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Stell dir vor, es ist Krieg

Es muss wohl im Gymi gewesen sein, wo mir Paul Celans Frage, ob man nach Auschwitz noch Gedichte schreiben könne, erstmals begegnet ist. Und Brechts Gedicht an die Nachgeborenen mit der Frage, «Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist», was dasselbe meint. Ich verstand, was das bedeutet, aber ich begriff es nicht. Selbstverständlich nicht. Zwei Jahrzehnte später gab mir die Realität Nachhilfe. Krieg in Europa, nur einige hundert Kilometer von unserer Grenze entfernt, ist bereits im Jugoslawien der 1990er-Jahre brutale Wirklichkeit geworden. Das Entsetzen hier war gross, es gab dort erstmals seit 1945 wieder Konzentrationslager. Wir fragten uns, was wir tun können. Die Antwort war ernüchternd. Und die Einsicht wuchs schon damals, dass die kulturelle Kruste auf unserer Gesellschaft dünn und brüchig ist. Nachbarn schlachteten einander ab, es gab Massaker und Massengräber, jeglicher zivilisatorische Fortschritt schien innert Tagen und Wochen pulverisiert worden zu sein. Die Frage, ob das auch uns passieren könne, stand wie ein Elefant im Raum. Und heute stelle ich mir die Frage, ob man noch Kolumnen schreiben darf, und wenn ja, worüber. Klar ist aber auch, dass nicht reden über den Krieg auch nicht hilft.

 

Kriege sind erschütternd konstant. Sie werden immer an der Bevölkerung vorbei entschieden und befohlen. Kein Krieg würde auf demokratische Weise zustande kommen. Niemand will Krieg. Nur die Machthabenden wollen ihn. Aber auch die Reaktion auf Kriege ist konstant, konstant unvernünftig. Es scheint unausrottbar zu sein, dass wir aus einer verständlich emotionalen Haltung heraus genau das Falsche machen. Etwa all die Rufe nach Aufrüstung und – es war zu erwarten – nach einem Kampfjet «jetzt erst recht». Die Grünen haben es auf den Punkt gebracht: «Dieser Krieg ist nicht ausgebrochen, weil die Schweiz oder Europa oder die Nato zu wenig Geld in ihre Armeen investiert haben.» Ich habe nichts dagegen, wenn man sich nun über die militärische Resilienz der Schweiz Gedanken macht und auch darin investieren will. Vermutlich ist es geradezu Pflicht des Bundesrates, das zu tun. Aber ich habe sehr wohl etwas gegen die Instrumentalisierung des Ukrainekrieges. Zwingend wären ebenso hohe Investitionen in die Bewältigung und Abwehr anderer grossen Katastrophen, wie etwa des Klimawandels, weil die Schweiz durch solche Katastrophen sehr viel mehr und noch akuter bedroht wird.

 

Militärisch macht ein Bombenflugzug keinen Sinn, in der Ukraine wurden zuerst alle Pisten und Flugabwehrstellungen ausgelöscht, per Knopfdruck. Handlungsspielraum haben wir dagegen bei der Frage, wie wir möglichst viele Abhängigkeiten reduzieren können. Im Vordergrund stehen also die Energieversorgung, die Cybersicherheit oder die Informationssysteme. Und wenn wir den Blick gegen Westen richten, wo vor gut einem Jahr der Sturm auf das Capitol bürgerkriegsähnliche Bilder geliefert hat – auch das eine Sache, die wir nie, aber auch wirklich gar nie für möglich gehalten hätten –, während der noch amtierende Präsident 500 Meter vom Schauplatz entfernt die Leute aufhetzt, dann sehen wir, dass Resilienz mehr mit demokratisch stabilen Strukturen, Befindlichkeiten und Überzeugungen zu tun hat als mit dem Versuch, den Rüstungskonzernen dieser Welt noch mehr Geld in den Rachen zu stopfen. Aufrüstung führt uns regelmässig an den Rand von Katastrophen – mehr davon ist genauso irr wie der Krieg selber.

 

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Nach der Wahl

Das Volk hat immer recht. Das muss man wie ein Mantra vor sich hin brabbeln, wenn man sich nach diesen Kommunalwahlen erstaunt die Augen reibt. Denn dass der Freisinn sogar noch zulegen kann, nach diesen vier Jahren voller Nonsens, Arbeitsverweigerung, juristischen Saubannerzügen, Inkompetenz, mieser Rhetorik und augenquälenden Krawatten, das weist, wie eine gute Freundin meinte, die nicht als schlechte Verliererin dastehen möchte, aber trotzdem die Laune nicht verloren hat, klar darauf hin, dass sich auch Nicht-Leistung lohnt. Quasi Meritokratie auf freisinnig. Fakt ist: Die beiden FDP-Stadträte besetzen die beiden Schlusslichter der Skala, und die dritte Kandidatin positioniert sich, noch hinter einem jungen Neuling, weit draussen im Schilf. Peinlich. Bezeichnend ist, dass der Parteipräsident das auch noch als Erfolg verkaufen muss; man ist im stolzen Freisinn mittlerweile offensichtlich mit ganz wenig zufrieden. Dasselbe gilt ferner für die Mitte – bitteschön, für was? –, nur würde ich dort sagen, dass deren Abschneiden der Beweis dafür ist, dass es eben doch keinen Gott gibt. Oder nur einen mit sehr viel Galgenhumor.

