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Graben, digitaler

Ein neuer Drucker muss her. Der alte ist ein Schmierfink. Da braucht es Wochen der Recherche, des Augenscheins und so manchen Customer Journey. Die Qual der Wahl ist gross, aber endlich wissen wir, was wir wollen. Wir schleppen zu zweit ein Riesenpaket heim und stellen es in die Wohnung. Der analoge Teil der Operation «Druckerbeschaffung» ist vollbracht. Nun kommt der digitale Teil.

 

Ich würde lügen, wenn ich behaupte, der sei länger gewesen. Dafür war er irgendwie frustrierender. Die Installation hat uns zwar nur einen Halbtag gekostet, aber wir wurden das Gefühl nicht los, dass wir einfach nur Glück hatten. Weniger Können. Schon gar nicht System. Sondern Trial and Error, viel Internetsuche, Kaffee und Fluchen. Und einmal mehr die Erkenntnis: Wer schafft sowas? Wie viele Menschen in unserer Gesellschaft wären garantiert ausgeschlossen von solchen Manövern? Sind alle im Arsch, die nicht, wie wir, einen Sohn (Informatiker) oder einen Schwiegersohn (Informatiker) als Rückfallposition haben? War das der tiefere Zweck des Kinderkriegens?

 

Sie haben richtig verstanden, ich spreche vom Digitalen Graben. (Und ich schreib den mal gross, das hat er verdient.) Die FDP schaufelt grad wieder mal daran: Sie forderte den Stadtrat unlängst auf zu prüfen, «wie sämtliche Geschäfte mit der Verwaltung elektronisch und aus dem Wohnzimmer heraus, unterwegs oder im Büro verrichtet werden können. Damit soll sichergestellt werden, dass in den Verwaltungs- und Regierungsorganisationen grössere Transparenz entsteht und die sogenannten Customer Journeys der Bevölkerung smart und effizient gestaltet werden». Geil, gell? Opa gestaltet künftig aus dem Wohnzimmer heraus seine Customer Journeys mit dem Steueramt. Sämtliche Behördengänge am physischen Schalter sollen unnötig werden. Der Vorteile sind Legion: «Dadurch entlastet man die Infrastruktur (z.B. öV, Strassen etc.), steigert die Effizienz sowohl bei den Bürgerinnen und Bürger als auch bei der Verwaltung, der Geschäftsverkehr mit der Verwaltung wird papierlos und damit senkt man den CO2-Ausstoss.» Das Grüne Wunder (ich schreibs auch gross) dank Smart City! Leere Strassen! Blühende Landschaften! Und die 30-Stunden-Woche fürs Stadtpersonal, weil das ist nun ja effizient!

 

Ob so vieler Ausrufezeichen wird man schon ein bisschen nachdenklich. Können denn das alle? Wollen das alle? Gab es da nicht noch ein paar andere Menschen? Zum Beispiel die rund 16 Prozent funktionalen AnalphabetInnen, die es bei uns gibt. Die wenig PC-Affinen, die eventuell sogar keinen haben. Die ärmeren, die sich keine Technik für den Customer Journey leisten können. Also gut und gerne zusammengerechnet knapp die Hälfte der Bevölkerung. Das sieht auch die FDP. Generös sagt sie: «Selbstverständlich muss für Einwohnerinnen und Einwohner, welche digital nicht so eloquent [sic!] sind, eine Anlaufstelle geschaffen werden, an der sie entsprechende Geschäfte unter Anleitung ebenfalls erledigen können.»

 

Eine Anlaufstelle, boah ey! Der Opa, wohnhaft in Leimbach, zieht die Schuhe an und fährt nach Seebach. Oder umgekehrt. Dort ist zwar kein Schalter, aber ein Roboter, der ihm das PC-Programm eloquent erklärt.

 

Wie nannte das doch die amerikanische Philosophin Nancy Fraser treffend: Regressive Verteilungspolitik. Verbunden mit den Versprechungen des Fortschritts und einer «emanzipatorischen Fassade». Was als fortschrittliche digitale Emanzipation von analogen Fesseln daherkommt, ist ein schlecht verkapptes Survival of the fittest: Alle anderen sind Beilage.

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Das Private und das Politische

Nachdem nun auch die australische Rechte behauptet, es nütze rein gar nichts, wenn Australien etwas gegen den Klimawandel unternehme, weil Australien doch so winzig und vernachlässigbar sei, müssen wir ein paar Antworten geben. Wenn die Sache nicht so grandios ernsthaft wäre, dass tatsächlich eher Panik angesagt ist statt zurücklehnen, müsste ich lachen: Da fragen doch tatsächlich ein paar – nicht wenige – Leute, die einen Millimeter vor dem Abgrund stehen, ob sie nun wirklich ein Schrittchen zurück machen sollten und nicht eines vorwärts, weil es doch zwei Jahrhunderte gut gegangen sei in dieser Marschrichtung, und ein Schrittchen alleine habe nun wirklich keinen Impact.

