartige Dynamik auf. Ist es derart mainstreamig geworden, links zu sein, dass man sich öffentlich versichern muss, was denn genau der Inhalt sei?

 

Das wäre nicht ganz unverständlich, blicken wir doch seit Jahren verblüfft nach Deutschland, wo eine entfesselte christdemokratische Union, die zu den Zeiten, als ich noch 20 war, sowas von rechtskatholisch war, heute reihenweise Postulate der Sozialdemokratie abarbeitet, so dass wir, noch verblüffter als je, gerade eben zur Kenntnis nehmen konnten, dass die dort eine Art «Konzerninitiative light» einfach so durchs Parlament winken. Da dürften wir uns allerdings auch auf die Schulter klopfen, denn wenn das links ist, dann sind auch mehr als 50 Prozent der SchweizerInnen links. Nur scheint mir diese These nach dem letzten Abstimmungswochenende etwas gar gewagt.

 

Und in der Tat hat das nur am Rande mit links zu tun, eher etwas mit der These, dass die Sozialdemokratie von heute der Liberalismus von gestern ist. Wahrhaftig linke Projekte, wie etwa ein anständiger Mindestlohn, die Verstaatlichung des Bodens als natürlichem Monopol, Umverteilung von oben nach unten, eine Kapitalgewinn- oder eine Finanztransaktionssteuer, Stimmrechtsalter Null (ein Mensch, eine Stimme) und so weiter, haben natürlich auch hierzulande oder im grossen Kanton nicht den Hauch einer Chance. Und wenn die Klimajugend ein bisschen System Change fordert, dann gerät das linke wie das rechte Establishment, wie wir das mit 20 genannt hatten, schon richtig ins Flattern. Was bleibt: Es debattieren Pseudolinke fröhlich-verklemmt darüber, ob sogar pseudo vielleicht noch etwas zu viel Herz sein könnte, in Zeiten, in denen ein kleiner ausgewogener Virus uns aufzeigt, was Systemrelevanz ist und was nicht, wobei sogar die Behauptung auftaucht, Pandemie sei immer links, weil hier nur mehr Staat hilft.

 

Wohl verstanden, das ist nicht der x-te Text darüber, dass sich die Fronten aufgelöst hätten und man bei vielen Themen nicht mehr wisse, wie man sich im politischen Feld orientieren müsse, siehe Burkaverbot, siehe Sozialschnüffler, siehe Fussballstadien nein oder ja. Denn die Fronten sind nach wie vor sehr klar, und bloss weil die Hassprediger von Egerkingen plötzlich einen Beitrag zur Frauenemanzipation leisten wollen, verstört das keinen grossen Geist. Nicht zuletzt sind es die grünen Themen, deren Sprengkraft im politischen Orientierungsschema zwar vorhanden ist, aber beidseits nicht immer verstanden wird. Die gerechte Verteilung der globalen Ressourcen ist ein linkes Projekt, das hat das Rechtsbürgertum mit seinem Geheul, das sei ein Schritt in die Steinzeit, sehr wohl und sehr richtig begriffen. Es fragt sich aber, wer sonst. Ich jedenfalls bin 20 und 40 und immer noch nicht bei Verstand.

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Integration

Alle reden immer von den AusländerInnen, die integriert werden sollen. Ich erzähle Ihnen mal die Geschichte, wie ich eigentlich integriert wurde, und das dauerte notabene nur einen Sonntag. Es war kurz nachdem wir in die Siedlung für kinderreiche Familien eingezogen waren. Ich hatte und habe zwar nur zwei Kinder und weiss auch nicht mehr so genau, warum wir dort einziehen konnten, aber die Zeiten waren eben anders. Und die Wohnungen super. Und gross. Und bezahlbar. Und die Umgebung voll familiengerecht. Alles bestens.

