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Von wegen bedingungslos

 

Es war vor einigen Jahren auf dem Gurten, im tiefsten Winter. Ich war an die erste «Konferenz für Haushalten und Wirtschaften» der Stiftung Zukunftsrat eingeladen, an der sich allerlei linke Spinner und kreative Chaotinnen trafen und innovative Ideen austauschten. Die kleine Badran war dort, der lange Girod, der erneuerbare Rechsteiner und wie sie alle heissen. Und auch ein gewisser Daniel Straub, den ich beim vegetarischen Zmittag traf. Er erzählte mir von einer Initiativgruppe, die das bedingungslose Grundeinkommen nun wirklich mal vorantreiben und konkret zur Sammlung bringen wolle. Ich kannte die Idee schon und versuchte zaghaft, auf ein paar realpolitische Hürden aufmerksam zu machen, aber der Drive beim Tischnachbar war derart gewaltig, dass man spürte: Diese Spinnsieche ziehen das wirklich durch! Ich war begeistert.

 

Sie haben dann gesammelt und es geschafft, und letzthin war die Initiative im Nationalrat, und man muss leider sagen: Selten ist eine visionäre Idee dort derart abgeschifft wie diese. Noch nicht mal die Linke wurde recht warm damit. Auch sie war, um es mit Andi Gross zu sagen, mit dieser Utopie total überfordert. Ich möchte daher an dieser Stelle eine Lanze brechen, weil ich der Meinung bin, dass diese Idee ein paar grundlegende Probleme unserer Gesellschaft ebenso elegant wie radikal lösen, bzw. vorab unseren mehrfach pervertierten Arbeitsbegriff wieder auf die Füsse stellen würde.

 

Zunächst aber: Warum um Himmels Willen wurde es denn im Ratssaal derart emotional? Ich staune immer wieder, wenn Ideen, die ein bisschen grundsätzlicher sind und etwas weniger realpolitisch, wie zum Beispiel auch das Stimmrechtsalter Null, blitzartig zu Schaum vor dem Mäulchen führen. Wie wenn da irgendjemandem etwas weggenommen würde.

 

Dabei ist es ja genau umgekehrt: Ich hab mich an dieser Stelle ja schon einmal über unsere Mickymaus-Ökonomie ärgern müssen, die einen Systemfehler, nämlich die unbezahlte Arbeit nicht in die BIP-Berechnung einzubeziehen, konsequent durchzieht – und sich damit natürlich am Laufmeter selber ins Knie schiesst. Sätze aus der Ratsdebatte wie: «Die Mehrheit der Kommission bezweifelt den Anreiz zur Arbeitsleistung, wenn man den Lohn auch ohne bekommt» (EVP-Ingold) klingen absurd, wenn man bedenkt, dass annähernd dieselbe Arbeitsleistung in unserer Gesellschaft unbezahlt erledigt wird wie bezahlt. Wir lernen also: Lohn ohne Arbeit pfui, aber Arbeit ohne Lohn voll geil! Oder dann Voten wie die vom Ratsherr Stolz: «Arbeit muss sich lohnen, und wenn sie das nicht tut, haben wir ein Motivationsproblem.» Kicher. Der Gute musste bestimmt noch nie zu Hause den Staubsauger in die Hand nehmen oder seinem Kind den Hintern putzen. Oder dann wurde er üppig dafür motiviert, von wem auch immer. Die BDP dagegen weiss: «So funktionieren wir Menschen nun einmal. Wer arbeitet, wer mehr macht, der soll auch mehr dafür erhalten.» Genau!

Und auch die GLP sieht glasklar, wo das endet: «Diese Volksinitiative gefährdet die Wirtschaftsordnung, sie gefährdet den gesellschaftlichen Zusammenhalt, …» Vermutlich hat der Kollega Weibel solch Weisheiten geschrieben, während ihm seine Frau den losen Knopf an der Weste annähte, damit wenigstens deren Zusammenhalt in der Ratsdebatte nicht gefährdet war.

 

Um nicht ganz missverstanden zu werden: Klar hat die Initiative (teils massive) Mängel, klar haben die InitiantInnen nicht alle Fragen beantwortet – dafür haben wir übrigens einen teuer bezahlten Gesetzgeber –, und ja, jeder «revolutionäre Vorschlag» (Gross) macht zunächst mal Angst.

Aber wie der Glättli so schön sagte: «Ich glaube, um zu leben, muss Politik nicht nur die Kunst des Möglichen sein, sondern auch die Kunst, das Undenkbare denkbar und das Denkbare dann möglich zu machen.» Will heissen: Die Sache ist noch nicht gegessen.

 

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Nüchterner essen

 

Zürich isst gerade. Didaktisch vorbildlich und wie immer nachhaltig. Essen ist mittlerweile definitiv ein Politikum – und fast noch etwas emotionaler als die momentanen Flüchtlingswellen. Aber meinetwegen, reden wir übers Essen! Hier ein paar Anmerkungen zu wichtigen Stichworten.

 

Produktionsbedingungen: Die Bedingungen anzuprangern, unter denen Lebensmittel entstehen, ist zu Recht einer der zentralen Punkte. Nahrungsmittelproduktion gepaart mit kapitalistischen Produktionsbedingungen, das kommt selten gut. Das gilt allerdings nicht nur für tierische Produkte, sondern für alle. Wer als VeganerIn Früchte aus dem spanischen Almeria kauft, wo marokkanische WanderarbeiterInnen unter sklavenmässigen Bedingungen arbeiten und wo der immense Wasserverbrauch zur unaufhaltsamen Versalzung des Bodens führt, wer Gemüse aus Holland postet, das in seinem Leben viel Steinwolle und Nährlösung, aber ganz gewiss keine Erde und Sonne gesehen hat, wer in guter Absicht biologische Früchte aus Israel oder Ägypten kauft, die mehr Flugmeilen intus haben als alle Grünen zusammen, der macht sich genauso zum Nutzniesser unmenschlicher, unökologischer und unethischer Produktionsbedingungen wie Otto und Trudi Aldi. Wer als Vegi im Januar die Schnauze voll hat von den genau 8 Gemüsen, die frisch bei uns erhältlich sind und sich daher eine Erweiterung der Palette gönnt, hat bereits Ja gesagt zu Energie- und Ressourcenverschwendung, Ausbeutung und Umweltvergiftung.

