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Einfach Wohnen

Zweimal im Jahr spielen sich eigenartige Szenen im Zürcher Ratssaal ab, beim Budget und bei der Abnahme des Geschäftsberichts der städtischen Wohnbaustiftung, die 2013 unter dem programmatischen Titel «Stiftung für bezahlbare und ökologische Wohnungen» vom Volk mit überwältigender Mehrheit angenommen und daraufhin gegründet worden war. Ratsdamen und -herren von links bis rechts geraten in Wallung und versuchen, den Geschäftsbericht, der nur zur Kenntnis genommen werden kann, nicht zur Kenntnis zu nehmen, was etwa ähnlich effektiv ist, wie wenn ich den Klimawandel bekämpfen wollte, indem ich den Hitzesommer nicht zur Kenntnis nehme.

 

Werfen wir einen Blick zurück auf die Geschichte dieser Stiftung. 1983 setzte die UNO eine Kommission für Umwelt und Entwicklung ein. Das Revolutionäre dieser Kommissionsarbeit war schlicht und ergreifend, diese beiden Begriffe zusammenzudenken. Sie stellte in ihrem Bericht «Our Common Future» fest, «dass kritische, globale Umweltprobleme hauptsächlich das Resultat der grossen Armut im Süden und der nicht nachhaltigen Konsum- und Produktionsmuster im Norden sind. Er verlangt somit eine Strategie, die Entwicklung und Umwelt zusammenbringt. Dies wird mit dem heute geläufigen Begriff ‹sustainable development› umschrieben», wie beim Bundesamt für Raum­entwicklung nachzulesen ist. Damit wurde der Hauptwiderspruch der globalen Politik, der Grundkonflikt zwischen Entwicklung und Umweltkonsum bzw. -belastung gültig formuliert und 1992 an der Konferenz in Rio auch weltweit anerkannt. Ausser in Nordkorea, in der NZZ und im Ratshaus.

 

Bricht man diesen Widerspruch herunter auf das Thema Wohnbau, wird das Problem sofort klar: Bausubstanz muss regelmässig erneuert werden. In der Schweiz passiert das mit einer Rate von knapp zwei Prozent pro Jahr, also langsam, aber eben oft zu schnell. Bauen wie Erneuern bringt potenzielle Nachteile: Es verändert die soziale Struktur in den betroffenen Räumen und es belastet die Umwelt. Ökonomisch gesehen ist Erneuerung allerdings langfristig vorteilhaft und materiell schlicht unumgänglich. Selbstverständlich kommt es dabei darauf an, wie man es macht – aber zentral bleibt die Erkenntnis, dass jede Erneuerung einschneidende Veränderungen bringen kann. Das sehe ich auch bei einer der Genossenschaften, in denen ich Mitglied bin. Sie gibt sich enorme Mühe, Erneuerungsprozesse sozial- und umweltverträglich ablaufen zu lassen und kann Verwerfungen dennoch nicht ganz vermeiden.

 

Die bittere Wahrheit ist, dass wir immer noch nicht wissen, wie man das optimal macht. Die Forschung hat riesige Fortschritte beim ökologisch und energetisch vorbildlichen Bauen erreicht und viele Bauträger wissen auch, wie man sozialverträglich baut. Aber es schleckt keine Geiss weg, dass jede Erneuerung… siehe oben. Und genau hier setzt die Idee zu einer neuen Stiftung an, eine Stiftung, die unter demselben Druck und denselben Bedingungen, denen auch andere Bauträger ausgesetzt sind, herausfinden soll, wie das geht – ganz einfach, weil dies im Stiftungszweck steht, und bei allen anderen nicht. Dies tut dringend Not: Wir müssen herausfinden, wie man Stadterneuerung macht, die den Ansprüchen an Umwelt- und Sozialverträglichkeit genügt und ökonomisch bewältigbar ist – unserer Stadt zuliebe, aber auch mit Blick auf die globale Entwicklung, in der ja immer mehr Menschen in Städten leben. Nun hat «Einfach Wohnen» endlich Fahrt aufgenommen und liefert erste Resultate. Ich bin froh, dass es sie gibt. Politisches Gewäffel hin oder her.

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Friss oder stirb unfair

Ideologisch sind immer nur die anderen. Und erziehen tun immer nur die anderen. Schon klar. Mein Barmherzigkeits-Gen wird grad wieder mal aufs Äusserste strapaziert, wenn ich an all die armen Leute denke, welche nach Annahme der beiden Ernährungsinitiativen gesund und fair essen müssen. Nicht dürfen. Müssen. Allerdings – und ich trockne meine Tränen – wird auch mein Verstand arg strapaziert.

 

Erstens durch den Vorwurf, die InitiantInnen wollten die Menschheit gängeln. Ich hör das oft, denn es ist die sprachgewordene Bankrotterklärung von Leuten, denen die Sachargumente ausgehen. Nur, der Vorwurf kann gar keiner sein. Politik ist die Kunst, seinen Einfluss geltend zu machen. Politische Macht ist die Fähigkeit einer Person oder Interessengruppe, auf das Verhalten und Denken anderer einzuwirken. Könn’ Sie bei Wikipedia nachlesen, wenn Sie’s nicht glauben. Und Erziehung? Schlagen Sie selbst nach. Sie werden staunen. Mit anderen Worten: Wir wären schlechte PolitikerInnen, wenn wir nicht einen möglichst grossen Einfluss ausüben wollten. Der Vorwurf macht demnach etwa so viel Sinn, wie wenn ich dem Bäcker vorwerfe, Brot zu backen.