Auch meine Studis fragen mich öfters, ob sie jetzt immer noch fliegen dürften und so weiter. Und sie bekommen von mir dann jeweils ein eindeutiges und herzhaftes «kommt darauf an» zu hören. Denn in der Tat kommts auf die Lebensumstände an, denn wenn jemand wenig Wohnfläche besetzt und heizt, kein Fleisch isst, kein Auto fährt, wenig konsumiert etc., dann liegt ein Flüglein alle Jubeljahre durchaus drin. Oder umgekehrt. Es macht also Null Sinn, die einzelne Handlung zu verteufeln, die Wertung von privaten Handlungen bringt nichts. Stellt euch das so vor, dass wir alle bei der Geburt einen Kredit bekommen, quasi ein CO2-Budget, und das dürfen wir dann versauen, wie wir wollen. Zumindest wir in den hiesigen Gegenden. Gilt selbstverständlich nicht für Drittweltländer und MigrantInnen, wo kämen wir denn da hin.

Aber es stimmt auch das Umgekehrte, nämlich, dass Fliegen des Teufels ist. Denn es ist leider so, dass der oder die Einzelne wenig ausrichten kann bei der Rettung der Welt. Aber es ist auch so, dass die eigene Handlung immer noch als Maxime für kollektives Handeln gelten können sollte. Daneben gelten auch fiese Regeln, die mittlerweile wissenschaftlich genügend gut erkundet sind, wie etwa diejenige des Allmendedilemmas, wonach die Maximierung der privaten Rationalität und des privaten Wohls den kollektiven Untergang bewirkt. Bewirken muss. Wenn alle ihre Kühe auf die gemeinsame Allmende treiben, was aus der Sicht einer Einzelperson eine absolut rationale Handlung darstellt, dann wird die Allmende übernutzt und stirbt. Es nützt aber nichts, wenn ich verzichte, denn dann kauft der Nachbar einfach eine Kuh mehr. Das heisst: Wie ich mich auch immer entscheide, es ist immer allerhöchstens second best. Scheisse. Die Allmende ist unter diesen Handlungsanreizen zum Tod verurteilt. Ersetze Allmende durch Klima, et voilà.

Das Private ist politisch. Punkt. Nicht zum ersten Mal erkennen wir das glasklar. Dieses Mal wird das noch unterstrichen durch die Tatsache, dass ich mich alleine tatsächlich nicht klimakonform verhalten kann, selbst wenn ich mir noch so Mühe gebe, denn ich bin Teil einer Verschwenderwirtschaft, ich bin einem Zwangskonsum unterworfen, dem ich mich gar nicht entziehen kann: Die Strassenbeleuchtung brennt auch, wenn ich sie nicht brauche. Daher braucht es den berühmten Systems Change, aber auch Verhaltensänderungen bei uns allen. Selbstverständlich. Das eine wie das andere. Quasi: Fliegt weiter, wenn ihr unbedingt müsst, aber hört auf, das Klima kaputt zu machen.

In knapp zwei Wochen ist grosse Klimadebatte im Zürcher Gemeinderat. Und sie werden am Abgrund stehen, die Klappe aufreissen und behaupten, das bringe ja alles gar nichts. Und sie übersehen, dass die bisherigen Schrittchen, so klein sie auch sein mögen, uns immerhin bis an den Rand des Abgrunds gebracht haben.

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Post Scriptum

Jaa, ich weiss: Ich musste mich schon vor genau einem Jahr über Sie aufregen. Damals hatten Sie ja bereits die Saufrechheit, vom Bund Entschädigungen für die Dürre zu fordern, ohne auch nur den geringsten Gedanken an den Dreck vor der eigenen Haustür. Das war mehr als kühn, denn die Bauernsame ist ja leider klimatechnisch eher ein Teil des Problems als der Lösung. Ich bin mir Unverfrorenheit gewohnt in der Politik, aber – und Sie erlauben, dass ich mich selber zitiere –, nun ist der Fladen aber wirklich am Dampfen, um vokabularmässig im Stall zu bleiben, oder kurz: Ritter, es reicht schon wieder!

Eigentlich wäre es also nicht weiter erstaunlich, wenn Sie ein Jahr später nicht die Spur von Altersmilde zeigen, sondern noch einen Zacken zulegen. Dieses Mal geht es aber ums Wasser, und da hört bei mir die Milde ebenfalls endgültig auf. Es schleckt nun mal keine Geiss weg, dass die Landwirtschaft, aus welchen Gründen auch immer, zur Verschmutzung des Oberflächen- und Grundwassers beiträgt, und zwar massiv. «Die Grundwasservorkommen weisen zunehmend Verunreinigungen auf, die mehrheitlich aus der Landwirtschaft stammen», sagt das Bundesamt für Umwelt dazu. Wenn zu viel Gülle und Mist ausgeteilt wird, reichern sich halt zwangsläufig Nitrate im Wasser darunter an. Das ist bei sage und schreibe 40 Prozent aller Messstellen im Ackerbaugebiet der Fall. Kommt hinzu, dass auch Reste von Pflanzenschutzmitteln oder deren Abbauprodukte zu finden sind, schweizweit bei jeder zweiten Messstelle! Unser Grund- und Trinkwasser ist in Gefahr.

