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V wie «Visionen»

Der Vorwurf der Visionslosigkeit ist ein bisschen wie Hundescheisse an der Schuhsohle: unnötig, aber klebrig. Und da Sie ja demnächst die Wahl haben, muss ich eingreifen. Daher fünf Punkte dazu:

 

1. Zürich hat nicht zu wenig, sondern übergenug Visionen, und sie sind praktischerweise alle in der Gemeindeordnung aufgeführt. Manche davon sind sogar noch leise utopisch, aber es ist das Verdienst von Linksgrün, der Utopie einen Topos gegeben zu haben, der Zürich heisst. So etwa bei der 2000-Watt-Stadt (oder kennen Sie etwa eine?), beim Versuch, eine gesunde Durchmischung durch eine sozialverträgliche Wohnbaupolitik zu erhalten, oder bei der kühnen Vision einer dichten und dennoch grünen Stadt, was nur dann ein Widerspruch ist, wenn man keine Ahnung hat. Und wissen Sie, was das Beste an diesen Visionen ist? Sie werden alle von der Bevölkerung getragen, sind also sogar richtige visionäre Projekte.

 

2. Und warum sind sie dann noch nicht umgesetzt? Nun ja, Zürich ist keine Insel. Das Umfeld – Kanton, Bund, Füdlibürgertum – bremst, wo es kann. Egal, ob ein harmloser Cannabisversuch, ob Lohngerechtigkeit, Spurreduktion, Veloschnellweg, Lärmschutz oder ein bisschen weniger Feinstaub – die Bourgeoisie klemmt alle visionären Ideen ab. Ok, nicht alle. Bei Fairness gegenüber Menschen auf der Flucht klemmt Mario Fehr. Umso mehr gilt: Die Bürgerlichen stören sich nicht an unserer Visionslosigkeit, sondern an unseren Visionen.

 

3. Kurz und klar: Nicht jede Furzidee ist eine Vision. Die Digitalisierung etwa ist keine, sondern eine Technologie, vulgo Werkzeug. Technokraten verwechseln das leicht. Wer die Elektrisierung von Zürich als Vision einstuft, kann im Stadtrat grad so gut durch einen Roboter ersetzt werden. Und bei Seilbähnliwahn, Autotunnelhorror oder Elektroautogottesdienst gilt Helmut Schmidt: Wer solche Visionen hat, muss subito zum Arzt. Wikipedia meint dazu: −> Halluzination.

 

4. Verkürzt, aber nicht falsch ausgedrückt: Linke sind visionär, Rechte reaktionär. Die Utopie, die grosse Schwester visionären Denkens, hat traditionell eine tendenziell linke Vergangenheit, denn sie stellt sich gegen das Elend und den Tod. Zugegeben, nicht immer erfolgreich. Aber die Vorgeschichte ist lang und reicht bis zu durchaus konservativen Vertretern wie etwa Thomas Morus zurück («Utopia»). Nur war auch Morus zu seiner Zeit ein widerständiger Geist, was ihn übrigens den Kopf kostete. Wir lernen: Utopie ist Risiko. Und das ist vielleicht auch der Grund dafür, dass hierzulande seit 1848 von rechts nichts Visionäres mehr kommt, ausser man rechne die eigenartige Sitte dazu, aus einem Sack Kartoffeln einen Bundesrat zu machen. Wahrlich visionäre Ideen aber, wie die AHV, Stimmrechtsalter Null, das Grundeinkommen, die Abschaffung der Armee, die Verstaatlichung des Bodens, Züri autofrei oder die Gründung der Grünen Partei kommen von Herzen, also von links.

 

5. Ok, ich hab gelogen. Es gibt eine rechte Sonderform der Vision: die Horrorvision. Zum Beispiel den libertären Nachtwäch-terstaat, die entfesselte Marktwirtschaft, die totale digitalisierte Überwachung oder die bürgerliche Wende in Zürich. Was uns nahtlos zur Einsicht führt, dass nicht die Vision an sich, sondern die herrschaftsfreie und demokratische Debatte darüber zählt, damit am Ende der Vision auch wirklich das Paradies und nicht der Albtraum steht.

 

So. Und jetzt marsch an die Urne! Sie haben noch 9 Tage Zeit, um Ihre Züri-Visionen in die Realität zu übertragen. Das gilt selbstverständlich auch für Ärzte. Venceremos!

 

Markus Kunz

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G&G

Nachdem nun auch die JodlerInnen gemerkt haben, dass sie ohne SRF auf privaten Sendern nur noch dann stattfinden werden, wenn sie Helene Fischer heissen, was vorab bei Schwingern und Sennen nicht gut kommt, mache ich mir um No Billag nicht mehr so grosse Sorgen. Dennoch: Es gibt auch unter uns immer noch zu viele, die ums Verrecken mit dem Feuer spielen und zustimmen wollen. Ihnen sei folgendes gesagt:

 

Klar kenne ich all die Klagen über das miese Programm von ÄssÄrrÄff und dass Glanz und Gloria nicht die Spitze des Schweizer Kulturguts sein dürfe, und ich stimme euch ja aus ganzem Herzen zu, auch wenn ich weiss, dass auf eurem WC die ‹Gala› liegt und ihr statistisch gesehen zwei Stunden pro Tag auf einem Verblödungskanal namens Facebook verbringt, der euch, Facebook hat es eingestanden, unglücklich und depressiv macht. Aber darum geht es ja gar nicht. Sondern es geht um den Service public, und es geht um den nationalen Kulturerhalt, etwa um die Sprachregionen und darum, dass bei Annahme der Initiative nicht nur die RätoromanInnen abstinken können, weil sie zu klein sind, um irgendeinen Privatsender dieser Welt für sich begeistern zu können, sondern dass gleich alle unsere vier Sprachregionen im internationalen Kontext zu klein sind, um medial marktfähig zu sein.