 

Zweitens durch Inkompetenz. Sogar unser Bundespräsident ist sich nicht zu schade zu kolportieren, dass die armen Leute sich gar kein bio und fair leisten könnten. Schöner könnte man die Perversion einer Nahrungsmittelproduktion gar nicht beschreiben, welche die Leute zwingt, aus Armut andere Menschen noch ärmer zu machen. Daneben fehlt es aber auch an politischem Sachverstand, denn man soll nicht Sektorpolitiken miteinander vermischen: Wenn die Ernährungspolitik bewirkt, dass Nahrung teurer wird, weil sie gesund und fair produziert wird, weil in diesem Sektor also getan wird, was getan werden muss, dann muss die Sozialpolitik mithalten und dafür sorgen, dass die Menschen sich das auch leisten können. Dreht man die Logik um, kommt heraus: Wir müssen die Bauern und die Natur ausbeuten, damit die Nahrung billig bleibt und wir ja keine Mindestlöhne einführen müssen. Wir erzeugen Working-Poors in der Landwirtschaft im In- und Ausland, damit unsere anderen Working-Poors sich gesunden Food leisten können. Super. Ach und übrigens: Derselbe Bundespräsident sagt nur wenige Tage später, Armut sei in so einem reichen Land wie die Schweiz nicht akzeptabel. Genau. In der Schweiz. Da bleibt einem doch glatt die durch marokkanische Wandersklaven produzierte Pestizidtomate im Hals stecken.

 

Drittens durch die Moralkeule. Sie wird grad wieder mal kräftig geschwungen, vielleicht, weil eine der Initiativen das Wörtchen «fair» im Titel führt. Dabei sagt der Vorwurf, Konsumentscheidungen seien heute mit Moral aufgeladen, viel aus über die Vorwerfer, aber wenig über die Sache. Denn es geht nicht um Ethik, sondern um Ratio. Es ist schlicht vernünftig, die Umwelt nicht zu vergiften, die Böden für unsere Nahrung nicht kaputt zu machen, das Wasser, welches wir für die Nahrungsmittelerzeugung benötigen, nicht zu verschmutzen, Lebensmittel nicht zu verschwenden, die Massentierhaltung abzuschaffen und die Menschen, welche auf unseren Äckern den Rücken krumm machen, einen Lohn zu bezahlen, der ihnen zum Leben ausreicht. Dass es zugleich auch noch fair ist, umso besser, aber im Vertrauen gesagt: Dem Rüebli ist es sowas von egal, ob es mit oder ohne Herbiziden gewachsen ist, da kommen Sie mit Moral nicht viel weiter. Mit Vernunft aber kommen Sie auf bio. Richtig Unerzogene stimmen daher einfach Ja.

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He! Sie! Ritter!

Wir sitzen da also abends auf der Piazza del Quarto Novembre, (Bosa, Sardegna), hören zu, wie ein klappriger Jüngling mit Hilfe von Laptop und Synthie ein Platzkonzert gibt (Canzoni, tadellos geschnulzt), und schauen der bosanischen Jugend beim Flirten zu. Da erzählt mir S., die auf dem Telefonino Zeitung liest, dass das Schweizer Militär in Unterwasser, Toggenburg, mit dem Heli Wasser auf die Alpweide transportiere, damit die Kühe dort nicht elendiglich verdursten. Nicht, dass sowas neu wäre, und nicht, dass es ganz normal wäre, in den Sommerferien von Waldbränden, Wasserknappheit und anderen Klimafolgen zu lesen, aber irgendwie reicht es mir nun doch. Und offenbar nicht nur mir. Wenn sogar schon der GLP-Chef findet, Sie könnten endlich mal aufhören zu jammern und stattdessen den Finger rausnehmen und etwas tun, dann ist der Fladen nun aber wirklich am Dampfen, um vokabularmässig im Stall zu bleiben, oder kurz: Ritter, es reicht!

 

Was Sie jetzt subito presto machen, ist folgendes: Sie reisen nach Unterwasser, erklären den Bauern dort, dass Leute wie Sie und Parteien wir Ihre das Problem sind und nicht die Lösung, dass der Freihandel und seine Gefahren das reinste Nasenwasser sind gegen die Gefahren des Klimawandels, dass die Wasserknappheit, die ja offenbar quasi schon Tradition dort ist, nicht vom Himmel und nicht von der Globalisierung, sondern vom Klimawandel kommt, und dass Sie ab sofort aufhören, die Leute zu verarschen.

 

Wissen Sie, wenn man Bauernführer ist, darf man bauernschlau sei. Meinetwegen sogar hin und wieder frech. Aber derart saufrech wie Sie, der Sie eine Ernteausfallversicherung fordern, deren Prämie auch noch teilweise von den Steuerzahlenden finanziert werden soll, während im Hintergrund Armeehelis, die ja bekanntlich auch nicht mit Wasser fliegen, ein bisschen was zum Klimawandel und zur Sommertrockenheit beitragen, derart unverfroren kam mir jetzt aber schon lange mehr keiner! Sie sitzen breiten Arsches auf Ihrem mineralölsteuerbefreiten Träcki und verlangen im selben Atemzug, dass der Bund Sie für die Folgen von Hitze und Dürre entschädigen solle!