Und was meint der oberste Bauernboss dazu, selber immerhin ja ein Biobauer? Ein ebenso unsympathisches wie faktenfreies «Wir nicht, die andern schon» ist von Ihnen zu hören. Mehr nicht. Schuld sind: Das Bundesamt selber, die Industrie, die Haushalte und die Abwasserreinigungsanlagen, also alle anderen im Land. Super, Ritter! Ganz der verantwortungsbewusste Verbandspolitiker. Die Qualitätszeitung kommentiert: «Selbst für Ritters Verhältnisse ist die Reaktion bissig. Er, ein Biobauer, kämpft um die Existenz der intensiven Landwirtschaft: jener, die mehr als die Hälfte der Nahrung für das Land liefert, 1,5 Millionen Rinder, fast so viele Schweine und über 11 Millionen Hühner.» Und genau da liegt die Sau im Dreck, ums mal so zu sagen: Zu viele Viecher, zu viele Abwässer, zu viel Dünger, zu wenig Land dafür. Und: Auch ein Viertel aller Treibhausgase weltweit werden durch die Agrar- und Forstwirtschaft verursacht. Das alte Lied. Es ist allen bekannt, ausser Ihnen.

Mit einer gewissen Konsterniertheit darf ich zur Kenntnis nehmen, dass ich prophetische Fähigkeiten habe. Vor genau einem Jahr schrieb ich: «Nächstes Jahr sind Wahlen. Sie haben jetzt noch ein paar Monate Zeit, um den Kopf aus dem Misthaufen zu ziehen und zu beweisen, dass Sie sich wirklich für den Bauernstand einsetzen. Wenn’s blöd läuft, machen Ihnen ein paar Murgänge im Herbst und ein paar Lawinen im Winter noch einen Strich durch die Rechnung, aber dann können Sie ja nochmals ein paar staatliche Zuschüsse einfordern.» Und bei allen heulenden Hofhunden: Sie sind auf gutem Weg, sich noch mehr hineinzureiten. Bäuerinnen und Bauern erkennen immer mehr, dass es so nicht mehr weiter gehen kann mit der Viehhaltung, der Landschafts- und Bodenzerstörung, der Gewässerverschmutzung und mit einem Bauernboss, der den Ast, auf dem die Landwirtschaft sitzt, fleissig ansägt, indem er nur beschönigt und abstreitet, anstatt Lösungen zu unterstützen. Mal sehen, was der Herbst bringt.

Markus Kunz

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TINA

Auch wenn die FDP nun kuscht, gibt es dennoch kaum Konsens in der etwas zerredeten Klimadebatte. Ausser vielleicht einem, der allerdings entscheidend ist, nämlich: «So wie bisher geht es nicht mehr weiter.»

 

Das gilt zum ersten ökologisch, wo quasi Margaret Thatcher gilt, that There Is No Alternative to the Vermeidung of the Klimahorror, um es mal in Maurerschem Neudeutsch zu sagen. Es interessiert weniger, ob eine Massnahme mehr oder weniger zur Verhinderung oder Linderung der Klimafolgen beiträgt, es gilt alleine zu verhindern, dass die Massnahmen kontraproduktiv sind (Elektromobilität!) oder dass sie übermässig Mittel binden. Deswegen gleich das Hohelied auf Kompensationsmassnahmen im Ausland zu singen, ist manchmal ein verlogenes Ablenkmanöver, was aber nicht heisst, dass es sachlich im Einzelfall nicht berechtigt sein kann, denn es heisst ja «netto Null», nicht brutto. Es gibt da sogar einen Fall, bei dem ich lieber heute statt morgen eine Wirkung im Ausland hätte, nämlich wenn es darum geht, die Investitionen Schweizer Unternehmen in fossile Energien weltweit rigoros abzuklemmen. Hier hätten wir in der Tat ein gigantisches Kosten-Nutzen-Verhältnis.

 

Womit wir, zum zweiten, beim lieben Geld wären, denn, wie schon der britische Ökonom Nicholas Stern 2006 nachgewiesen hat, geht es nicht mehr weiter wie bisher, weil es am teuersten ist, wenn wir nichts tun. Die Vermeidungskosten werden logischerweise immer höher, je länger man zuwartet, und die Adaptionskosten explodieren. «Nur nichts tun ist billiger» zieht hier also genau nicht, ist aber die Devise der Ewiggestrigen. Schon klar, die verteidigen ihre klimavernichtende Wirtschaft. Und es mag sogar stimmen, dass die Umbaukosten für die Wirtschaft erklecklich sein werden, aber das ist eine überflüssige Bemerkung, denn «die Wirtschaft» baut sich andauernd um (und ist stolz darauf, die nennen das Innovation, Strukturbereinigung, usw.), das heisst, wir haben es eigentlich mit einem Mitnahmeeffekt zu tun, nur, dass das für einmal einer ist, der die Wirtschaft in die richtige Richtung mitnimmt.

 

Drittens gilt der Grundsatz, dass es so nicht mehr weitergehen kann, auch sozial, denn der heutige Zustand ist am allerungerechtesten – global, weil die anderen absaufen und wir nicht, lokal, weil es ja nicht sein kann, dass man das Privileg verteidigt, das Klima mit Billigflügen zu versauen, bloss das Privileg mittlerweile allen zukommt. Das ist kein sozialer Fortschritt, sondern ein Holzweg. Mal ganz abgesehen davon, dass es lachhaft ist, wenn im Rahmen der Klimafrage nun plötzlich das Wort «Sozialverträglichkeit» bei der CVP oder der SVP auftaucht.