 

Ethik: Ein Minenfeld. Schlachthäuser haben ihren Namen zu Recht. Aber auch wer kein Fleisch isst, ist nicht etwa fein raus, sondern sollte etwas besser darauf achten, welche Menschen seine Nahrungsmittel zu welchen Bedingungen herstellen müssen. Man muss dazu übrigens nicht nach Almeria, es reicht schon, zu Nationalrat Schibli («Schweizer Landwirtschaft – Schweizer Qualität!») aufs Gemüsefeld zu gehen. Oder zu den polnischen SpargelstecherInnen nach Flaach. Mit den heutigen Lebensmittelpreisen machen wir uns alle zu KomplizInnen ausbeuterischer Strukturen. Dass allerdings Millionen Tiere jedes Jahr umsonst getötet werden, weil sie Opfer von Foodwaste werden (6 Prozent des Fleischkonsums), ist einer der grossen Skandale unserer Zeit.

 

Gesundheit: Ich denke, niemand weiss mit Gewissheit, was gesund ist und was nicht. Für jede These gibt es Belege und Gegenbelege. Manchmal sogar Beweise. Bis zum Beweis des Gegenteils. Einigen wir uns auf den kleinsten gemeinsamen Nenner: Nur eine ausgewogene Ernährung ist gesund. Nichts sonst. Also ganz furchtbar banal: von allem etwas und von nichts zu viel.

Fleisch: Nichts gegen ein Rind, das in der Gegend bio-dynamisch mit Gras aufgewachsen ist, vom Störmetzger gemetzget wurde und im Lädeli zum angemessenen Preis, also sauteuer, verkauft wird. Alles gegen den obgenannten Skandal der Massenproduktion, die nie tiergerecht sein kann, so sehr sie sich auch bemühen sollte, und die, quasi als Kollateralschaden, den Regenwald zerstört. Das Vieh der Reichen frisst heute, noch mehr als bei der Erfindung dieses Slogans, das Brot der Armen. Und daneben vernichtet es auch noch furzend und rülpsend das Klima. Fleisch in Mengen ist eine Katastrophe. Aber Fleisch als Nahrungsmittel eben nicht.

 

It’s the region, stupid! Es gibt nur eine Lösung, welche all diese Aspekte zumindest theoretisch aufzufangen vermag: die regionale, saisonale, biologische und mindestentlöhnte Nahrungsmittelproduktion. Sie ist etwa doppelt so teuer (was in Anbetracht des lachhaft geringen Anteils am Haushaltsbudget, den die Lebensmittel bei uns ausmachen, voll o.k. ist), umwelt- und sozialkompatibel, tier- und menschengerecht. Und, wie wir heute wissen: Man könnte damit die Welt ernähren. Mit Veganismus, Vegetarismus, Karnivorismus, Flexitarismus, Fruitarismus und so weiter hat das alles übrigens recht wenig zu tun.

 

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Sippenhaft statt Solidarität

 

Ja, danke, Ferien waren gut. Ich bin trotzdem stinkig, vielleicht ist es besser, Sie halten Ihre Kinder vom folgenden Text fern.

Ich bin ja nun wirklich nicht der Typ, der immer grad sofort in Paranoia verfällt, kaum hat ihm das System mal einen kleinen Gingg versetzt. Ich hab nicht gebrüllt, als damals die Militärersatzabgabe vereinheitlicht wurde, ausgerechnet nur ganz kurz, bevor ich in den Genuss eines reduzierten Ansatzes gekommen wäre. Ich habe auch keine Bomben geschmissen, als die Kinderzulagen nach jahrelangem Kampf endlich erhöht wurden – nur gefühlte zwei Stunden, nachdem meine Kinder erwachsen wurden. Und ich nehme klaglos hin, dass ich zu meiner nicht geringen Verblüffung offenbar ein Kollegenschwein bin, weil ich seit Jahren die höchste Franchise habe und meine sämtlichen Arztrechnungen selber bezahle, keinen Rappen aus der Krankenkasse beziehe und mir nun ausgerechnet von Bundesrat Boule de Billard vorhalten muss, das sei unsolidarisch.

 

Aber seit kurzem weiss ich auch noch, dass ich als Babyboomer die Hauptursache für den Zusammenbruch des wichtigsten Solidarsystems bin, der Altersvorsorge. Und dass ich daher ebenso klarerweise gefälligst ein Opfer, ach was, grad einen Riesenscheisshaufen Opfer bringen muss, damit sich das ändert. Aber jetzt reicht’s. Soviel Perversion des Solidaritätsbegriffs hält man ja im Kopf nicht aus.

Wie immer, wenn’s soweit ist, werde ich daher mein Mantra zitieren. Setzen Sie sich bitte nun alle zusammen, synchron mit mir, im Schneidersitz aufs Parkett, legen Sie die Hände auf die Knie, schliessen Sie die Augen und sagen Sie laut (der Nachbar solls hören, den geht’s auch an): «Ich lebe verdammt nochmals immer noch in der reichsten Stadt des verflucht nochmals (fast) reichsten Kantons des verdammt nochmals reichsten Landes der Welt.» (Ich hab ja gesagt, halten Sie die Kinder fern.) Und auch wenn ich ja weiss, dass unsere Bemühungen um etwas mehr Solidarität bei der Umverteilung dieses Reichtums grad kürzlich anlässlich der Erbschaftssteuer wieder gescheitert sind, so will es mir doch nicht in den Kopf, dass ich jetzt dafür doppelt solidarisch sein soll, nur weil meine Elterngeneration halt zur gleichen Zeit die Idee mit dem Gebären hatte, so dass es mehr von mir gibt als von anderen Jahrgängen.

