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Last Exit Corona

Es war neblig und es war dunkel, also war es nicht überraschend, dass ich ihn erst nach einer Weile bemerkte, den Tod. Er ging neben mir her, übrigens weder kleiner noch grösser als ich, weshalb ich ihn wohl übersehen hatte, aber bald gerieten wir ins Plaudern (wobei ich zuerst reflexartig meine Maske anziehen wollte, es dann aber bleiben liess. So etwas nennt man Situationskomik.) Wir redeten über die Zukunft der Zürcher Fussballclubs, über die SVP, über das nahe Ende des Kapitalismus – ich unterhalte mich gern mit Fachleuten über solche Dinge. Ich bemerkte mit Erleichterung, dass er mich siezte. Irgendwann war’s dann nicht mehr zu vermeiden, dass ich ihn auf seine Arbeit ansprach, denn er ist mir etwas gar zu oft über den Weg gelaufen in den letzten Jahren.

Das sei normal für mein Alter, fand er. Die Leute sterben weg. Aber, so fragte ich, das mit Corona, wie das denn nun gemeint sei? Er zuckte mit der Schulter, was ein leichtes Klappern auslöste. Das sei ja in der Regel nicht tödlich, ein Grippchen, wie manche sagen würden, und dabei grinste er ganz brasilianisch vor sich hin. Und die Übersterblichkeit, fragte ich, was ist damit? Er zuckte nochmals mit den Rabenbeinen. Das sei nun gewiss nicht sein Wording, solches täten nur wir Menschen erfinden. Eine rein statistische Grösse, für ihn einfach quasi etwas Mehrarbeit. Er sei im Übrigen nicht gerade der richtige Gesprächspartner, wenn es darum ginge, Wirtschaft gegen Gesundheit abzuwägen, da solle ich doch lieber jemanden von der Economiesuisse fragen. Ob er denn jemanden kenne, fragte ich, aber er winkte nur ab: Berufsgeheimnis. Im Übrigen verstehe er unsere Politik sowieso nicht. Volkswirtschaftlich seien zwar auch Todesfälle durchaus lukrativ, wie alles, was das Bruttoinlandprodukt erhöht, aber es schwäche halt schon auch die Kaufkraft. Ganz abgesehen von der Moral, ergänzte ich, und zudem sei es eine Belastung für das Personal in den Spitälern und Heimen. Was er zur Kenntnis nahm, wie ein Kaminfeger es zur Kenntnis nimmt, dass der Russ, den er hinterlässt, unwillkommen ist.

Ich führte aus, dass ich unsere Politik ja auch nicht verstehen würde. Denn die Wirtschaft leide ja so oder so, das sei bei einer Seuche, die auf Kontakt basiert, nicht zu vermeiden. Unser ganzes Konsumverhalten sei nun mal auf Kontakt ausgerichtet, es sei denn, man wolle nur noch via Internet bestellen, was allerdings auch ginge, ausser halt bei denjenigen Menschen jenseits des digitalen Grabens. Nur dass wir bei jeder Lockerung eine erhöhte Übersterblichkeit, vor allem bei den Risikogruppen, in Kauf nehmen würden, und das sei genau genommen skandalös. Aber schon klar, er sei ja eigentlich der falsche Gesprächspartner dafür, man müsse ja auch nicht die Frösche fragen, wenn man einen Sumpf trockenlegen wolle.

Die ganze Pandemiekrise zeige halt in aller erschreckender Deutlichkeit, dass gesellschaftliche Konsense, wie etwa bei Zielkonflikten zwischen Wirtschaft und Gesundheit, wenn das überhaupt einer sei, nicht nur brüchig, sondern auch beinahe unmöglich seien. Es fehle quasi an Mechanismen, wie man so etwas auf saubere Art regeln könne. Ob ihm vielleicht etwas dazu einfalle, fragte ich ohne grosse Hoffnung, denn eigentlich war er ja kein Frosch, sondern so oder so einer, der das letzte Wort hat. Und da nichts kam, schaute ich mich um, und tatsächlich, er war ohne Worte abgebogen, was mich ja irgendwo enorm erleichterte. – Aber ein komisches Treffen war das schon, kann ich euch sagen.

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Lebenslüge

«Eigenverantwortung, die [Subst.]: Feenhafte Gestalt aus dem liberalen Märchenbuch. Wird sehr oft gesichtet, wurde aber noch nie nachgewiesen. Siehe auch: Einhorn» Soweit der Duden. Oder so ähnlich, bin nicht mehr sicher. Manchmal kommt es mir so vor, wie wenn gerade die Schweiz besonders anfällig darauf sei, sich etwas ins Poschettli zu lügen. Das Bankgeheimnis zum Beispiel war so ein Ding: Jahrhunderte als unverzichtbaren Bestandteil unseres Wohlstands gehalten und verbissen verteidigt. Bis man plötzlich merkte, dass man dann eher so im Schäm-di-Eggli stand und dass es ja auch ohne geht. Oder dann auch die Mär vom Wohlstand durch puren Fleiss im rohstoffarmen Land, wo sich doch zunehmend herausstellt, dass die Schweiz auch indirekt an Rohstoffen teilhaben konnte und kann (Ölhandel! Sklaven! Kakao! Blutdiamanten!).