 

Das Beste am Wahltag war, dass die linke Mehrheit weiterhin besteht. Es ist mir wurst, wie komfortabel sie ist, Mehrheit ist Mehrheit. Und da die linke Zusammenarbeit traditionell gut ist, egal, wie das in den letzten Monaten ausgesehen haben mag, ist das die Nachricht, die mir persönlich den Tag gerettet hat, selbstverständlich neben dem Abschneiden unserer Jungen Grünen und der auch bei uns beobachtbaren Tatsache, dass die Frauen auf den Listen in der Tendenz nach vorne gereicht wurden. Es ist nicht an mir als Jungrentner, den Jungen zu sagen, was sie tun müssen, aber es wäre gut, wenn sie sich im Gemeinderat querbeet vernetzen würden. Bis anhin war da nämlich kaum etwas sichtbar. Wie weit Jungsein ein Programm ist, werden wir sehen. Ich glaube daran.

 

Kaum beachtet, aber bedenklich: Die GewerkschafterInnen sterben im Rat aus. Immer weniger der Gewählten sind gewerkschaftlich organisiert, viele der jetzigen – mir fallen grad sechs Beispiele ein – werden den Rat verlassen. Damit verliert eine weitere Interessengruppe, die traditionell durchaus interparteilich formiert war, inklusive GLP, CVP und SVP, an Stärke und Bedeutung. Man kann zwar schon sagen, dass das städtische Personal einen solchen Support nicht zwingend nötig habe, aber gut ist das dennoch nicht. Und im Interesse der Gewerkschaften kann es sowieso nicht liegen.

 

Im Resultat vom Sonntag sehe ich wirklich keinerlei Signal dafür, dass wir nicht so weitermachen sollten wie bisher, wobei mir die Stilfrage schnuppe ist. Es ist weit und breit nicht auszumachen und gab auch keinen einzigen Hinweis, dass die brennenden Themen Klima, Wohnen, Mobilität, öffentlicher Raum, Begrünung, Ungleichheit oder Armut nicht mehr wichtig wären. Dass die Linke auch Erfolge hatte, gerade in der Klima- und Energiepolitik, beim so genannten Verkehrskompromiss, in der Raumplanung und nicht zuletzt bei der Bewältigung der Pandemie, ging völlig unter oder wird jetzt kleingeredet.

 

Ach ja, und ein letztes noch: Warum spricht man in der Stadt Zürich despektierlich von «Durchregieren», wenn die politische Mehrheit erfolgreich das tut, wofür sie vom Volk gewählt wurde, und wenn das die Bürgerlichen in den anderen 2147 Gemeinden, fast allen Kantonen und beim Bund machen, jault niemand auf? War ja nur eine Frage. Aber pass auf: Das Volk hat auch in Zürich immer recht.

 

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Revolution

Stell dir vor, es ist Revolution, und keine guckt hin. Oder es scheint allen egal. In den Medien stand so gut wie nichts, nur die alte Tante hat etwas säuerlich gegörpst. Über den Biber, der letzthin einen Hund verprügelt hat, war wesentlich mehr zu lesen. Aber dass die grösste Stadt der Schweiz und zugleich deren Wirtschaftsmotor in 18 Jahren aus der fossilen Wirtschaft aussteigen wird, war kaum eine Schlagzeile, geschweige denn eine ausführliche Berichterstattung oder gar eine Sonderbeilage wert. Auch wenn das eine Revolution ist. Zwar von Links-Grün losgetreten, aber sogar die traditionell mit der Gasindustrie verschweisste FDP – ihr Fraktionschef im Gemeinderat ist einer der wichtigen Lobbyisten der Branche im Nationalrat und ihr Stadtrat gleichzeitig Verwaltungsratspräsident der Gasversorgungsfirma von Zürich – macht gute Miene zum bösen Spiel. Zumindest vor den Wahlen.

 

Im Gegensatz zum AKW-Ausstieg haben wir für einmal vieles richtig gemacht. Allem voran, dass der Ausstieg ein Datum hat. Und damit ein Ziel. Und damit eine Wegmarke, die einklagbar und überprüfbar ist, für alle gilt und allen klar ist. Keine faulen Ausreden wie bei den AKW, die so lange laufen dürfen, wie sie «sicher» seien. Wobei dann nicht so ganz nachvollziehbar ist, warum denn niemand der Stadt Zürich ihre AKW-Aktien abkaufen will, wo das doch soo ein sicheres Geschäft ist. Nein, bei den fossilen Energien ist am 31.12.2039 Schluss. Und weil ein solcher Schluss eine Vorwirkung hat, auf Investitionen, auf System- und Geräteentscheide, auf langfristige Verträge und so weiter, deswegen darf man guter Hoffnung sein, dass sogar einige Jahre früher Schluss ist. Natürlich, es ist nur die Stadt Zürich (und einige andere dazu, das sei nicht vergessen), aber der Trend ist gesetzt, das Signal ist da.