 

Und dann, vor allem, geht es um den Informationsauftrag, und da wird No Billag durch eine Hiobsbotschaft überlagert, welche die ganze Sache nochmals kräftig verschlimmert: Die Schweizerische Depeschenagentur SDA, die letzte verbleibende inländische Nachrichtenagentur, die einst als Selbsthilfe des Schweizer Pressewesens gegründet wurde und im Besitz einheimischer Medienhäuser ist, ist gleich mehrfach in Gefahr. Nicht nur soll sie teilweise ins Ausland verscherbelt werden, wobei die aktuellen Besitzer vorher noch kräftig zulangen und Kapital abziehen. Sondern sie wird auch geschrumpft, weil – Achtung: Irrsinn! – die Besitzer, die gleichzeitig ihre Kunden sind, finden, dass die SDA zu teuer sei und darum die Entschädigungen zurückfahren.

 

Nun wurde gestreikt, aber wir ahnen, dass das nicht viel bringen wird. Und vor allem ahnen wir, dass es verdammt schwierig werden könnte, künftig noch unabhängige und nicht gefakte Informationen zu erhalten. Es gehe bei den Sparmassnahmen und Entlassungen um eine Erhöhung der ‹industriellen Effizienz› der SDA, so liest man. Wie wenn die Recherche, Aufbereitung und Vermittlung von seriöser und, ja: objektiver Nachrichten nicht per se aufwändig und zeitraubend und damit halt auch nicht sehr lukrativ wäre! Auch das also ein Bereich, wo der Markt nichts zu suchen hat, weil er’s weder kann noch will. Man darf die SDA daher ruhig als eine Form des Service public bezeichnen, und die strohdummen und hilflosen Rezepte der No Billag-Initianten oder des Gewerbeverbandes, wie ein privates SRF aussehen könnte, sind keine Lösung, sondern ihre Bankrotterklärung.

 

Fazit: No Billag ist kein Angriff auf die Staatsmedien, sondern ein Angriff auf unseren Verstand und auf unsere Identität, und auch wenn es etwas pathetisch tönt: auf den Kern unseres Staatswesens, die Solidarität. Wir alle bezahlen über Zwangseinnahmen des Staates, vulgo Steuern, Autobahnen und Kampfjets und sonstigen Mist. Denn das ist das Wesen des Staates, dass er sich halt gewisse Dinge leistet, und da ist ein demokratisch kontrolliertes und gemeinsam finanziertes Medienwesen nicht das Dümmste, sondern Glanz und Gloria der Demokratie. Darum: Nein.

 

Markus Kunz

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Nachlese: Der Diensthund

Und auf geht’s! Sie haben sich mit guten Vorsätzen für 2018 gestärkt, wir DienerInnen des Volkes im Gemeinderat haben, noch im altem Jahr, die Kohle dafür bewilligt, vulgo Budget. In nämlichem Volke kursiert dazu die gänzlich fälschliche Meinung, dabei gehe es um Geld. Aber das stimmt nicht, es geht vorweg um Leistungen: Mit dem Budget wird dem Staat bewilligt, was er tun darf und was nicht. Wie zum Beispiel Strassen ohne Velowege planen oder die falschen Vorhänge aufhängen in den Schulzimmern. Wir scheuen uns dabei nicht, in die grässlichsten staatlichen Abgründe zu tauchen und – vor allem! – auf Details zu achten, sei es die Lebensdauer eines durchschnittlichen EWZ-Göppels, sei es das Rätsel, was der gemeine Diensthund bei der Stadtpolizei eigentlich so alles frisst. Dazu muss man zuerst mal Fragen stellen wie folgt:

 

«Die Trockenfutter-Monatspackung von Pedigree (Spezialmischung für Deutsche Schäferhunde) kostet Fr. 42.- (https://shop.fressnapf.ch/de/adult-deutscher-schaefer-15kg.html), und bei einer Ernährung mit Feuchtfutter sind bei Pedigree mit Kosten von rund 80 Franken zu rechnen. Ist es demnach möglich, dass Polizisten für das Futter (sowie die Abschreibung des Hundegitters, deren monatliche Kosten im tiefen zweistelligen Bereich liegen dürfte) bloss um die Fr. 100.- ausgeben, jedoch eine Pauschale von Fr. 500.- erhalten?» – Ja, so fragen wir uns alle bange, ist das wirklich menschenmöglich? Die Antwort lautet (und ich schwör bei allen heulenden Höllenhunden, ich hab kein einziges Wort erfunden):

 

