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Bewusstseinsschule

Die auffallendste Veränderung in der Präsentationsweise im Zürcher Kunsthaus betrifft die augenfällig ausführliche Verwendung von kontextualisierendem Text im Ausstellungsraum, der teilweise bis in eine Interpretation hineinreicht. Das ist gleich in dreifacher Hinsicht erfreulich. Erstens straft es, weil es sehr gut funktioniert, die bislang übliche Abwehrhaltung gegen ein Zuviel an Text schlechterdings Lüge, zweitens erspart es einem Publikum, den Blick statt auf die Werke auf das Smartphone zu richten und drittens ermöglicht es den Besucher:innen eine bessere Einordnung dessen, es aktuell gegenübersteht. Inwiefern gerade die kunsthistorischen Bezugnahmen des Künstlers auf Maltraditionen europäischer Altmeister als matchentscheidend für eine Entschlüsselbarkeit seiner Werke angesehen werden müssen, steht soweit infrage, als er letztlich zur Hauptsache Werke geschaffen hat, die weitestgehend selbsterklärend sind. Die Hinweise auf eine noch weiterführende Suche nach sinnhafter Aufladung teilweise nachgerade banal erscheinender Szenerien betont indes den neckischen Hintersinn, die beinahe schon verspielt zu nennende durchaus als hochgradig politisch, wenn nicht gar als edukativ erkennbare Wahl der Themen wiewohl der Formsprache.

Wissen vermitteln

Aus der Minderheitenperspektive und dies überhaupt nicht in Bezug auf eine Anzahl Personen innerhalb einer grösseren Gruppe, sondern bezüglich der jahrelangen aktiven Verweigerung von Rechten, Bildung, Chancen und Besitz durch die dominierende Mehrheit, wurde ein Selbstverständnis als Schwarze Person überhaupt ein Mensch und später an Wert auch nur annähernd ebenbürtig mit den Nachfahren weisser europäischer Siedler zu sein, gewaltsam und offensiv psychologisch jahrhundertelang aktiv hintertrieben und wirds noch heute. Wie es sich beispielsweise in der Tendenz widerspiegelt, Menschen anderer Hautfarbe als ohnehin nicht voneinander unterscheidbar zu nennen, was letztlich allein eine vorgeschobene scheinbare Entschuldigung dafür meint, sich nachgerade grundlegend überhaupt nicht mit dem Komplex der Vielfalt an nichtgleicher Erfahrung mit der angeblich gleichen Realität auseinandersetzen zu wollen. Was im naivsten Fall der unbewussten Fortführung einer Segregation gleichkommt. Zwei Gemälde – «Invisible Man» (1986) und «Black Painting» (2003) – die im Zeitungsdruck nicht reproduzierbar sind, führen diese Wahrnehmungsverweigerung ausgesprochen trefflich auf die Spitze. Nicht nur, weil es sich dabei auf den ersten Blick um komplette schwarze Flächen zu handeln scheint, sondern weil ihr erst mit Mühe zu ergründender Inhalt wiederum deutliche Anlehnungen an stereotype Vorverurteilungen aufweist.

Stolz nähren

In insgesamt zwölf Kapiteln (zwei davon im Moserbau) zeigt diese kooperative Ausstellung der Royal Academy of Arts in London, dem Musée d’Art Moderne in Paris und dem Kunsthaus Zürich in einem mit einem Schulbuch durchaus vergleichbaren didaktischen Aufbau, woraus sich der Stolz einer Schwarzen Person in den USA – und damit selbstredend auch in Europa – nährt. Beginnend mit der Verschleppung über den Atlantik, um als Menschenmaterial im Dreieckshandel der Sklaverei der nördlichen Hemisphäre mit Afrika bereits während der Überfahrt das Dasein grundlegend unter Inkaufnahme einer Lebensbedrohung erfahren zu müssen, über die vor, während und nach der Bürgerrechtsbewegung dominierende Sehnsucht nach Art des von der weissen Mehrheit vorgelebten formalen Erreichens eines sogenannt bequemen Lebens bis hin zur regelrecht eine erlangte Eigenemanzipation im Denken und Handeln erreicht habende fast schon satirisch anmutende Wiedergabe mit teils deutlichen Anlehnungen an den Kitsch, fächert Kerry James Marshalls Werk eine enorme Bandbreite auf. 

Ungewissheit

Die allermeisten Werke sind Acryll und Collagen auf sehr ausladend grossen Flächen, die wie Blachen an Ösen an den Museumswänden befestigt sind, was sinnbildlich vermittelt, wie prekär eine vorübergehend als gesichert wahrgenommene Existenz im Grunde bleibt. In zahlreichen Sujets spielt er mit Übermalungen alias leeren Stellen, die etwas durchschimmern lassen oder komplett zum Verschwinden bringen, was wiederum einen in sich geschlossenen Loop zum Anfang herstellt. Sichtbarkeit aus der eigenen Innenper­spektive wiewohl einer von aussen wahrnehmbaren Sichtbarkeit ist als Grundlage für jede Inanspruchnahme und Verteidigung von Anrechten eine essenzielle Frage. Eine, die nie als abgeschlossen und erledigt betrachtet werden kann, also wiederholt, variantenreich und verständlich nahbar immer wieder betont werden muss. Aus Eigenfürsorge wie als Wissensgrundstock für Allies.

«Kerry James Marshall: The Histories / Geschichte(n)», bis 16.8., Kunsthaus Zürich. Katalog.

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Mit Frauenpower ins Wahljahr

«Persönliche Angriffe werde ich sofort sanktionieren», führte Romaine Rogenmoser in ihrer kurzen Antrittsrede nach ihrer anständigen, aber keineswegs brillanten Wahl (136 Stimmen) aus. Und ergänzte sogleich: «Meine Schmerzgrenze punkto Persönlichkeitsverletzung ist aber recht hoch.» Bevor man daraus eine Sache macht: Persönliche Angriffe sind im Kantonsrat recht selten. Die neue Ratspräsidentin fand zwei recht gute Sprüche, die sie einander gegenüberstellte: «Hitz im Rat bringt nichts als Schad» und «Kält im Rat ist auch fad». Der Kantonsrat neigt eher zum Zweiten oder anders gesagt: Wohlpräparierte, abgelesene Sonntagsreden am Montagmorgen mit vielen schönen Worten dominieren im Rat, freie Reden mit scharfen Repliken, die auch mal mit einem persönlichen Angriff verbunden sind, sind nicht gerade die Ausnahme von der Regel, aber es geht in diese Richtung. Romaine Rogenmoser gehörte, bevor sie vor zwei Jahren die erste Stufe des Bocks erklomm, zu den Kantonsrät:innen, die ein offenes Wort nicht scheuten und in ihren Voten reizte sie die Grenzen des noch Anständigen mitunter aus.

Sie wird es zu Beginn vermutlich nicht ganz einfach haben. Das liegt vorwiegend an ihrem Vorgänger, Beat Habegger. Sie selber bezeichnete ihn bei seiner Verdankung als «Präsidententalent». «Sitzungen leiten ist fast eine Passion von ihm.» Dabei sei er, wie auch Claudio Zihlmann (FDP) in seiner Dankesrede erwähnte, immer tiefentspannt gewesen, empathisch, konsensorientiert, stets korrekt, aber durchaus fähig, entschieden zu wirken. Dies musste er indes – abgesehen von den steten Mahnungen, die Gespräche bitte im Foyer zu führen – selten tun. Soweit ich mich erinnere, musste er ein einziges Mal einen Kantonsrat zur Sachlichkeit mahnen. 

Beat Habegger war ein Präsident, der diesen Job wirklich beherrschte und so viel zu einem guten Arbeitsklima beitrug. Insofern tritt seine Nachfolgerin in grosse Schuhe und ich hoffe, dass sie ihren eigenen Weg findet. Zumal im letzten Jahr vor den Wahlen die Nervosität zumindest bei einem Teil der Kantonsrät:innen ansteigt. Dagegen kann die beste Kantonsratspräsidentin nichts, aber sie kann mit ihrer Sitzungsführung beruhigend oder anheizend wirken.