 

Und warum ist das so schlimm, wenn diese Revolution verpennt wird? Zum Beispiel, weil man nicht erkennen und einschätzen kann, was dann im Nachgang so alles abgeht. Beziehungsweise weil man die Relevanz davon nicht versteht. Etwa, dass Gaskraftwerke als Stromlückenersatz propagiert werden, eine Idee, die derart harmlos daherkommt, dass sie sogar von einer SP-Bundesrätin unterstützt wird. Das verträgt sich natürlich nicht mit dem Gasausstieg, wird aber sofort plausibel, wenn man hier ein Rückzugsgefecht der Gasindustrie sieht, die solchermassen noch ein klein wenig ihr Geschäftsmodell retten könnte. Dasselbe bei den Atomkraftwerken, wo man neuerdings wieder über «saubere» Meiler nachdenken will, sogar als Beitrag gegen den Klimawandel. Die FDP hat sich bereits dazu bekannt, was auch deren Ortspartei in Zürich als verlogen dastehen lässt, und das, aua, vor den Kommunalwahlen. Solche Scheindebatten sind Ablenkmanöver, nur damit man nicht vom Energiesparen reden muss, damit man die neuen erneuerbaren Energien immer noch behindern kann und – so viel Küchenpsychologie darf sein – damit man nicht zugeben muss, dass eine grüne Wirtschaft möglich ist.

 

Denn das wäre die zweite Revolution in Folge, die allerdings vermutlich etwas länger braucht. Weil wir für eine grüne Wirtschaft nicht nur erneuerbare Energien, sondern auch einen komplett anderen Umgang mit Materialien einführen müssen. Weil wir uns keine Rollbacks in fossile Zeiten leisten dürfen. Weil wir dafür unser Konsumverhalten ändern müssen. Und ja, auch weil wir teilen müssten mit dem Rest der Welt. – Nun ja, niemand hat behauptet, Revolutionen seien bequem. Nicht mal die, die niemand bemerkt.

 

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Love. Peace. Piks.

Impfen, so sagte der Heilige Vater Ende letzten Jahres, sei ein Akt der Liebe, und da gegen den Liebesakt an sich eigentlich nichts einzuwenden ist, beginne auch ich das neue Jahr frisch gepikst und damit dreifach geliebt. Ein frohes Neues auch Ihnen, und mögen die Wellen immer flacher und seltener werden!

 

Leider ist damit mein Humor für dieses Jahr aber auch schon aufgebraucht. Die Stimmen häufen sich, die sich sorgen. Ich gehöre dazu. Sorgen um das Verschwinden des gesellschaftlichen Zusammenhalts, um den Kitt, um die Gemeinschaft (falls sie denn je da war und wir nicht einfach alle einer verquasten Sozialromantik aufsitzen). Wo sind sie, die nachbarschaftlichen Hilfsaktionen für Ältere oder Kranke aus der ersten Welle? Dieser Groove von «Wir schaffen das»! Die damit verbundene Kreativität etwa, wenn die Quartierrestaurants günstige Mittagsmenüs anboten und wir im Homeoffice dankbare AbnehmerInnen waren, weil wir nicht ständig die Küche anschlurzen wollten. Oder die Quartierbuchhandlung, die flugs einen Velokurierservice installierte. Oder der Biobauer vom Markt, der Home-Delivery einführte und mit seiner Online-Bestellfunktion zackig im digitalen Jahrhundert ankam, (was er vermutlich früher oder später eh hätte machen müssen). Auch wenn das gewisse berufliche Hierarchien noch weiter zementierte – immerhin konnte man der misslichen Lage noch knapp etwas Gutes abgewinnen und das halbvolle Glas sehen. Heute dagegen: Spaltung, ja Hass, blankes Unverständnis, Antiwissenschaftlichkeit, Antivernunft, Verschwörungstheorien, rechte Anarchie und das ungute Gefühl, dass hier ein paar Chaoten plötzlich wesentlich erfolgreicher sind, aus dem Staat Gurkensalat zu machen als wir es je waren. Und dass das in einer Teilöffentlichkeit durchaus salonfähig ist. Nicht bei allen, aber bei wenigen, lauten.

 

Leider steckt das an. Ideen, wie etwa die, allen einen Intensiv-Pflegeplatz zu verweigern, die sich nicht impfen liessen, oder die Krankenkassenprämien bei Renitenz zu erhöhen – solche Ideen sind brandgefährlich. Als nächstes haben wir dann die Entsolidarisierung bei den Krankenkassen für alle. Und dann die bei den Versicherungen. Und dann die bei der Altersvorsorge (das wird ja von manchen Jungparteien eh schon propagiert). Und dann was? Gerade jetzt gilt es, nicht die Contenance zu verlieren. Wenn wir Rachegelüste umsetzen, seien sie noch so nachvollziehbar, dann haben wir verloren. Gesellschaftlicher Zusammenhalt ist wie Vertrauensbildung: Jahre des Aufbaus können in kurzer Zeit zunichte gemacht werden. Klar darf man sich fragen, ob wir nicht bereits eh schon so weit sind, denn der Mangel an Solidarität ist, siehe oben, in verschiedenen Bereichen seit längerem spürbar. Nicht zuletzt gerade mal wieder beim neuesten Trauerspiel, das sich auch noch ernstlich «AHV-Revision» nennt. Aber das heisst noch lange nicht, dass man fröhlich an der Schraube weiterdrehen sollte.