 

Das ist nun allerdings noch einen Zacken dümmer als die Qualitätszeitung, die als Saure-Gurken-Aufreger versucht, die Folgen des Hitzesommers in den städtischen Altersheimen den Grünen in die Schuhe zu schieben, indem sie Ursache und Wirkung vertauscht: Wegen den 2000-Watt-Zielen dürften keine Klimageräte installiert werden, weshalb unsere SeniorInnen leiden wie die Kühe auf den Unterwasser Almen. Dummdreistigkeit auch hier: Wir haben im Sommer bereits einen fast so hohen Stromverbrauch wie im Winter wegen all den Klimatisierungen, und da der Europa-Strommix aus unseren Steckdosen auch aus Quellen stammt, die CO2 ausstossen, ist das Herunterkühlen von Räumen ein Beitrag zur Sommerhitze und nicht einer zu deren Reduktion. Aber scheiss drauf, Hauptsache, die Kuh wird durchs Mediendorf getrieben. Womit wir wieder nahtlos bei den Bauern sind, also bei Ihnen, Ritter!

 

Nächstes Jahr sind Wahlen. Sie haben jetzt noch ein paar Monate Zeit, um den Kopf aus dem Misthaufen zu ziehen und zu beweisen, dass Sie sich wirklich für den Bauernstand einsetzen. Wenn’s blöd läuft, machen Ihnen ein paar Murgänge im Herbst und ein paar Lawinen im Winter noch einen Strich durch die Rechnung, aber dann können Sie ja nochmals ein paar staatliche Zuschüsse einfordern. Denn eines muss man Ihnen lassen, Ritter: Sie sind besser als die Alchemisten im Mittelalter, Sie wissen, wie man aus Kuhdreck Geld macht.

 

Markus Kunz

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Wahre Arroganz

Im März hatte das Stimmvolk entschieden, dass Zürich eine linke Regierung und ein linkes Parlament haben soll. Seither jammern die Wahlverlierer jedes Mal, wenn wir im Rat genau das machen, was Mehrheiten so tun, nämlich Mehrheitsentscheide fällen, wir seien arrogante Machtpolitiker. Soweit, so normal, aber ich finde, damit werde ich denn doch weit unter Wert beleidigt. Daher verrate ich hier exklusiv, was ich in dieser Stadt tun würde, wenn ich ein so richtig arroganter Machtarsch wäre.

 

Zunächst würde ich mir überlegen, wo denn diese mir ach so verhasste Stadt ihre Empfindlichkeiten hat und zugleich, wo die Mehrheiten nicht ganz so eindeutig sind, so dass ich nicht immer aufs Maul bekomme, wenn ich dagegen anrenne. Wie etwa im Wohnbau. Klar, es ist der Verkehr, und da alle wissen, dass seine fossile Variante aus dem letzten Loch pfeift, ist es also das Elektroauto. Und schon hab ich eine Idee: Wie wäre es, wenn ich ein Autorennen veranstalten würde – und zwar mitten in der Stadt, nicht etwa verschämt am Rand, wie das der Rest der Welt macht, oh nein: fett zmitzt! Dazu brauche ich zunächst mal eine Sonderbewilligung vom Bund, aber der ist ja zum Glück nicht links, und obschon es nicht den geringsten Grund gibt, das Autorennverbot in der Schweiz aufzuheben, lobbyiere ich solange, bis ich eine Ausnahme bekomme. (Herzig, dieser Bund, er merkt nicht mal, dass ich sicher nicht nur für ein Jahr plane.)

 

Sodann brauch ich Geld. Viel Geld. Und einen Chefsponsor, der zwar nicht zwingend etwas mit Autos oder Verkehr zu tun hat, Gott behüte, der aber ebenso wie ich bereit ist, penetrant zu sein und einen arroganten Auftritt nicht scheut: Sie raten richtig – eine Bank ist ideal. Auch wichtig: Ein internationaler Rennverband, der keinen Schimmer von lokalen Empfindsamkeiten hat und ebenfalls eingebildet genug ist, um anzunehmen, dass er überall auf der Welt willkommen sei. Da Zürich ja schon vertraut ist mit diesem mafiösen Verein namens FIFA, tut es also auch ein Buchstabe weniger: die FIA. Und fürs Lokalkolorit schiebe ich einen Gemeinderat als Strohmann vor.