«Die tatsächlichen Kosten für einen Diensthund gehen weit über den Aufwand für das tägliche Futter hinaus. Bei der Aus- und Weiterbildung wird der Diensthund u.a. mit Futter für seine Erfolge und Lernfortschritte belohnt. Weitere Futterrationen dienen der eigenen Beschäftigung und Zahnreinigung. Des Weiteren kann ein Arbeitshund, wie es der Diensthund darstellt, mit 15 kg Futter nicht genügend ernährt werden. Die Futtermenge wird durch verschiedene Faktoren bestimmt, wie zum Beispiel Bewegung (Leistung), Grösse (Gewicht) und die individuelle Futter-Verwertungseffizienz. Bei den Verpackungsangaben der Futterhersteller handelt es sich um Richtwerte von gegenüber Diensthunden wenig geforderten privaten Durchschnittshunden. […]

 

Weitere Kosten fallen auch für den erhöhten und regelmässigen Reinigungsbedarf des Privatfahrzeuges an, das der/die Hundeführer/in im Auftrage der Arbeitgeberin für den Arbeitsweg, die Hundeaus- und -weiterbildung sowie teilweise für die Ernstfalleinsätze verwenden müssen. Da die Hundeübungen zu jeder Jahreszeit und meistens auf dem Feld absolviert werden, sind Fahrzeuge, Hundeboxen, Trainings- und Einsatzmaterial sowie der Diensthund selber einer viel höheren Verschmutzung ausgesetzt, als es bei einem privat gehaltenen Hund der Fall ist. […]

 

Nicht zu vernachlässigen sind die aus der Abnutzung der Hundeboxen resultierenden Kosten sowie der Umstand, dass diese bei einem Fahrzeugwechsel oftmals ersetzt werden müssen, da sie nicht mehr ins neue Fahrzeug passen oder weil ein Nachfolgediensthund (Zweithund) angeschafft wird und folglich die Einzelbox durch eine grössere Boxkonstruktion ersetzt werden muss. […]»

So geht das mit dem Budget. Und weil uns die Antwort komplett überzeugt hat, haben wir das Futter für den Erst-, den Zweit-, den Nachfolge-, den Durchschnitts- und den Arbeitshund bewilligt. Mitsamt den restlichen rund 8800 Millionen Franken für alle anderen Zwei-bis-Vierbeiner. Denn Zürihünd sind Fründ. Peace!

 

Markus Kunz

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Ist Hotzenplotz Schweizer?

Zum Jahresschluss doch noch etwas Biss! Die Nationalität bei Tatverdächtigen – es gilt, ausser bei Männern mit Bart, die Unschuldsvermutung – wird von der Stapo nicht mehr automatisch genannt. Gut so. Es folgte lautes Aufjaulen im ‹Blick›, gefolgt vom ‹Tagi›, der den Hals kurz darauf wendet und lauter zustimmende Texte abdruckt. Da musste die NZZ natürlich auftrumpfen und publizierte eine Woche später ein Interview mit dem obersten Wachmeister Dimpfelmoser, vulgo Hans-Jürg Käser, Präsident der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren. Da lohnt sich die genaue Lektüre.

 

Denn bis anhin haben die glühenden Verteidiger von Nationalismus in Polizeiberichten immer gekniffen, wenn es um die Frage ging, worin eigentlich der Mehrwert der Nationalitätennennung besteht. «Transparenz» schien ein Selbstzweck. Auch Käser, dessen eigene Kapo Bern notabene keine Nationalität nennt, kneift zuerst, aber die NZZ-Journis haken nach, mit Erfolg: Am Beispiel eines afrikanischen Tatverdächtigen nennt Käser «mentalitätsmässige Unterschiede» als Ursache für kriminelles Handeln: «Überdurchschnittlich viele Menschen, die aus dieser Region kommen, halten sich nicht an die Regeln. Natürlich sind die Gründe dafür von Fall zu Fall unterschiedlich. Sie sind nicht nur auf die Herkunft, sondern auch auf die persönliche Situation zurückzuführen.» Aha. Was jetzt? Herkunft oder Zukunft? Und wie genau muss man sich das eigentlich vorstellen? Die aus Afrika sind alle so blöd, dass sie nicht merken, dass in der Schweiz unter Umständen «andere Regeln» gelten als im Busch? Und was hat dieses geradezu klassisch rassistische Vorurteil mit der Nationalität zu tun? Da passen die verbalen Ausrutscher gegen Farbige, die sich Käser in jüngster Vergangenheit offenbar geleistet haben soll, prima ins Körbchen.

 

Auch beim Genderthema nur dünnes Eis. Es ist ja schampar rücksichtsvoll, wenn Käser, politisch überkorrekt, von «Menschen» spricht. Tatsache ist aber, dass zu 85 Prozent Männer delinquieren. Dass damit Nationen mit einem hohen Männeranteil unter den Migranten statistisch einen grösseren Anteil an Tatverdächtigen aufweisen könnten, verwundert nicht. Die wichtigsten Variablen in der Kriminalstatistik sind, in absteigender Reihenfolge: das Geschlecht, das Alter, der sozioökonomische Status und das Bildungsniveau. Wenn ich hierzu den Verein Vivre Ensemble zitieren darf: «Die Wahrscheinlichkeit, dass ein junger, mittelloser Schweizer ohne Bildung ein Verbrechen begeht, ist ebenso hoch wie bei einem Ausländer mit den gleichen Voraussetzungen.» Schon komisch, dass der oberste Tschugger sowas nicht weiss.