Beat Habegger betonte in seiner Schlussrede nochmals sein Credo «Der andere könnte recht haben». Das führte ihn zum Schluss, dass der Kompromiss mehr Mut braucht als das Beharren auf der eigenen Position. Sehr wichtig war ihm sein «Blog vom Bock», in dem er jede Woche das Wirken des Kantonsrats erklärte. Da die traditionellen Medien immer weniger über den Alltag und die Bedeutung von vielen Gesetzen des Kantonsrats berichteten, sei es notwendig, dass der Rat sich selber mitteile, erkläre, warum er was mache und was sein Handeln für Folgen für die Einzelnen hätten. In dieser Absicht will Romaine Rogenmoser ihm folgen. Wie genau, werde sie heute noch nicht sagen, aber es sei ihr ein zentrales Anliegen. Selbstverständlich freut sie sich auf die vielen Begegnungen mit vielen Personen. Aber das sagt jede und jeder, der Präsident eines Parlaments werden will. Sicher ein Vorteil ist ein halbwegs freundliches Verhältnis zur Regierungsratspräsidentin. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, etliche Essen samt beidseitigen Reden am gleichen Tisch zu verbringen. Bei Beat Habegger und Martin Neukom klappte dies offensichtlich ganz gut, nun müssen sich Carmen Walker Späh und Romaine Rogenmoser finden.

Mit 139 Stimmen (ebenfalls anständig, aber nicht brillant) wurde Monika Wicki zur Vizepräsidentin gewählt und für das zweite Vizepräsidium schaffte es Claudia Hollenstein mit sehr guten 149 Stimmen. Die Wahlen ins Sekretariat und in die Geschäftsleitung erfolgten alle problemlos. Es gab zu den streng nach Proporz Aufgestellten keine Gegenkandidat:innen und so wurden alle still gewählt.

Notariate reformieren

Die vorberatende Kommission hatte sich einstimmig darauf geeinigt, dass bei den Notariaten die Hierarchie etwas gelockert wird. Heute benötigen fast alle Geschäfte die Unterschrift des Notars, auch bei Geschäften, bei denen zumindest ein Teil der Angestellten die nötigen Fachkenntnisse ebenfalls besitzen. Neu sollen sie – den Nachweis der Fachlichkeit vorausgesetzt – mehr  Geschäfte selber abschliessen dürfen. Wie genau soll eine Verordnung des Obergerichts regeln. Das war unbestritten. Aber vor allem Christina Cortellini (GLP) und etwas sanfter Birgit Tognella (SP) machten die Debatte zu einer Anklage an das Patriarchat. Die Verhältnisse sind sehr klar: Alle 44 Notariate des Kantons haben derzeit einen Mann als Notar und diesen 44 arbeiten in unteren Positionen vorwiegend Frauen zu. Das hat auch damit zu tun, dass bei den vom Volk gewählten Notaren keine Teilzeitstellen oder gar Co-Notariate möglich sind. Dies müsse dringend geändert werden, fanden alle, die sich dazu äusserten. Ob die Mehrheit dann so klar sein wird, wenn es demnächst in dieser Frage ernst gilt, wird sich zeigen.

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Das Schaufenster neu denken

Der meistüberhörte Nebensatz von Raphael Gross hinsichtlich der Überprüfung der Provenienzforschung der Bührle-Stiftung war mit einem Fragezeichen versehen. Er und sein Team stellten die Frage in den Raum, ob es nicht eventuell am zielführendsten sein könnte, die Kunst im Kunstmuseum und die Geschichte in einem historischen Museum gemäss den jeweiligen Expertisen aufzuarbeiten und zu präsentieren. Die Fotostiftung Schweiz besetzte per definitionem immer schon exakt diesen Zwischenraum der wissenschaftlichen Aufarbeitung und Bewahrung von Sammlungskonvoluten. In Kombination mit der zugleich möglichst publikumswirksam einzurichtenden Bespielung der eigenen Ausstellungsräume. Dass sich die Verhältnisse gerade in Bezug auf ein Mäzenatentum bereits seit Jahren merklich zu Ungunsten der Institutionen verschoben hat, ist eine Binsenweisheit. Sich den darauf resultierenden Folgen gegenüber einfach zu verschliessen wäre töricht, weshalb die Fotostiftung Schweiz vorangeht mit einer Transformation. 

Fühler ausstrecken

Die operative Leitung der Institution wird künftig von einer Einerdirektion auf ein Vierergremium verlagert, das je eines der Tätigkeitsfelder verantwortet, wie dies im Migrosmuseum, dem Tanzfestival Steps und diversen Theatern bereits praktiziert wird und zur einfacheren Erlangung einer Gesamtsicht auch den aktuellen Anforderungen als attraktiver Arbeitgeber entgegenkommt. Zudem will künftig das enorme Konvolut an Fotoarchiven vermehrt dazu genutzt werden, ausser Haus in Erscheinung zu treten. Tauschen gehört zu den zentralen Werkzeugen des Ausstellungsbetriebs und im realen Leben ist es durchaus denkbar, dass eine Leihgabe eine Reisetätigkeit von kunstinteressierten Personen zur Folge hat, was zeitversetzt als positiver Nebeneffekt wieder als Mehreinnahme auf die Leihgeberin zurückfällt. Die Krux mit der Digitalisierung ist, dass für die Selbstverständlichkeit von Anwender:innen, eine Eins-A-Aufbereitung mit oder ohne Bezahlschranke überall als vorausgesetzt anzunehmen, auf der gegenüberliegenden Seite ein enormer Einsatz von Arbeit, Zeit und Geld notwendig wird, wofür für gewöhnlich keine adäquate Entschädigung gegenübersteht.

Zusammendenken

Die aktuelle – ebenfalls von einem Team aus der Reihe der Beschäftigten der Fotostiftung Schweiz erarbeitete – Schau der Fotostiftung Schweiz «Frauen. Fragen. Fotoarchive» nimmt eine möglicherweise in jede Richtung in sich stimmige Kombination von physischer wie digitaler Auswertung der eigenen Schätze in Abstimmung mit der eigentlichen Hauptaufgabe vorneweg. Vor Ort wird mittels Einzelwerken, Serien, Publikationen und Kurzbiografien auf die Urheberinnen, ihr Umfeld, den Zeitgeist und die Situation im gesellschaftlich Allgemeinen ein Interesse weckend hingewiesen und mit essenziellen Fragen wie «ist das relevant?» erweitert, woraufhin das weitergehend wissbegierige Publikum im Selbststudium die Fülle eines Einzelarchivs digital ergründen kann. Alles auf einmal – platsch – in eine integrale Digitalisierung zu überführen und anwendungsfreundlich aufzubereiten, überfordert auch die Big-Tech-Firmen. Oder ist etwa Googles Weltbibliothek abgeschlossen? 

Einordnen

«Frauen. Fragen. Fotoarchive» versammelt Lebensdaten und Werkeinblicke von sieben Frauen mit Geburtsjahr zwischen 1865 und 1913, von denen Teile des fotografischen Vermächtnisses der Fotostiftung Schweiz überantwortet worden sind. Anhand dieser Auswahl, insbesondere wenn sie in einen grösseren Zusammenhang, hier explizit der Frauenrechte gestellt werden, lässt sich sowohl eine gesellschaftspolitische als auch eine kunsthistorische Geschichtsschreibung erzählen. 

Während die frühesten hier ausgestellten Zeugnisse noch einen regelrecht amateurhaften Anschein erwecken und Freizeitszenen der damaligen Oberschicht auch als Bildinhalt vermitteln, wechselt der Blick und die Sujetsuche sichtlich, als die Tochter aus einem Fotografenhaushalt, die wegen veränderter Umstände und natürlich eigenem Interesse das Geschäft (mit dem Bruder) übernahm und eigenständig fortführte, um zuletzt drei Fotografinnen zu erwähnen, die den Beruf als Handwerk regelrecht erlernt hatten, diesen zum Broterwerb verwendeten und sich mit Aufträgen für Publikationen oder Hilfswerke einerseits eine Bekanntheit erarbeiteten und andererseits die Raffinierung ihres Könnens immer weiter vorantrieben, bis ihnen mitunter ikonische Werke glückten (in Reportagen) oder sie sie schufen (im Studio). Dass damit wie nebenher auch ihre Namen in Umlauf gebracht werden, was generationenübergreifend Wirkung entfalten kann, ist sowohl als Absicht erkennbar wie als Wirkung spürbar.