 

Und jetzt also die Eigenverantwortung. Kein Begriff wird schöner missbraucht und ist so hohl wie der Halloweenkürbis auf dem Misthaufen. Sie wird desto mehr zelebriert, umso nutzloser ihr Dasein ist. Sie ist aber unendlich nützlich als Nebelpetarde oder als Projektionsfläche. Daherkommen tut sie très sympa, irgendwie einleuchtend als Konzept und unwiderstehlich als Ideologie. Nur hat sie halt wenig mit der Realität zu tun. Dabei: Was ist denn eigentlich so falsch an Regeln? Immerhin bedeuten Regeln, dass alle gleich behandelt werden (mein Rechtschreibeprogramm überholt mich grad ideologisch und schlägt vor: «gleichbehandelt» in einem Wort). Und das Resultat ist ja dasselbe, ob ich mich an eine Regel oder an meine eigenverantwortliche Massnahme halte. Das haben viele noch nicht gemerkt: Ob die Leute nicht mehr ins Resti gehen, weil’s verboten ist oder weil sie Bedenken haben, kommt für die GerantInnen aufs selbe hinaus. Nur, dass es beim ersteren Fall höhere Gewalt wäre, was entschädigungstechnisch vorteilhafter ist.

 

Aber darum geht’s ja nicht, werden Sie sagen. Eine Einschränkung durch eine auferlegte Regel sei ein massiver Eingriff in die Freiheit, werden Sie sagen, und wenn ich das eigenverantwortlich mache, sei es eben freiwillig. Und ich so: Ich fühl mich also besser, wenn ich mich selbst einschränke, mir freiwillig die Freiheit nehme? Das nennt man glaubs Masochismus, aber bitte schön. Und Sie so: Das war jetzt aber etwas unreif, es geht schliesslich um Verantwortung, und die sollten alle selber übernehmen! Und ich so: Eben, sag ich ja: Konjunktiv. Ein tolles Konzept. Leider ohne Rückfallposition, falls das Soll ein Soll bleibt und die realexistierende Welt nicht ganz mitkommen sollte.

 

Aber lassen wir das. Der springende Punkt ist: Der Gegensatz von Eigenverantwortung ist nicht etwa Regulierung, sondern Solidarität. Kollektive Verantwortung, gemeinschaftliches Denken und Handeln. Rücksicht. Dagegen ist das Konzept Eigenverantwortung eher eine Schwester der Ich-AG, dieser gloriosen Erfindung des Neoliberalismus. Hinter der Betonung der Eigenverantwortung steckt oft die Verweigerung, sich einordnen zu wollen in kollektive Massnahmen und Konsense. Dass meine Freiheit, keine Maske zu tragen, ihre Grenze findet an der Freiheit des Nächsten, gesund zu bleiben, wird gerade in Zeiten der wabernden Aerosole schnell missachtet. Wenn Eigenverantwortung funktionieren würde, gäbe es, vielleicht, keine Pandemie. Daher bin ich eher auf der Seite derjenigen, die staatliches Handeln und Einschreiten in diesen Zeiten befürworten. Nicht begeistert. Aber wer ist das schon hinter einer Maske.

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Banalität des Irrsinns

Ich versuche ja, das zu verstehen, ehrlich, aber einfach ist das nicht. Ich versuche zu verstehen, warum langsam aber sicher alle durchdrehen, bloss weil sie eine Maske aufhaben müssen und nicht mehr ganz alles so ausleben können wie das früher eventuell einmal war. Ich gebe zu, ich hab einfach reden, für mich hat sich im Leben nicht so viel verändert, das Homeoffice behagt mir, und dass ich zum Ausgleich etwas mehr spazieren gehen muss, ist voll ok, meint ja auch der Doktor. Clubs waren eh nie mein Ding und eine Maske im Grossverteiler oder in der S-Bahn ist es wert, wenn ich dafür auch noch einer simplen Erkältung ausweichen kann. Warum und woher jetzt aber dieser Furor, der manche Menschen, sogar solche, die noch kaum je im Leben demonstriert haben, auf die Strasse treibt mit komischen Schildern in der Hand und abstrusen Ideen im Kopf?

Ich versuche weiter zu verstehen, warum der liberale Rechtsstaat zunehmend abdankt, sich selber auflöst, ohne Not, und warum er mit dem ewigen Totschlagargument von mehr Sicherheit immer mehr Freiheiten abbaut. Sogar die Zwölfjährigen wollen sie jetzt nicht mehr wie Kinder behandeln, sondern rabiat und präventiv einsperren, scheiss auf Kinderrechte! Im Namen der Sicherheit. Aber nicht in meinem Namen. Ich versuche zu verstehen, warum ganz plötzlich diese zugegebenermassen heikle und diffizile Balance zwischen persönlichen Freiheiten und kollektiver Sicherheit ausser Kontrolle geraten ist. So dass man sogar noch ein bisschen verstehen kann, dass die Leute stinkig reagieren, wenn eine Maske verordnet wird. Nur, dass das verdächtig nach Stellvertreterkrieg riecht. Die wahren Feinde der Freiheit sitzen momentan im bürgerlich dominierten National- und Ständerat, und sie sitzen in den globalen Grosskonzernen, die uns zunehmend entmündigen, aber eher nicht in der Regierung.