 

Gegen Unwissen hilft Treudoofheit. Auf die Frage der NZZ: «Aber trifft es nicht zu, dass die Nennung von Nationalitäten in Polizeimeldungen Ressentiments gegen Ausländer verstärkt?», folgt zuerst ein fröhliches «Weshalb denn?» Ähm, Dimpfelmoser: Vielleicht, weil viele braune Dumpfbacken ähnlich verkürzt denken wie Sie? Die Nationalität sei wichtig, so Käser, weil man sonst keine «Schlussfolgerungen» ziehen könne. Was für welche, darüber lässt er uns im Ungewissen. Was vielleicht besser so ist. Immerhin, FDP-Mitglied Käser warnt zum Schluss davor, dass die Leute nur noch mehr SVPler wählen, «die diese Thematik aktiv bewirtschaften», wenn der Wolff weiterhin so blöd tut. Ob das schlimmer ist als FDPler wählen, die diese Thematik passiv-aggressiv bewirtschaften, bleibe dahingestellt.

 

Frohes Adventsshopping! Passen Sie auf Taschendiebe auf! Die halten sich nämlich an gar keine Regeln.

 

Markus Kunz

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Massenumerziehung

Man muss die Würste grillen, wenn sie prall sind. Die Gelegenheit dazu kommt mit der städtischen Volksinitiative zur gesunden Ernährung bzw. ihrem weichgekochten Gegenvorschlag. Die Tatsache, dass die InitiantInnen happige Konzessionen gemacht haben, um immerhin noch einen Teil ihrer Anliegen retten zu können, muss natürlich gar nicht heissen, dass der wurstige Wutbürger bzw. die wütende Wurstbürgerin nicht dennoch kräftig vom Leder ziehen können, um im Bild zu bleiben. Und so hat das Rechtsbürgertum den Abstimmungsmampf mit einer beherzten Tat eröffnet: Inmitten einer Stadt, die schon beinahe jedes Rabättli in eine Anbauschlacht umgepflügt hat und in der die VeganerInnen grölend durch die Strassen ziehen und reihenweise Mensen abfackeln, die Adrio im Menu 1 führen, isst die Rechte auf- und senkrecht öffentlich Wurst! Wo Vegis vornehme Zurückhaltung üben («Ich esse nichts, wo schon ein Rindli durchgefurzt hat»), beissen andere unverdrossen in den gefüllten Darm. Denn wie hiess es früher? «Jeder Zwecklos ist Widerstand.»

 

Aber so ganz zwecklos ist das bitteschön nicht, denn es geht um mehr: Um Erziehung. Reden wir Klartext: Das muss jetzt endlich mal aufhören, diese Gehirnwäsche, Gängelung und An-den-Ohren-Ziehen der Bevölkerung durch Spinatkuschler, Klimafetischisten und Kunstledersandalenträgerinnen. Der Zwang, die Welt zu retten, ist ein falscher Ansatz, die Welt will das nicht. Der Klimawandel mag zwar Tatsache sein, aber ob er uns schaden will, ist erst dann bewiesen, wenn er eingetreten ist, und das wird erstens nicht heute sein, und zweitens, wenn doch, dann immerhin überrascht er uns nicht mit leerem Magen. Der Fleisch- und Milchkonsum mag klimaschädigender und umweltzerstörender sein als der weltweite Verkehr, aber was geht mich das an, ich mag beides.

 

Die Abstimmungsvorlage umfasst einen winzigen Zusatz in der Gemeindeordnung, nämlich «die Förderung der umweltschonenden Ernährung und die Information über den Einfluss der Ernährung auf das globale Klima». Aber weil sich alle Rechten immer buchstabengetreu an die Gemeindeordnung halten, muss man komischen Formulierungen darin vorbeugen, das macht Sinn. Was diese Linksvegis mit Förderung meinen, ist ja klar: Zwangsernährung. Und in diesem Lichte gesehen ist es auch richtig, sich gegen Information zu wehren, denn Information, das weiss ja jede, ist der Anfang und Auftakt zur Massenumerziehung. Wenn Menu 2 vegetarisch und Menu 3 vegan sind, dann haben wir den Salat. Menu 1 ist dann ungeniessbar, denn was will ich dasitzen, meinen Fleischvogel vor und lauter umerzogene Kohlfresser neben mir, die schmatzend Ballaststoffe emittieren? Eben. Und beim Aufstossen grüsst der Broccoli.

 

Die VegetarierInnen machen zwar nur etwa ein Zehntel der Bevölkerung aus, aber gopfridli, wie die einen umerziehen, das ist schon der Gipfel. Fleisch essen ist das neue Rauchen. Und schon hüpfen die Grossverteiler auf den Karren drauf und eröffnen Läden nur für Vegis. Der Markt erzieht voll mit, der schreckt vor gar nichts zurück. Das tut er doch sonst nie! Dabei ist es evolutionsbiologisch erwiesen, dass wir nur so klug geworden sind, weil unsere Vorfahren Fleisch gegessen haben und ihr Gehirn dadurch stärker gewachsen ist als beim Orang Utan. Boah, tut das gut zu wissen, wenn man draussen in der Saukälte am Wahlkampfstart steht, Ketschöp an den Fingern, Wurstpapier an den Schuhen und umgeben von lauter standhaften und unerzogenen Menschen. Scheiss auf den Dickdarmkrebs.