 

Was sonst soll denn der Begriff der Solidarität bitte schön ausdrücken als eben genau das, dass eine Gesellschaft dafür da ist, solche Unebenheiten in der Demografie auszugleichen, indem sie in den Zeiten, wo ein Mehrbedarf an Geld besteht, dieses auch dort holt, wo es ist? Genau das macht das System bei mir ja seit Jahrzehnten! Es kann doch nicht sein, dass Solidarität nur gelten soll, wenn man es sich grad mal leisten kann. Das ist nämlich dieselbe kranke Haltung, welche von den Frauen ein ‹Entgegenkommen› beim Rentenalter 65 verlangt, quasi als Sahnehäubchen dafür, dass sie vorher vier Jahrzehnte zu einem tieferen Lohn gearbeitet haben.

 

Die Generationenbuchhaltung bringt es an den Tag: Ich habe, wie alle anderen vor mir und nach mir auch, als Kind von der Gesellschaft profitiert und Geld bezogen. Und ich werde das ab 65 wieder tun, weil wir genau dafür eine Altersvorsorge haben. Dazwischen habe ich, da immer irgendwie arbeitstätig, mehr einbezahlt als bezogen, so wie es der Regelfall ist. Und wenn die Demografie, die übrigens ja wohl die berechenbarste Grösse im ganzen Riesenschlamassel ist, dazu führt, dass vorübergehend ein Bilanzfehlbetrag entsteht, dann sind daran nicht die Babyboomer schuld, sondern die Finanzierungsquellen.

Dass ich weniger erhalten soll als die vor mir und die nach mir, bloss weil meine Generation mehr Köpfe aufweist, ist weder logisch noch fair. Sondern es bedeutet schlicht und ergreifend, dass wir das Solidarsystem durch das der Sippenhaft ersetzen.

 

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Stirb wirtschaftlich

 

Das Sterben geht weiter. Nein, nicht das im Mittelmeer, in Syrien oder in Nigeria, bzw. das zwar auch, sondern natürlich das Lädelisterben. Marinello verkauft, die Migros triumphiert. Manor – naja, kein Lädeli – muss gehen, Swiss Life lässt gehen. Und im Quartier geben sich die Barbetreiber häufiger die Klinke in die Hand, als der Trinker sich an die neue Barkarte gewöhnen kann. Das erstaunt niemanden. Aber das Geschrei in sämtlichen Redaktionsstuben in der Region Zürich, das erstaunt mich dann doch. Ein einzig Heulen und Zähneklappern, wenn das eintritt, was logischerweise immer eintritt, weils im System liegt.

 

Schwer verständlich, warum lauter brave Kapitalisten in ihren gut gepolsterten Redaktionssesseln sitzen und sich darüber aufregen, dass der Kapitalismus funktioniert. Wenn er das ausnahmsweise ja mal tut! Nicht so wie beim Taxigewerbe. Sondern so wie an der Bahnhofstrasse, wo die noch etwas Grösseren die Grossen fressen. Karl Marx höchstselbst hat gesagt, das Kapital neige dazu, sich zu akkumulieren, oder salopp zusammengefasst: Gross frisst klein. Was auch indirekt funktioniert. Also zum Beispiel hat jetzt grad eine kleine Bäckerei in meinem Quartier, die auch am Sonntag offen hatte, ganz zugemacht. Das könnte eventuell damit zu tun haben, dass in 30 Metern Luftlinie eine Filiale einer Innerschweizer Bäckereikette eröffnet wurde, die auch am Sonntag offen und zudem definitiv den längeren Schnauf hat.

 

Nicht, dass Sie jetzt denken, ich fände das gut. Aber auf die Schnelle ändern kann ich’s auch nicht. Was wir da erleben, ist jetzt eben diese berühmte Marktwirtschaft, und die geht so: Um überleben zu können, brauchst du mehr Marktanteile, und da der Detailhandel ein gesättigter Markt ist, machst du das, indem du einen Konkurrenten schluckst. Und, um auf die Migros zurückzukommen: Da der COOP zu dick ist, um ihn zu fressen und dir immer noch der Denner im Dickdarm herumhängt, frisst du gescheiter ein Lädeli.

 

Das ist auch der Frau Barandun vom Zürcher Gewerbeverband offenbar neu. Die Post schliesst ihre berühmteste Filiale an der Fraumünsterstrasse, natürlich aus finanziellen Gründen, what else, und die Frau Gewerbepräsidentin lässt sich in der Tageszeitung mit den Worten zitieren, früher habe die Post den Service public hochgehalten, inzwischen scheine «die Kostenoptimierung im Vordergrund zu stehen». Heiliger Detailhandel! Jetzt spricht der Gewerbeverband schon wie der VPOD, da kommt man ja ganz durcheinander.

 

Einzig, was weder Marinello noch Marx vorausgesehen haben: Dass sich der Patron Marinello, damals noch als Gewerbeverbandspolitiker, für verlängerte Ladenöffnungszeiten eingesetzt hat, obschon ihm klar sein musste, dass dies nur den Grossen nützt, und er sich nun ebenfalls lauthals beklagt, dass die Grossen das ausnutzen, ist schon irgendwie zum Brieggen. Mein Mitgefühl gilt allerdings eher seinen Verkäuferinnen, er muss sich nur noch mit seinen Millionen herumschlagen.