 

Der Einwand, dass Kostenwahrheit Menschen in Bedrängnis bringen kann, ist aber berechtigt. Daher muss etwa eine CO2-Abgabe nicht nur saftig, und damit lenkend sein, sondern auch an die Bevölkerung zurückerstattet werden. Zweitens plädiere ich dafür, nicht die vereinzelten Sektorpolitiken gegeneinander auszuspielen. Armutsbekämpfung kann nicht unter Preisgabe unserer Energie- und Klimaziele realisiert werden, phantasievollere Ansätze wären nötig: Warum zum Beispiel sollten wir, analog zu den Prämienverbilligungen oder zu den AHV-Ergänzungsleistungen, nicht eine «ökologische Ergänzungsleistung» einführen, die es auch ärmeren Menschen erlaubt, Solarstrom, LED-Leuchten oder Minergie-Mietzinsen zu bezahlen? Geld dafür haben wir genug: 13 Milliarden Franken schaufeln wir heute jährlich ins Ausland für fossile Energien. Die wären in der Schweizer Gesellschaft besser investiert.

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Auf ein Neues!

Ich freue mich schon auf den grossen Streik. Das wird ganz bestimmt eine überwältigende Sache. Schon letztes Mal war’s toll. Obschon ich das eigentlich nicht so richtig behaupten kann, denn erstens ist es schon eine Weile her und zweitens war ich an diesem Tag in einem Hort beschäftigt. Zum Glück kam nur die Hälfte der Kinder, ich hätt’s sonst wohl nicht überlebt. Und ja, vermutlich war die Aushilfe, sagen wir mal: halblegal, aber es war der Hort, in den auch meine Kinder gingen und die Aktion war den Eltern bekannt.

 

Es gibt ja genug Gründe zum Streiken. Und genug unterschiedliche Streikformen, so dass sich alle beteiligen können. Es ist erschütternd, dass die Anzahl Gründe seit 1991 nicht abgenommen hat, ganz im Gegenteil. Die «feministische fakultät» hat dazu ja ein paar aktuell aufbereitete Zahlen geliefert: 100-248-1. Heisst: 100 Milliarden Franken Lohnverlust für die Frauen, pro Jahr notabene, wegen tieferen Löhnen; 248 Milliarden Lohnverlust pro Jahr wegen unbezahlter Carearbeit – und 1 Milliarde ist die Anzahl unbezahlter Arbeitsstunden alleine in der Kinderbetreuung. Damit Sie eine Vergleichsgrösse haben: 2017 betrug das BIP im Land 668 Milliarden Franken. Wichtig sind solche Zahlen auch wegen der Debatte über die Altersvorsorge, die nach der leider angenommenen STAF-Vorlage schon wieder gewaltig in die falsche Richtung läuft. Denn, und das ist alles andere als neu, all dieses Geld fehlt nicht nur im Arbeitsleben, sondern natürlich auch und besonders danach. Dass unsere Verfassung bezüglich den Zielen der Altersvorsorge etwas anderes vorschreibt, dieser fortwährende Verfassungsbruch ist alleine schon ein Streik wert. Und dass die andauernde Ausblendung des grössten Brockens in der nationalen Ökonomie, der Carearbeit, zu massiven Verzerrungen in den Modellen und Argumentationen in der Politik führt, ist extrem ärgerlich, nicht nur für Frauen.

 

Was nichts kostet, ist nichts wert. Das gilt auch und ganz besonders für die unbezahlte Arbeit. Deswegen ist ein Streik die richtige Massnahme. Streiks sollen ja nicht zuletzt zeigen, was passiert, wenn die als selbstverständlich angenommene Dienstleistung ausbleibt. Es ist dabei nicht von Bedeutung, ob wir uns die überhaupt leisten können. Wir tun es ja, nur einfach mit dem Haken, dass diejenigen, welche diese Arbeit verrichten, nicht gefragt werden. Als Dank schwafeln wir dann von einer Verlängerung des Arbeitslebens auch bei Frauen auf 65 und faseln dabei auch noch von einem ‹Kompromiss›.

 

Diese Debatte läuft wirklich gewaltig schief, auch bei den Linken, bis hinauf zum Bundesrat. Und besonders ärgerlich ist dabei, dass es ja eine Lösung gäbe, die vergleichsweise geradezu fair ist, einfach umsetzbar, sofort wirksam, zudem sozialverträglich und gut für den Generationenvertrag, und wenn Sie’s unbedingt brauchen, sogar liberal: Eine Erbschaftssteuer 2.0.

 

Klar, die Sache hat einen kleinen Haken, sie wurde schon einmal vom Volk abgelehnt. Aber wenn wir alles sogleich begraben würden, was schon mal abgelehnt wurde, könnten wir uns die Gleichberechtigung ohnehin ans Bein streichen. Wobei ok., die wurde nie abgelehnt, sondern nur einfach nicht umgesetzt. Dennoch: Eine Erbschaftssteuer könnte den gordischen Knoten unserer verlogenen Altersvorsorgedebatte durchschlagen. Ich hoffe fest darauf, dass jemand einen zweiten Anlauf unternimmt und dem Trauerspiel ein Ende bereitet. Vielleicht ist der Frauenstreik ja der Beginn einer wunderbaren Entwicklung. Zeit wärs.

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5G

Die NZZ widerspricht sich gerne und oft. In der Regel, weil die eine Hand nicht weiss, was die andere schreibt. Beim Mobilfunkstandard 5G ist es gar ein donnernder Leitartikel, der eine ominöse Front von Konservativen und «Linksalternativen» (hä?) gegen 5G senkelt, während hinten, unter «Literatur und Kunst», ein lesenswerter Beitrag über Hans Jonas und die ethische Herausforderung moderner Technikentwicklungen abgedruckt ist.