 

Markus Kunz

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E-Quatsch

Als ich in die Politik einstieg, nahm ich mir eigentlich vor, nicht auf jeden sauren Görps zu reagieren, meiner Psychohygiene zuliebe und weil’s Zeitverschwendung ist. Aber dann kamen die Fake-News und die Elektromobilität (und eine diesbezüglich leicht durchgeknallte grüne Zürcher Nationalratsdelegation). Und daher muss ich nun mal was klarstellen.

 

E-Mobilität ist nicht die Lösung, sie ist die Perfektionierung und Verlängerung des Problems. Schon heute sind Elektroautos keineswegs ökologischer als die guten alten Dreckschleudern von der Benzin- und Dieselfront. Vor allem müssten sie, um eine positive – Ha! Reingelegt! Es muss natürlich heissen: weniger negative – Umweltwirkung zu haben, ja auch wirklich fossile Fahrzeuge ersetzen. Da dies heute aber nicht der Fall ist, sondern weil man sich einfach noch ein schickes Zweitauto mit Hybrid- oder E-Motor leistet, vergrössern sie nur die Verkehrsmenge und reduzieren damit die Mobilität. Das nennt man Reboundeffekt, hat mit technologischem Fortschritt rein gar nichts zu tun, aber viel mit Steinzeitverhalten.

 

Elektroautos haben in der Regel auch einen grossen Fussabdruck, weil sie mit dem europäischen Strommix fahren, der einen Anteil Kohlestrom enthält. Im schlimmsten Fall können sie über die ganze Lebensdauer sogar einen grösseren Fussabdruck aufweisen als Fossilautos. Aber selbst wenn wir das mit dem Strommix in Zukunft lösen – und davon sind wir, Energiewende hin oder her, so weit entfernt wie die Frauen von gleichen Löhnen –, bleibt ein massives Ressourcenproblem. Denn nebst dem herkömmlichen Materialaufwand bei der Fahrzeugproduktion kommt neu die Batterie hinzu, und die enthält nicht nur massenhaft graue (also: Herstellungs)Energie, sondern sie ist auch stofflich alles andere als gelöst. Insbesondere die Verfügbarkeit von Lithium ist ein erhebliches Problem und hat das Potenzial, Blutdiamanten oder Palmöl als soziale Skandale nahtlos abzulösen. Eine Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung kam schon 2010 zum Schluss, dass wir, bevor wir nun einmal mehr eine neue Seite im dicken Buch der Ausbeuterei aufschlagen, zuerst funktionierende Recycling-Infrastrukturen aufbauen sollten. Kommt hinzu, dass die Batterieproduktion gewaltige Strommengen verbrötelt und erhebliche Mengen an CO2-Emissionen verursacht, wenn man das auf die gesamte Lebensdauer anschaut. Auch Elektroautos haben also einen Auspuff. Sie sehen ihn nur nicht.

 

Ich bin noch nicht fertig. Wenn all das gelöst ist – richtig gelesen: wenn falls! –, dann haben wir immer noch die ganz ‹normalen› Mobilitätsprobleme, auch mit Elektroautos: Platzverschwendung, Zersiedelung, Unfälle, Verkehrstote.

 

Das einzige Problem, das mit Elektroautos scheinbar gelöst wird, ist der Lärm. Dafür tut sich hier ein neues auf, denn E-Autos sind derart leise, dass sie eine Gefahr auf der Strasse darstellen. Vermutlich werden wir das mit einem Lautsprecher lösen, der gesampelte Fahrgeräusche eines Benziners ohne Auspuff wiedergibt, damit die Leute nicht einfach auf die Fahrbahn latschen…

 

In Summa: Elektroautos sind im klassischen Sinne nicht nachhaltig, weil sie nur ein Problem durch ein anderes ersetzen. Die Einführung von Elektroautos lenkt ab vom eigentlichen Thema, nämlich, dass wir falsche Mobilitätskonzepte haben, vorab in den Städten. Das gut Gemeinte ist auch hier der Feind des Besseren. Daher: Wir brauchen Lösungen, keine Nebelpetarden, keine Pseudofortschritte. Und schon gar keine Bubenspielzeuge.

 

Markus Kunz

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Der Fall Fricker

Es ist schon ein gutes Dutzend Jahre her, als ich als Leiter des Instituts für Nachhaltige Entwicklung an der Fachhochschule in Winterthur eine Anfrage eines gewissen Jonas Fricker bekam. Er hatte sein ETH-Studium abgeschlossen mit einer Arbeit über ein Kommunalentwicklungsprojekt, das er nun gerne fortgesetzt hätte.

 

Er war beim RAV in Baden gemeldet, also nahm ich dort Kontakt auf und erreichte, dass ich Jonas als Praktikanten anstellen konnte. Schnell gelang es ihm, für sein Projekt eine finanzielle Unterstützung der Kommission für Technologie und Innovation, heute Innosuisse, zu erwirken. Ich konnte ihn als Assistenten anstellen und gab ihm die Projektleitung, was etwas unüblich war, aber in seinem Fall kein Risiko. Wenig später wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter. Sein Projekt schloss er mit Bravour ab, es galt bei der KTI als Leuchtturmprojekt. Daneben wirkte er an weiteren Forschungsprojekten zum Thema Stadt- und Regionalentwicklung mit, zusammen mit Leuten wie zum Beispiel Richard Wolff oder Katharina Prelicz-Huber, beides nicht ganz Unbekannte in Zürich.