 

Und der Redaktionsschnösel von der Falkenstrassentante, der sich darüber echauffiert, dass er seinen regionalen Käse nun im Grossverteiler kaufen muss, kann sich ja mal in seiner Hausdruckerei melden und die NZZ-Drucker, die soeben entlassen wurden, mit ein paar Käsehäppchen und ein paar schönen Erinnerungen an seine Einkaufserlebnisse beim Marinello aufmuntern. Weil, der Kapitalist schleckt nicht immer nur Zucker, wo denkt ihr hin, er hat im Gegenteil ein beinhartes Leben, und manchmal muss er halt auch ein paar beinharte Entscheidungen treffen, um überleben zu können, und so schleift er denn auch schon mal eine Druckerei, auch wenn’s nicht unbedingt Not täte. Und jammert dann über den Verlust der guten alten Zeit, in der die Lädeli noch läbig und ohnehin alles besser war.

 

Es scheint also doch kein richtiges Überleben im falschen zu geben.

 

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Von wegen Jugend

So richtig alt kommst du dir erst vor, wenn du dir im Museum begegnest. Das ist mir zwar schon vor fünf Jahren passiert, als ich an einer Ausstellung zur Jugendbewegung in den Städten alte Bekannte traf, natürlich nur auf Fotos. Aber so richtig los geht es jetzt mit dem Abfeiern der Zürcher Unruhen, obwohl ein 35-Jahre-Jubiläum ja eigentlich ziemlich gesucht ist.

 

Erinnern wir uns also, bruchstückhaft, an den Umgang mit der Jugend vor 35 Jahren. Natürlich nicht mit der ganzen Jugend, wie die Landjugend schon damals nicht müde wurde zu betonen, aber mit einem Teil, dem mit den Schlagzeilen. Damals in den 80ern, als Züri brannte, war das Weltbild der städtischen Machthaber simpel: Es gab Drahtzieher und Mitläufer. Drahtzieher (war nicht Klaus Rosza dabei?) waren Leute, die teilweise mit knackigen Methoden bis hin zur Präventivhaft kaltgestellt wurden. Will heissen, das wurde versucht, klappte aber nicht. Dies, weil die Drahtzieher gar keine waren, sondern einfach nur eine grössere Klappe hatten als wir, die Mitläufer. Dass diese versimpelte Kommandostruktur noch nicht mal den Spitzeln auffiel, die auf die Bewegung angesetzt waren, ist auch im Nachhinein erstaunlich, aber bezeichnend für den Dilettantismus der Polizei. Der Stadtrat stand dem allerdings in nichts nach. Derart weltfremd, hysterisch und rachsüchtig wie die damalige Exekutive hat sich nie wieder eine Gruppe PolitikerInnen in Zürich verhalten.

 

Trotz unbesiegbarem Humor der Bewegung war rein gar nichts zum Lachen. Weder die staatliche Zensur von Film und Zeitschriften noch die Berufsverbote, weder die Repression noch die Schleifung des AJZ, weder dass die Behörden die Entstehung der Drogenszene verschliefen, noch die dauernde Manipulation der Öffentlichkeit. Nicht zu vergessen die Todesopfer: Dani, Michi, Renato, Max, siehe Richard Dindos Film dazu, oder Silvia, die sich auf dem Bellevue angezündet hat.

 

Ich boykottiere heute noch die Bar im Rondell, die von der Stadt subito eingerichtet wurde, weil wir den Innenraum als Erinnerungsstätte nutzten. Und auch mir ist das allmorgendliche Kratzen der Schaufeln noch im Ohr, mit denen die nächtlich angebrachten Blumen und Kerzen entfernt wurden. Das kennt man aus Diktaturen. Das war derart schäbig, niederträchtig und gleichzeitig spiessig, dass man unschwer erahnen kann, weshalb Wut und Hass unsere Befindlichkeit prägten, auch und gerade bei Demos. Ich erinnere mich an den Tag, als die Trachtengruppe Urania mit ihren lächerlichen Korbschilden auf der einen Seite der Quaibrücke stand, wir auf der anderen. Und mittendrin Pfarrer Sieber mit seinem Esel. («Ich fühlte mich klein, mein Esel kämpfte mit dem Tränengas.») Ich nehme an, dafür kommt er in den Himmel, denn an diesem Tag, da bin ich mir sicher, hätte es mehr als nur ausgeschossene Augen gegeben. Es war ausweglos. (Der Ausweg bestand dann, wie man weiss, im Needle-Park oder im Gang durch die Institutionen. Und einige wenige wurden Polizeichef.)

 

Natürlich, es gab auch Silberstreifen am Horizont, zum Beispiel vier jugendliche Gemeinderäte bei den Wahlen 1982. Und es gab diese enorme Schaffenskraft im Kulturbereich, von der man sagt, sie habe die Stadt bis heute geprägt. Bis heute ist allerdings auch eine Menge Borniertheit vieler BürgerInnen und PolitikerInnen geblieben, wenn es um andere Ansichten, andere Lebensformen und andere Auffassungen von Bewegung geht. Ausgenommen natürlich, man könne Geld verdienen damit.

 

Fassen wir also nochmals kurz zusammen: Bespitzelung, Präventivhaft, Repression, Zensur, Berufsverbote, zwei zu Tode Gehetzte, ein Erschossener, ein zu Tode Geknüppelter. Und eine Selbstverbrennung. Zürich und seine Jugend vor 35 Jahren. Wie hiess es doch so schön an einer Mauer am Zähringerplatz: «Ihr wollt nur unser Bestes. Aber ihr bekommt es nicht.»