 

Es mag ein drastischer Vergleich sein, aber es ist ja auch nur ein Vergleich: Schaut man in Länder, die einen Bürgerkrieg zu verdauen haben, dann sieht man unschwer, wie solche Gräben über Jahrzehnte nicht mehr richtig zuwachsen, wie ein Gleichgewicht und so etwas wie eine intakte Gesellschaft brüchig sind. Die Pandemie hat das Zeug dazu, uns in eine solche Lage zu bringen, wenn wir den Emotionen nachgeben. Das Virus ist schon beschissen genug, wir brauchen nicht auch noch eine implodierende Gesellschaft. Darum: love and peace, und Liebesakte für alle.


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Systemversagen

Alles gut? Im Ernst jetzt? James Bond ist tot, Zurich noch immer nicht free, Omikron ist angekommen, und übergrosse Teddybären werden unter dem Weihnachtsbaum fehlen, weil sie im Frachtcontainer zu teuer sind! Mannomann. Ich mein’, wir leben in einer Zeit, in der bürgerliche Kandidaten unrasiert und ohne Kulturstrick um den Hals auf Plakaten um die Gunst des Wahlvolkes buhlen. Das sagt alles.

 

Aber klimatechnisch tutto picobello. Winti wird bis 2040 CO2-frei und ist Züri einmal mehr eine Nasenlänge voraus. Das neue Energiegesetz macht den Anfang vom Ende der fossilen Welt, und das vergangene Wochenende ist vorab eine saftige Ohrfeige für das System HauseigentümerInnenverband (HEV), der sich, vermutlich statutenwidrig, exponiert und gleich mehrfach tüchtig in den Lokus gegriffen hat. Man fragt sich, welche Zukunft dieser ewiggestrige Verband eigentlich anstrebt. Sein Vorstand, zusammengesetzt aus lauter Rechtsbürgerlichen, darunter auch einer Stadtratskandidatin, die sich nie von den Machenschaften dieses Vereins distanziert hat, sollte endlich aufhören mit seiner nutzlosen Obstruktionspolitik. Die Zeichen der Zeit stehen auf grün und klimagerecht. Wobei, wer eine Jungmannschaft pflegt, die nichts Besseres zu tun hat, als gegen Tempo 30 anzustinken, der hat natürlich eine düstere Zukunft, das immerhin muss man zugeben. Denn auch hier zeigt sich das System: Man verteidigt einen illegitimen, in Lärmfragen sogar illegalen Zustand, völlig faktenfrei argumentierend, nur um der eigenen Ideologie willen. Damit ist allerdings kein Blumentopf zu gewinnen. Man kommt nicht umhin anzumerken, dass das System HEV letztes Wochenende in allen Belangen abgeschifft ist. Natürlich hat das auch mit der traditionellen Verstrickung der bürgerlichen Parteien mit der fossilen Wirtschaft zu tun, die sich etwa darin zeigt, dass ein FDP-Stadtrat Verwaltungsratspräsident einer Firma ist, die mal Erdgas Zürich geheissen hat und immer noch 86 Prozent ihres Umsatzes mit fossilem Gas macht. Aber es hat auch etwas damit zu tun, dass es halt nicht genügt, mittels offenem Kragen Urbanität demonstrieren zu wollen. Zukunft geht anders.

 

Das freie Zürich «mit ch» ist bereit dafür. Die neuen Richtpläne versuchen, das beste aus der aufgezwungenen Verdichtung zu machen. We reclaim the streets. Der öffentliche Raum kann endlich gerechter umverteilt werden und ermöglicht eine effiziente städtische Mobilität – in einfacher Sprache: Velo, öV und Fussverkehr – und eine grüne Lebensqualität auch im bebauten Umfeld. Denn eigentlich ist die Sache ja einfach: Alle Menschen, egal welcher politischer Couleur, stehen auf viel grün, ein paar Quartierläden, Strassencafés und Kinderspielplätze unter schattigen Bäumen, da sind wir nämlich kollektiv sowas von simpel gestrickt. Die Stadt der kurzen Wege ist kein ideologisches Konstrukt, sondern schlicht ein Bedürfnis. Und als nächstes packen wir Netto-Null an, also die CO2-Abstinenz, so wie in Winterthur. Nötig. Dringend. Unausweichlich. Und überhaupt nicht kompatibel mit dem System HEV.

 

Schon Ende der 1940er-, Anfang der 1950er-Jahre stand die Solartechnologie bereit und war ausgereift genug, um die Kohle abzulösen. Gewonnen hat dann aber Beelzebub: Die Erdöllobby setzte sich im Gebäude- wie im Mobilitätsbereich durch, durchaus nicht nur mit koscheren Methoden. Siebzig Jahre später sind wir schlauer. Naja, manche von uns.