 

Womit wir bei der Politik sind. Jonas war politisch tätig, immer auch in den Parteigremien, aber auch als kommunaler und kantonaler Parlamentarier. Er hat viel geleistet – und er war seiner Sache immer gewachsen. Kein Haudegen, kein Extremist, klar grün. Und jetzt hat er richtig Mist gebaut mit seinem Vergleich, der gewaltig missverstanden werden will, aber das eben auch zulässt. Sein Rücktritt aus dem Nationalrat ist zwar nachvollziehbar, aber er macht mich wütend. Nicht nur, weil 99 andere an seiner Stelle nicht zurückgetreten wären, sondern im Gegenteil vermutlich sogar noch verbal einen draufgesetzt hätten. Sondern auch, weil wir es hier – jenseits von seinem ‹Vergehen› – mit einem Auswuchs einer politischen Praxis zu tun haben, die immer mehr davon lebt, dass die schnelle, geile Schlagzeile mehr wert ist als jahrelange Arbeit, dass das Wüten wichtiger ist als die Kompetenz. Wir haben es mit einer Verluderung der Politik zu tun, und niemand scheint sich dieser weder entziehen zu können noch zu wollen.

 

Es ist komplett unnötig, über Jonas’ Gesinnung zu spekulieren. Er ist kein Antisemit, kein heimlicher oder unheimlicher Anhänger menschenverachtender Haltungen, er ist kein Relativist und Verharmloser, und nie war er ein Sympathisant verschiedener braun angehauchter Tendenzen in der Ökologiebewegung, das kann ich aus langjähriger Zusammenarbeit bezeugen. Es ist daneben, ausgerechnet an ihm ein Exempel statuieren zu wollen, es ist widersinnig, an seinem Votum durchdeklinieren zu wollen, was ein anständiger Grüner oder was die anständige Linke denkt. Selbstverständlich verurteilen wir alle den Holocaust, ebenso wie niemand von uns, auch die BratwurstliebhaberInnen nicht, Tierquälerei wollen, auch wenn das eine nichts mit dem anderen zu tun hat. Die von allen Seiten geäusserte Selbstgerechtigkeit ist zum Kotzen.

 

Zudem gefährlich. Es brauchte nur einen Satz, notabene im Zusammenhang mit Ernährung, und schon geht die Antisemitismusdebatte los. Jahrelang haben die Rechtsbürgerlichen uns ihre widerliche Agenda diktiert, mit Minaretten, Burkas, Asylschikanen etcetera: das scheint normal zu sein, so sind sie halt. Aber kaum vergreift sich ein Grüner im Ton, entdecken plötzlich alle ihr Sensibilität. Politische Wertedebatten gehen anders.

 

Jonas hat die Konsequenzen gezogen. Die Hysterie um sein Votum zeigt aber, dass wir weit von einer irgendwie gearteten ‹Normalität› entfernt sind.

 

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Wenn’s nur das wäre

Es ist gefährlich, einen Grünen in die Ferien zu schicken. Er liest dann dort Bücher, in meinem Fall nicht nur den üblichen kriminalistischen Schund, sondern auch Naomi Kleins 700-Seiten-Werk mit dem (in der Übersetzung) knackigen Titel «Die Entscheidung. Kapitalismus versus Klima», das zwar etwas geschwätzig, aber dennoch überaus wichtig ist.

 

Man muss dazu sagen, dass Klein nach amerikanischen Massstäben eine Linke sein mag, aber von ihrem Selbstverständnis her keine Grüne, sondern einfach eine Journalistin, die eine Menge Daten sammelt, (wozu sie bequemerweise ein Team beschäftigt,) und daraus die richtigen Schlüsse zieht.

 

Und die sagen, dass der Klimawandel nicht nur der Hauptwiderspruch unserer Zeit ist und die wohl grösste Herausforderung, falls man so etwas sinnvollerweise behaupten kann, sondern auch, dass der Kapitalismus, bzw. die Art unserer Produktions- und Konsumstrukturen, der grösste Widersacher des Klimas ist. Oder einfacher gesagt: Man wird den Klimawandel nicht mit einer Begrünung dieser Strukturen bekämpfen können, denn der Kapitalismus hat keine Fehler, er ist im Hinblick auf das Klima der Fehler. In diese Richtung drückt sich auch Marcel Hänggi in der WOZ aus, wenn er bemerkt, dass Umweltschutz schon lange kein Nischenthema mehr ist. «Globale Umweltveränderungen interferieren mit allen anderen grossen Themen der Politik: Welternährung, Sicherheit, Migration, Krieg und Frieden, Energieversorgung, Verkehr, Handel, Technik.» Kurz: Der Klimawandel ist die neue Klassenfrage.