 

Nur eben, mein Söhnchen, damals knapp fünf Jahre alt, verfügte über ebenso viel Wissensdrang wie Experimentierfreude. Und eines schönen Tages beschloss er, eine These, die er zusammen mit seinem neu gewonnenen Freund, einer Brillenschlange aus der Siedlung, entwickelt hatte, auf wissenschaftlich-empirische Weise zu erhärten. Nämlich, ob man mit Hilfe eines kleinen Zweigleins einem Autopneu die Luft ablassen kann. (Spoiler: Man kann.)

 

Gesagt, getan. An einem grauen Sonntag läutete es an unserer Türe, und ein extrem missgelaunter Giovanni fragte, ob das mein Sohn sei, der gerade einer ganzen Reihe von Autos die Luft aus dem Reifen gelassen habe. Da ich mein Söhnchen kenne, gab ich mich mal vorsichtig zerknirscht und trottete nach draussen. In der Tat: Inmitten der Siedlung, vor der mit Maschendraht abgesperrten Tiefgarage (in der übrigens der Quartierschmier, Jahre zuvor, einmal ein paar Stunden eingesperrt worden war – aber das ist eine andere Geschichte), stand eine ganze Reihe von Familienkutschen mit deutlich platten Pneus: These verifiziert. Söhnchen und Brillenschlange hatten sich aus dem Staub gemacht, und ich hielt insgeheim Ausschau, an welchem Laternenpfahl mich die SiedlungsbewohnerInnen, die sich mittlerweile zu einem Pulk zusammengerottet hatten, aufknüpfen würden. Denn, eins ist ja klar: Du kannst die Mutter von Giovanni beleidigen oder seine Heiligen verfluchen – aber lang ja nicht sein Auto an.

 

Man holte den TCS, der einen Kompressor mitbrachte und sich an die Arbeit machte. Währenddem stand ich mit Giovanni und allen anderen Mannen da – Karren und Kinder sind Männersache –, und wir quatschten. Vielleicht rauchten wir auch. Und klönten. Und redeten. Und lamentierten. Der Pulverdampf verzog sich, das Seil wurde eingerollt, denn es blieb als Essenz: Sono bambini! Als der TCS seine luftige Arbeit verrichtet und sich die Familienkutschen wieder aus der Schräglage aufgerichtet hatten, war einzig klar, dass in einer Siedlung für kinderreiche Familien kinderfreundliche Leute wohnen – egal, welcher Herkunft. Sono bambini! Söhnchen ward verziehen, und ich machte mir im Geiste eine Notiz, dass ich ihm noch das elfte Gebot beibringen müsse. Für das nächste Mal.

 

Damit waren wir aufgenommen. Giovanni entpuppte sich als Papierlischweizer, die Kurdin sprach Bärndüütsch, die Katholen waren die einzigen, die wirklich wussten, wie man eine Schwetti Kinder auf die Welt stellt, der Türke war fleissig, die Italiener waren bünzlig, die Schweizer italienisch, und der Dorfschmier getraute sich nie mehr in unsere Siedlung, bis er dann eh wegrationalisiert wurde. Wir waren alle ein grosser Clan, und das sage ich ohne Sozialromantik, denn auch das Clanleben ist meist etwas anstrengend, aber so manchmal hiess es eben: wir gegen sie. Und darum habe ich seither ein entspanntes Verhältnis zur Integration. Sie ist kein Ponyhof, aber im Kleinen funktioniert sie manchmal durchaus. Das ist wissenschaftlich erwiesen.

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Falscher Feind

Und jetzt auch noch das: Die 63 Prozent Zustimmung zum Burkaverbot passen ins Bild. Fragt sich nur, in welches. Die vage Hoffnung besteht, dass die Rückmeldung verzerrt ist, weil die falschen geantwortet haben, aber vermutlich ist es ja nicht so. Eine satte Mehrheit im Land findet das gut, auch wenn die aktuelle Situation, in der wir alle unser Gesicht verdecken, sowohl den (pseudo)kulturellen Einwand entkräftet («Es gehört zu unserer Kultur, das Gesicht zu zeigen») wie auch den anderen, den «feministisch» zu nennen mir falsch vorkommt (nicht zuletzt, weil er vor allem von unglaubwürdiger Seite kommt): Die Frauen würden von ihren Männern gezwungen, eine Burka zu tragen. Wie man es dreht und wendet: es bleibt eine unliberale Vorlage. Ich sehe keinen Zuwachs an Freiheit oder Sicherheit, indem wir ein Burkaverbot aussprechen.