Ich versuche zu verstehen, warum die Welt spinnt, aber dieses Mal richtig und nicht nur versuchsweise, dieses Mal mit vollem Durchgriff auf die Macht, so dass wir uns im Jahre vier nach der Wahl des wohl durchgeknalltesten Menschen zum US-amerikanischen Präsidenten fragen, was dort, aber auch hier, eigentlich noch normal sei und was nicht, und woran wir uns ganz einfach gewöhnt haben. Ich versuche zu verstehen, warum man sich an den Klimawandel gewöhnen kann, diesen Wahnsinn, der sich zunehmend klar vor uns ausbreitet, wenn man sich nur schon – nur einer von Tausenden von Indikatoren – anschaut, wie viele Sommer schon «Jahrhundertsommer» waren, wie die Temperaturen ausser Rand und Band geraten, wie die Welt sich aufheizt und welche irrwitzigen Gefahren uns damit drohen. Und gleichzeitig müssen wir uns tatsächlich und ernsthaft sagen lassen, dass dieses CO2-Gesetz das beste sei, was wir herausholen konnten. Glaub ich sogar. Macht den Irrsinn, in dem wir drinstecken, aber erst recht sichtbar und nicht geringer.

Ich versuche zu verstehen, was es nicht zu verstehen gibt. Ich werde gebremst durch den altmodischen Glauben an Vernunft und Logik und letztlich halt doch so etwas wie gesunden Menschenverstand. An Aufklärung. An Humanität. Das alles tönt mittlerweile ein bisschen altbacken, wie aus ferner Zeit, als das Denken noch geholfen hat. Vielleicht hatte Hannah Arendt ja recht mit der Strukturlosigkeit totalitärer Regierungen, vor allem aber mit der Banalität des Bösen. Man muss es aktuell einfach umdenken auf die Banalität des Irrsinns, auf eine Normalität des Unverständlichen. Ich tu mich grad ein bisschen schwer damit.

 

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Ungeduld

«Macht kaputt, was euch kaputt macht!» Dass der Klimawandel nicht nur uns kaputt macht, sondern sogar sehr gut geeignet ist, die ganze Welt ziemlich viel kaputter zu machen, ist langsam so jeder und jedem klar. Und dass hinter dem Klimawandel ein paar systemische Problemchen und Fehlentwicklungen stecken, man kann sie kapitalistisch nennen oder auch nicht, ist auch kein Geheimnis.

Daher hab ich jetzt ein Déjà-vue. Oder gleich mehrere. Wenn die Klimajugend – ob mit oder ohne Support von Erwachsenen oder NGO ist sowas von irrelevant – auf dem Bundesplatz eine klare Haltung zeigt, dann muss man nicht austicken, sondern von guter alter Tradition sprechen. Schon der zweite Vorname der 1980er-Bewegung war «Subito». Es ist logisch, dass Jugendliche ungeduldiger sind, weil sie mehr Zukunft vor sich haben als die Alten. Was mich nicht davon abhält, es auch zu sein, was etwa die Klimafrage oder die nachhaltige Entwicklung betrifft. Jeder Tag, an dem nichts passiert, ist ein verlorener Tag. Und in manchen Bereichen passiert seit einer Generation nichts, was ich, der ich eine Generation älter bin, sehr gut beurteilen kann. Wir reden immer noch von den gleichen Problemen wie vor 30, 40 Jahren. Und von den gleichen Lösungen. Die nicht oder viel zu zögerlich angepackt werden. Und weil heute auch Leute mitreden, die etwas später auf die Welt gekommen sind, haben sie noch nicht mal den Diskussionsstand von vor 30 Jahren intus und reden fröhlichen Stuss. Letzthin hab ich in einer Fachpublikation zum solaren Bauen von mehreren ETH-ProfessorInnen gelesen, dass sie erst gerade unlängst Dinge «entdeckt» haben, die an der ETH schon vor 25 Jahren erforscht wurden, unter anderem von einer ETH-Forschungsstelle in den 1990ern. Was natürlich dokumentiert ist, aber das interessiert ja keine und keinen. Hauptsache, wir tun so, wie wenn wir aktiv wären.

Dass hier die Jugend ausrastet, was die Klimajugend noch nicht mal tut, sondern bemerkenswert ruhig bleibt, ist normal. Auch ich könnte hie und da in den Tisch beissen, und ich bin normal. Denn mittlerweile wissen wir mehr: Wir wissen, dass Handeln gegen die Klimakatastrophe möglich ist. Es gibt, vom individuellen Verhalten bis zum Systemwandel, genug Hinweise, was zu tun wäre. Wir wissen weiter, denn Corona hat es uns gelehrt, dass der Wandel, egal ob disruptiv oder nicht, sehr schnell gehen kann. Die Einführung und geradezu totalitäre Verbreitung des Benzinautos lief in nur gerade zehn bis zwanzig Jahren ab. Der Lockdown ging nur eine Woche. Und das meiste klappte sogar.