 

 

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Von Luxus und Moden

 

Vor ein paar Jahren bekam ich Post. Nun gut, werden Sie sagen: tolle Kolumne, passiert mir ja nie. Aber solche Post bekommen Sie in der Tat nie, denn über der absolut richtigen Anschrift stand «Fidelio AG». Dabei handelt es sich nicht um die politisch korrekt schlachtreif aufgezogenen Schweinchen von Porco Fidelio, sondern um diesen Kleiderladen am Münzplatz. Also nobel. Und nein, ich wusste bis dahin auch nicht, dass ich der CEO dieses Ladens wäre.

 

Item, die Post kam von einem der angesagten Immobilienvermittler im Dunstkreis der Bahnhofstrasse und beinhaltete auch ein leckeres Mietangebot im leicht höher segmentigen Bereich, das ich leider, mangels Kleiderladens, ausschlagen musste. Ich stellte per Mail die Sache sofort richtig und schlug vor, mich aus der Adresskartei zu streichen. Es kam nie auch nur ein Echo, und ich wurde auch nie gestrichen.

 

Und da ich fand und immer noch finde, ich hätte dem Recht Genüge getan, lese ich seither immer gerne die Post, die mal aus Geschäftsberichten, mal aus weiteren Leckereien aus der mir ansonsten nicht sehr zugänglichen Welt des Luxus und der Moden besteht.

 

So auch letzthin. Kam doch ein Prospekt mit einer Kurzfassung der neuesten Retail Market Study. Kostet Sie ein Schweinegeld, falls Sie ein gedrucktes Exemplar kaufen wollen. Ich dagegen verfüge nun über die wichtigsten Appetithäppchen, die ich aber, ganz der alte Sozi, gerne mit Ihnen teile.

 

Zürich ist die fünf-teuerste Stadt der Welt, was die Mietzinsen betrifft. Wobei ich jetzt natürlich nur von den Retailern spreche, also von den Lädeli. Während Sie in New York satte 2512 Euro bezahlen, wenn Sie ums Verworgen an der Fifth Avenue Ihr Gemüse verkaufen wollen, und immer noch 1152 an der Madison Avenue, legen Sie bereits in London an der New Bond Street nur noch 1244 hin, an der bekannten Carnaby Street schlappe 573 oder in Paris an den Champs Elysées 1355 Euro –… wie bitte? Ach ja, ich vergass: per Quadratmeter und Monat, was dachten Sie denn!? Pro Jahr? Schnusig.

 

Zürich dagegen kostet Sie an der Bahnhofstrasse 1172 Euro, was ja heutzutage jedes Kind im Kopf in Franken umrechnen kann, und dann geht’s rapide abwärts, denn am Rennweg kostet es nur noch 354 und am Bellevue verdächtig ramschige 185 Euro. Das sind die Top-Preise. Der Durchschnitt beträgt gemässigte 881 Euro an der Bahnhofstrasse und 232 am Rennweg. Wenn Sie also ein Lädeli von 100 m2 an der Bahnhofstrasse betreiben wollen, dann liefern Sie … über eine Million an Mietzinsen ab (ich musste das im Taschenrechner zweimal eingeben, pardon). Da soll noch einer behaupten, die Personalkosten seien in der Schweiz der grösste Anteil bei den Betriebskosten.

 

Aber man soll ja nicht nur vom Geld reden. Es gibt weitere wichtige Nachrichten aus der Retail-World. So etwa, dass die TokioterInnen wahnsinnig sind vor Freude, denn IWC Schaffhausen eröffnete endlich seine lang ersehnten Boutique in Ginza. Oder, dass Indiens führende Luxus-Uhrenmarke ausgerechnet Ethos heisst. Oder dass der Plastikspielwarenhersteller Toys«R»Us jetzt endlich auch in Wuhan zu finden ist. Oder dass IKEA ein Lädeli in Xi’an eröffnet, dem Geburtsort, wie die Studie weiss, einer der ältesten Kulturen der Welt. Da fehlte wirklich nur noch das Billy-Regal. Oder das Kinderbett «Gutvik». Oder schliesslich, dass es in Lima kein Problem mehr sei («not surprising»), 50 000 Dollars für ein paar Anzüge von Ermenegildo Zegna auszugeben.

 

Und so weiter. Ich weiss, Sie hätten gerne noch mehr gehört, aber mein Platz hier ist beschränkter als an der Bahnhofstrasse. Mein Fazit: Mann, was bin ich froh, dass ausgerechnet ein paar SozialdemokratInnen sich dafür einsetzen, dass der Manor an der unteren Bahnhofstrasse bleiben darf! Friede den Hütten! Krieg den Palästen!

 

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Entscheidet euch!

Und es hub ein grosses Heulen und Zähneklappern im Lande an, denn bei den letzten Kantonalwahlen gingen noch weniger Leute an die Urnen als je. Das wurde im Nachgang von vielen ernst zu nehmenden Menschen als ernsthaftes Problem eingestuft, auch wenn das Phänomen nicht neu ist und man sich ja eigentlich fragen muss, ab wann es nicht mehr nur ernst, sondern hoffnungslos ist, ab wann die Demokratie nicht mehr spielt oder in Gefahr oder bereits am Boden zerstört ist.

 

Aber mich beschäftigt das schon auch, weil es einmal mehr darauf hinweist, wie unbeliebt Politikerinnen und Politiker im Allgemeinen sind. Brauchen tut man sie nicht, mögen schon gar nicht, geschweige denn wählen. Aber ein Taucher, der nicht taucht, taucht nix, und ein Politiker, der nicht gewählt wird, noch weniger.