 

 

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Winterdunkelflaute

Ein Medienzombie torkelt wieder herum. Er heisst «Stromlücke» und stinkt schon ganz gewaltig. Neuerdings hat er einen schicken Übernamen, er nennt sich «Winterdunkelflaute». Das kommt davon, dass der Zombie eine ganz kleine theoretische Lebensberechtigung hat: Wenn gleichzeitig gerade nicht sommerlich warm ist, keine Sonne scheint und kein Wind weht – dann kann es in der besten aller Welten, in der wir uns fast nur mit Solar- und Windkraftanlagen versorgen und alle AKW abgeschaltet haben, in Europa zu einer zu geringen Produktion kommen. Dereinst. Vielleicht. Kurzzeitig. Und hier kommt der zweite Medienzombie ins Spiel, das Gaskraftwerk. Dieses trägt neuerdings ebenfalls einen Zusatznamen, nämlich «CO2-kompensiert». Und weil wir zwar mittlerweile schon ganz gut wissen, wie man CO2 zurückgewinnt, aber bei Weitem noch nicht, wie man es lagert und wo, gehört das Gaskraftwerk ins Land der Einhörner und Regenbögen.

 

Stromlücken sind seit ihrer Geburt in einem PR-Büro eher theoretisch, und vor allem haben sie kaum etwas mit erneuerbaren Energien zu tun. Die aktuelle, der sogenannte Sommaruga-Gap, hat viel mit einem fehlenden Stromabkommen mit der EU und Strom-Handelszwängen zu tun, aber nichts mit Sonne, Wind und Wasser. Dass sie 2025 eintreten soll, dann, wenn offenbar unsere AKW abgeschaltet werden, wär mir neu, aber ich weiss halt auch nicht alles. Auch dass die Marktwirtschaft versagt, hat mir niemand gesagt. Denn bei einer Knappheit des Angebots müsste doch eigentlich die Nachfrage sinken. Das tut sie aber nicht. Allerorts wird das Recht auf Verschwendung eingeklagt. Aktuell grad mal an den Tankstellen unseres Landes, wo sich zwar alle aufregen über den Benzinpreis, aber leider leider niemand eine Möglichkeit sieht, etwas weniger Benzin zu verbrauchen. Junkies sind im Gegensatz dazu direkt flexibel. Dabei reden wir schon seit mindestens einer Generation – länger überblicke ich das nicht – über ein Energiesparpotenzial von 30 Prozent, das zudem auch noch wirtschaftlich wäre! Kein Kaltduschen, sondern einfach nur ein Sparpotenzial, das niemanden stört, weil es niemand bemerken würde. Aber auf den Markt, der das richten soll, warten wir immer noch.

 

Wissen wir denn eigentlich, wie viel Strom wir verschwenden? Nun, Berechnungen gibt es kaum, aber vorsichtige Schätzungen. Ein paar Beispiele: Das Standby-Problem weist alleine ein Sparpotenzial von knapp 2000 GWh auf. Bei den Heiz-Umwälzpumpen (das haben alle Menschen in ihrem Keller) könnte man locker 75 Prozent einsparen, was rund 1300 GWh entspricht. Bei den Industriemotoren liegen auch 25 Prozent drin, entsprechend fast 3000 GWh. Haushaltgeräte werden jedes Jahr etwa fünf Prozent effizienter, was vermutlich nochmals 1000 GWh spart. (Die Quelle ist überall das Bundesamt für Energie.) Und das sind nur ein paar Baustellen, aber schon das wären sehr defensiv geschätzte 7300 GWh. Zum Vergleich: Alle AKW zusammen produzieren knapp 23 000 GWh pro Jahr. Rechne.

 

Dabei ist die richtige Verschwendung, also der Verbrauch ohne Nutzen, noch gar nicht berücksichtigt, einfach deswegen, weil logischerweise keine Zahlen existieren: Niemand misst, wenn in einem Zimmer die Lampe brennt, obwohl niemand drin ist. Der langen Rechnerei kurzer Schluss ist daher: Wir haben keine Ahnung, was wir eigentlich verschwenden, aber wir wissen, dass wir getrost 30 Prozent Strom und noch viel mehr an Wärme einsparen könnten. Wir müssten uns daher auch von Winterdunkelflauten nicht einschüchtern lassen.

 

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Pendeloffice

Das Teil heisst neuerdings also «Loungehose» und ist die Beinbekleidung meiner Wahl, die auch ich gerne im Homeoffice trage. Denn auch ich gehöre zu den Krisengewinnlern der Pandemie, insofern als ich zuhause nur noch very casual angezogen bin, mindestens ab Bauchnabel abwärts. Die Combinaison von Loungehose und Krawatte ist im Reich der Sitzzwerge ein ebenso mögliches wie verbreitetes Stilmittel geworden. Allerdings, wenn Sie sehen könnten, wie chic ich… aber ich schweife ab.