 

Das macht einen Haufen Leute stinkig, nicht nur grünliberale, weil wir seit dem Verschwinden des real existierenden Sozialismus keine Alternative zu haben scheinen. Neu ist das allerdings nicht. Man kann das am Beispiel des Wachstumszwangs sehen, welcher in kapitalistischen Strukturen angelegt ist, verknüpft mit dem Fakt, dass Wirtschaftswachstum heute immer noch mit steigendem Energie- und Ressourcenverbrauch zusammengeht (auf Deutsch: je grösser das BIP, desto höher der Ressourcenverschleiss, desto grösser die Umweltzerstörung). Man kann das mit fehlenden Anreizen erklären, die dazu führen, dass betriebswirtschaftlich Null Druck besteht, klimaschonend zu produzieren, und auf der Nachfrageseite Null Druck, klimaschonend zu konsumieren. Weshalb sich auch nie etwas ändern wird. Man könnte aber auch damit argumentieren, dass seit Jahrzehnten, wenn man die Bilanz nüchtern zieht, eigentlich rein gar nichts passiert ist, weil allfällige Fortschritte immer wieder durch Mengenzuwächse aufgefressen wurden. Im Gegenteil: Es wird ja immer verreckter. Nach zwei Jahrzehnten Nachhaltigkeitsforschung (mein Beruf) und -politik (meine Berufung) bin auch ich der Meinung, dass das 2-Grad-Klimaziel nicht mehr realistisch ist. Die hektischen Anpassungsanstrengungen von Regierungen weltweit geben mir da leider recht.

 

Klar ist auf jeden Fall, dass der Klimawandel zu allerletzt ein ökologisches Problem ist. Dem Piz Cengalo ist es so was von egal, ob seine Million Kubikmeter Geröll oben am Berg hängen oder unten in Bondos Auffangbecken liegen. Bondo hingegen ist das nicht egal. Nur: Wenn wir das stoppen wollen, müssen wir morgen, nicht übermorgen, massiv aus den fossilen Energien aussteigen. Vollstopp. Aber, so Hänggi, «ein Ausstieg aus der Nutzung des wichtigsten Rohstoffs der Wachstumswirtschaft ist ohne grundlegende Umstrukturierungen der gegenwärtigen Produktions- und Distributionsstrukturen nicht zu schaffen.» Also Revolution oder Desaster. Ich hab’s ja gesagt: Lesen ist gefährlich.

 

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Triibhuus

Eine Menge Leute werden mich hassen wegen dem folgenden Text, aber die Geschichte ist einfach zu gut, um nicht erzählt zu werden: Es war einmal eine tolle und tolerante Stadt, die aber leider unter rot-grüner Fuchtel stand. Es herrschten Recht und Gesetz, aber, oho, lange nicht überall! Es gab da auch illegale Orte, wo sich finstere Gestalten trafen und wilde Orgien feierten. Wie zum Beispiel beim Fry auf dem Üetliberg, der aber gar nicht auf Stadtgebiet lag und daher nicht als rechtsfreier Raum, sondern als innovatives Gewerbe galt.

Auch auf einem stillgelegten Fabrikareal gab es innovatives Gewerbe. Viele Menschen lebten dort, «darunter auch Familien mit Kindern. Zusammen veranstalten sie Konzerte und Ausstellungen, zeigen Filme und betreiben ein Café», wie das die Neue Züricher Zeitung romantisch beschrieb. Aber Moment! Ein Café? Wo man richtige Getränke serviert bekommt? Aus richtigen Tassen? Ohne Mehrwertsteuer, Hygienekontrolle und Pegelstandsmessung, ob die Tassli auch richtig geeicht sind? Die braven Bürger schäumten. Sie schrien: «Rechtsfreier Raum! Behördenwillkür! Vetterliwirtschaft!» Und als sie herausfanden, dass so ziemlich alle Kinder von so ziemlich allen Stadträten auf dem Areal verkehrten, da gabs kein Halten mehr. Fleissig sammelten sie Unterschriften für eine Volksinitiative, denn sie waren gute Menschen, und in eine illegale Beiz wären sie nie, aber auch wirklich gar nie gegangen! Daher durften sie sich zünftig aufregen über das illegale Areal. Das war ihr gutes Recht.

Es erging aber in diesen Tagen eine Einladung des städtischen Gemeinderates an den hohen Landrat des löblichen Kantons Uri, man wolle sich doch am 8. September in Zürich treffen, den gemeinsamen Brückenschlag feiern und, nicht zuletzt, die Freundschaft bei einem Happen und ein paar Gläschen feiern. Im OK-Büro des Gemeinderates steckte man stundenlang die Köpfe zusammen, tüftelte am Programm und frug sich zu guter Letzt auch, wohin man denn essen gehen solle. Man hirnte und hirnte, und plötzlich schrie ein Bürgerlicher: «Ich hab’s! Wir zeigen denen, was innovatives Gewerbe ist!» Da hub ein Lärmen und Proleten an, dass die Fenster klirrten, aber am Schluss war man sich einig: Das Triibhuus sollte es sein, ein Resti am Stadtrand, romantisch in einem stillgelegten Gewächshaus gelegen – und so illegal wie öffentliches Pinkeln auf dem Bellevue. Denn das Triibhuus steht in einer Erholungszone und hätte gar nie eröffnet werden dürfen, und das wurde auch von gewerbefeindlichen Linksgrünen seit Jahren angeprangert. Aber das Baukollegium, ein stadträtliches Triumvirat in bürgerlicher Hand, hielt seine schützende ebensolche über das Triibhuus und erlaubte ihm die Beizerei – eben, weil es ja ein innovatives Gewerbe war.