 

Zugleich entpolitisiert sich die Gesellschaft schleichend, auch bei Wahlen. Dazu gehört nicht nur die destruktive Verbreitung von Umfragen und Hochrechnungen oder dass die Medien gar keine inhaltliche Wahlkampfberichterstattung mehr liefern, sondern es gehören auch Instrumente wie smartvote oder die unsäglichen Wahlbörsen dazu: Infotainment, wo man hinguckt. Die Wirkung ist, dass man sich der Bedeutung des Parteiensystems immer weniger bewusst ist, sondern ganz wie am Salatbuffet und häppchenweise seinen Wahlzettel à la carte zusammenstellt. Weil der Grillabend mit dem SVP-Nachbarn so gemütlich war oder die FDP-Schulpflegerin letzten Elternabend durchaus kinderfreundlich schien – rauf auf den Zettel, denn man ist ja nicht so ideologisch festgefahren! Und abends kauft man noch schnell ein paar Kägi-Aktien, weil: ist ja nur ein Game. (Wogegen sich die Spielleiter übrigens damit brüsten, sie bildeten die Realität besser ab als alle Fliegenträger dieser Welt zusammen.)

 

Aber wie der Volksmund sagt: «In Gefahr und grosser Not ist Ausgewogenheit der Tod.» Und plötzlich wundert man sich kräftig, dass die Dinge so laufen, wie sie laufen. Die Kinderkrippen, welche die freundliche FDP-Frau befürwortet hatte, sind soeben aus Spargründen gestrichen worden, und der nette SVPler hat sich mit keinem Wort von den neusten Asylgrüselein seiner Partei distanziert. Entpolitisierung äussert sich hier in einem erschreckenden Mangel an Kenntnis, wie Realpolitik in einer parlamentarischen Demokratie funktioniert. Es mag ja toll sein, dass der neue SVP-Shooting-Star Vogt persönlich gegen die zweite Gotthardröhre ist, wir sind auch ganz hingerissen. Nur ist es dann halt einfach so, dass ein künftiger Ständerat Vogt bei einer entsprechenden Abstimmung im Rat selbstverständlich für die zweite Röhre stimmen würde. Man nennt das Fraktionsdisziplin, und niemand ist darin so gut wie ausgerechnet die SVP.

 

Oder nehmen wir einmal mehr die Energiewende. Während die NGO im ökologischen Bereich an Mitgliedern zunehmen, während also offenbar in breiten Kreisen der Rückhalt für dieses vernünftige und nötige Projekt durchaus vorhanden scheint, werden die grünen Parteien im Regen stehen gelassen, schwindet der wahlpolitische Support für Ökothemen. Ist das nun vornehme Zurückhaltung von Verbänden, die es sich mit ihren bürgerlichen Mitgliedern nicht verscherzen wollen, oder schon schiere Dummheit dem politischen System gegenüber?

 

Gefährlich ist das, weil die Linke schon immer auf soziale Bewegungen angewiesen war, bzw. sich schon immer zu einem guten Teil aus sozialen Bewegungen rekrutiert hat. Wo sich aber die Zivilgesellschaft und die Politik auseinanderdividieren, triumphiert die Seite, die noch gut funktioniert, nämlich diejenige der Verbände, der Lobbies und der Top-Fives.

 

Politischen Erfolg gibt es nicht ohne Parteinahme, schon gar nicht in polarisierten Zeiten wie diesen. Es reicht nicht mehr, sich zu empören, man muss sich entscheiden.

 

 

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Mehr statt besser

 

Kürzlich hab ich irgendwo gelesen, die Kolumne sei gewissermassen das Selfie der Printmedien. Das könnte heikel werden, denn weil ich ja ein Grüner bin, haben Sie jetzt vermutlich unanständige Gedanken, und damit liegen Sie immerhin halbrichtig. Denn letztes Wochenende waren Wahlen – ich weiss, eventuell haben Sie das bereits verdrängt, so wie ich –, und da wurde unsereins so ziemlich die Hosen heruntergelassen. Das war nicht angenehm, aber das Volk hat immer Recht.

 

Bloss, ein kleines bisschen klarer hätte sich das Volk, bzw. die 33 Prozente, die wählen gegangen sind, ja schon ausdrücken dürfen. Die beiden grün-kolorierten Parteien werden abgestraft, die FDP («Wir sind das Problem, nicht die Lösung!» ) marschiert durch, der Rest stagniert. «Weniger Ökologie, mehr Wirtschaft» , brachte es ein Moderator auf den Punkt, und man kann das ja mühelos nachvollziehen. Ich bin absolut gleicher Meinung, weshalb ich ja auch Grün gewählt hatte. Denn die Energiewende, um nur ein Beispiel zu nennen, ist ein Wirtschaftsprojekt, ökologischer Mehrwert quasi Kollateralnutzen. Das muss so sein, sonst geht hier nie etwas fürschi. Dass der Braunkohlepreis das nicht gleich sieht, mag schmerzen, spricht aber nicht dagegen, sondern beweist das ja grad. Was aber will das Volk? Noch mehr vom Gleichen wie die vier Jahre zuvor? «Weniger Ökologie» , das hab ich begriffen. Aber von welcher Wirtschaft denn, bitte schön, mehr?

 

Letzthin versuchte ich, für meine Suffizienz-Vorlesung ein paar Daten aufzufrischen, die ich zum Thema Stromverschwendung – das ist Verbrauch ohne Nutzen – brauchte. Ein hartes Geschäft: Es gibt kaum Zahlen, nur Vermutungen, Schätzungen, Kafisatzlesungen. Ich konnte dennoch, dank Unterstützung unter anderen des Bundesamts für Energie, vorsichtige, konservative 13 760 GWh errechnen. Das ist, verzeihen Sie den Ausdruck: scheissviel. Das ist die Hälfte von dem, was sämtliche AKW produzieren, oder etwa vier Mal der Verbrauch der Stadt Zürich.