 

Nun sind wir soweit: Die chaotische Zeit zwischen den Welten ist angebrochen. Nachdem es immer noch nicht zur Sorgfaltspflicht von Arbeitgebern gehört, dass (nur ganz, ganz minimal übergewichtige) Arbeitnehmende von einer Besprechung zur anderen gebeamt werden können, gerate ich neuerdings öfters in logistische Aporien (von griech. «he aporía», die Ratlosigkeit, eigentlich (Aus-)Weglosigkeit – bitte, gern geschehen): Soeben noch an einer Videokonferenz in Loungehose, und eine halbe Minute nach deren Ende sollte ich physisch und in gebügelten Beinkleidern irgendwo im Juhee sein. Solche Weglosigkeit stellt sich zwar nicht gegen die Mode, aber gegen die Physik.

 

Am Arbeitsplatz dann Zustände wie in der DDR. Schlange stehen am Eingang, Kontrolle durch Menschen in dunkelblauen Beinkleidern mit Beintaschen und einem coolen Hoodie, auf dem «Staff» steht. Mein Trick, länger auszuschlafen, damit ich nicht in die Rush Hour gerate, funktioniert nicht schlecht, und wenn ich erst um halb zehn ins Büro schlendere, tue ich halt so, wie wenn ich vorher noch eine Loungehosensitzung gehabt hätte: Alleine der Garderobewechsel danach braucht ja Zeit. Aber Scherz beiseite, denn eigentlich ist die ganze Situation wirklich langsam ebenso ernsthaft wie mühsam. Man kann zuschauen, wie der Konflikt – welcher eigentlich genau? – hochgeschaukelt wird, wie sich so etwas wie eine nationale Krise heranbildet und alle noch ein kleines Bisschen mehr ins Feuerchen pusten, nur dass einfach niemand weiss, wer sich wie stark verbrennen wird.

 

Was mich am meisten beelendet: All die wohlstandsverwahrlosten Halbintellektuellen jeglicher politischer Couleur, die vom Verlust der «Freiheit» jammern, selber aber keinen Plan haben. Null. Nicht die geringste Vorstellung davon, wie wir aus der behaupteten Knechtschaft herausfinden sollen. Nur das Geschrei nach Freiheit, etwa gleich sinnvoll wie der Slogan «patria o muerte», danke für die Auswahl. Egoismus top, Solidarität flop. Die Auslastung der Intensivstationen in den Spitälern des Kantons Zürich beträgt immer noch rund 85 Prozent, so lese ich, und sie ist in immerhin neun Kantonen der Schweiz besorgniserregend hoch, ausser im Kanton Uri (Trychler!). Die Anzahl Wikipedia-Abfragen zu «Corona» lässt zwar massiv nach, dafür haben wir vermehrt Impfdurchbrüche und junge Menschen mit schwerem Krankheitsverlauf. Und die nächste Mutation ist nur eine Frage der Zeit, nicht eine Frage der viralen Innovationskompetenz.

 

Man reibt sich die Augen. Kinderlähmung oder Pocken sind mittlerweile beinahe oder ganz ausgestorben, was vor allem entsprechenden weltweiten Impfkampagnen zu verdanken ist. Und hat damals irgendeiner «Impfzwang» geschrien? Klar gab es schon immer VerweigererInnen, das ist auch nicht das Problem. Aber es gab keine Hysterie um sie, es gab keine nationale Krise und keine Weltuntergangsstimmung. Was wir heute erleben, sind Stellvertreterkriege mit wirren Fronten. Und weit und breit keine Kleidung, die dagegen hilft.

 

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Schöne Künste

Am schlimmsten sind die Skandale, an die sich alle gewöhnt haben. Am Pfauen steht seit einiger Zeit ein Monsterklotz, vulgo Erweiterungsbau für das Kunsthaus. Der Bau wird hauptsächlich dadurch legitimiert, dass die Stadt eine Kunstsammlung ausstellen will, die ausschliesslich mit Blutgeld erworben werden konnte. Das findet eigentlich im Grunde genommen niemand wirklich, wirklich schlimm. Das merkt man daran, weil man sonst die Idee schon im Frühstadium begraben hätte oder weil man sonst nicht nur über 90 Quadratmeter – knapp zwei Prozent der Ausstellungsfläche, gut versteckt im 2. OG – für eine Kontextualisierung nachdenken würde. Die meisten Leute finden, das eine habe mit dem anderen eh nichts zu tun. Keine Scham. Nirgends.

 

Ich finde das nicht. Ich bin immer noch konsterniert, denn es ist nicht so, dass der Zweck die Mittel immer heiligt. Ich habe hier schon einmal von der Idee berichtet, dass man die Schande doch mindestens mit einem Denkmal vor der Eingangstür reflektieren müsste, zum Beispiel mit einer Flabkanone «Oerlikon», die als irritierende Intervention darauf aufmerksam machen würde, dass man wirklich mal schnell über all das nachdenken sollte, bevor man sich schöne Kunst reinzieht. Aber das Parlament hat eine solche Idee krachend versenkt, und auch ausserhalb scheint sie nirgends auf Anklang zu stossen.

 

Der Skandal ist allerdings perfekt und wird auch international wahrgenommen. Ich spreche dabei gar nicht von der Provenienz und der Zweifelhaftigkeit von Kunsterwerb im Dunstfeld von Nazi-Kunstraub, Fluchtgut und Antisemitismus, sondern ich spreche von der vielleicht legalen, aber hochgradig unmoralischen Tatsache, dass die Bilder des damals reichsten Mannes der Schweiz mittels Geldern aus dem Waffenhandel, aus Kinderarbeit und aus Zwangsarbeit erworben wurden. Ausschliesslich. Kein einziger Franken, an dem nicht Blut, Schweiss und Tränen kleben. Aber das ist in Zürich offenbar noch nicht mal ein Kavaliersdelikt. 