 

Ich sags gleich offen, ich bin kein 5G-Anbeter. Ich bin geprägt durch die Debatte der 80er-Jahre, die wiederum geprägt ist durch den Begriff des Vorsorgeprinzips. Dieses ist ganz einfach: Es widerspiegelt die Einsicht, dass sich viele moderne und hochproblematische Entwicklungen den Anforderungen und Mechanismen einer naturwissenschaftlichen Beweisführung entziehen. Viele Phänomene, vom Klimawandel bis zum Artensterben, aber eben auch technische Dinge, wie etwa die Wirkungen von 5G auf Lebewesen, bewegen sich in ihrem Ausmass wie in ihrer Kausalität ausserhalb der uns geläufigen Laborbedingungen. Wir können ihre Schädlichkeit erst erkennen, wenn sie bereits eingetreten ist. Wir können ihre Gefahren nur sehr beschränkt simulieren oder im Labor erproben, und damit können wir keine Voraussagen über die Auswirkungen machen. In den Worten von Jonas: «Wir wissen erst, was auf dem Spiele steht, wenn wir wissen, dass es auf dem Spiele steht.» Und auf eine solche Unsicherheit kann man ethisch sauber eigentlich nur mit Vorsorge reagieren. Es müsste eine Handlungsweise zur Anwendung kommen, die, gemäss Jonas, der Unheilsprophezeihung mehr Gehör gibt als der Heilsprophezeihung. Tut man das nicht, so führt man die Laborversuche zwar auch durch, aber im freien Feld und am lebenden Objekt.

 

Zu rechtfertigen wäre das nur, wenn die Vorteile ganz gewaltig überwiegen würden. Und da wirds politisch, denn die Vorteile sind bisher nur von den ökonomisch motivierten, da hoch investierten Anbietern behauptet worden. Niemand weiss, welchen Segen 5G bringen wird, alles sind vorderhand Versprechungen. Daher ist es auch folgerichtig, dass der NZZ-Leitartikel im Grunde nur die Investitionen und den (behaupteten) Wettbewerbsvorteil verteidigt. Kritik an 5G sei wirtschaftsschädigend, ob 5G umweltschädlich ist, ist nicht wichtig. Es ist zwar richtig, dass ein leistungsfähiges Mobilfunknetz eine wesentliche Voraussetzung für manche technische Anwendung wie das Internet of Things oder den automatisierten Verkehr ist. Aber seien wir ehrlich: Eine gesellschaftliche Debatte darüber, wie erwünscht solche Entwicklungen sind, was sie uns bringen, wem sie etwas bringen und was die Auswirkungen sind, hat noch in keinster Weise stattgefunden. Stattdessen gilt einmal mehr: Wir können das, also tun wir das. Dass übrigens beide Entwicklungen wesentlich mehr Zeit benötigen werden, um sich durchzusetzen, ist ein offenes Geheimnis. Aber schon klar: Die Gewinne, die sich die Mobilfunkanbieter versprechen, müssen ab morgen erfolgen, nicht erst in 10 Jahren.

 

Das Potemkinsche Dorf hat einen Namen: Fortschritt − was eigentlich erstaunlich ist. Eine Nachhaltigkeitsdebatte, die zuerst eine Bedürfnisklärung anstrebt und erst danach die Frage angeht, wie dieses zu decken sei, damit wir nicht andauernd über die negativen Effekte des technokratischen Fortschritts reden müssen, sollte eigentlich schon lange Standard sein. In den 80ern hiess das, «Vorsorgen ist besser als nachsorgen», aber gemeint war dasselbe. Und dass gerade politische Kreise völlig unpolitisch argumentieren, wenn es um die Einführung neuer Technologien geht, ist bedenklich. Der Nutzen von 5G liegt, bis zum Beweis des Gegenteils, ausschliesslich bei den anbietenden Grossfirmen. Der Rest sind Erzählungen von einer rosigen Zukunft, in der euer Kühlschrank schlauer und euer Auto autonomer ist als ihr es jemals sein werdet.

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Zehn Jahre Zeit

Neulich war ich im Kunsthaus. Dort feiern sie 50 Jahre Mondlandung mit einer Ausstellung, die ich mal höflich mit «eklektizistisch» bezeichnen möchte. Man kann auch sagen: Chrüsimüsi. Aber auch das war durchaus geeignet, um Erinnerungen zu wecken.

 

An diesem Tag im Juli 1969 gingen wir alle zu Baltensbergers in den ersten Stock, weil die waren die einzigen im Haus, die «einen Fernseh» hatten. Sechs Mietparteien quetschten sich in Baltensbergers guter Stube vor den Tivi und guckten Mondlandung, kommentiert von Bruno Stanek, dem einzigen Raumfahrtexperten in der Schweiz, und selbstverständlich in schwarz-weiss und, aus der Entfernung eines halben Jahrhunderts geschätzt, mit einer Bildschirmdiagonale wie euer Laptop heute. Wenn ich jetzt die Bildli der Mondlandefähren betrachte, so zusammengelötete Dinger aus Stahlröhren, Alufolie und jeder Menge von Kabelsalaten, staune ich, dass überhaupt jemand freiwillig in so ein Teil eingestiegen ist. Vielleicht war’s ja doch nur eine Inszenierung in einem Hangar. Aber wie auch immer: Wir sassen vor der Glotze und hörten Armstrong dabei zu, wie er den Satz quäkte, den ihm ein Werbebüro aufgeschrieben hatte, vom kleinen Schritt von ihm und dem grossen für die Menschheit. Wir waren begeistert.