 

Und, wohl verstanden: nur Standby, Überdimensionierung, falsche Laufzeiten. Nichts, was unseren Wohlstand vermehrt. So nützlich wie ein Hirntumor. Wollte das Volk mehr davon?

 

Ein paar Tage darauf: Kaffee mit einem Kollegen, der als Ingenieur Grossfirmen berät. Seine Wahrnehmung: Die Energiewende ist gegessen. Die Teppichetagen von Grossverbrauchern haben sich längst von Atom und Öl verabschiedet. COOP arbeitet an der CO2-Neutralität, die Migros will auch. Der neuste Hype in der Ingenieurbranche ist, dass man sich in Stellung zu bringen versucht für den Abbruch der AKW. Ein Milliardengeschäft, das sich niemand entgehen lassen will. Quasi Paradebeispiel für grüne Wirtschaft: AKW zusammenkloppen. Will das Volk mehr davon?

 

Neulich, in der Dunkelkammer der Nation (endlich begreife ich, was damit gemeint ist): Die Kommission des Ständerates stellt die Energiewende in Frage. Möglicherweise unrentabel. Der starke Franken. Sie wissen schon. Nichts überstürzen. Lieber nochmals 20 Jahre unrentable, aber lukrative Atommeiler. Lieber noch mehr Förderung von Hirntumoren. Lieber den Kopf noch etwas mehr in den Sand stecken, der dank Klimaerwärmung angenehm temperiert ist. Frage mich, ob und welches Volk das wirklich will. Oder hofft es darauf, dass neben dem Flughafen Kloten Erdöl gefunden wird?

 

Aber eben. Die Energiewende, die Zersiedelung, der Artenschwund, die Pestizide in unseren Flüssen, der Schutz vor Datenmissbrauch oder gar, igitt, freie Velofahrt etc. interessieren nun wirklich niemanden. Die Wirtschaft muss brummen. Das Volk wählt daher die wirklich wirtschafts-expertisierten Parteien. Frage mich zwar, ob die Wirtschaft weiss, was ‹ihre› Parteien machen. Aber Verlierer haben immer unrecht. Es gibt noch viel zu tun. Ich ziehe die Hosen wieder hinauf. Legen wir los.

 

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Bärenkacke

 

Und so stellt sich G. (5) seinen ersten Theaterbesuch vor: «Wärdet det dänn Kassette gschpillt?» Nein, sagt Papi (30), da hat es eine Bühne und eine Frau drauf, die spielt Theater, und mehr weiss ich auch nicht, ich hab’s ja auch noch nicht gesehen. «Wooo?», fragt L. (3), und Papi sagt, wart’s ab und schtürm nicht, du wirst schon sehen.

 

Wir stehen an. Dann bezahlen wir vier Schtutz pro Kind und für Papi die Hälfte mehr, und dann trägt Papi L. im Wägeli in den Theatersaal im zweiten Stock. Oben ein Riesengedränge. Ein paar Buben balgen sich herum und knallen sich gegenseitig auf die Bretter. Auch eine Sirupbar ist da. Und lauter Mütter, denkt Papi grad – aber da kommt auch schon Hausmann B und grinst in die Runde. Sein Sohn lutscht am Finger und staunt. G. staunt auch und L. auch. So viele Kinder! So ein Krach! Und da: Noch ein Mann! Alle staunen.

 

Dann mosten wir uns in den Saal. Der ist rammelvoll, aber wir erkämpfen uns einen guten Platz. L. will ins Theater und Papi sagt, wir sind doch schon da, wart jetzt noch ein bitzeli, es geht gleich los. Das Kind vor uns tobt. Papi ist furchtbar stolz auf seine Kinder, denn die toben nicht, und dann fängt es endlich an.

 

Das Stück ist nicht gerade umwerfend, aber den Kindern ist das egal. Es geht so: Eine Frau will ins Bett gehen und erlebt mit ihrem Freund, dem Teddybären, manch lustiges Abenteuer. Dazwischen einige Liedlein und etwas Akrobatik. Nicht übel. Und die Gofen grölen konsequent das Gegenteil von dem, was von ihnen erwartet wird. Dann macht der Bär einen Haufen und stinkt enorm. Der Saal tobt. Endlich ein Thema, das alle fasziniert! Der Nachmittag ist gerettet.

 

G. arbeitet sich zwischen Langeweile und Faszination durch das Stück, so scheint es. Erst spät taut er auf und grölt mit. L. kapiert alle Pointen mit fünf Minuten Verspätung und hat viel zu lachen. Manchmal ist sie im falschen Stück, aber das stört nicht. Wo die Kacke dampft, sind alle zufrieden. Und was macht Papi? Er sitzt da, stopft L. alle drei Minuten einen Chätschgi ins Maul und zählt die Männer im Saal. Hausmann B’s Sohn sitzt immer noch mit dem Finger im Mund da und staunt. Er ist erst 19 Monate alt, scheint aber der ideale Zuschauer zu sein.

 

Jetzt sind die Frau und der Bär auf den Mond geflogen. Aber dann stürzen sie ab und der Bär bricht sich einen Arm. Ein Kind aus dem Publikum spielt den Doktor und verbindet ihn. «Meint ihr, das wird wieder heil?», fragt die Frau. Die Meinung ist einhellig. 100 zarte Kinderkehlen johlen ein klares «Näi»! Wieso soll’s dem Bären besser gehen? G. hat Hunger. Papi vertröstet auf später. L. isst Chätschgi wie andere Leute Spinat.