 

Bei den anderen bevorstehenden Vorlagen muss ich das gar nicht erst betonen. Die Nationalitäten-Nennung ist schlicht rassistisch. Noch nie wurde dargelegt, zu welchem Informationsgewinn es führt, wenn man die Unschuldsvermutung ausser Kraft setzt, die Strafprozessordnung verletzt und vermutlich sogar verfassungswidrig handelt. Es sei denn natürlich, man wolle Material sammeln für Hasspredigten und AusländerInnenhetze, aber auch das ist nicht sehr freiheitsfördernd. Liberal schon gar nicht, weshalb ich erstaunt bin, dass die Mitte kneift.

 

Die Sozialdetektiv Innen sodann sind keinen Deut besser. Man muss offenbar nur die Zielgruppe «richtig» definieren, und schon sind breite Kreise bereit, ihre rechtsstaatlichen Grundsätze über Bord zu werfen, oder sagen wir mal, ziemlich zu erweitern. Dass Massnahmen, die wir nicht einmal gegen die Mafia so ohne Weiteres einsetzen würden, bei SozialhilfeempfängerInnen zulässig sein sollen, ist eine Verluderung der Sitten. Heute ist es der vermutete Sozialhilfebetrug, morgen ist es was? Der Präzedenzfall wäre jedenfalls schon mal festgelegt.

 

Das Bundesgesetz über polizeiliche Massnahmen zur Bekämpfung von Terrorismus schliesslich schlägt dem Fass den Boden aus: Es gehört zu den schärfsten Terrorgesetzen in der westlichen Welt. Es ist nicht kompatibel mit der UNO-Kinderrechtskonvention und der Menschenrechtskonvention. Es bedroht sogar 12-jährige Kinder. Es setzt ebenfalls die Unschuldsvermutung ausser Kraft und erfasst Menschen, die nicht straffällig geworden sind, mit unverhältnismässigen Massnahmen. Es ist Gesinnungsjustiz. Kurz, es setzt unseren Rechtsstaat, wie wir ihn kennen, ausser Kraft, und dennoch hat sich dafür eine parlamentarische Mehrheit gefunden, und die Debatte darüber ist merkwürdig lau.

 

Grundrechte haben es momentan schwer in diesem Land. Die Diskussion dazu wird verlogen geführt: Der Zuwachs an Freiheit ist nicht ersichtlich, für einige Gruppen ist es klar eine Einschränkung. Der Zuwachs an Sicherheit ist nicht bewiesen, die Stimmung im Land wird im Gegenteil destabilisiert und vergiftet. Was ich nicht verstehe: Was bringt es den Leuten, solchen Mist zu unterstützen? Was habe ich davon, wenn Menschen in der Sozialhilfe schikaniert werden, 12-Jährige Fussfesseln tragen müssen, oder wenn ich weiss, dass 37,45 Prozent aller Delikte von AargauerInnen begangen werden? Und warum schaut die liberale Welt enthusiastisch zu, wie ihre Werte entsorgt werden? Es mag schon sein, dass die offene Gesellschaft ihre Feinde hat. Aber im Moment sieht es ganz so aus, also ob diese Feinde, wenn sie nicht gerade das Kapitol stürmen, solchen Vorlagen zustimmen.