Hört mir auf damit, es ginge nicht. Es gibt zum Beispiel keinen einzigen vernünftigen Grund (ausser den Interessen der Verkäufer fossiler Energieträger natürlich), warum man nicht heute schon damit beginnen kann, fossile Heizungen zu ersetzen. Es gibt keinen gesetzlichen Zwang, CO2 ausstossen zu müssen. Man kann sofort damit aufhören, in fossile Energien zu investieren, denn sie sind ja nicht einmal mehr ökonomisch interessant. Aber es gibt nur Faulheit, Ausreden und die immer gleichen kommerziellen Interessen. Kein Grund, die Klimajugend in herablassenden Kommentaren zu belehren, sie müsse halt mit einer Volksinitiative kommen. Was sollte denn das nützen? Dass am Ende in der Bundesverfassung ein weiterer Sonntagspredigtartikel steht? Es geht ja nicht um die Verfassung, es geht um den Vollzug, ihr intellektuellen Arschbomben! Wenn die Jugend nur ungeduldig ist, dann könnt ihr noch von Glück reden.

 

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Diskurs in der Enge

Recht haben ist nicht immer lustig. Es kommt leider, wie ich gesagt habe, die Debatte über die Begrenzungsinitiative nimmt den erwarteten unerwünschten, falschen Verlauf. Wir reden tatsächlich und allen Ernstes über ökologische Überbelastung aufgrund der Zuwanderung, das Wort «Dichtestress» ist salonfähig geworden, und dass unsere S-Bahnen überfüllt seien, wird unwidersprochen hingenommen, auch wenn die Auslastung über alles nur etwa bei 35 Prozent liegt. Und an all dem sei die Zuwanderung schuld, auch das wird kaum dementiert, es wird einzig erwähnt, sie sei halt leidergottes nötig für unsere Wirtschaft und die Altersvorsorge.

Schwach. Und falsch.

Die WoZ rettet ein bisschen die mickrige Ehre einer innerlinken, aber auch liberalen Debatte, indem sie darauf hinweist, dass die Zuwanderung und das (Bevölkerungs)Wachstum klar benennbare ökonomische Treiber hat: allen voran die Fremdinvestitionen in der Schweiz, aber generell der Kapitalzuwachs, der in den letzten Jahren rasant anstieg und den auch Corona kaum stoppen wird. Die ebenfalls massiv zunehmende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen führt dann dazu, dass am Ende der Debatte nur noch die blanke Emotion (Neid!) und der subjektive Eindruck bleibt: Alles geht den Bach runter und ich profitiere nicht einmal davon. Wasser auf die Mühlen der Fremdenfeinde.

Nur: Es ist und wird gar nicht eng. Das Boot ist nicht voll. Nicht in den Zügen, wenn man vielleicht am Arbeitsplatz und in den Schulen etwas flexibler punkto Präsenzzeiten wäre. Nicht auf dem Arbeitsmarkt, wenn man endlich die Produktivitätsgewinne der letzten Jahre und Jahrzehnte in die Reduktion von Arbeitszeit stecken und damit Arbeitsplätze schaffen würde. Nicht bei der Wohnungssuche, wenn alle, wie die in dieser Hinsicht vorbildlichen Genossenschaften, Belegungsvorschriften hätten. Nicht in der Energieversorgung, wenn wir endlich vorwärts machen und vollständig auf neue erneuerbare Energieträger umstellen würden. Nicht in den Sozialwerken, wenn man die unsägliche 2. Säule abschaffen und in die erste integrieren würde. Und so weiter.

Stattdessen: Keine Rede ist von der unsäglichen Verlogenheit der SVP, welche die Zersiedelungsinitiative der Jungen Grünen abgelehnt hat, obschon diese die Verbauung der Landschaft gestoppt hätte. Die sich nun plötzlich als Hüterin von Löhnen und Arbeitsplätzen aufspielt. Die Ströme von Krokodilstränen über verschwundene grüne Landschaften und grassierenden Beton vergiesst (Kulturlandverlust!). Oder über die vielen Personenwagen auf unseren Strassen. Es ist zum Kotzen, aber wir haben uns ja offenbar daran gewöhnt, Protest wird eigentlich kaum mehr laut. Dumm und blöd auch das Argument eines Ökonomie-Professors, dessen Name ich hier nicht nennen will: Die CO2-Reduktionsziele seien «recht problemlos» zu erreichen, wenn’s keine Zuwanderung geben würde. Sackstark! Wenn’s keine Professoren geben würde, wär das fürs Klima übrigens ebenfalls nützlich.

Kein Wort schliesslich über die immer noch und überall grassierende Verschwendung. Von Lebensmitteln (ein Drittel!), von Energie (mehr als ein AKW produziert!), von Geld (Kampfflugzeuge!). Kein Wort über den bemerkenswerten Ansatz der Initiative, für fast alle Probleme, die wir teilweise in der Tat haben, eine einzige Ursache zu finden. Nur ist diese nicht nur falsch, sondern die Simplifizierung vernebelt auch den Blick auf die wahren Gründe. Eng ist eigentlich nur die real existierende Debatte.

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Wandern. Eine Polemik

Eins ist klar: Bill Gates hat Corona nur erfunden, damit ich gezwungen war, vier Wochen zu wandern. Nicht grad am Stück, aber fast. Falls Ihnen diese Logik etwas zu sprunghaft erscheint, entwickle ich das gerne ganz ausführlich, zum Mitleiden.