«Frauen. Fragen. Fotoarchive», bis 14.6., Fotostiftung Schweiz, Winterthur. 

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«Die SP kennt heute keine Politik mehr ausserhalb des bürgerlichen Rahmens»

Wie kamen Sie dazu, ein Buch über die Linke in der Schweiz zu schreiben?

Dominic Iten: Als Linke:r in der Schweiz stellt man sich doch heute die Frage: Wieso ist die Linke in diesem Land trotz grosser materieller Ungleichheit, Rassismus, Sexismus und so weiter relativ schwach aufgestellt? Und wieso kann sie an den gegenwärtigen Krisen, Konflikten und Kriegen kaum wachsen? Ich denke, ein Blick in die Schweizer Geschichte der letzten 150 Jahre liefert Antworten. 

Sie fokussieren sich dabei vor allem auf die SP und den Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB). Wieso?

Die beiden Organisationen sind in den letzten 150 Jahren die grossen Konstanten in der linken Politiklandschaft der Schweiz. Das Buch ist als Einführung gedacht und in einer Reihe über die Linke in verschiedenen Ländern erschienen. Deshalb habe ich mich vor allem mit den Massenorganisationen befasst. Es war aber auch ein politischer Entscheid, weil sich die ausserparlamentarischen linken Kräfte in der Geschichte in Abhängigkeit zur SP und zum SGB bewegten. Sie traten meist dann in Erscheinung, wenn sich bei den grossen Organisationen Leerstellen auftaten. Zuletzt konnte man das etwa in der Palästina-Debatte beobachten, bei der sich die etablierten linken Kräfte zurückhielten und die ausserparlamentarische Linke damit stark mobilisierte.

Die SP und mit ihr alle anderen linken Parteien schafften es seit ihrer Gründung nie, eine linke Mehrheit im Parlament oder der Regierung zu erreichen. Ist das Buch eine Geschichte von 150 Jahren Misserfolg?

Etwas zugespitzt kann man das so sagen. Die SP konnte immer wieder einzelne Erfolge feiern und hat wichtige Errungenschaften erkämpft. Aber insgesamt ist sie in den letzten Jahrzehnten zu einer Mitverwalterin des bürgerlichen Systems geworden.

Mit welchen Schwierigkeiten hatte die Schweizer Linke in ihren Anfängen zu kämpfen?

Die Kleinteiligkeit der Schweiz, die verschiedenen Sprachregionen und der Föderalismus haben die Organisation einer gesamtschweizerischen Linken erschwert. Dazu wurde die Schweiz dezentral industrialisiert. Es gab hier kein industrielles Zentrum mit grossen Fabriken, was die Organisation der Arbeiter:innen erleichtert hätte. Stattdessen war die Industrie übers halbe Land verteilt und die Hausarbeit spielte eine grosse Rolle. Der Kapitalismus hat sich in der Schweiz also quasi über die Familie hineingeschlichen. Zu diesen schlechten Voraussetzungen kamen auch Entscheidungen hinzu, welche die Integration in den bürgerlichen Staat beförderten. Das Oltner Aktionskomitee, wesentlich aus SP-Vertretern zusammengesetzt, gab 1917 nach wenigen Tagen den Landesstreik auf, an dem sich rund 250 000 Menschen beteiligt hatten. Indirekt wurde damit zwar das Proporzwahlrecht erkämpft, das der SP 1919 zum ersten Mal den Sprung ins nationale Parlament ermöglichte. Dort begann sich die Partei aber in das bürgerliche System zu integrieren und stimmte 1937 der militärischen und geistigen Landesverteidigung zu.

Im Buch beschreiben Sie die Phase nach dem Zweiten Weltkrieg als Zeit, in der die SP diese Inte­gration dann vollständig vollzog.

Die Integration zeichnete sich bereits vorher ab – aber die Wahl ihres ersten Bundesrats Ernst Nobs 1943 und der Eintritt in das Konkordanzsystem besiegelten wohl das Ende der oppositionellen Politik der SP. Weil es nach dem Krieg einen wirtschaftlichen Aufschwung gab, konnten die kapitalistischen Kräfte der SP gewisse Zugeständnisse machen. Es kam zu Lohnerhöhungen und Reformen, aber das System veränderte sich nicht. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele Mi­grant:innen in die Schweiz, um zu arbeiten. Der Filmemacher Samir beschreibt diese Entwicklung in seinem Film «Die wundersame Verwandlung der Arbeiterklasse in Ausländer». Wie haben sich die SP und der SGB dazu verhalten?

Beide Organisationen waren extrem passiv und haben die feindliche Haltung gegenüber diesen Menschen teilweise mitgetragen. Sie haben zugelassen, dass Ausländer:innen zu einer Manövriermasse des Kapitals werden. Sie wurden ins Land geholt, wenn es wirtschaftlich gut läuft, und in der Krise wieder ausgewiesen. Dasselbe geschah übrigens mit den Frauen. Wenn Arbeitskräfte fehlten, sollten sie in den Fabriken arbeiten, wenn es schlechter lief, wurden sie zurück in die unbezahlte Hausarbeit gedrängt. Die SP und die Gewerkschaften fokussierten sich derweil auf die Schweizer Arbeiter, von denen viele in dieser Zeit einen wirtschaftlichen Aufstieg erlebten: Ihnen gelang der Sprung von der Fabrikhalle ins Büro oder in besser bezahlte Jobs. Diese Entwicklung war nicht förderlich für die Bildung einer Klassensolidarität und eines revolutionären Bewusstseins.

Der Industriearbeiter, der sofort für die Revolution bereit ist, und die Büroangestellten, die kein Interesse mehr daran haben: Ist das nicht eine etwas verstaubte Erzählung? Schliesslich gehören auch Menschen, die im Büro arbeiten, zur Arbeiter:innenklasse.

Das will ich damit auch nicht sagen. Aber diese Entwicklung sorgte für eine Differenzierung innerhalb der Arbeiter:innenklasse. Jene, die aus der Industriearbeit ins Büro wechseln konnten, waren infolge dieses Aufstiegs weniger empfänglich für klassenkämpferische Politik. Dass ihre Arbeitsplätze dann mit Menschen aus dem Ausland besetzt wurden, verringerte die Solidarität untereinander – auch deshalb, weil die Rechte mit ihrer spalterischen Politik an diesen Unterschieden ansetzte und sie für ihre Zwecke nutzte.

Die Gewerkschaften verhandelten in der Nachkriegszeit für verschiedene Branchen Gesamtarbeitsverträge. Das führte zum sogenannten Arbeitsfrieden. Konflikte zwischen den Arbeiter:innen und den Unternehmen sollten am Verhandlungstisch und nicht auf der Strasse ausgetragen werden. Streiks wurden damit in vielen Branchen illegal. Was spielt das für eine Rolle für das Selbstverständnis der Schweiz?

Der Arbeitsfrieden ist einer der Gründe, wa­rum in der Schweiz Streiks und Arbeitskämpfe als unüblich gelten. Die Arbeiter:innen seien durch die Gewerkschaften eingebunden und ihre Interessen würden gehört, so die Erzählung. Der wirtschaftliche Aufschwung der Nachkriegszeit und der Reichtum der Schweiz sorgten dafür, dass das Narrativ aufkam, dass es den Menschen hier gut gehe und dass, wer sich gegen die Arbeits- und Lebensbedingungen wehrt, undankbar ist und doch nur einmal ins Ausland schauen müsste. Zudem gebe es hier durch die direkte Demokratie auch andere Wege, sich zu wehren. Das ist mindestens teilweise eine Illusion. Schliesslich können sich nur Menschen mit einem Schweizer Pass am politischen System beteiligen. Ausserdem braucht es für eine Initiative hunderttausend Unterschriften, was als Einzelperson oder auch für kleine Organisationen praktisch unmöglich ist. Diese Mythen sind trotzdem bis heute wirkmächtig. Dabei haben Arbeitskämpfe in der Schweiz eine grosse Tradition. Alleine zwischen 1880 und 1914 kam es zu rund 2500 Arbeitskämpfen, 38-mal wurde dabei das Militär gegen die Streikenden eingesetzt. Anschliessend verhielt sich der damals vollständig bürgerlich regierte Schweizer Staat während des Ersten Weltkriegs zutiefst illiberal. Zeitungen wurden verboten, Demonstrationen zerschlagen und linke Volksinitiativen ignoriert – etwas, das sich in folgenden Krisenzeiten jeweils wiederholte.