 

1969 war die Schweiz noch knapp nachhaltig, das heisst, sie ging gerade daran, es nicht mehr zu sein. Viele Indikatoren weisen darauf hin, etwa der Gesamtenergieverbrauch, und der Fussabdruck scheint in der Tat noch bei 1 gelegen zu haben. Allerdings ist das eine gewagte Behauptung, denn entsprechende Daten waren ja noch Mangelware. Dennoch darf ich sagen, dass ich aus einer nachhaltigen Generation stamme und nicht aus der Höhle, oder wenn schon, aus einer ölbeheizten, mit Schwarzweiss-TV. Aber schon da war natürlich schon lange nicht mehr alles im Lot.
Bereits 1962 war das Buch von Rachel Carson erschienen, Silent Spring, das als Start der Umweltbewegung bezeichnet wird, über den Einsatz von Umweltgiften, die bis heute (!) ein ungelöstes Problem darstellen. Und 1968 veröffentlichte die Apollo-8-Mission ihr ikonisches Bild der blauen Erdkugel, die aus dem Weltall aufsteigt. Ab da ging’s los mit der Mutter-Erde-Romantik, Pachamama hier, Gaia dort, alles in groteskem Kontrast zur ebenfalls startenden Ausbeutung der ach so zerbrechlichen Erde, Scheiss drauf: Die Vulnerabilität von Mutter Erde hat noch nie jemanden ernsthaft interessiert, zuallerletzt den Kapitalismus. Der hat seither jede Menge Instrumente und Anreize geschaffen, um die zarte Kugel auszubeuten, aber kein einziges, um sie nicht auszubeuten. Vom Markt sind keine Signale für die Weltrettung zu erwarten.

 

50 Jahre. Nichts gemacht, um die Welt auf nachhaltige Bahnen zu lenken. Auf den Mond fliegen können sie, aber die Weltrettung überlassen sie Greta. Natürlich hat auch das Kunsthaus, in seinem Sammelsuriumseifer, das Kennedy-Zitat ausgegraben, das er im Mai 1961, sechs Wochen nach dem Gagarin-Coup der Sowjets, von sich gab: Innert zehn Jahren solle ein US-Amerikaner den Mond betreten. «Es ist an der Zeit, dass diese Nation eine klare Führungsrolle im Weltraum einnimmt.» Damals haben die Bürgerlichen irre applaudiert und sich vor Freude eingenässt über den Pfundskerl, der eine solch wunderbare Utopie formulierte. Wenn man ihnen heute sagt, man wolle innerhalb der nächsten zehn Jahre auf Netto Null bei den CO2-Emissionen, nässen sie sich schon wieder ein. Dieses Mal vor Angst. Es ist an der Zeit, dass wir eine klare Führungsrolle bei der Ökologisierung der Welt einnehmen.

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By design or…

Und schon wieder ist es passiert. Einerseits das mit einem Grünen Regierungsrat namens Martin. Bloss, dass er gekommen ist um zu bleiben. Und andererseits haben SP, GLP, AL, EVP und Grüne gemeinsam eine dringliche Motion eingereicht, mit der der Stadtrat dazu verpflichtet wird, Zürich innert nützlicher Frist CO2-neutral zu machen. Dazu muss er eine Vorlage ausarbeiten, die sagt, bis wann und ungefähr wie, und diese muss in einer Abstimmung bestehen. Und wenn das passiert ist, dann geht’s los. Der Weg wird ein weiter sein, aber gemäss Volksmund beginnt jeder noch so lange Weg mit dem ersten Schritt. Und den haben wir nun gemacht.

 

Wie wir es machen? Ich hab da so meine Ideen, aber die interessieren hier kaum. Denn der Weg ist klar: Fossile Energien ersetzen, und zwar alle, siehe Gletscherinitiative, nur schneller. Womit auch klar ist, dass die Zukunft des motorisierten Individualverkehrs nicht im Fossilmotor liegt. Zweitens: Rigorose Kreislaufwirtschaft. Die Jungen Grünen sind dran mit ihrer Volksinitiative. Drittens: Konsumverhalten umkrempeln. Ich setze vorerst mal auf die Volksinitiative zur Abschaffung der Massentierhaltung. Viertens (und das hören nicht alle gern): Wir fordern ja auch in der Stadt Zürich weise nicht einfach nur den Ausstieg aus dem fossilen Zeitalter, sondern «Netto Null». Das berücksichtigt, dass man auch in Zukunft fossile Energieträger einsetzen wird – wohl nur schon in der Kunststoffindustrie –, die aber zu kompensieren sind. Das Zauberwort heisst: Senke. Teils Technokratie, wenn es darum geht, CO2 aus der Luft zu filtern, teils Biologie, etwa beim Aufforsten. Leider wird dazu die Stadt Zürich nicht viel beitragen können, denn wir haben weder Platz für mehr Wald noch für mehr Humusflächen, beides excellente CO2-Senken. Aber wir sind eine Stadt, und damit stellt sich die Frage nach der Kompensation fuori le mura. Heikel.