 

Fette Kohle regiert sodann den Rest: Ich kauf mir die Stadt. Scheiss darauf, ob es sich um die Betreiberin des Hafenkiosks geht, die während Tagen einen Verdienstausfall hat, oder um die Stadtverwaltung, die massiven Zusatzaufwand hat: Ich bezahl denen das einfach! Ich kauf mir Sonderrechte, wie zum Beispiel die Bewilligung für ein mehrstöckiges leicht entflammbares Holzhaus über (!) dem Mythenquai, ich kauf mir die Zustimmung des Stadtrats und ich kauf mir am Schluss noch die Medien, am besten grad den Umschlag der NZZ. Und weil meine Marketingfritzen schüchtern eingewendet hatten, das könne eventuell etwas grosskotzig aussehen, kauf ich mir halt auch noch einen Haufen Plakatwände und kleb darauf hirnrissige Bildli zur Mobilität der Zukunft, mit herzigen Robotern, viel Grün und ganz, ganz wenig Verkehr, quasi heile Welt. Apropos: den Pöbel halt ich mir etwas vom Leib, weil die guten Plätze brauch ich selber für meine Klientel, dafür speise ich das Volk mit Würstli, Hüpfburgen und Autosimulatoren und die etwas Vergeistigteren unter ihnen mit einer ETH-Tagung ab. Pfeif drauf, dass all das Null Zusammenhang mit einem Formel-E-Rennen hat, merkt ja keiner.

 

Ja, verehrtes Publikum, wir hier in der politischen Mehrheit sind richtige Bräzelibuben und -mädchen dagegen. Wahre Arroganz tritt anders auf. Das nehmen wir demütig zur Kenntnis. Aber mehr davon? – Nö, ich denke, es reicht wieder für ein paar Jahrzehnte.

 

Markus Kunz

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Aufstand der Dummen

36 Prozent. Sie erinnern sich: Die Armeeabschaffungsinitiative bekam 1989 ebenfalls 36 Prozent Zustimmung – und die Armee hat sich nie mehr davon erholt. Gemäss letzten Umfragen könnte die Vollgeldinitiative, der Untergang unserer Banken, der Ruin unseres Wohlstands und die Abschaffung der Vernunft, auch auf 36 Prozent Ja kommen. Das ist keine Mehrheit. Aber eine kleine Erschütterung. Wie werden sich die Banken davon erholen?

 

Mich stimmt die ganze Debatte über diese Initiative nachdenklich. Verstanden hab ich davon nur das wenigste. Ich bin zu blöd. Wie vermutlich rund 95 der Bevölkerung auch. Und obschon ich schon mal ein Podium zum Thema geleitet habe! Leuten wie mir übergibt nun das demokratische System die Verantwortung – und lässt uns im Stich. Denn in der Pflicht stehen nicht wir, das Stimmvieh, in der Pflicht stehen die ExpertInnen, uns die Sache so zu erläutern, dass wir sie verstehen. Und wenn das Geldsystem und der Volkskopf aneinanderstossen und es klingt hohl, dann ist nicht automatisch der Volkskopf schuld.

 

Man muss sich das mal vor Augen halten: Es geht nicht um eine Macht- oder Interessenfrage nach dem Motto «Die Sache haben wir begriffen, aber wir sind gegensätzlicher Meinung». Sondern es geht tatsächlich um eine Frage, bei der sich noch nicht mal diejenigen Leute einig sind, die was davon verstehen sollten, ja, es ist noch schlimmer: Noch nicht mal diese Leute sind sich einig, was denn überhaupt die Frage sei. Das ist, mit Verlaub, grotesk. Und entlarvend. Es bestätigt höchstens, dass die Ökonomie keine Wissenschaft ist, sondern eine Religion.

 

Die möglichen 36 Prozent Ja an der Urne bekräftigen die alte These, dass man eine Volksinitiative nicht zwingend gewinnen muss, um zu gewinnen. Keine einzige Partei hat eine Ja-Parole herausgegeben, und dennoch hagelt es Zustimmung. Ist das jetzt einfach mangelnde Volksnähe? Ist das Feigheit? Oder sind die 36 Prozent einfach nur hysterisch? Wurden wir alle von einem Initiativkomitee verführt, das kaum Geld hat, eher David als Goliath ist und, glaubt man den Gegnern, erst noch mit winzigen argumentativen Steinchen in der Schleuder hantiert?

 

Dabei wäre eine sachgerechte, nachvollziehbare und ausgedehnte Debatte wichtig gewesen. Daniel Binswanger hat es schon vor Wochen auf den Punkt gebracht: «Diese Frage ist so wichtig, weil Kredite beziehungsweise Schulden die Droge des heutigen Wirtschaftssystems darstellen. Um weiterhin wachsen zu können, braucht die heutige Wirtschaft immer höhere und potenziell tödlichere Dosen an Leverage, an Fremdfinanzierung, an Schulden. Es herrscht breiter Konsens darüber, dass das eine fatale Entwicklung ist.» Sag ich doch: Unvernünftig ist weniger das Vollgeldexperiment, unvernünftig ist mit Sicherheit das heutige Geldsystem! Es kann nur noch besser werden. Dieselbe Zeitung, in der Binswanger publiziert, hat auch geschrieben, dass die VollgeldinitiantInnen, notabene teilweise gestandene ÖkonomInnen, uns irreführen, die Hälfte verschweigen würden und geradezu lächerliche Vorstellungen hätten, wie Banken funktionieren. Lächerlich ist allerdings alleine dieser öffentlich vorgeführte Streit unter ExpertIπnnen, die sich gegenseitig vorwerfen, von Banken und vom Geld rein gar nichts zu verstehen. So wie ich und das Volk, der grosse Lümmel.

 

Ich stimme trotzdem ja. Nur schon, damit die Debatte weitergeht. Nur schon, damit die Banken irritiert sind, wie damals die Armee. Nur schon, weil es vor 50 Jahren hiess: «Soyez réalistes, demandez l’impossible.»