Die Schweiz ist schön. Aber das ist kein Lob, das ist ein Fluch. Von Schönheit hat man ja noch nicht gegessen, daher muss man sie verkaufen. Dazu wurde das Tourismusmarketing erfunden. Und da die aktuelle Viruslage es nicht als ratsam erscheinen liess, vom Ausland zu uns in die Ferien zu kommen, musste sich das Marketing auf die Eingeborenen fokussieren. Das kam gar nicht gut: Die St. Galler warben im Waadtland (Alpstein!), die Walliser im Neuenburgischen (Olmenhorn!), die Welschen im Züribiet, und in den Aargau wollte wie immer niemand. Am schlimmsten trieben es die Stadtzürcher: In Lausanne hingen Plakate mit leicht bekleideten jungen Frauen auf Motorböötchen, die Rosé sürpfeln. Byline: «La vie en rosé.» Ich wollte mir schon Sorgen wegen der Zielgruppengerechtigkeit machen, als mir einfiel, dass das in einem Kanton, in dem die Einheimischen schon um 11 Uhr vor dem ersten «ballon» sitzen, während wir daneben noch Kaffee schlürfen, wohl doch nicht so daneben ist. Aber ich schweife ab.

Gut beworben ist immer noch langweilig. Berge dienen ja nicht zum Angucken, da muss man rauf. Und landschaftliche Schönheit ist zwar schnell behauptet, das grosse Gähnen aber ist vorprogrammiert und die schöne Kulisse schnell durchschaut. Solange man sie nicht mit Zweitwohnungen zukleistern darf, ist sie nichtsnutzig. Das Volk ist nicht blöd, und es will Action. Die Ferien sind zum Handeln da (Slogan dazu: «Wir brauchen bebadbare Flüsse»), und die Füsse zum Wandern. Das ist Volkssport Nummer 1. Das haben wir im Griff, und das lässt sich nicht zuletzt mit jeder erdenklichen Fussbekleidung ausführen.

Wandern ist komplett sinnlos. Und was sich nun anhört wie der Beginn einer wunderbaren Freundschaft – heisst es nicht «jeder Zwecklos ist Widerstand»? –, ist es nicht. Wer wandert, muss ekelhafte Funktionskleidung tragen, das steht wohl so im Epidemiengesetz, sonst würd’s ja niemand freiwillig tun, und wer noch einen Beweis braucht: Sogar NacktwanderInnen tragen rote Socken, und zwar nicht als Feigenblattersatz, sonst ging’s ja noch. Vor allem: Wandern diszipliniert. Wer wandert, muss früh aufstehen und am Abend ziitig auf dem letzten Postauto sein, wer wandert, muss auf den Weg achten, sonst erleidet sie subito einen doppelten Fussbruch. Und darum macht, wer wandert, keine Revolution, und darum hat Ueli Maurer vor den Ferien das Wandern in der Schweiz propagiert. Wandern ist das Opium des Volkes, und bei Gott, das packt jede Menge davon ein: Wanderschoggi, Wanderguetsli, Wanderzältli, und es hat uns überhaupt nicht gewundert, als wir sogar einen Wanderwein im Angebot entdeckten. Um doch noch etwas Nettes zu sagen: Wandern ist immerhin virussicher, da es an der frischen Alpenluft stattfindet. Wer von einer wild gewordenen Mutterkuh davonrennt, denkt nicht ans Husten.

So. Und nun müsste ich ja langsam wieder die Kurve zu Bill finden. Ich fasse zusammen: Irgendwie hat das Ganze damit zu tun, dass die Schweiz schön ist. Und langweilig. Weshalb das Tourismusmarketing ganz konform die langweiligste Lebensform überhaupt, das Wandern, als Volkssport Nummer 1 promotet. Und das alles entdeckt man nur, weil man nicht ins Ausland darf. Und daran ist Bill schuld. Oder so ähnlich. Ich brauch Ferien.

Markus Kunz

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Liebe L.

Alle Unfalltode sind sinnlos, aber dein Tod ist es ganz besonders. Du bist letzthin an einer Kreuzung in Altstetten mit dem Velo unter einen LKW geraten und noch auf der Unfallstelle verstorben. Weiss der Geier, was der Riesenlaster dort auf der stillen Quartierstrasse zu suchen hatte, und ich nehme mal an, dass der berüchtigte tote Winkel Schuld war, aber das macht dich auch nicht mehr lebendig. Die Dienstabteilung Verkehr teilte mir mit lakonischer Expertise mit, dass sie an diesem Knoten «kein Infrastrukturproblem» hätten. Und auch die Velofachleute, die ich fragte, finden, es sei eigentlich eine harmlose Kreuzung.

 

Tja. Ist sie nicht. Fährt man die Badenerstrasse hinunter auf die Kreuzung zu, hat es dort sage und schreibe eine Linksabbiegerspur, obschon man gar nicht links abbiegen kann, ausser zu einer Firmeneinfahrt, und die rechte Spur ist dann für Rechtsabbieger und Geradeausfahrende zugleich. Daneben, klein und züri-like schmal, der Velostreifen. Ich nenne das eine Todesfalle, denn es ist ja klar, dass es hier zum Konflikt zwischen rechts abbiegenden LKW und geradeaus fahrenden Velofahrerinnen kommt.