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Exponentiell, hoffentlich

Und es geht weiter. Nichts hat sich verändert, das Pingpong verschärft sich sogar noch. Lächerlich. Wie wenn die Verantwortlichen sich nicht durch Zahlen, sondern durch ihre Wahrnehmung dieser Zahlen leiten liessen. Offenbar wissen noch lange nicht alle, was «linear» genau heisst oder was «exponentiell» bedeutet. Zumindest tun manche so, wie wenn sie damals in der Mathi einen Fensterplatz gehabt hätten. Dafür lassen wir uns extrem durch unser Gefühl leiten, wenn es um Einschätzung von Tendenzen geht, auch und gerade beim Wachstum. Sie kennen ja vermutlich die schöne Geschichte von der Erfindung des Schachspiels: Der Kaiser, für den das Spiel erfunden wurde, wollte den Erfinder belohnen. Dieser wollte aber nur etwas Reis dafür haben: Ein Reiskörnchen auf dem ersten Feld, zwei auf dem zweiten, vier auf dem dritten, acht auf dem vierten und so weiter. Der Kaiser lachte ihn aus. Der Hofmathematiker trat dann aber etwas näher und flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf der Kaiser etwa so säuerlich reagierte wie der Bundesrat auf das Taskforce-Gemecker. Rechnen Sie selber nach, warum das so ist.

 

Exponentiell bedeutet, dass auch das Wachstum noch wächst. Vulgo explodiert. Beim Coronavirus verpacken wir diese Info in eine R-Zahl, und alles über 1 ist von Übel. Aber auch Umweltentwicklungen verlaufen häufig so. Beim Klimawandel, bei der Luftverschmutzung, bei den Lärmemissionen oder bei der Artenvielfalt berechnen wir zwar keine R-Zahl, aber so einige Kennwerte würden wohl ebenfalls bei 1 oder drüber liegen.

 

Nur würde wohl auch hier gelten: Solange ich nicht meine Nachbarn reihenweise sterben sehe, geht mir das alles am Allerwertesten vorbei. Meine Wahrnehmung ist die Grenze meiner Welt. Der Vogel mit dem Kopf im Sand lässt grüssen.

 

Soweit so schlecht. Aber vielleicht nicht nur. Denn es stellt sich doch die Frage, ob das auch umgekehrt funktioniert. Gibt es eine exponentielle Verbesserung der Lage, quasi Teufelskreis mit negativen Vorzeichen? Die Rasanz, mit der sich gewisse Biotope, dem Vernehmen nach (ich bin vorsichtig), erholt haben sollen, ist gewaltig und gibt etwas Hoffnung. Klare Kanäle in Venedig, saubere Luft in Mailand, massiv reduzierte CO2-Konzentration in Oberitalien, und so weiter. Und das nach nur gerade ein paar Monätchen reduzierter menschlicher Aktivität! Hier kommt etwas hinzu, das sich der reinen Mathematik entzieht. Nämlich, dass viele Entwicklungen nicht linear oder sonst irgendwie kurvig, sondern in Sprüngen verlaufen. Quasi Kipp-Effekte, die im schlechten Fall katastrophal sind, im guten Fall aber das Gegenteil. So wie es gelingen muss, gewisse un-umkehrbare Entwicklungen, etwa beim Artensterben zu verhindern, muss es uns gelingen, positive Kipp-Effekte zu erreichen.

 

Wir erleben das grad bei der Elektrifizierung des Autos. Ob die gut oder schlecht ist, bleibe noch schön dahingestellt, aber sie wird immerhin unweigerlich dazu führen, dass der Benziner schneller ausstirbt als das Dodo. Gleichzeitig kippen auch die Infrastrukturen und Dienstleistungsangebote der Benzinwirtschaft. Und darauf die der fossilen Wirtschaft. Dominomässig. Und exponentiell.

 

Zugegeben, das tönt furztrocken und noch sehr theoretisch. Was ich sagen will ist, dass mir die ganze lächerliche Entwicklung um Corona auch etwas Hoffnung gibt, dass nämlich exponentielle Kurven ja auch mal erfreuliche Entwicklungen und Kennwerte anzeigen können. Weil das Prinzip dasselbe ist. Und weil Kurven keine Prognosen sind. In diesem Sinne: Bonne année!