 

Markus Kunz

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2000 Watt.  Eine Brandrede

Heilandsack! Jetzt hört endlich mal auf mit dem elenden Gewinsel! Ihr seid wie die Matrosen, die andauernd jammern: «Käpt’n, Käpt’n, wann endlich erreichen wir diesen Polarstern, den du da immer anpeilst?» Und ich sag: «Verfluchtes Pack, schrubbt das Deck weiter und geht mir nicht auf den Anker! Den Polarstern erreichen wir nie, denn darum geht es auch gar nicht.»

Klar hat die Stadt Zürich, und zwar mit grosser Mehrheit, sich zum Ziel gesetzt, den Energiekonsum auf eine Dauerleistung von 2000 Watt herunterzubringen. Aber es war Hinz und Kunz ebenso klar, dass dies nicht von heute auf morgen passiert, sondern dass es sich um ein Fernziel handelt, wenn auch nicht soo fern wie der Nordstern. Das nennt man Strategie, ihr Heulsusen, und wenn ihr das nun zum Anlass nehmt, das Ziel infrage zu stellen, bloss weil wir noch nicht dort sind, ist das ähnlich kindisch, wie wenn ich einen Marathon nach zehn Metern abbreche, bloss weil ich den Zieleinlauf mit blossem Auge immer noch nicht sehe. Aber ich kenne euch: Ihr wisst das natürlich so gut wie ich, aber ihr stellt das Ziel infrage, ihr hofft, der Pöbel sei vergesslich im Geist und schwach im Fleisch und alles in allem zur Hauptsache konsumgeil. Denn was sind schon 2000 Watt, wenn der Preis für den Shoppingflug tieffliegt?

Dabei ist Zürich auf gutem Weg! Der Energieverbrauch liegt heuer bei unter 4000 Watt, und dass diese Angabe totsicher falsch ist und andere ein anderes Resultat berechnen, ist jetzt eben genau nicht der Anlass, um saublöd zu rüsseln, sondern die Ungenauigkeit liegt in der Natur der Sache. Es kommt nicht so sehr darauf an, wie man rechnet, solange man immer gleich rechnet, und es geht auch gar nicht um Präzision, sondern um den Fortschritt, kurz: Es geht um den Weg, den Willen und die Wahrheit. Und mit 4000 Watt liegen wir nicht nur weit unter dem Schweizer Schnitt, sondern wir haben auch das Ziel von 2020 vorzeitig erfüllt und für die restliche Halbierung noch viel Zeit.

Aber nun zu euch Saboteuren: Was wäre denn eure Alternative? Was habt ihr denn zu bieten ausser verwüsteten Landschaften, überschwemmten Küstengebieten, geröllgefüllten Gebirgstälern, verdorrenden Feldern, verhungernden Menschen und Flüchtlingsströmen, die vor dem Klima fliehen statt vor Despoten? Schon mal was gehört vom Pariser Klimaabkommen? Ohne Heulen und Zähneklappern ratifiziert vom bürgerlichen Parlament in Bern. Das sind die wahren Ökotalibane, dagegen sind die lausigen 2000 Watt aus Zürich doch das reinste Nasenwasser!

Und warum, zum Henker, weckt das eigentlich nicht euren Ehrgeiz? Wo ist eure sonst unendliche technokratische Fortschrittsgläubigkeit, wenn man sie einmal braucht? Warum erkennt ihr nicht die Herausforderung, wenn schon mal eine da ist? Wo bleibt euer Gelabber von Eigenverantwortung? Und warum scheut ihr euch vor einem Weg, der ein guter Weg ist, wo ihr doch nicht davor scheut, jeden beschissenen Holzweg zu befahren, Hauptsache vierspurig und geradeaus?

Ja, es kann sein, dass es nicht einfach wird. Aber wir schaffen das, by design or by desaster, ihr habt es in der Hand. Und es ist kein Grund, die 2000 Watt nicht anzustreben, das ist genau wie mit der Unsterblichkeit. Lasst euch eines gesagt sein: Zwei Drittel der Menschheit lecken sich all ihre Finger beim Gedanken, sie dürften 2000 Watt Dauerleistung verbraten. Hört auf zu meckern und macht euch auf den Weg. Er ist richtig, er ist global mehrheitsfähig, er ist alternativlos und er ist zukunftsfähig. Was braucht ihr noch?

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Die Stadt ist gebaut

Ein Satz macht Geschichte. Ursula Kochs Aussage hat immer schon Anlass zu viel Spekulation und Geschrei gegeben. Aber heute ist er Realität. Früher ging ich davon aus, dass damit gemeint sei, dass die Stadt total verplant ist, bis auf den letzten Quadratzentimeter: Jeder Fleck ist einer Nutzung zugewiesen. Und das durchaus spannende Gedankenexperiment, was wäre, wenn wir keine Bau- und keine Zonenordnung hätten, wenn die Bautätigkeit also nur via Nachfrage und Angebot geregelt würde, führt schnell zur Ernüchterung, weil es die Machtfrage ausklammert. Denn dass das nicht klappt, ist längst klar. Sonst gäbe es ja wohl keine leerstehenden Büroflächen und Luxuswohnungen, die komplett an der Nachfrage vorbei erstellt wurden.