 

Letzthin wurde eine Mahnwache für dich organisiert. Zuerst waren wir wenige. Tränen, Blumen, Kerzen, Fassungslosigkeit. Schweigend standen wir da. Und dann kamen immer mehr Menschen. Aus der Nachbarschaft, von weiter her, zu Fuss, mit dem Velo. Plötzlich waren ganz viele Kinder da, welche die Strasse mit Hunderten von Kreideherzen verzierten. Nach dreissig Minuten geschah Eindrückliches: Zu Dutzenden fuhren VelofahrerInnen schweigend die Badenerstrasse hinunter, hielten an, legten ihre Velos auf die Strasse und liessen sich immer noch schweigend auf der Kreuzung nieder. Ok, auch auf den Tramschienen. Wir waren halt wirklich viele.

 

Die AutofahrerInnen wichen aus, manche Sonnenscheinchen hupten, und andere, für die mir jetzt grad die Schimpfwörter ausgegangen sind, fluchten aus dem Fenster heraus. Und dann ging es wieder nur fünf Minuten, und die Schmier war da. Drei Jungs stiegen aus, schwer bewaffnet – ich begreife bis heute nicht, warum PolizistInnen im friedlichen Ordnungsdienst bewaffnet sein müssen –, und forderten die Leute auf abzuziehen. Man erklärte ihnen freundlich, dass man hier an einer Trauerwache sei, aber das nützte nichts. Ja, man hätte sich mühelos vorstellen können, dass sie ihren Wagen quer auf die Strasse gestellt und die Autos eine halbe Stunde um uns herum dirigiert hätten, quasi solidarisch im Dienst des Moments und nicht im Dienst des rollenden MIVs – aber so sind sie halt. Der Auftrag. Das Gesetz. Unsere (!) Sicherheit. Weisst du, in dieser Stadt gilt die freie Fahrt viel. Zumindest für Autos.

 

Natürlich gaben wir nach. Es war eine Trauerveranstaltung für dich, keine Demo. Es ging um Würde und ums Nachdenken über die Notwendigkeit, Tote in Kauf zu nehmen, Opfer zu bringen. Denn genau das tun wir ja, ganz so, wie wenn wir noch in alttestamentarischen Zeiten leben würden. Ich erinnere mich an früher, als bei Todesfällen im Strassenverkehr noch grosse schwarze Tafeln aufgestellt wurden, auf denen stand: «Hier starb ein Mensch als Opfer des Verkehrs.» Das fand ich schon als Kind komisch. Und weisst du, was das wirklich Obszöne daran ist? Es ist ein derart rhythmisch und lüpfig formulierter Satz, quasi Gute-Laune-Prosa, man könnte ihn glatt tausendmal vor sich hin summen! Mit ein paar Tanzschrittchen dazu. Nur: Im Auto kannst du nicht tanzen. Und ausserhalb ist es zu gefährlich.

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Pandemisch

«Eifach nüt über Corona», meint S., als ich sie frage, worüber ich denn ums Himmelswillen schreiben solle. Leichter gesagt als getan.

«Obwohl dieser plötzliche Rückgang der Krankheit unverhofft kam, überliessen sich unsere Mitbürger keiner übereilten Freude. Die vergangenen Monate hatten zwar ihre Sehnsucht nach Freiheit gesteigert, sie aber gleichzeitig die Vorsicht gelehrt und sie daran gewöhnt, immer weniger mit einem baldigen Ende der Seuche zu rechnen. Indessen war dies neue Ereignis in aller Mund, und im innersten Herzen regte sich eine grosse, uneingestandene Hoffnung. Alles übrige wurde nebensächlich. Die neuen Opfer der Pest wogen recht leicht, verglichen mit dieser unerhörten Tatsache: die Statistik war gefallen. Dass unsere Mitbürger von nun an, wenn auch mit scheinbarer Gleichgültigkeit, davon sprachen, wie das Leben nach der Pest wieder ins Gleis kommen werde, war eines der Anzeichen dafür, dass sie insgeheim die Zeit der Gesundheit erwarteten, ohne sie frei zu erhoffen.»

 

Lauter Schlüsselsätze. Sie könnten von Daniel Koch stammen, sind aber von Albert Camus, «Die Pest». Muss man nun aber wirklich nicht lesen. Das Buch ist nicht hilfreich, wenn auch glasklar und eiskalt prophetisch. Vermutlich ein Trick: Jede Pest verläuft ähnlich und wirkt auch ähnlich auf uns Menschen. Sogar wenn gar keine Krankheit gemeint ist, denn ein Buch, das 1946 fertiggestellt wurde, dürfte wohl eher symbolisch zu lesen sein. Dennoch enthält der Text geradezu hellsichtige Sätze. Auch am Ende, wenn die Pest besiegt ist, tönt es ganz wie bei uns: «In Wirklichkeit war es schwer zu behaupten, dass es sich um einen Sieg handelte. Es war nur festzustellen, dass die Krankheit zu gehen schien, wie sie gekommen war. Die Art der Kriegführung gegen sie hatte sich nicht geändert. Gestern noch unwirksam, war sie heute offenbar erfolgreich. Nur hatte man den Eindruck, dass die Krankheit sich von selbst erschöpft habe, oder vielleicht, dass sie sich zurückzog, nachdem sie alle ihre Ziele erreicht hatte. Ihre Rolle war irgendwie zu Ende.»