 

Dieses Museum hätte nie gebaut werden dürfen. Oder zumindest nicht für diese Kunstsammlung. Der Bau reiht sich nahtlos ein in die langjährige Unkultur der Schweiz, wenn es um die Aufarbeitung des Zweiten Weltkriegs und der Kollaboration geht. Es mag sein, dass Bührle ein ‹normaler› Profiteur und Mitläufer gewesen war. Aber schon eine solche Feststellung bestätigt ja nur, dass diese Auffassung von Normalität in keinster Weise dazu geeignet ist, eine kritische Aufarbeitung der Nazizeit in der Schweiz zu leisten. Hier spricht man ja sogar von «Industriegeschichte», wenn Waffenproduktion gemeint ist. Obwohl wir in den vergangenen Jahrzehnten einen erheblichen Aufwand getrieben haben, teilweise allerdings erst nach grossem Druck von aussen, um die Taten und Versäumnisse, die Haltung und das Mitläufertum des Landes zusammenzutragen und zu sichten, bauen wir nun mit der Spätrendite des schweinischen Handels einen Kunsttempel und verhöhnen damit einmal mehr die Opfer.

 

Dass Bührle sich und seine kulturellen Aktivitäten auch nach dem Krieg mit Kinder- und Sklavenarbeit weiterfinanzieren konnte, mit freundlicher Unterstützung der Schweizer Behörden, stinkt zum Himmel, ist aber folgerichtig. Und ja, klar, die Kunst kann nichts dafür. Aber ich mach’ jede Wette, dass das Vergessen im Fall Kunsthaus rasant um sich greifen wird, nur schon, weil niemand gezwungen ist, den Raum mit der historischen ‹Aufarbeitung› zu besuchen. Der Ablasshandel, denn ein solcher ist das Ganze, wird auch hier funktionieren.

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Von Vielen und Wenigen

Ungleichheit, vorab materielle, ist überhaupt kein Problem. Das Problem ist höchstens, dass solche Sprüche nur von den Wohlhabenden kommen, kaum von den Habenichtsen. Ungleichheit, und wir reden hier nicht von der Banalität, dass wir alle etwas unterschiedlich sind, ist im Gegenteil eine halbe Katastrophe für eine Gesellschaft. Ich brauche die Zahlen für die Schweiz bei den Einkommens- und Vermögensunterschieden nicht zu wiederholen, sie dürften bekannt sein, und sie haben sich in der Pandemie sogar noch verstärkt. Denn nur die Realwirtschaft, die Arbeitswelt hat gelitten, die Finanzeinkommen nicht. Alle Gesundbeterei, etwa von Ueli, dem Finanzminister, bestätigt das nur, etwa wenn er sagt, die Reichen täten ja auch am meisten Steuern bezahlen und damit gebe es eine Umverteilung von oben nach unten. Wie wenn nicht im Gesetz stünde, dass alle nach ihren Verhältnissen besteuert werden, und damit zahlen die Reichen logischerweise mehr, und das hat rein gar nichts mit Ungleichheit zu tun, sondern im Gegenteil mit Gleichheit («alle nach ihren Verhältnissen»). Dass es Umverteilung gibt, von unten nach oben nämlich, ist aber so gut belegt wie der Klimawandel. Und ähnlich gefährlich.

 

Denn es geht nicht nur ums Geld. Ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen ist die Quelle von zahlreichen Übeln. Das ist nicht neu. Materielle Ungleichheit hat enorme Auswirkungen auf eine Gesellschaft, auch in Bereichen, wo man es gar nicht vermutet. So etwa hängen Armut und Lebenserwartung miteinander zusammen. Das hat auch etwas zu tun mit der Gesundheit, körperlicher wie psychischer, die ebenfalls ungleich ist, nicht nur wegen einer ungleichen Versorgung, Stichwort Zweiklassenmedizin, sondern auch wegen weiterer Faktoren. Sodann ist der Zugang zur Bildung ungleich, was wiederum Auswirkungen auf die künftigen Einkommenschancen und Vermögensbildung hat. Und: Ungleichheit hat auch ein Geschlecht.

 

Je ungleicher eine Gesellschaft einkommens- und vermögensmässig ist, desto mehr soziale Probleme hat sie tendenziell. Das kann ganz unterschiedliche Bereiche betreffen: Der Drogenmissbrauch nimmt zu mit steigender Ungleichheit, die Kindersterblichkeit, die Selbstmordrate oder etwa die Anzahl der Inhaftierten. Es mag sein, dass einige dieser Effekte nicht direkt kausal mit Ungleichheit zusammenhängen, aber in den meisten Fällen findet sich sehr wohl ein zwingender Zusammenhang. Ungleichheit neigt überdies dazu, sich selbst zu verstärken. Sie reduziert die soziale Mobilität, was zur Zementierung der Zustände führt. Das heisst, Ungleichheit bewirkt erst eine noch grössere Ungleichheit oder bewirkt zumindest keinen Rückgang. Wie auch?