Welche Rolle hat diese Repression im Misserfolg der Schweizer Linken gespielt?

Das ist schwer zu beurteilen. Aber es ist ein exemplarisches Beispiel für die Grenzen der hochgelobten Schweizer Demokratie. Immer wenn es Krisen oder Kriege gab, reagierte der Schweizer Staat mit enormer Repression. Sicher geglaubte Errungenschaften wie die Presse- oder Redefreiheit wurden enorm eingeschränkt. In den 1970er- und 80er-Jahren fertigte der Staat dann Fichen über linke Organisationen und Personen an. Dass die SP trotzdem weiterhin Teil dieses Systems blieb, zeigt, wie tief die Integration bereits fortgeschritten war.

In den 1990er-Jahren wurde dann die SVP unter Christoph Blocher die stärkste politische Kraft. Heute ist sie auch bei Menschen mit niedrigen Löhnen die meistgewählte Partei.

Die 1990er-Jahre sind die Zeit der neoliberalen Reformen und der SVP, die mit Anti-Eliten-Rhetorik gegen den FDP-Filz mobilisieren kann – obwohl sie zweifellos selbst Teil der Elite ist. Die SP und die Gewerkschaften konnten dem nichts entgegensetzen. Schliesslich konnten sie sich in den Jahrzehnten zuvor immer darauf verlassen, dass es eine Art Klassenkompromiss gab und ein Teil des wirtschaftlichen Erfolges umverteilt wurde. Als dieser Kompromiss von Seiten des Kapitals praktisch aufgekündigt wurde, fanden die parlamentarischen Linken keine Antwort darauf. Schliesslich hatten sie seit Jahren keine Streiks oder Arbeitskämpfe mehr organisiert. Das zeigte sich auch 2008 in der Weltwirtschaftskrise. Der globalisierte Kapitalismus erlebte seine grösste Krise seit den 1930er-Jahren und die SP konnte daraus keinen nachhaltigen Profit schlagen.

Auch in der aktuellen Militarisierungsdebatte sind Sie nicht mit der SP einverstanden. Was ist Ihre Kritik?

Es bereitet mir grosse Sorgen, wie wenig die SP gegen die aktuellen politischen Prozesse anzubieten hat. Seit dem Ukraine-Krieg und der darauf folgenden sogenannten Zeitenwende mit mehr Militarisierung und Sparprogrammen findet sie keine eigene Position. Sie ist in einem konstanten Verteidigungsmodus und versucht nun, die westliche Demokratie zu retten, als wäre sie bisher ein erfolgreiches linkes Projekt gewesen und nicht massgeblich für Kolonialismus, Krieg und Ungleichheit mitverantwortlich. Ideologisch untermauert wird das mit moralischen Argumenten. Es gebe die ‹bösen› Putin, Orban oder Trump, gegen die sich die ‹guten› Demokrat:innen wehren müssten. Das sind Kategorien, die uns bei der Analyse der heutigen Situation nicht weiterhelfen. Diese Erzählung verschleiert zudem, dass diese Figuren die reaktionären Verwalter:innen der gegenwärtigen Krise sind und nicht irgendwelche Unfälle. Statt daraus eine fundamentale Kritik an den herrschenden Verhältnissen zu machen, will sich die SP der EU anschliessen oder mindestens militärisch mit ihr kooperieren, obwohl die EU die tödlichsten Aussengrenzen der Welt aufgebaut hat und aktuell massiv militärisch aufrüstet. Dabei bräuchte es doch eine dritte Position, die weder die einen noch die anderen Aggressoren verteidigt und einen konsequenten Antimilitarismus verfolgt. Dazu gehört auch, im Innern gegen die aktuellen Sparmassnahmen im Sozialbereich zu kämpfen – sie sind die Kehrseite der Militarisierung nach aussen.

Wie erklären Sie sich, dass die SP nicht eine solche Position einnimmt?

Sie hat ihr Schicksal an das Wohlergehen der Schweizer Wirtschaft geknüpft. Läuft es wirtschaftlich gut, kann man den Sozialstaat ausbauen, läuft es schlecht, muss man die erkämpften Errungenschaften wieder verteidigen. Die SP kennt heute keine Politik mehr ausserhalb des bürgerlichen Rahmens. Und wenn alle anderen aufrüsten, muss hierzulande auch aufgerüstet werden, um weiterhin mitspielen zu können. Somit ist diese Position das logische Ergebnis der Geschichte der letzten 150 Jahre.

Dominic Iten: Die Linke in der Schweiz – Eine Einführung. 2025, Mandelbaum Verlag, 150 Seiten, ca. 25 Franken

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Leerkündigungen bis weit in den Kanton

«Als ich die Kündigung bekam, hatte ich Panik», gesteht die 86jährige Elfriede Hojas. Sie lebt schon seit 54 Jahren in Adliswil und bezahlt für ihre einfache aber gepflegte 3-Zimmerwohung in der Sihlmatten-Siedlung der Anlagestiftung der Zurich Versicherung 1100 Franken Monatsmiete. «Wo in Adliswil oder Umgebung soll ich jetzt mit meiner bescheidenen Rente eine bezahlbare neue Wohnung finden?», fragt sie verzweifelt. «Es gibt hier viele alteingesessene Mieter und nebst Rentnern auch viele Familien mit schmalem Budget – wo sollen wir jetzt alle hinziehen?», fragt eine andere Mieterin. Und weitere Sihlmatten-Bewohner:innen beklagen etwa, dass ihre Mitte der 1960er-Jahre erstellten Wohnbauten im Hinblick auf den Abbruch seit vielen Jahren nicht mehr unterhalten wurden. Eine Sanierung aber wäre dennoch möglich, sind sie überzeugt. Dass es in der Sihlmatten früher oder später zu einer Neuüberbauung kommt, war zwar seit Jahren bekannt. Aber spätestens seit die Anlagestiftung der Zurich-Versicherung sämtlichen Mietern im letzten Oktober per Ende September 2027 gekündigt hat, macht sich in den 136 Wohnungen Existenzangst breit. Und etliche Mietparteien haben die Kündigung bei der Schlichtungsbehörde auch angefochten. Nun aber erheben sich mächtige Bauprofile um die vier Wohnblocks und den 31 Meter hohen Wohnturm: Das Baugesuch für die Neuüberbauung mit zwei grossen Wohnbauten und einem Hochhaus mit total 296 neuen Wohnungen sowie einer Tiefgarage mit 200 Parkplätzen ist eingereicht. Gerechnet wird mit Baukosten von 91 Millionen Franken und erforderlich sind auch umfangreiche Altlastensanierungen.