 

Klar, es ist doof, einer Krankheit eine Personalität, eine Absicht, gar Ziele zuschreiben zu wollen. Das dürfen nur Nobelpreisträger. Aber als Lesehilfe dessen, was da in den letzten Monaten passiert ist, ist es gleichwohl nützlich.

Denn so kann man es auch sehen: Corona hat seine Rolle gespielt, mit tödlicher Dramatik und just so unscharf, dass alle etwas ins Stück hineininterpretieren können. Egal, ob man in der Krise den ultimativen Beweis für einen starken Service public sieht oder für das Gegenteil. Egal, ob man nun das Hohelied auf die Isolierstation Auto singt oder ob man nun erst recht dem Velo doppelt so viel Platz einräumen will. Egal ob man für eine kräftige Relokalisierung eintritt oder mit der bewährten Phantasielosigkeit für die gute alte Ausbeutung der Arbeitskräfte in Übersee plädiert. Corona holt bei vielen Kommentaren nicht etwa neue Impulse, sondern die alten Schemata verstärkt hervor.

 

Es gilt, was Camus schreibt, was aber auch in anderer Weltkriegsliteratur geschrieben steht, fast schon eine Banalität: Dass niemand entkommt, auch nicht die Unversehrten. «Aber diese Schweinerei von einer Krankheit! Sogar die, die sie nicht haben, tragen sie im Herzen.»

Der Bundesrat nennt diesen Zustand «neue Normalität» und hat insofern recht damit, als sie anders ist und es wohl noch eine Weile bleiben wird. Eifach nüt über Corona geht nicht mehr.

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Rückkehr

Im Spamfilter landen keine Angebote für Penisverlängerungen mehr, sondern für Masken. Zum Schnäppchenpreis, versteht sich. Das beweist, dass sich die Leute trotz Corona nicht ändern: Billig ist immer noch die Hauptsache. Auch unsere Armee funktioniert so. Zwar kauft sie einerseits für über zwei Milliarden Masken und Schlüttli ein, immerhin ein Drittel der Summe, die wir für Kampfjets zugute hätten! Aber sie ist dann eben auch nur eine normale Schweizer Institution und kauft dort, wo’s billig ist, also beim Chinesen. Was sie wiederum beim Kampfjet ja nie tun würde.

 

Das mit der Systemrelevanz ist also noch nicht überall in den Köpfen drin. Wir dürfen gespannt sein, was sich nach der Krise, wann immer das ist, auch wirklich verändert. Alle reden von ‹Systemrelevanz›, aber wenn dann beim ersten Kauf schon wieder der alte Geiz-ist-geil-Reflex spielt, dann nützt das ganze Gerede nichts. Zwar stützt auch unsere Armee mit ihren Grosseinkäufen ein Produktionssystem, nur halt eines in China.

Nur schon an diesem kleinen Beispiel wird sichtbar, wie hart die Rückkehr aus der Krise sein wird. Ich bin etwas pessimistisch, ob und wie es gelingen wird, überholte Konventionen abzulegen, quasi synchron mit dem Aufbau von Resistenz. Ich würde zum Beispiel jede Wette abschliessen, dass die Auslastung unserer Flughäfen maximal zwei Monate, nachdem Flugreisen wieder erlaubt sind, wieder wie im Jahr 1 v.Co. (vor Corona) sein wird. Es wird viele geben, die nicht nur ihr Verhalten nicht ändern, sondern sogar überkompensieren werden.

 

Zum Beispiel die Modebranche. Ich zum Beispiel habe nicht gewusst, dass ich ein Fashion Victim bin, wenn auch eines der Slow Fashion. Auch das hab ich nicht gekannt. Slow Food schon, aber Mode? Nun, es funktioniert genauso wie beim Food. Und «fast» ist die Fashion nun wirklich! Vier Kollektionen pro Jahr ist eigentlich schon an der unteren Grenze in vielen Modehäusern. Es soll welche geben, die alle zwei Wochen eine Kollektion auf den Markt schmeissen. Da muss sich die Konsumentin, der Konsument natürlich sputen. Also kaufte man sich pro Woche ein neues Outfit, mindestens. Bis Corona kam.

Mal abgesehen vom enormen Ressourcenverschleiss und der Umweltzerstörung: Ökonomisch funktioniert das nur mittels konsequenter Ausbeutung von Arbeitskräften, vom Baumwollpflücker über die Näherin im Sweat Shop bis zur Verkäuferin im Laden. Alle unterbezahlt und überbeansprucht. Sonst könnten wir uns das gar nicht leisten. Die Ausbeutung von Mensch und Natur ist Teil des Systems, und wir reklamieren im Gegenzug ein Recht auf günstige Ware. Die dann auch entsprechend nichts wert ist. Die wir daher wegschmeissen können. Die Hälfte der gekauften Kleider landet innerhalb eines Jahres im Abfall oder in der Altkleidersammlung, lese ich in der NZZ.

 

Slow Fashion will das alles nicht. Es ist eine Bewegung, die der Kaufsucht entgegenwirken will. Corona hat das schneller und gründlicher geschafft. Aber das Perverse ist, dass es deswegen ja dem Baumwollpflücker und der Näherin im Sweatshop keinen Dreck besser geht, im Gegenteil. Das System weiss schon, wie es alle seine Kinder ernährt, wenn auch die einen nur lausig. Und so sitzen wir in der Zwickmühle: Einfach zum Konsumverhalten v.Co. zurückzukehren, ist keine Lösung. Aber einfach keine Kleider mehr zu kaufen, treibt die Näherinnen in Asien in den Ruin.

