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«Die Migros ist eine treibende Kraft gegen das Sonntagsverkaufsverbot»

Die Volkswirtschaftsdirektion hat der Unia recht gegeben: Zwei Migrolino-Filialen in Zürich und Winterthur dürfen am Sonntag nicht geöffnet sein. Am vergangenen Wochenende waren sie trotzdem noch offen. Wann müssen sie schliessen?

Serge Gnos: Aktuell könnte die Migros den Entscheid noch an das Verwaltungsgericht weiterziehen. Das Urteil ist also noch nicht rechtskräftig. Bis es so weit ist, kann die Migros die Geschäfte noch offen halten.

Sonntagsverkauf ist in der Schweiz bis auf einige Ausnahmen nicht erlaubt. Mit welcher Argumentation versuchte die Migros, die beiden Läden am Sonntag zu öffnen?

Die Migros deklarierte die Läden als Gastgewerbe. Ein Migrolino sei quasi ein Take-Away, weil dort Hamburger aufgewärmt und Sandwiches zubereitet würden. Somit könnte sie die Geschäfte dann auch am Sonntag öffnen. Im Gegensatz dazu dürfen Lebensmittelgeschäfte nur am Sonntag geöffnet sein, wenn sie zum Beispiel in einem Bahnhof, am Flughafen oder Teil einer Tankstelle sind. Uns hat dann sehr überrascht, dass das Arbeitsinspektorat die Behauptung der Migros stützte, der Migrolino sei gar kein Laden, sondern ein Take-Away.

Wie kam denn das Arbeitsinspektorat zu diesem Schluss?

Das Inspektorat hielt fest, dass im Migrolino warme Speisen zubereitet beziehungsweise aufgewärmt würden und diverse Heissgetränke angeboten würden. Die meisten Produkte seien für den direkten Verzehr bestimmt. Zudem verfügen die Geschäfte über ein Gastwirtspatent. Das hat offenbar gereicht, um die Behörde zu überzeugen. Persönlich ist mir dieser Entscheid absolut schleierhaft. Ein Take-Away ist doch kein Laden, der Alkohol, Cervelats, Milch, Butter und ein paar vorgefertigte Sandwiches verkauft. An/in einem Take-Away wird doch gekocht. Es ist auch ein Hohn gegenüber all den Restaurants und Bars, die unter anderem genau wegen solcher Läden immer stärker unter Druck geraten. 

Wir haben generell festgestellt, dass der Kanton Zürich sehr zurückhaltend agiert und die bestehenden Gesetze gern mal zugunsten der Unternehmen auslegt. Dabei ist der arbeitsfreie Sonntag enorm wichtig: In der Schweiz sind die Arbeitstage von Montag bis Samstag, das ist der kollektive Rhythmus. Am Sonntag können Events wie Grümpelturniere oder Hochzeiten stattfinden. Wer dann arbeiten muss, verpasst einen wichtigen Teil der Freizeit und des Familienlebens. Das ist auch die Rückmeldung der Beschäftigten aus diesem Bereich.

Besteht die Gefahr, dass die Migros das Verfahren noch weiterzieht, auch weil die Läden in dieser Zeit noch offen bleiben können?

Das kann ich nicht beurteilen. Der Entscheid der Volkswirtschaftsdirektion war zwar für einmal sehr deutlich, ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass die Migros immer wieder neue Anläufe nimmt. Sie ist eine treibende Kraft gegen das Sonntagsverkaufsverbot. Gegen die illegale Öffnung der Migros-Filiale an der Zollstrasse in der Nähe des Zürcher Hauptbahnhofs klagen wir mittlerweile zum vierten Mal; und das, obwohl wir bereits dreimal gewonnen haben. Die Migros sucht immer wieder nach neuen Schlupflöchern. Und sie umgeht dabei den Volkswillen, denn eine Ausweitung des Sonntagsverkaufs war bei der Stimmbevölkerung bisher nicht mehrheitsfähig. Das weiss die Migros auch.

Warum hat die Migros ein solches Interesse am Sonntagsverkauf?

Generell profitieren die grossen Unternehmen mehr vom Sonntagsverkauf. Der Umsatz nimmt insgesamt nicht zu, er verteilt sich nur. Für grosse Läden wie die Migros ist es relativ einfach, ihre Personalplanung auf eine Sieben-Tage-Woche umzustellen, da sie insgesamt viele Menschen beschäftigen. Der Sonntagsverkauf schafft hier kein zusätzliche Stellen. Kleinere Läden mit weniger Personal müssten aber Personal aufstocken, um am Sonntag öffnen zu können. Das lohnt sich nicht, profitieren würde also die Migros.

Aktuell steht das Sonntagsverkaufsverbot auch politisch unter Druck. Der Zürcher Kantonsrat hat eine Standesinitiative eingereicht, um in Zukunft die Anzahl bewilligungsfreier Sonntagsverkäufe von vier auf zwölf zu erhöhen. Wie erklären Sie sich diese Vorlagen?

Es ist mir ein Rätsel. Die Bürgerlichen behaupten, das Sonntagsverkaufsverbot bremse den Tourismus. Aber der boomt, gerade in Zürich. Von Bremsen keine Spur. Gleichzeitig klagen die gleichen bürgerlichen Politiker:innen, denen am Sonntag nichts anderes als Shoppen einfällt, dass sich heute niemand mehr in Vereinen und Parteien engagiere. Wann soll denn das passieren, wenn nicht am gemeinsamen freien Tag? Vergessen wir nicht: Wenn die Läden am Sonntag offen haben, arbeiten nicht nur die Beschäftigten im Detailhandel. Dann braucht es Logistik, IT-Support, Sicherheit, Reinigung, und und und. Am Ende arbeiten wir alle. Und weil wir dann neu an zwölf Sonntagen im Jahren arbeiten würden, entfällt dann laut Gesetz auch der heutige Lohnzuschlag. Und die Gewinne von Migros & Co. steigen noch mehr.

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