 

Ich werde dieser Tage oft gefragt: Bedeutet das Verzicht? − Nun, ich ziehe dann jeweils die Riemchen meiner Sandalen stramm, zupfe meinen selbstgestrickten Wullipulli zurecht und hoffe, man rieche es nicht, wenn mein Atem beim Antworten verrät, dass ich seit 10 Jahren dieselbe Zahnbürste benutze, und ich sage dann: Kommt ganz auf dich an! Wenn wir, nach Abschaffung der Massentierhaltung, nur noch 10 Prozent so viel Fleisch zur Verfügung haben, ist das für alle VegetarierInnen kein Verzicht, für die Fleischfresser schon. Wenn das Fliegen 100mal mehr kostet als heute und man sich echt was überlegen muss bei der Ferienwahl, dann ist das für mich kein Verzicht, für andere schon. Und wenn ich dafür kostenmässig gradestehen muss, dass ich pro Jahr 250 Kilo Nahrungsmittel waste, dann… ich sehe, Sie haben es begriffen. − Verzicht ist eine ideologische Kampfparole der Verschwender. Verzicht ist subjektiv, also wertend, also nur gerade tauglich für die rhetorische Schlacht, die sich darum drückt, vernunftbasiert die Frage zu beantworten, was wir wirklich brauchen. Und nicht, was wir auch noch kaufen und fortwerfen könnten. Von daher bin ich gelassen. Das Leben mit «Netto Null» wird ein anderes sein, aber es wird genauso fein wie heute sein. Denn, es gilt immer noch: TINA. There Is No Alternative. Weil, Netto Null gibt es nur auf genau zwei Arten: by design or by desaster.

 

Und so haben wir ihn also gemacht, den ersten Schritt. Ich bin sehr erleichtert. Ich bin ungeheuer gespannt. Ich schreibe dies am ersten Geburtstag meiner Enkelin, und ich freue mich jetzt schon auf ihren achtzehnten. Dann werde ich ihr erzählen, wie wir das Desaster gerade noch knapp vermieden haben.

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Stillstand

Zu Zeiten, als das Träumen noch half, sagte sich BüBü, ach komm, lass es uns doch machen wie die Linken in der Stadt, behaupten wir einfach, es gehe uns gut. Und siehe da, flugs hing das so an allen Plakatwänden, und BüBü strahlte über alle zehn Bäckchen. Bloss hatte es übersehen, dass man eine solche Behauptung auch mit ein paar Fakten stützen sollte, so wie in der Stadt. Denn wenn man, wie Bübü im Kanton, derart versagt, braucht es etwas mehr als Träume. Fakt ist: Wir haben Stillstand im Kanton. Sage nicht nur ich. Sagt zum Beispiel auch die TA-Chefredaktorin. Nur BüBü tut so, als wenn der Elefant, der im Zimmer herumtrampelt, ein rosa Mäuschen wäre.

 

Ein paar Zahlen aus der Statistik (wobei leider nicht überall brandneue Zahlen verfügbar sind): Die Sozialhilfequote stagniert seit zehn Jahren, die Bezügerquote der bedarfsabhängigen Sozialleistungen stieg leicht an. Auch die Quote der Personen, die Ergänzungsleistungen beziehen, sinkt nicht. Kurz: Die Armut verringert sich im Kanton nicht, es geht nicht allen gut. Das spiegelt sich auch beim steuerbaren Einkommen wieder, dessen Median seit ebenfalls 10 Jahren so ziemlich stagniert. Die Arbeitslosigkeit schwankt zwar sehr stark, wird aber im Schnitt nicht geringer, im Gegenteil, bei den Werktätigen (15-65 Jahre) steigt sie sogar leicht. Kunststück: Die Anzahl neu geschaffener Stellen stagniert ebenfalls.
Im Umverteilen nach oben sind Parlament und Regierung allerdings meisterhaft: Der Gini-Koeffizient, Mass der Ungleichverteilung, ist in den letzten Jahren gestiegen und liegt über dem Schweizer Durchschnitt. Kein Wunder, wurden ja das Steuersubstrat in den letzten Jahren um über 1,2 Milliarden Franken pro Jahr reduziert, was aber nicht den Armen oder dem Mittelstand zugutekam, sondern denjenigen, die es nicht nötig haben. Damit erklärt sich von alleine, dass dieses Geld dann in der Staatskasse fehlt und den Kanton zu Sparübungen zwingt, wobei dann groteske Dinge passieren, wenn etwa mutige Sparvorlagen geschnürt werden, die dann später wieder kleinlaut abgelehnt oder wie im Fall «Schiffsfünfliber» rückgängig gemacht werden. Betrachtet man übrigens den Gini beim Vermögen, so stehen einem die Haare zu Berge: So besitzen weniger als drei Prozent der Personen 50 Prozent des Vermögens im Kanton, und nein, es ist kein Trost, dass wir im interkantonalen Vergleich damit noch gut wegkommen.

 

Aber he ja, wie soll es Zürich auch gut gehen, wenn die wichtigsten Standortfaktoren systematisch verschlechtert werden: Bildung, Gesundheitswesen, Kultur, Umwelt. Der Nettoaufwand für die Bildung stagniert seit bald 10 Jahren, derjenige für Kultur seit 20 Jahren. Seit gar 30 Jahren stagniert er bei den Aufwendungen für die Umwelt, wobei diese in den letzten 5 Jahren sogar massiv gesunken sind. Und dass die Gesundheitskosten nicht im Griff sind, dafür die Prämienverbilligung fortwährend unter Beschuss, pfeifen die Spatzen von den Dächern.