Solche Mechanismen gibt es zuhauf. Sie verhindern, dass wir wirklich viel lernen werden aus der Krise. Aber ich hoffe immer noch, ich werde Lügen gestraft.

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Schreibende Männer

Tag 35. Der alte weisse Mann sitzt in Herrliberg, und die Decke fällt ihm auf den Kopf. Er nimmt seine Feder und schreibt einen Leserbrief: «Rettet die Umwelt. …Wir haben vergessen, wie wichtig die Umwelt ist. …Doch nun merkt man: Die Umwelt bringt Arbeit, Lohn, Einkommen. …Doch man vergisst: Wer die Umwelt kaputtmacht, zerstört die Lebensgrundlage. Die Umwelt in einem Tag zu zerstören, ist leicht. Sie wiederaufzubauen, dauert Monate und Jahre. …Wer nur die Gesundheit schützt und die Umwelt zerstört, zerstört die Lebensgrundlage.»Zufrieden legt er die Feder weg. Gut gebrüllt, Löwe! Silvia kommt und guckt ihm über die Schulter: «Ey Alter, was schreibst du für ein Scheiss, echt jetzt, Mann?»Die Frau spricht komisch, denkt er. Vielleicht in Zungen. Aber wo sie recht hat, hat sie recht. Er nimmt das Federmesser, kratzt das Wort «Umwelt»aus und setzt «Wirtschaft»ein. Dann pfeift er dem Butler: Ab zur NZZ!

 

Tag 36. Boris holt tief Luft und nimmt dann seinen Chugi zur Hand. Ein Beschluss muss her, aber asap! Diese Gesundheitsfanatiker muss man stoppen, die übertreiben masslos. Die Pandemie ist nur ein Vorwand, er, Boris, durchschaut das sofort. Niemand stirbt einfach nur durch ein Virus, schon gar ein Brite! Die NHS will einfach mehr Geld raffen, das ist es. Es wäre cool, diesen Beschluss mit einem ironischen Titel versehen zu können, der ihnen schon mal den Tarif durchgibt. Boris denkt nach. Plötzlich leuchten seine Augen. Er hustet kurz und schreibt dann: «Operation Letzter Atemzug». Boris lacht in sich hinein. Genau! So muss man denen kommen. Dann hustet er nochmals.

 

Tag 37. Ernst zieht seinen Mantel an und geht nach draussen. Er will aufs Tram. An der Haltstelle trifft er diesen Banker, wie hiess er doch gleich? Egal. Der Banker quatscht ihn an. Ob er nicht etwas für die notleidenden Banken tun könne. Es sei schlimm, niemand wolle mehr einen Kredit. Und diejenigen, die einen wollten, seien arme Schlucker, die ihn eh nicht zurückzahlen könnten. Ernst denkt nach. Der Banker ist ihm gefährlich nahe, bestimmt weniger als 2 Meter. Er denkt schneller. Und dann leuchten seine Augen. Never change a running system! Sagen die Linken nicht immer: «Gewinne privat, die Kosten dem Staat»? Er sagt zum Banker: Komm, wir machen ein Rettungspaket. Ihr gewährt Kredite, ich übernehme das Risiko. Der Banker strahlt. Ernst strahlt. Richtig verstanden, ist dieses Social Distancing eben doch eine tolleSache!

 

Tag 38. Der alte weisse Mann von der Falkenstrasse seufzt. Der Leitartikel drängt, die Aktionäre tun es nicht minder. Er setzt sich hin. Er denkt: Das Einfachere zuerst. Er klappt den Laptop auf und richtet den Blick zur Decke. Der Inhalt ist ja klar: Irgendwas gegen den überbordenden Staat. Kaum haben wir etwas Krise, muss die Linke das wieder schamlos ausnutzen und nach Staatsintervention schreien. Das muss gebrandmarkt werden. Ein erneuter Seufzer–und dann ist sie da, die Schlagzeile: «Seuchen-Sozialismus»! Einen winzigen Augenblick lang gönnt er sich eine tiefe Zufriedenheit. Er denkt, moll doch, irgendwie kann ich es noch. Da klopft es an die Tür. Die Sekretärin streckt den Kopf herein. «Gell, Chef, Sie vergessen nicht, das Formular für die Kurzarbeit auszufüllen, das sollte heute noch weg!»Er seufzt. Ach ja, das hätte er jetzt beinahe vergessen.

 

Tag 39. Die Affen im Zoo langweilen sich. Keine Sau vor dem Gitter. Man weiss nicht, warum. Von einem Tag auf den anderen kommen keine Gaffer mehr. Die Affen sind ratlos. Wie will denn der Zoo überleben ohne seine Attraktion, diese komischen Typen, die sich zum Affen machen, eigenartige Dinge am Leib tragen, nur ein kleines Fell auf dem Kopf haben und andauernd Bananen fressen? Die Affen zucken mit den Schultern und fangen dann ein neues Spiel an: WC-Rollen umherschmeissen. Draussen, in der leeren Savanne, furzt einsam eine Giraffe.

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