«Unfaire Leerkündigungen» und «Versagen»

Walter Angst, Co-Geschäftsleiter des Mieterinnen- und Mieterverbands (MV) Zürich sprach beim Kampagnenstart für die Wohnschutz-Initiative seines Verbands vor Ort indes von «unfairen Leerkündigungen» und von einem «Versagen der lokalen Politik». Um die höhere und dichtere Neuüberbauung in Adliswil überhaupt erst möglich zu machen, hatten Stadt- und Gemeinderat 2023 einen privaten Gestaltungsplan der Bauherrschaft gutgeheissen und eine Umzonung bewilligt. Dabei hätten sie aber eine «sozialverträgliche» Ausgestaltung des Projekts «etwa mit der Festsetzung von 20 Prozent preisgünstigen Neubauwohnungen» oder mit einer verbindlichen Pflicht zur Etappierung verpasst. Bei einem Treffen vor Jahresfrist hatte der Stadtrat nach eigenen Angaben der Zurich immerhin «klargemacht, dass ein sozialverträglicher Umgang» mit den heutigen Mietern «zwingend notwendig» sei. Und eine Kündigung ohne tolerante Fristerstreckungen und ohne Unterstützung «nicht goutiert» würde. Bei der Medienstelle von Zurich betont man, dass die Mieter:innen bei der Wohnungssuche unterstützt würden und dass die heutigen Wohnungen am Ende ihres Lebenszyklus stünden. Die künftigen Wohnungen würden auf eine breite und durchmischte Mieterschaft ausgerichtet und seien standardmässig nicht mehr mit den jetzigen vergleichbar.

Welle rollt in die Gemeinden

Sozial unverträgliche Leerkündigungen, bei denen ganze Siedlungen einfach plattgemacht würden, um mit einer Neuüberbauung höhere und damit für viele auch unerschwingliche Mieten erzielen zu können, seien in Zukunft noch vermehrt und vor allem kantonsweit zu befürchten, warnte indes Walter Angst vor den Medien. Im Kanton Zürich würden dadurch bereits heute über 13-mal mehr Menschen verdrängt als in vergleichbaren Regionen. Besonders betroffen seien Einkommensschwache und ältere Menschen. Bis zur Hälfte von ihnen fände in ihrer angestammten Gemeinde keine bezahlbare Wohnung mehr. 

Ortsspezifische Vorgaben

Mit der Wohnschutz-Initiative, die am 14. Juni zur Abstimmung kommt, aber könnten Mieter:innen vor unfairen Leerkündigungen geschützt werden. Gemeinden dürften demnach ortsspezifische Massnahmen erlassen, um bezahlbaren Wohnraum zu erhalten. Etwa eine Bewilligungspflicht für Abbrüche, Umbauten und Renovationen oder befristete Mietzinslimiten. Zuständig dafür wären jeweils die Stimmbürger:innen.

Widersprochen wurde an der Medienorientierung auch der Kritik, wonach der Wohnungsbau durch die Initiative gehemmt würde. Eine ETH-Studie im Auftrag des Bundesamtes für Wohnungswesen habe 2025 vielmehr ergeben, dass in den Wohnschutzregionen Basel, Genf und Lausanne bei Ersatzneubauten für Mehrfamilienhäuser deutlich mehr Wohnungen erstellt würden als im Kanton Zürich.

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«Wir haben den Auftrag, unsere Stadt voranzubringen»

Frau Helbling, steigen wir mit der SP ein: Was war Ihr prägendes Parlamentserlebnis der letzten vier Jahre?

Bea Helbling: Das war die Volksinitiative für einen städtischen Mindestlohn, bei der wir zwar im Parlament keine Mehrheit erhielten, weil die GLP und die EVP mit SVP, FDP und der Mitte gemeinsame Sache machten, die aber von den Stimmberechtigten klar angenommen wurde. Leider hat die unterlegene Seite dieses demokratische Ergebnis nicht akzeptiert und ist der Mindestlohn immer noch blockiert. Das Beispiel zeigt mehrere Elemente, welche für die Legislatur als Ganzes typisch waren: Erfreulich, dass wir auch gegen die Parlamentsmehrheit in verschiedenen Volksabstimmungen eine Mehrheit fanden. Typisch, dass GLP und EVP sich dem Block von SVP, FDP und der Mitte angenähert haben, während in der Bevölkerung eher eine gegenteilige Tendenz eingetreten ist. Die Schwierigkeit, im Parlament Mehrheiten zu finden.

Roman Hugentobler: Aus unserer Sicht waren die parlamentarische Initiative zur biometrischen Gesichtserkennung und das Referendum zu den Aufwertungsplänen des Campingplatzes Schützenweiher besonders wichtig. In beiden Fällen ging es darum, zentrale gesellschaftspolitische Fragen in die Öffentlichkeit zu tragen und Menschen zu mobilisieren. Gleichzeitig konnte die AL eigenständige Positionen vertreten, die sich von jenen der SP und der Grünen unterschieden. In einem Parlament, in dem linke Kräfte in der Minderheit sind, ergeben sich solche Gelegenheiten nur selten.

Bea Helbling: Die Vorlage betreffend Camping Schützenweiher war auch in der SP nicht einfach. Die Fraktion war grossmehrheitlich dafür, vor allem, um das Areal für breitere Bevölkerungskreise aufzuwerten. Opposition kam innerhalb der Partei eher von den Juso. 

Andreas Büeler: Die erste Hälfte der Legislatur war recht positiv mit den gewonnenen Volksabstimmungen zur Initiative Wohnen für alle, den Gegenvorschlägen zur «Zukunftsinitiative» und der «Gute-Luft-Initiative» bis hin zur Abstimmung über einen städtischen Mindestlohn. Der Bruch kam meines Erachtens mit den nationalen Wahlen 2023, bei welchen Themen wie Klimapolitik und Umweltfragen in den Hintergrund gedrängt worden sind. GLP und Grüne stagnierten oder verloren. Seither hat sich das politische Klima auch lokal verhärtet. Besonders deutlich wurde das beim Budget 2025, mit dem pauschalen Kürzungsantrag von SVP bis EVP, der durch den Stadtrat beim Bezirksrat angefochten wurde – und dann beide Seiten behauptet haben, sie hätten inhaltlich Recht erhalten. Auch der städtische Mindestlohn wurde gerichtlich angefochten. Zum Schluss konnten wir beim Richtplan mit GLP und der EVP wieder eine robuste Koalition bilden und eine zukunftsfähige Vorlage verabschieden. Aber auch da wird nun ja wohl das Referendum kommen.

Bea Helbling: Generell konnten wir bei Sachfragen sehr wohl Mehrheiten bilden – zum Beispiel bei der Pensionskassenvorlage quer durch das ganze Parlament, auch beim Schützenwiesenausbau, oder wie erwähnt beim Richtplan. Bei den Finanzen hingegen haben wir keine Chance, mit den Grünliberalen und der EVP ins Gespräch zu kommen, geschweige denn über mögliche gemeinsame Strategien zu sprechen. Die Blockade ist total, und jetzt nach den Wahlen sagen GLP und EVP, die SP sei schuld. Mir scheint im Rückblick, dass die Fronten von 2018 bis 2022 nicht derart verhärtet waren. 

Andreas Büeler: Interessant ist, dass die GLP in der zweiten Legislaturhälfte sogar ‹grüne› Vorstösse nicht mehr unterstützt hat, die nicht viel gekostet hätten. Andererseits war sie bei gewissen Themen sehr dogmatisch, was sonst eher uns vorgeworfen wird. Zum Beispiel bei der Breite der Fahrradstreifen bei der Frauenfelderstrasse oder der Technikumsstrasse. Mir scheint, dass es da eher darum ging, gegen die Stadtregierung zu agitieren, als um pragmatische Lösungen. Die GLP hat eine unheilige Allianz mit SVP & Co und den Autoverbänden gebildet. Die Folge wird sein, dass wir ‹dank› der GLP weniger umwelt- und velo­freundliche Strassensanierungen haben. 

Roman Hugentobler: Ja, das Handeln der GLP in den letzten vier Jahren ist ärgerlich. Dass soziale Themen in diesem Parlament keine Mehrheit haben, ist nichts Neues. Dass aber nun grüne Anliegen spätestens bei der Budgetdebatte bachab geschickt werden, ist eine neue Dimension. Das bewirkt einen totalen Stillstand des Parlaments. Progressive Inputs kommen deshalb häufig nur noch vom Stadtrat und müssen dann von den linken Parteien im Parlament verteidigt werden.Aus unserer Sicht müsste aber das Parlament die gestaltende Kraft sein und die Stadt nach vorne bringen. Mit den aktuellen Fraktionen von EVP, GLP, Mitte, FDP, SVP und EDU ist dies jedoch nicht machbar.