 

Aber nun zeichnet sich ein Paradigmenwechsel ab: Die Stadt ist nicht nur verplant, sondern tatsächlich auch gebaut. Unbebaute Flächen, die auch weder Frei- oder Grünflächen, See, Wald noch Strassen sind, gibt es kaum mehr, die Brache stirbt aus. Mit einem ebenso erstaunlichen wie erschreckenden Furor macht sich unsere Generation daran, Zürich komplett zuzubauen.

 

Logischerweise übrigens falsch. Denn zwischen Planung und Realität besteht immer ein Ungleichgewicht, sonst wärs ja keine Planung, sondern Hellseherei. Und Planung ist interessengesteuert. Daher kommen darin auch alle unter die Räder, die nicht den mittelständischen, fitten, mobilen und kaufkräftigen Leuten in unserer Stadt zugeordnet werden können: Auszubildende, Alte, Arme und andere A-Menschen, die es natürlich immer noch gibt bei uns.

 

Nur ein Beispiel, meine Lieblingsmilchbubenrechnung (mittlerweile mehrfach bestätigt): Wenn der Kanton seine Verdichtungsorgie durchzieht, die notabene von zahlreichen PlanerInnen jeglicher Couleur gerne geteilt wird, werden rund 8000 zusätzliche Schulkinder in Zürich leben. Das macht, freundlich gerechnet, 25 Schulhäuser aus. In Worten: fünf und zwanzig. Sie bekommen von mir schon einen fetten warmen Händedruck, wenn Sie mir verraten, wo wir fünf Schulen hinstellen sollen. (Und malen Sie sich ja nicht aus, was ich anstelle, wenn Sie auch noch die weiteren 20 platzieren…) Kurz, es geht nicht. Und die paar Altersheime und die Freizeiteinrichtungen und die Freiräume, die es alle auch noch braucht, von denen haben wir noch gar nicht gesprochen. Denn die eigenartige Reduktion des stadtmenschlichen Lebens auf Wohnen, Arbeit und Konsum reicht hinten und vorne nicht. Und wissen Sie, was der Brüller ist? Das wissen alle, die rechnen können. Aber wir reden nicht vom Elefanten, auch wenn er im Raum steht.

 

Daher werden wir wohl radikaleren Zeiten entgegengehen. Wir müssen wieder mehr Vernunft in die Stadtentwicklung bringen. Wir müssen abbrechen und umnutzen. Weg mit einem Bürohaus, wenn es ein Schulhaus braucht! Enteignen wir die Besitzer und reissen wir das Unnötige ab. Sie müssen jetzt nicht aus dem Schuhen kippen: Der Staat macht das, wenn er eine Autobahn oder einen Stadttunnel bauen will, auch. Das ist komplett normal. Und was uns für das Auto recht ist, sollte uns für die Kinder billig sein. Aber wenn wir schon davon reden: Verkleinern wir die Strassenfläche! Wir brauchen Platz für Nötiges, nicht für Luxus, wie im Stau stehen oder parkieren. Die Stadt der Zukunft muss weder grandios dichter sein noch höher gebaut. Sie muss einfach allen Nutzungen Raum bieten, welche die Menschen auch wirklich brauchen. Das geht, wenn man will. Mal sehen, wie sich das mit den neuen Mehrheitsverhältnissen in der Politik umsetzen lässt.

 

Markus Kunz

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Ecrasez l’ infame!

Als junger Journalist berichtete ich mal über einen Gewerkschaftskongress zum Thema Datenmissbrauch in den Betrieben. Es standen einem schon vor Jahrzehnten die Haare zu Berge ob all den Geschichten, die da herumgeboten wurden. Denn schon damals produzierte die zunehmend automatisierte Maschinenwelt eine Menge an Daten, die von den Unternehmen erfasst und ausgewertet wurden, wobei der Umstand, dass man damals noch viel weniger als heute vom Datenschutz hielt, schon wilde Verknüpfungen ermöglichte, meist natürlich nicht zum Vorteil des Personals. Etwa, wenn Pausen eingegeben wurden, denn ein Maschinist muss an der Maschine begründen, warum sie nicht läuft, oder wenn das Bier vom Zmittag, in der Firmenmensa mit dem Firmenbadge bezahlt, beim Vorgesetzten zur Kenntnis genommen wird, weil dieser Zugriff auf solche Daten hat, und so weiter. Sie werden jetzt sagen, ach Quatsch, alles Räuberpistolen, der Typ glaubt aber auch alles.

Daran musste ich denken ob der kleinen Szene an der Kasse des Grossverteilers kurz vor Ostern. Ich stand in der Schlange, vor mir eine Angestellte aus derselben Filiale, die noch schnell einen Zvieri kaufen wollte. Die Kollegin hinter der Kasse fragt, hast du keine Dingsbums-Card? Und die andere: Doch, aber die geb ich nie, wenn ich hier einkaufe. Ich habe zu viele wilde Storys gehört.

Und jetzt Sie so: Halleluja, Hundert Jahre wilde Geschichten. Aber im Zeitalter von Google, Facebook und Cambridge Analytica sind wir uns wohl einig: Unsere Fantasie reicht gar nicht, um wildere Geschichten zu erfinden als die Realität sie bietet. Sogar in konservativen Postillen grassiert die Idee, dass man solche Datengiganten zerschlagen sollte. Der Gesetzgeber hinkt, wie so oft, hinterher, und in der verlorenen Zeit werden Fakten geschaffen, die wir lieber gar nicht kennen wollen. Aber kennen sollten.