 

Was massive Ungleichheit ist, bzw. wie weit auch wir in der Schweiz betroffen sind, ist eine politische Frage. Es nützt nichts, dabei auf andere Länder zu zeigen, in denen es noch schlimmer sei als bei uns. Es bringt auch nichts, darauf hinzuweisen, dass es immer eine gewisse Ungleichheit geben werde, oder gar polemisch den Spiess umzudrehen und von Gleichmacherei zu reden – darum geht es nicht. Es geht um nichts weniger als um den sozialen Zusammenhalt und um eine dringend notwendige Umverteilung, nur schon, um die unheilvolle Dynamik der Ungleichverteilung zu brechen. Und am allerdümmsten ist der Reflex, die 99-Prozent-Initiative abzulehnen, weil man insgeheim hofft, einmal zum restlichen einen Prozent zu gehören. Das hiesse soziale Aufstiegsmobilität. Und die wird behindert – einmal raten, wodurch.

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Wenn…

Wenn etwas nervt, dann das, dass wir nach der verlorenen Abstimmung scheints auch noch den Siegern zuhören müssen, auch wenn sie nichts Neues vertreten, sondern nur ihre alten Interessen. Dabei war das CO2-Gesetz derart weich(sinnig) gespült, dass man sich fragen darf, ob das nicht sein Untergang gewesen ist. Dennoch schreien sie nun nach noch ‹liberaleren› Ideen, nach noch sorgsamerer Schonbehandlung der Erdölwelt oder nach Gaskraftwerken, die man aber, das muss man sich mal vorstellen, sofort klimakompensieren müsste. Das ist, wie wenn man sagen würde, ihr dürft schon mit Stinkbomben werfen, aber nur, wenn ihr gleichzeitig Duftbäumchen aufhängt. 

 

Wenn es eine Stunde der Selbstgerechten gibt, die schon immer wussten, dass diese Klimahysterie ja nur das Geschrei von wohlstandverwahrlosten Kids sei, dann ist sie jetzt da. Wobei verschleiert wird, dass bei der Ablehnung all der Umweltvorlagen jede Menge Geld im Spiel gewesen ist. Vielleicht ist das überhaupt die einzige richtig neue Erkenntnis, die man aus diesem Debakel ziehen muss: Wir sollten die finanzielle Gewalt derer nicht unterschätzen, die sich existenziell bedroht fühlen – weil sie es auch sind. Wer heute noch Öl, Gas und Umweltgifte verkauft, der ist morgen aus dem Markt. Wer derart mit dem Rücken zur Wand steht, dem wachsen Kräfte für Rückzugsgefechte.

 

Wenn ich etwas nicht verstehe, dann das Argument der Bevormundung. Es scheint uns nicht gelungen zu sein zu vermitteln, was eine nachhaltige Entwicklung ist. Um es in der Definition der Weltbank zu sagen: Es geht um die Erhaltung und Ausweitung von «opportunities people face». Also um die Ausweitung von Handlungsspielräumen, nicht um deren Einschränkung! Wenn wir täglich ein paar Arten ausrotten, unser Trinkwasser vergiften, die Böden zubetonieren oder das Klima rasant verändern, dann machen wir den Sack zu, nicht auf. Dann schränken wir die Handlungsspielräume der kommenden Generationen ein, nicht umgekehrt.

 

Wenn die KlimaaktivistInnen Schuld am Debakel hätten, dann wäre das ja der beste Beweis, dass sie Einfluss auf die Politik haben. Ich erlaube mir Zweifel. Aber ihr Argument stimmt, dass es um das gesamte System geht, weniger um individuelles Verhalten. Daher hat der grüne Zürcher Baudirektor recht, wenn er sagt, wenn ihr schon lenken wollt, dann lenkt auch wirklich. Diese Rappenbeträge, um die es ging, die lenken aber nicht, sondern verursachen nur Kosten. Wenn wirklich saftige Abgaben erhoben und wieder rückerstattet würden, dann ist plötzlich das System anders und es erzeugt auch mehr GewinnerInnen. Und andererseits haben diejenigen Recht, die sich in ihren Freiheiten behindert sehen, etwa in der Freiheit, verschwenden zu dürfen. Und die waren offenbar in der Mehrheit.

 

Wenn es der SVP gelungen sein sollte, aus der Klimafrage eine soziale Frage zu machen, dann beweist das nur, wie krank das von ihr verteidigte System ist, denn es macht nicht nur unsere Gesundheit und die Umwelt kaputt, sondern auch ärmere Menschen. Wenn die Pestizidgurke billiger ist als die Biogurke, liegt die Schuld nicht bei bio. Darum bin ich klar für Verbote, denn sie sind gerecht, effektiv und demokratisch. Gerecht, weil sie für alle gelten und nicht nur für Arme, effektiv, weil sie flächendeckend gelten und damit maximal wirksam sind, und demokratisch, weil sie durch Abstimmungen legitimiert sind.

 

Wenns also nach mir ginge, wir müssten einfach den Klimawandel verbieten.

 

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