Andreas Büeler: Der Ton ist laufend immer härter geworden. Es herrscht ein tief verankertes Misstrauen gegenüber dem Stadtrat, obwohl dessen Mitglieder sich sehr bemühen, im Parlament auf unsere Fragen Antworten zu geben. Da wird manchmal gar nicht hingehört. Sogar bei den eigenen Stadträten nicht. Sei dies nun Stefan Fritschis FDP oder die Mitte von Mike Künzle.

Bea Helbling: Gerade die zwei neu gewählten Stadtratsmitglieder, Romana Heuberger und An­dreas Geering waren zwei der härtesten Kritiker:innen – und sind es auch nach ihrer Wahl bis zuletzt geblieben. Ihre Äusserungen in der Richtplandebatte waren nicht dazu angetan, das Gefühl zu vermitteln, dass sie in einem Kollegialitätsgremium arbeiten wollen. Auch ihre ständige Abwertung der Verwaltung wirkt auf mich schwierig. Aber vielleicht werden wir positiv überrascht…

Andreas Büeler: Diese Hardliner haben auf die Stadtregierung Einfluss gehabt. 

Bea Helbling: Manchmal müssen wir als SP vielleicht auch wieder deutlicher auf den Stadtrat einwirken, dass eine rot-grüne Mehrheit besteht. Natürlich kann es sein, dass dann eine Vorlage vom Parlament beerdigt wird – aber trotzdem sind solche Zeichen im Moment wichtig. Die Dynamik wird sonst immer schwieriger. 

Andreas Büeler: …bis zum Moment, wo auch harmlose Vorlagen, wie die Übertragung der Halle 53 ins Finanzvermögen, keine Mehrheit mehr finden…

Wie war die Zusammenarbeit im rot-grünen Lager?

Roman Hugentobler: Die gemeinsamen Niederlagen in den Budgetdebatten schweissen zusammen… Nein, ernsthaft: Die Dynamik unter den linken Parteien ist grundsätzlich sehr gut. Trotzdem zeigt sich bei gewissen Geschäften, dass SP und Grüne in der Exekutive mit einer Mehrheit vertreten sind und entsprechend in der Regel die Position des Stadtrats stützen. Nach unserer Auffassung dürften SP und Grüne gerne etwas staatskritischer sein. Uns ist jedoch auch bewusst, dass die AL natürlich eine andere Rolle im Parlament hat. Manchmal wünschten wir uns etwas mehr Verständnis der beiden grossen Schwestern für unsere Art und Weise der Politik. Allerdings ist es mir wichtig festzuhalten, dass die Zusammenarbeit mit den Fraktionspräsidien von Grünen und SP immer sehr wertschätzend und auf Augenhöhe ist.

Bea Helbling: Ich kann das unterstreichen. Die Zusammenarbeit mit den Grünen und der AL ist angesichts der geballten Sparallianz vor allem in Finanzfragen sehr eng, und wir halten zusammen. Aber wir müssen auch nicht überall der gleichen Meinung sein. Ich finde es positiv, wurde die AL bei den Wahlen gestärkt. 

Andreas Büeler: Ich glaube auch, dass wir unter uns gut funktionieren, aber vielleicht manchmal etwas forscher auftreten können oder dem Stadtrat deutlichere Forderungen stellen können. Aber es stellt sich schon die Frage, wie wir wieder an GLP und EVP herankommen, respektive ob es noch eine genügende gemeinsame Basis dafür gibt.

Bea Helbling: Dass die SP ihre Position ausbauen konnte, geht vielen gegen den Strich. Wenn dann die Möglichkeit besteht, die SP spüren zu lassen, dass sie keine Mehrheit hat, machen die Parteien von rechts aussen bis zur EVP gerne mit.

In zehn Tagen sind Stadtpräsidiumswahlen, am Tag darauf dann die konstituierende Sitzung des Parlamentes: Mit welchen Vorstellungen gehen Sie in diese neue Legislatur? Welche Schwerpunkte stehen an?

Roman Hugentobler: Wir werden auch in Zukunft in der Minderheit im Parlament sein. Daher wird es umso wichtiger sein, dass wir unsere Zusammenarbeit gegen aussen noch verstärken. Thematisch wichtig ist die Umsetzung von Netto Null CO2-Emissionen bis ins Jahr 2040 und alle dazugehörigen Massnahmen wie Tempo 30, Entsiegelung, Energieversorgung, Kreislaufwirtschaft usw. Weiter der Kampf gegen die zunehmende Repression der Stadtpolizei gegen Demonstrationen und Kundgebungen. 

Nach dem Richtplan folgt nun die Revision der Bau- und Zonenordnung. Sie ist für uns als AL prioritär und es sind wichtige Schritte notwendig, damit der kommunale Richtplan möglichst optimal umgesetzt werden kann. Da wir im Parlament keine Mehrheit haben, müssen wir mit Hilfe der Stimmbevölkerung eine progressive, gestaltende Politik voranbringen. 

Bea Helbling: Thematisch hat Roman die Schwerpunkte genannt. Wichtig ist, dass die rot-grüne Mehrheit im Stadtrat spürbar wird, und wir gleichzeitig wieder und wieder versuchen, mit kleinen Schritten mit GLP und EVP voranzukommen. Die Richtplandebatte war eine positive Entwicklung. Und die Stadtpräsidiumswahl wird hoffentlich zudem ein Zeichen für eine fortschrittliche Stadt setzen.

Andreas Büeler: Wir machen weiter, hartnäckig…

Bea Helbling: Es gibt auch immer wieder neue Möglichkeiten, um Allianzen zu bilden. Wir haben den Auftrag, unsere Stadt voranzubringen und nicht in einem Blockade-Jammern zu versinken.

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Artikel, p.s. Zeitung

Familienaufstellung

Laut schreiend und wild alles mit sich reissend wütet Claudia (Angela Molina) durchs Haus, bis sie die Sanitäter auf der Bahre fixieren können. «Polvo Seran» von Carlos Marques-Marcet suggeriert in keinem Moment, die im Film verhandelten existenziellen Themen wären eine rein theoretische Fingerübung. Er ist zärtlich und brutal zugleich. 

Claudia plagt ein inoperabler Hirntumor. Für einen Menschen, der als Bühnenstar in Lebens- und Arbeitspartnerschaft mit dem regieführenden Flavio (Alfredo Castro) seit Jahrzehnten ein freies und selbstbestimmtes Leben geführt hat, ist die Vorstellung, die Herrschaft über Körper und Geist zu verlieren gleichbedeutend mit dem Verlust von allem wahrhaftig Wichtigen, weshalb die Sterbebegleitung als Alternative dazu vergleichsweise verlockend erscheint. Wie aber stellt sich dieselbe Situation für eine Partnerperson, die in symbiotischer Weise die letzten vierzig Jahre nie ohne den/die andere/n verbringen musste und sich im Traum nicht vorstellen kann, nach dem Hinschied des/der anderen jemals wieder so etwas wie Lebensfreude oder Glück empfinden zu vermögen. 

«Polvo Seran» ist schwere Kost, die formal mit Showeinlagen und inhaltlich unter Einbezug der drei erwachsenen Kinder des Paares die Komplexität der Gemengelage klug auffängt und wiedergibt. Während Manuel (Alvan Prado) die Entscheidung der Eltern akzeptiert und Lea (Patricia Bargallo) die Dominanz der Mutter längst ohnehin geflohen ist, fühlt sich die jüngste Tochter Violeta (Monica Armiral Battet) davon zutiefst gekränkt und um die Möglichkeit, eigenständig ein Glück zu finden betrogen, weshalb sie den künstlich herbeigeführten Familienfrieden zur Verkündung nach Kräften torpediert. Von der gläubigen Haltung, allein dem Allmächtigen stünde die Festlegung einer Lebensdauer zu einmal abgesehen, stellt dieser Film die Frage nach der Vereinbarkeit eines theoretischen Einverständnisses mit der praktischen Akzeptanz für ein Handeln.

«Polvo Seran» spielt im Kino Movie.