 

Schliesslich gibt es einen Riesenhaufen von ungelösten Problemen, deren Lösung BüBü furzegal ist: Flughafenlärm, Autostaus, Atomlager, Deponien, Lärmschutz, Pestizidbelastung, Zersiedelung, Mikroplastik im Trinkwasser, Ausstieg aus der fossilen Wirtschaft, und so weiter. BüBü hat es nicht einmal geschafft, ­innerhalb von fünf Jahren das Raumplanungsgesetz fristgerecht umzusetzen. Nun steht Zürich auf der schwarzen Liste des Bundesrates und unterliegt einem Einzonungsmoratorium…
Stillstand und Rückschritt. Nichtstun und Arroganz. Phantasie- und Einfallslosigkeit den grossen Problemen gegenüber. BüBü träumt weiter. Ach komm, zum Glück sind ja bald Wahlen.

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Spitalstrategie

Ich war in meinem ganzen Leben noch nie länger als einen halben Tag im Spital, also «ambulant». Soeben hab ich «stationär» nachgeholt. Zwei Wochen im Unispital sind, nun ja, sagen wir mal: äusserst lehrreich.

 

Das Hauptgebäude ist zwar wirklich schön, aber am Ende der Lebensdauer und sowas von unpraktisch. Man sollte es abreissen und durch etwas ersetzen, das auch schön ist – Wir schaffen das! –, aber zudem funktional. Es muss für die PatientInnen funktionieren, aber vor allem fürs Personal, denn darum geht es. Ich verstehe wirklich nicht, warum man dem Denkmalschutz auch nur einen Hauch Mitspracherecht gibt – der sollte einfach mal ein paar Tage hier Bettpfannen leeren, und die Sache sähe wohl anders aus. Ein Land, das sich solche Blinddärme wie den Denkmalschutz leistet, ist krank. Genauer: Meinetwegen soll er sich für alte Villen in schönen Parks einsetzen, aber doch nicht für Funktionalbauten!

 

Zweitens: Das Personal. Hier ist die Diagnose sowas von klar: Es arbeitet am Limit. In der Regel drüber. Hektik, Stress, Überstunden, Überbelastung, und danach das Ganze wieder von vorne. Und dabei immer geduldig, empathisch und nett bleiben. Aber keine, die ich darauf anspreche, ist zufrieden mit der Lage (es sind, natürlich, fast alles Frauen). Ich wünsche wirklich von ganzem Herzen allen Bürgerlichen, die – nicht nur bei den Stadtspitälern – dauernd vom Sparen reden, einfach mal einen saftigen geplatzten Blinddarm. Dann dürfen sie da am Tropf liegen, warten, bis die Pflegerin aufs Läuten reagiert, und zusehen, wie sie, nach getaner Arbeit wieder losrennt, wobei ihr Pager schon vorher bereits ein halbes Dutzend Mal gesummt hat und ihre Bewegungen zunehmend leicht hektischer wurden. Wir reden dabei nur von den allerwichtigsten Verrichtungen wie Wundpflege, Vitalfunktionen aufnehmen oder Spritzen setzen. Wir reden nicht von Hilfe beim Duschen – machen Sie das mal zu Hause übungshalber verkabelt mit einem Infusionsständer als Begleiter, aber legen Sie sich vorher noch ein paar Drainagen, sonst ist das zu leicht –, noch beim Ankleiden, und schon gar nicht reden wir von weiteren, eigentlich äusserst wichtigen Tätigkeiten, wie etwa dem Gespräch mit den in der Regel verunsicherten und verängstigten Patient­Innen, die der ganzen riesigen Maschinerie ausgesetzt sind und eigentlich sowas wie eine Übersetzungshilfe benötigen, um nicht völlig als reine Objekte unterzugehen. Was ich alleine in den paar wenigen Tagen an verkorksten Kommunikationssituationen erlebt habe, geht auf keine Kuhhaut: Von der «instant» Operationseinwilligung in einer Minute bis zu pflegerischen Entscheiden in drei Minuten mit Konsequenzen allenfalls fürs ganze Leben – der reinste Wahnsinn. Der reinste Normalfall hier.

 

Es bräuchte dringend viel mehr Personal. Qualifiziertes Personal. Was wiederum davon abhängt, wie viel Zeit man in die Ausbildung investieren kann. Wir müssen zudem dringend aufhören, betriebswirtschaftliche Kriterien in der Spitalpolitik anzuwenden. Auch mir stehen die Haare zu Berge, wenn ich sehe, welche Materialschlachten hier geliefert werden, wie viel Plastik verschleudert, wie viel Einwegbesteck aus Metall weggeworfen wird. Aber das hat nun mal seine (Hygiene-)Gründe, und genau solche Kriterien bestimmen das Leben hier: Gesundheit wiederherstellen, Lebensqualität für PatientInnen aufbauen, Arbeitsplatzqualität erhalten. Das kostet. Soll es auch.

 

Ach ja, und Betten hat es hier übrigens viel zu wenig. Das heisst, bei den Privatpatienten soll es Leerstände haben, hört man…

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