 

Ich misstraue etwas der Haltung, dass die Leute selber schuld seien, weil sie ja freigebig alles über sich preisgeben. Das stimmt zwar, aber es ist unrealistisch, so etwas zu sagen. Ich selber mache seit jeher gerne den Zuckerberg und werfe einen möglichst kleinen Datenschatten, ohne Smartphone (danke der Nachfrage, ja, ich bekomme genug Prügel), ohne Kreditkarte, ohne Social-Media-Präsenz, aber ich mach mir dennoch keine Illusionen. Und wer etwas jünger ist, dürfte es sehr schwer haben, ein normales Sozialleben zu führen, ohne einen fetten Datenschatten zu werfen, der ja meist noch breiter ist als die eigene Existenz. Denn wenn die Entscheidung lautet: Entweder stimmst du unseren entwürdigenden AGB zu oder dann sei ein Aussenseiter, ist die Freiwilligkeit nicht gerade gross. Wer so etwas mit der typisch scheissliberalen Schlampigkeit der Argumentation behauptet, will bloss die Machtfrage und das immense Machtgefälle zwischen Anbietern und KonsumentInnen verschleiern.

 

Folgen wir darum Voltaires aufklärerischem Kampfruf (auch wenn er damals die Kirche gemeint hat): Zermalmt sie! Zerschlagen wir die quasi absolutistischen Datenkraken, so wie wir das schon hätten mit den Grossbanken tun sollen. Zudem: Das ganze Schlamassel ist ja nur möglich, weil Daten heute eine Ware sind, also einen Wert und einen Preis haben sollten. Geben wir den Daten also einen solchen Preis, indem die Verfügungsgewalt wieder den eigentlichen InhaberInnen, also uns, zugewiesen wird. Und dann sollten wir sie natürlich nicht mehr verschenken, sondern teuer verkaufen, wenn schon. Gratis ist ja nicht mal der Tod, warum also sollen es denn unsere Lebensdaten sein?

 

Markus Kunz

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Alle gegen alle

Als ich ein kleiner Junge war, steckten sie mich für sechs Jahre in ein Umerziehungslager. Ok, sie nannten es Volksschule, aber das war reine Gesundbeterei. Denn sie zwangen mich dort zu widernatürlichen Handlungen, etwa zum Schreiben mit der rechten Hand, obschon ich geborener Linkshänder bin, und deshalb funktionierte das auch nicht die Bohne. Ich schreibe das nicht, um mit Gejammer höhere Honorare vom P.S. zu erpressen, (immerhin tippe ich heute perfekt gehirnvernetzt mit einem linken und einem rechten Finger), sondern es geht mir – kühne Überleitung! – um Identität: Denn was die Schule mit ihrer schwarzpädagogischen Aktion vor allem bewirkte war, dass ich zu einer stabilen Identität als Linkshänder fand. Ich betrachtete mich fortan als etwas Besonderes und sog gierig alle Informationen auf, gemäss denen Marie Curie, Jesus oder Dagobert Duck ebenfalls Linkshänder gewesen waren und wir, eine Minderheit von rund 10 Prozent, eindeutig zu den kreativen und, in aller Demut: genialen Mitmenschen zu zählen seien – Balsamico auf meine geschundene Seele! Woraus wir lernen, Identität ergibt sich aus Abgrenzung. (Und das mit Dagobert hab ich übrigens kreativ erfunden – meine Fresse, glaubt doch nicht alles, was in der Zeitung steht.)

 

Hinter der identitären Idee steckt eine jahrhundertealte Geschichte, die zwischen Gleichheit oder Universalität und Differenzierung oder Identität oszilliert. Tönt kompliziert, ist aber so einfach wie links schreiben. Es ist eine Geschichte, die mittlerweile von Links wie von Rechts reklamiert wird, denn Identität kann, plakativ gesagt, sowohl via Klasse als auch via Nation hergestellt werden, um nur die beiden aktuellsten Faktoren aufzuzählen. Universalismus wiederum weist dagegen auf die universellen Menschenrechte hin und ist damit ein Konstrukt der Aufklärung, kann aber auch als Versuch gelesen werden, Identität zu negieren und damit zerstören zu wollen.

 

Die Debatte über solche Fragen läuft, vorab in der Politik, momentan heiss. Ich denke, wir tun uns schwer damit, gerade wenn man an Erscheinungen wie den grossen Donald in den USA denkt (ein Rechtshänder, sorry). Denn einerseits berufen sich auch Linke und Liberale immer noch auf universelle Werte, auch und gerade dort, wo es um das Einstehen für Minderheiten geht, seien es LGBTQ-Menschen oder solche auf der Flucht. Und andererseits kann das leicht zu einem Fokus auf partikuläre Interessen ausarten, was mehrheitlich nicht verstanden wird und etwa im Vorwurf endet, «Minderheiten unterstützt ihr, aber für uns tut ihr nichts». Denn die grossen Herausforderungen, die Big Challenges sind ja zugleich universelle Gefahren, auch wenn sie nicht alle Menschen gleich stark betreffen. Man muss also aufpassen, dass «Diversity» nicht «Solidarität» verdrängt, um das mal gründlich zuzuspitzen. Und man muss aufpassen, dass identitätsbedingte Grenzen nicht als Abschottung gegen alle anderen gezogen werden, so dass in der Folge alle, die sich erlauben, sich in einem solchermassen definierten Raum einzumischen, als übergriffig erklärt werden. Das endet nicht gut, weil sich viel zu einfach ein Zustand einstellen kann, in dem sich alle Gruppen hinter ihren (meinetwegen berechtigten) Anliegen verschanzen und keiner sich um das Ganze kümmert. Auch Politik oszilliert darum zwischen dem Anspruch, Identitäten zu ermöglichen und zu schützen und dem Anspruch, für alle zu reden und einzustehen, unabhängig von ihrer Identität. Darauf gebe ich euch mein schönes Händchen.