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Artikel, p.s. Zeitung

Das Klischee Parteizeitung

Wer die jüngere Geschichte studiert, befasst sich gezwungenermassen mit dem Bild als Informationsträger. Und damit verbunden insbesondere mit der Inszenierung von Bildern, ihrer Wirkung in bestimmten Kontexten und der politischen Ikonographie. Dass Bilder viel Macht in sich tragen, ist kein Geheimnis. Das merken wir allerdings auch beim P.S. – oder zumindest glaube ich, dass darin ein wesentliches Problem für uns steckt. Es geht um das Klischee, eine Parteizeitung zu sein.

Die Frage ist, woher das Klischee kommt. Und ja, natürlich: Es stammt aus der Anfangszeit des P.S. mit seinen Wurzeln in der sozialdemokratischen Presse – aus einer Zeit, in der gewisse Verbindungen mit der Zürcher SP tatsächlich bestanden. Aber da hört es dann auch bald mal auf. Natürlich war es für das Klischee auch förderlich, dass bis vor einem Monat immer eine Person mit Parteibindung die Verlagsleitung innehatte. Eine Parteizeitung war das P.S. aber nie. Ich schreibe hier seit 2022. Bereits damals war es ein Thema, dass dieses Klischee ein Problem ist – nicht innerhalb unseres Publikums, sondern gegen aussen.

Das Klischee richtet in meinen Augen einen dreifachen Schaden an, wenn es um das Erschliessen neuer Abonnent:innen geht: Erstens suggeriert eine SP-Nähe, dass das P.S. ohnehin von einer politischen Partei getragen wird, weshalb die Unterstützung mit einem Abo als bedingt wichtig gesehen werden könnte. Zweitens wäre ein Abo so für jene redundant, die ohnehin auf den digitalen Kanälen mitbekommen, was die SP kommuniziert. Und drittens: Ob SP-Wähler:in oder nicht, wer würde schon 250 Franken im Jahr für ‹Parteipropaganda› ausgeben wollen? Als langjährige Abonnent:in mögen Sie dies lachhaft finden – aber so oft, wie sich ein Gespräch schon aufgelockert hat, als Leuten, die das P.S. nicht kannten, klarwurde, dass es keine Parteizeitung ist… ich bin mir ziemlich sicher, das Klischee ist nicht unproblematisch.

Und es hat ehrlich gesagt auch immer ein wenig genervt. Zumindest den SPler:innen aus der Romandie kann ich persönlich keinen Vorwurf machen, dass viele auf meine Medienanfragen hin zunächst meinten, ich sei ein Parteigenosse, weil die SP ennet dem Röstigraben halt PS heisst. Aber gerade im Raum Zürich immer zunächst erklären müssen, dass das mit der SP-Zeitung eben ein Klischee ist und es keine strukturellen und schon gar keine finanziellen Verbindungen gibt – es ist mühsam. Und das sage ich nicht aus einer SP-Aversion heraus, sondern als jemand, dem die Unabhängigkeit des Journalismus ein zentrales Anliegen ist und ohne die ich diesen Job nicht machen wollen würde. Umso verwirrter bin ich, wenn Interviewpartner:innen meinen, ich sei von der SP selbst, auch das ist schon mehrfach vorgekommen.

Was hat das also mit dem Bild als Informationsträger zu tun? Das P.S. hat ein doppeltes Problem. Einerseits wäre da der Name, nach dessen Bedeutung ich eigentlich bei fast jedem Gespräch über das P.S. gefragt werde. Aber dass es für Post Scriptum steht, ist schnell erklärt. Und die Verwirrung rund um den Namen finde ich eigentlich auch weniger dramatisch. Andererseits, und hier sehe ich (insbesondere in Kombination mit dem Namen) die grössere Problematik: die Farbe. Es braucht nicht viel Veränderung im P.S.-Rot, um beim SP-Rot zu landen: Nur etwas weniger Gelb in der Farbmische.

Farben als Marker politischer Zugehörigkeit haben eine lange Tradition und es ist wohl auch kein Zufall, dass der Begriff politische ‹Couleur› gerne für die politische Zugehörigkeit genutzt wird. Nur: Im Laufe der Jahre verändern sich die Inhalte der Couleur. Was vor dem Zusammenbruch des internationalen sozialistischen Blocks noch mit der Farbe Rot assoziiert wurde, ist nicht bedeutungsgleich mit dem, wofür Rot heute steht. Relevant ist aber, wie es wirkt. Und in der Schweiz steht Rot allem voran für die SP, auch wenn es nicht wirklich akkurat ist. Daran rütteln auch die ganzen roten Fahnen am 1. Mai nicht viel.

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der das Bild immer mehr an Wichtigkeit gewonnen hat. Heute bin ich mir nicht sicher, ob es den Text als Informationsträger bereits abgelöst, oder zumindest in seiner Macht ausgestochen hat. Neue Medien und insbesondere die Fähigkeit von KI, Bilder zu generieren, befeuern dieses Wettrennen, das eigentlich kein wirkliches Wettrennen, sondern eine Übernahme ist. Wenn sich Online-Feeds immer stärker ins Bildbasierte verschieben, dann wird Symbolik psychologisch mehr verankert. Damit meine ich: Wenn eine Partei digital kommuniziert, dann werden alle dabei produzierten Bildinhalte kaum einen Farbhintergrund haben, der eher einer anderen Partei zugeordnet wird. Ob man das als Vereinnahmung von Symbolik oder lediglich als konsequentes Marketing sehen will, ist eine Debatte, die man durchaus führen kann – ich finde sie allerdings relativ uninteressant. Wichtiger für uns ist, dass wir schauen müssen, dass das visuelle Auftreten einer unabhängigen Lokalzeitung nicht einen psychologischen Link zur SP herstellt, wenn man den Inhalt sieht.

Ich habe eigentlich nichts gegen das P.S.-Rot. Im Gegenteil. Ich finde es gut, wenn Symbolik nicht einem Monopol über die Definitionshoheit unterliegt und kollektiv definiert wird. Nur: Es wird wohl kaum ein Kampf um die Verwendung einer Farbe stattfinden. Und wir haben farbliche Zugehörigkeit in der Schweiz ja schon aufgeteilt. Die Grünen sind grün, die AL pink, die SP rot, die FDP blau, der feministische Streik violett, die SVP fokussiert sich mehr auf schwarze und weisse Schafe, die Mitte ist orange… und bei den Medien wäre vielleicht noch das WOZ-Gelb zu erwähnen. Sie sehen, viele schöne Farben sind bereits vergeben, weswegen wir eigentlich ein wenig experimentieren wollen – wenn Sie sich also über neue Farben im P.S.-Logo wundern: Die Überlegungen dazu (oder zumindest mein Versuch, sie zusammenzufassen) haben Sie soeben gelesen, wenn es Sie stört oder sie vehement widersprechen oder zustimmen, lassen Sie es uns wissen, oder kommen Sie an unserem Stand am 1. Mai-Fest auf dem Kasernenareal vorbei, wo wir ein kleines Voting über einige Farbversionen vorbereitet haben. Es ist nichts in Stein gemeisselt und inhaltlich ändert sich ja sowieso nichts. Aber ich sehe es trotzdem als Problem, dass Farbe und Name in Kombination eine Nähe suggeriert, die beim P.S. nicht vorhanden ist. Für ein unabhängiges linkes Medium ist das unpräzise.