 

Dann ist das Stück fertig, alle ausser L. und G. klatschen, und dann dürfen alle Kinder nachsehen gehen, ob vielleicht doch einige Löwen unter dem Bett seien. Wir verziehen uns ins Foyer und saufen die Sirupbar leer. Hausmann B hat nasse Hosen dort, wo sein Sohn gesessen hat. Papi hat warm und fragt G. und L., ob’s gefallen hat. Es hat, und Papi trägt Wägeli samt L. wieder ins Parterre. Es regnet, und die Sonne scheint zugleich. Hausmann B flucht, weil er mit dem Velo da ist. Papi war clever und hat die Regenjacken eingepackt. Dann gehen wir zum Bus. L. schläft ein und G. hat seine philosophischen Minuten: «Papi, du wirst immer kleiner.» Logisch, er wird ja immer grösser. Alles ist relativ.

 

P.S. Diesen braven Aufsatz schrieb ich ungefähr 1990, nach dem Besuch eines Theaternachmittags in der Roten Fabrik mit meinen beiden Kindern – für beide der erste Theaterbesuch ihres Lebens. Ich widme den Text meinem Sohn Gion zum 30. Geburtstag. Er ist jetzt zwei Meter gross. Ach ja: Und Hausmänner waren 1990 imfall noch ziemlich Mangelware. Sind sie allerdings auch heute noch. Nicht alles ist relativ.

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Artikel, p.s. Zeitung

Gleichverpflichtung

Ina Müller hat mir vor zwei Wochen das Wort aus dem Mund genommen. Auch ich bin schampar froh um Experten wie unseren Brigadier Denis Froidevaux, Präsident der Schweizerischen Offizierinnen- und Offiziersgesellschaft, der findet, die Frauen seien nun genügend gleichberechtigt und damit quasi reif für den nächsten Schritt, nämlich die Wehrpflicht. Ein toller Schluss, gespiesen aus einer offenbar unerschütterlich selektiven Wahrnehmung der Lastenverteilung in unserem Land. Mittlerweile sind vom Bundesamt für Statistik die neusten Zahlen über die Arbeit, die hierzulande geleistet wird, erschienen, und obschon sich da nichts grundsätzlich Neues zeigt, zeigt sich eben doch, wie grauenhaft daneben der Herr Brigadier liegt.

 

Denn 2013 wurden in der Schweiz 8,7 Milliarden Stunden gratis gearbeitet – und damit mehr als bezahlt, da waren es ‹nur› 7,7 Milliarden Stunden. Monetarisiert käme man auf eine Lohnsumme von über 400 Milliarden, was rund zwei Drittel des BIP sind. Und, wen wunderts: Frauen übernehmen knapp zwei Drittel dieser unbezahlten Arbeit. Am meisten Zeit wird im Haushalt fürs Kochen und Putzen aufgewendet; mit 67 beziehungsweise 72 Prozent tun das hauptsächlich Frauen. Beim Waschen betrug der Frauenanteil sogar 80 Prozent. Jetzt weiss ich, warum der Volksmund sagt: «Jede Frau braucht zwei Männer. Einen fürs Kochen und einen fürs Putzen.»

 

So what, werden Sie jetzt fragen? In einer Zeit, wo Ständeratskandidaten fast vor Stolz platzen, wenn sie sich vornehmen, einen «Papitag» pro Woche freizuhalten – die anderen 313 Tage lassen wir dann das Mami wieder an die Windel –, kann das doch nicht überraschen. Aber jenseits dieser innerbetrieblichen Probleme geht es natürlich um – ja, was wohl: Economy, Stupid! Die 267 Milliarden – und andere Erhebungen weisen darauf hin, dass diese Zahl eher noch zu tief geschätzt ist – fehlen nicht nur bei der Lohnsumme, sondern in der Folge natürlich auch bei der Altersvorsorge. Also Mehrfachbetrug.

 

Ich frage mich immer, welche Mickymaus-Ökonomie wir eigentlich haben, die solche «verdeckte Wertschöpfung» nicht einbezieht und ausweist. Sogar die NZZ schreibt über die unbezahlte Arbeit: «Ohne diese würde unsere Gesellschaft nicht funktionieren.» Die faule Ausrede, der Wert der unbezahlten sei bereits in den Lohnsummen der bezahlten Arbeit eingerechnet, vermag – im Zeitalter fehlender Mindestlöhne sowieso – nicht zu überzeugen. Man bekommt nicht übel Lust, die Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens, aber subito, zu fordern, weil dies nämlich schlagartig mit der Diskriminierung unbezahlter Arbeit aufhören würde.

 

Es gibt aber noch eine andere heikle Argumentationsschiene. Nimmt nämlich die Berufstätigkeit der Frauen in der Gesellschaft zu, fehlt es an Stunden, in denen sie die unbezahlte Arbeit verrichten können. (Ähm sorry, nein, das, was Sie jetzt grad gedacht haben, nämlich dass die Männer in diese Lücken springen werden, ist vermutlich unzutreffend. Aber nett von Ihnen, das zu denken!) Und flugs tauchen Konzepte wie dasjenige der allgemeinen Dienstpflicht auf, neuerdings von Rechts. Die Absicht ist nicht ganz so durchsichtig wie beim Brigadier, aber ähnlich verquer. Frauen sollen noch eine dritte Form von Arbeit verrichten: unterbezahlte, unbezahlte und pflichtige.

 

Es geht allerdings noch schlauer: Sie können das Problem mit der Hausarbeit natürlich auch so lösen wie das Ehepaar F. aus E., er Asylpolitiker, sie Richterin. Beide haben nicht gewusst, dass man eine Asylbewerberin nicht als Putze anstellen darf. Wobei, angestellt war sie ja gar nicht, sie hat nur «Gefallen» getan. Unbezahlt natürlich. Und damit ist die Kirche wieder im Dorf. Schön an der Geschichte ist alleine, dass wir nun gerichtlich festgestellt haben, dass die SVP dümmer ist, als das Gesetz erlaubt.

 

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