Und so, meine Lieben, werden am
8. September die Honoratioren des schönen Kantons Uri, von denen manch einer immer wieder schüch nach oben blicken und sich fragen wird, ob plötzlich die Wölffli-Buebe durchs Glasdach brechen und alle verhaften, und die Grosskopfeten der Stadt Zürich einträchtig nebeneinander im Triibhuus sitzen, bechern und sich nicht von den paar Koch-Leuten beirren lassen, die staunend ums Glashaus stehen und sich inspirieren lassen, wie man das richtig macht, das illegale Beizen, so dass sogar ausgewachsene Stadträte, und nicht nur ihre Kinder, ihre Aufwartung machen.

Ich aber werde leider nicht berichten können, wie’s war, denn ich habe einen heiligen Eid geschworen, keine Geschenke über 200 Franken anzunehmen, und diese Summe wäre, bei meinem Schluckvermögen, wohl schon nach dem Apéro aufgebraucht.

 

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Krieg den Alten

Natürlich sagt niemand einer 87-Jährigen, du bist zu langsam und zu unbeholfen, du kannst deinen Haushalt nicht mehr alleine führen. Und es sagt ihr auch keiner, sie sei schon etwas nachlässig in der Hygiene und benötige offensichtlich Unterstützung beim Duschen. Und schon gar nicht ist jemand so gemein zu sagen, dass das aber ganz schön teuer komme, mit all den Medikamenten, der Spitex, den Haushaltshilfen und so weiter. Oder dass es doch ein bisschen unverschämt sei, so ganz alleine in einer grossen Dreizimmerwohnung zu hausen.

 
Auch geht niemand so weit, den Frust darüber, dass sie immer noch lebt, rauszulassen und zarte Andeutungen zu machen, dass 87 doch ein sehr respektables Alter und kaum jemand in der Familie derart alt geworden sei, und sie dürfe doch auf ein erfülltes Leben zurückblicken, wohingegen doch die Gebrechen des Alters gewiss nicht einfach auszuhalten seien, und ja, man verstehe sehr gut, wenn da eine grosse Müdigkeit sei – und vielleicht auch ein kleines bisschen Lebenssattheit?

 
Nein, das sagt nun wirklich niemand. Das muss auch niemand. Die Alten sagen sich das ganz alleine und selber. Denn es wird ihnen suggeriert. Immer und immer wieder, und mehr denn je. Und nicht durch einzelne, sondern durch «das System». Es gibt kaum einen grösseren Fluch als den Systemzwang. Höchstens noch, dass Systemzwänge in den letzten Jahren zunehmend und systematisch bestritten werden, verneint, weggeredet. Es hat schon in den 80ern begonnen mit Margaret Thatchers Diktum, dass es so etwas wie eine Gesellschaft gar nicht gebe «and people must look after themselves first». Eigenverantwortlich, selbstbestimmt, seines eigenen Glückes Schmied, und damit natürlich auch selber schuld, wenn man arm werden sollte, arbeitslos, einsam, krank. Oder gar: alt.

 
Seither ist es einfacher geworden, systemische Zwänge, also Einschränkungen, welche durch Strukturen verursacht werden, nicht durch individuelle Handlungen, zu vernütigen. Systeme sind ja nur eine ideologische Erfindung, oder haben Sie schon jemals ein System dabei ertappt, wie es grad wieder einen armen Alten am Kragen packt? Eben. Nein, niemand sagt den Alten, dass sie unnütz sind, asozial oder zumindest nicht mehr benötigt in dieser Gesellschaft, die es ja eh nicht gibt. Sie merken es auch so, etwa, wenn sie an der Kasse eine lange Schlange verursachen oder wenn sie beim Zebrastreifen nur bis in die Mitte gelangen, bevor es rot wird, oder wenn sie es nicht schaffen, am SBB-Automaten ein Billet zu kaufen. Niemand wirft ihnen vor, dass sie Nutzniessende eines Grundeinkommens namens AHV sind. Es reicht ja zu sagen, dass dieses – leider! – zunehmend nicht mehr finanziert werden könne.

 
Und darum kommen die Alten ganz von alleine auf die Idee, sich von einer Klippe stürzen zu wollen, weil sie ja niemandem «zur Last fallen» wollen. Und weil, Scheisse nochmals, die Klippen auch nicht grad häufig vorkommen bei uns, ist es genau darum nur noch ein kleiner und logischer Schritt, dass wir Natriumpentobarbital freigeben, damit auch geistig fitte Leute, die eigentlich nicht wirklich leiden, höchstens am Wohnungsmarkt, an der Grünphase auf dem Zebrastreifen oder am Mangel an Ergänzungsleistungen, und die ob alledem etwas lebenssatt geworden sind – damit also auch sie frei und willig und unglaublich eigenverantwortlich in den Tod gehen und uns so ganz zuletzt noch einmal kräftig nützlich werden können.

 
Ich aber sage: An dem Tag, an dem NaP freigegeben wird, erklärt ihr den Alten den Krieg. Und ich verspreche: An diesem Tag wandle ich mich vom Pazifisten zum Kriegsteilnehmer.

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