 

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Last Exit Corona

Es war neblig und es war dunkel, also war es nicht überraschend, dass ich ihn erst nach einer Weile bemerkte, den Tod. Er ging neben mir her, übrigens weder kleiner noch grösser als ich, weshalb ich ihn wohl übersehen hatte, aber bald gerieten wir ins Plaudern (wobei ich zuerst reflexartig meine Maske anziehen wollte, es dann aber bleiben liess. So etwas nennt man Situationskomik.) Wir redeten über die Zukunft der Zürcher Fussballclubs, über die SVP, über das nahe Ende des Kapitalismus – ich unterhalte mich gern mit Fachleuten über solche Dinge. Ich bemerkte mit Erleichterung, dass er mich siezte. Irgendwann war’s dann nicht mehr zu vermeiden, dass ich ihn auf seine Arbeit ansprach, denn er ist mir etwas gar zu oft über den Weg gelaufen in den letzten Jahren.

Das sei normal für mein Alter, fand er. Die Leute sterben weg. Aber, so fragte ich, das mit Corona, wie das denn nun gemeint sei? Er zuckte mit der Schulter, was ein leichtes Klappern auslöste. Das sei ja in der Regel nicht tödlich, ein Grippchen, wie manche sagen würden, und dabei grinste er ganz brasilianisch vor sich hin. Und die Übersterblichkeit, fragte ich, was ist damit? Er zuckte nochmals mit den Rabenbeinen. Das sei nun gewiss nicht sein Wording, solches täten nur wir Menschen erfinden. Eine rein statistische Grösse, für ihn einfach quasi etwas Mehrarbeit. Er sei im Übrigen nicht gerade der richtige Gesprächspartner, wenn es darum ginge, Wirtschaft gegen Gesundheit abzuwägen, da solle ich doch lieber jemanden von der Economiesuisse fragen. Ob er denn jemanden kenne, fragte ich, aber er winkte nur ab: Berufsgeheimnis. Im Übrigen verstehe er unsere Politik sowieso nicht. Volkswirtschaftlich seien zwar auch Todesfälle durchaus lukrativ, wie alles, was das Bruttoinlandprodukt erhöht, aber es schwäche halt schon auch die Kaufkraft. Ganz abgesehen von der Moral, ergänzte ich, und zudem sei es eine Belastung für das Personal in den Spitälern und Heimen. Was er zur Kenntnis nahm, wie ein Kaminfeger es zur Kenntnis nimmt, dass der Russ, den er hinterlässt, unwillkommen ist.

Ich führte aus, dass ich unsere Politik ja auch nicht verstehen würde. Denn die Wirtschaft leide ja so oder so, das sei bei einer Seuche, die auf Kontakt basiert, nicht zu vermeiden. Unser ganzes Konsumverhalten sei nun mal auf Kontakt ausgerichtet, es sei denn, man wolle nur noch via Internet bestellen, was allerdings auch ginge, ausser halt bei denjenigen Menschen jenseits des digitalen Grabens. Nur dass wir bei jeder Lockerung eine erhöhte Übersterblichkeit, vor allem bei den Risikogruppen, in Kauf nehmen würden, und das sei genau genommen skandalös. Aber schon klar, er sei ja eigentlich der falsche Gesprächspartner dafür, man müsse ja auch nicht die Frösche fragen, wenn man einen Sumpf trockenlegen wolle.

Die ganze Pandemiekrise zeige halt in aller erschreckender Deutlichkeit, dass gesellschaftliche Konsense, wie etwa bei Zielkonflikten zwischen Wirtschaft und Gesundheit, wenn das überhaupt einer sei, nicht nur brüchig, sondern auch beinahe unmöglich seien. Es fehle quasi an Mechanismen, wie man so etwas auf saubere Art regeln könne. Ob ihm vielleicht etwas dazu einfalle, fragte ich ohne grosse Hoffnung, denn eigentlich war er ja kein Frosch, sondern so oder so einer, der das letzte Wort hat. Und da nichts kam, schaute ich mich um, und tatsächlich, er war ohne Worte abgebogen, was mich ja irgendwo enorm erleichterte. – Aber ein komisches Treffen war das schon, kann ich euch sagen.

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