 

 

Markus Kunz

 

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V wie «Visionen»

Der Vorwurf der Visionslosigkeit ist ein bisschen wie Hundescheisse an der Schuhsohle: unnötig, aber klebrig. Und da Sie ja demnächst die Wahl haben, muss ich eingreifen. Daher fünf Punkte dazu:

 

1. Zürich hat nicht zu wenig, sondern übergenug Visionen, und sie sind praktischerweise alle in der Gemeindeordnung aufgeführt. Manche davon sind sogar noch leise utopisch, aber es ist das Verdienst von Linksgrün, der Utopie einen Topos gegeben zu haben, der Zürich heisst. So etwa bei der 2000-Watt-Stadt (oder kennen Sie etwa eine?), beim Versuch, eine gesunde Durchmischung durch eine sozialverträgliche Wohnbaupolitik zu erhalten, oder bei der kühnen Vision einer dichten und dennoch grünen Stadt, was nur dann ein Widerspruch ist, wenn man keine Ahnung hat. Und wissen Sie, was das Beste an diesen Visionen ist? Sie werden alle von der Bevölkerung getragen, sind also sogar richtige visionäre Projekte.

 

2. Und warum sind sie dann noch nicht umgesetzt? Nun ja, Zürich ist keine Insel. Das Umfeld – Kanton, Bund, Füdlibürgertum – bremst, wo es kann. Egal, ob ein harmloser Cannabisversuch, ob Lohngerechtigkeit, Spurreduktion, Veloschnellweg, Lärmschutz oder ein bisschen weniger Feinstaub – die Bourgeoisie klemmt alle visionären Ideen ab. Ok, nicht alle. Bei Fairness gegenüber Menschen auf der Flucht klemmt Mario Fehr. Umso mehr gilt: Die Bürgerlichen stören sich nicht an unserer Visionslosigkeit, sondern an unseren Visionen.

 

3. Kurz und klar: Nicht jede Furzidee ist eine Vision. Die Digitalisierung etwa ist keine, sondern eine Technologie, vulgo Werkzeug. Technokraten verwechseln das leicht. Wer die Elektrisierung von Zürich als Vision einstuft, kann im Stadtrat grad so gut durch einen Roboter ersetzt werden. Und bei Seilbähnliwahn, Autotunnelhorror oder Elektroautogottesdienst gilt Helmut Schmidt: Wer solche Visionen hat, muss subito zum Arzt. Wikipedia meint dazu: −> Halluzination.

 

4. Verkürzt, aber nicht falsch ausgedrückt: Linke sind visionär, Rechte reaktionär. Die Utopie, die grosse Schwester visionären Denkens, hat traditionell eine tendenziell linke Vergangenheit, denn sie stellt sich gegen das Elend und den Tod. Zugegeben, nicht immer erfolgreich. Aber die Vorgeschichte ist lang und reicht bis zu durchaus konservativen Vertretern wie etwa Thomas Morus zurück («Utopia»). Nur war auch Morus zu seiner Zeit ein widerständiger Geist, was ihn übrigens den Kopf kostete. Wir lernen: Utopie ist Risiko. Und das ist vielleicht auch der Grund dafür, dass hierzulande seit 1848 von rechts nichts Visionäres mehr kommt, ausser man rechne die eigenartige Sitte dazu, aus einem Sack Kartoffeln einen Bundesrat zu machen. Wahrlich visionäre Ideen aber, wie die AHV, Stimmrechtsalter Null, das Grundeinkommen, die Abschaffung der Armee, die Verstaatlichung des Bodens, Züri autofrei oder die Gründung der Grünen Partei kommen von Herzen, also von links.

 

5. Ok, ich hab gelogen. Es gibt eine rechte Sonderform der Vision: die Horrorvision. Zum Beispiel den libertären Nachtwäch-terstaat, die entfesselte Marktwirtschaft, die totale digitalisierte Überwachung oder die bürgerliche Wende in Zürich. Was uns nahtlos zur Einsicht führt, dass nicht die Vision an sich, sondern die herrschaftsfreie und demokratische Debatte darüber zählt, damit am Ende der Vision auch wirklich das Paradies und nicht der Albtraum steht.

 

So. Und jetzt marsch an die Urne! Sie haben noch 9 Tage Zeit, um Ihre Züri-Visionen in die Realität zu übertragen. Das gilt selbstverständlich auch für Ärzte. Venceremos!

 

Markus Kunz

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