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Müll

Claire Fontaine ist das öffentliche Pseudonym, vulgo Label, unter dem das Konzeptkunst-Duo Fulvia Carnevale und James Thornhill seit zwanzig Jahren auftritt und bereits mit der Wahl eines Allerweltsnamens die Austauschbarkeit als Überbegriff des inhaltlich zentralen Fokus vor sich herträgt. Die von Lynn Kost versammelte Accrochage von Werken suggeriert in mit der Betitelung «Sugar Free» die vorauseilende Vergewisserung einer Harmlosigkeit, wie sie Lutschtabletten oder Erfrischungsgetränken eigen ist, die wiederum bekanntlich damit vor allem ablenken und ein Wohlfühlnarrativ für Konsumierende aufbauen. Nur keine Reue. Der gesamte dritte Stock des Kunst Museums Winterthur/Reinhart am Stadtgarten ist in einer abstrahierten Form als das Innenleben eines Smartphones konzipiert, was nicht die technische Bauart meint, sondern den darüber verhandelten Konsum. An Information, an Ablenkung, an Rausch, an Nonsens. Und damit die Einhelligkeit einer Codierung. Beispielsweise in der Zuschreibung und angeblich sinnstiftenden Aufladung von Wert einer grossen Beiläufigkeit, einer Verkürzung, einer Bequemlichkeit durch Auslagerung der Mühe einer trefflichen Begrifflichkeit durch die Verwendung der Kommunikationskrücke eines einzelnen Symbols. Dass Claire Fontaine hierfür höchstselbst eine regelrechte Materialschlacht veranstaltet, läuft dem aktuellen Zeitgeist entschieden entgegen, der nach Möglichkeiten für eine Nachhaltigkeit in den Künsten sucht, ergibt indes zumindest im Kunstkontext der zurückliegenden Jahre durchaus Sinn. Siehe Sylvie Fleury. Das Ad-absurdum-führen eines Gedankens mit exakt denselben Mitteln des zu beanstandenden führen diese zwei nochmals weiter, wenn sie den an sich festen Begriff des Readymades – die Emporhebung eines Allerweltsgegenstandes in den Rang eines Kunstwerks – dahingehend pervertieren, dass sie Ursprungsideen dazu von Marcel Duchamp und Man Ray zum Allerweltsgegenstand erklären, dem sie in dieser Weise der Aneignung recht eigentlich die originäre Frechheit rauben und in der weiterführenden Konsequenz ebendiesen Anspruch aberkennen. Abgeschlossen wird die Schau von Replikas einer Serie britischer Gemälde maritimer Szenen aus dem 18. Jahrhundert inklusive der zu erwarteten Auktionserlöse in drei Weltwährungen, die das Thema Materialschlacht auf eine nochmals andere Ebene der Eroberung fremder Territorien lenkt und damit den Kreis wieder schliesst. Denn was ist Konsumstimulation anderes?

Claire Fontaine: «Sugar Free», bis 14.5., Kunst Museum Winterthur/Reinhart am Stadtgarten, Winterthur.

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«Die Migros ist eine treibende Kraft gegen das Sonntagsverkaufsverbot»

Die Volkswirtschaftsdirektion hat der Unia recht gegeben: Zwei Migrolino-Filialen in Zürich und Winterthur dürfen am Sonntag nicht geöffnet sein. Am vergangenen Wochenende waren sie trotzdem noch offen. Wann müssen sie schliessen?

Serge Gnos: Aktuell könnte die Migros den Entscheid noch an das Verwaltungsgericht weiterziehen. Das Urteil ist also noch nicht rechtskräftig. Bis es so weit ist, kann die Migros die Geschäfte noch offen halten.

Sonntagsverkauf ist in der Schweiz bis auf einige Ausnahmen nicht erlaubt. Mit welcher Argumentation versuchte die Migros, die beiden Läden am Sonntag zu öffnen?

Die Migros deklarierte die Läden als Gastgewerbe. Ein Migrolino sei quasi ein Take-Away, weil dort Hamburger aufgewärmt und Sandwiches zubereitet würden. Somit könnte sie die Geschäfte dann auch am Sonntag öffnen. Im Gegensatz dazu dürfen Lebensmittelgeschäfte nur am Sonntag geöffnet sein, wenn sie zum Beispiel in einem Bahnhof, am Flughafen oder Teil einer Tankstelle sind. Uns hat dann sehr überrascht, dass das Arbeitsinspektorat die Behauptung der Migros stützte, der Migrolino sei gar kein Laden, sondern ein Take-Away.

Wie kam denn das Arbeitsinspektorat zu diesem Schluss?

Das Inspektorat hielt fest, dass im Migrolino warme Speisen zubereitet beziehungsweise aufgewärmt würden und diverse Heissgetränke angeboten würden. Die meisten Produkte seien für den direkten Verzehr bestimmt. Zudem verfügen die Geschäfte über ein Gastwirtspatent. Das hat offenbar gereicht, um die Behörde zu überzeugen. Persönlich ist mir dieser Entscheid absolut schleierhaft. Ein Take-Away ist doch kein Laden, der Alkohol, Cervelats, Milch, Butter und ein paar vorgefertigte Sandwiches verkauft. An/in einem Take-Away wird doch gekocht. Es ist auch ein Hohn gegenüber all den Restaurants und Bars, die unter anderem genau wegen solcher Läden immer stärker unter Druck geraten. 

Wir haben generell festgestellt, dass der Kanton Zürich sehr zurückhaltend agiert und die bestehenden Gesetze gern mal zugunsten der Unternehmen auslegt. Dabei ist der arbeitsfreie Sonntag enorm wichtig: In der Schweiz sind die Arbeitstage von Montag bis Samstag, das ist der kollektive Rhythmus. Am Sonntag können Events wie Grümpelturniere oder Hochzeiten stattfinden. Wer dann arbeiten muss, verpasst einen wichtigen Teil der Freizeit und des Familienlebens. Das ist auch die Rückmeldung der Beschäftigten aus diesem Bereich.

Besteht die Gefahr, dass die Migros das Verfahren noch weiterzieht, auch weil die Läden in dieser Zeit noch offen bleiben können?

Das kann ich nicht beurteilen. Der Entscheid der Volkswirtschaftsdirektion war zwar für einmal sehr deutlich, ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass die Migros immer wieder neue Anläufe nimmt. Sie ist eine treibende Kraft gegen das Sonntagsverkaufsverbot. Gegen die illegale Öffnung der Migros-Filiale an der Zollstrasse in der Nähe des Zürcher Hauptbahnhofs klagen wir mittlerweile zum vierten Mal; und das, obwohl wir bereits dreimal gewonnen haben. Die Migros sucht immer wieder nach neuen Schlupflöchern. Und sie umgeht dabei den Volkswillen, denn eine Ausweitung des Sonntagsverkaufs war bei der Stimmbevölkerung bisher nicht mehrheitsfähig. Das weiss die Migros auch.

Warum hat die Migros ein solches Interesse am Sonntagsverkauf?

Generell profitieren die grossen Unternehmen mehr vom Sonntagsverkauf. Der Umsatz nimmt insgesamt nicht zu, er verteilt sich nur. Für grosse Läden wie die Migros ist es relativ einfach, ihre Personalplanung auf eine Sieben-Tage-Woche umzustellen, da sie insgesamt viele Menschen beschäftigen. Der Sonntagsverkauf schafft hier kein zusätzliche Stellen. Kleinere Läden mit weniger Personal müssten aber Personal aufstocken, um am Sonntag öffnen zu können. Das lohnt sich nicht, profitieren würde also die Migros.

Aktuell steht das Sonntagsverkaufsverbot auch politisch unter Druck. Der Zürcher Kantonsrat hat eine Standesinitiative eingereicht, um in Zukunft die Anzahl bewilligungsfreier Sonntagsverkäufe von vier auf zwölf zu erhöhen. Wie erklären Sie sich diese Vorlagen?

Es ist mir ein Rätsel. Die Bürgerlichen behaupten, das Sonntagsverkaufsverbot bremse den Tourismus. Aber der boomt, gerade in Zürich. Von Bremsen keine Spur. Gleichzeitig klagen die gleichen bürgerlichen Politiker:innen, denen am Sonntag nichts anderes als Shoppen einfällt, dass sich heute niemand mehr in Vereinen und Parteien engagiere. Wann soll denn das passieren, wenn nicht am gemeinsamen freien Tag? Vergessen wir nicht: Wenn die Läden am Sonntag offen haben, arbeiten nicht nur die Beschäftigten im Detailhandel. Dann braucht es Logistik, IT-Support, Sicherheit, Reinigung, und und und. Am Ende arbeiten wir alle. Und weil wir dann neu an zwölf Sonntagen im Jahren arbeiten würden, entfällt dann laut Gesetz auch der heutige Lohnzuschlag. Und die Gewinne von Migros & Co. steigen noch mehr.

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