Der meistüberhörte Nebensatz von Raphael Gross hinsichtlich der Überprüfung der Provenienzforschung der Bührle-Stiftung war mit einem Fragezeichen versehen. Er und sein Team stellten die Frage in den Raum, ob es nicht eventuell am zielführendsten sein könnte, die Kunst im Kunstmuseum und die Geschichte in einem historischen Museum gemäss den jeweiligen Expertisen aufzuarbeiten und zu präsentieren. Die Fotostiftung Schweiz besetzte per definitionem immer schon exakt diesen Zwischenraum der wissenschaftlichen Aufarbeitung und Bewahrung von Sammlungskonvoluten. In Kombination mit der zugleich möglichst publikumswirksam einzurichtenden Bespielung der eigenen Ausstellungsräume. Dass sich die Verhältnisse gerade in Bezug auf ein Mäzenatentum bereits seit Jahren merklich zu Ungunsten der Institutionen verschoben hat, ist eine Binsenweisheit. Sich den darauf resultierenden Folgen gegenüber einfach zu verschliessen wäre töricht, weshalb die Fotostiftung Schweiz vorangeht mit einer Transformation.
Fühler ausstrecken
Die operative Leitung der Institution wird künftig von einer Einerdirektion auf ein Vierergremium verlagert, das je eines der Tätigkeitsfelder verantwortet, wie dies im Migrosmuseum, dem Tanzfestival Steps und diversen Theatern bereits praktiziert wird und zur einfacheren Erlangung einer Gesamtsicht auch den aktuellen Anforderungen als attraktiver Arbeitgeber entgegenkommt. Zudem will künftig das enorme Konvolut an Fotoarchiven vermehrt dazu genutzt werden, ausser Haus in Erscheinung zu treten. Tauschen gehört zu den zentralen Werkzeugen des Ausstellungsbetriebs und im realen Leben ist es durchaus denkbar, dass eine Leihgabe eine Reisetätigkeit von kunstinteressierten Personen zur Folge hat, was zeitversetzt als positiver Nebeneffekt wieder als Mehreinnahme auf die Leihgeberin zurückfällt. Die Krux mit der Digitalisierung ist, dass für die Selbstverständlichkeit von Anwender:innen, eine Eins-A-Aufbereitung mit oder ohne Bezahlschranke überall als vorausgesetzt anzunehmen, auf der gegenüberliegenden Seite ein enormer Einsatz von Arbeit, Zeit und Geld notwendig wird, wofür für gewöhnlich keine adäquate Entschädigung gegenübersteht.
Zusammendenken
Die aktuelle – ebenfalls von einem Team aus der Reihe der Beschäftigten der Fotostiftung Schweiz erarbeitete – Schau der Fotostiftung Schweiz «Frauen. Fragen. Fotoarchive» nimmt eine möglicherweise in jede Richtung in sich stimmige Kombination von physischer wie digitaler Auswertung der eigenen Schätze in Abstimmung mit der eigentlichen Hauptaufgabe vorneweg. Vor Ort wird mittels Einzelwerken, Serien, Publikationen und Kurzbiografien auf die Urheberinnen, ihr Umfeld, den Zeitgeist und die Situation im gesellschaftlich Allgemeinen ein Interesse weckend hingewiesen und mit essenziellen Fragen wie «ist das relevant?» erweitert, woraufhin das weitergehend wissbegierige Publikum im Selbststudium die Fülle eines Einzelarchivs digital ergründen kann. Alles auf einmal – platsch – in eine integrale Digitalisierung zu überführen und anwendungsfreundlich aufzubereiten, überfordert auch die Big-Tech-Firmen. Oder ist etwa Googles Weltbibliothek abgeschlossen?
Einordnen
«Frauen. Fragen. Fotoarchive» versammelt Lebensdaten und Werkeinblicke von sieben Frauen mit Geburtsjahr zwischen 1865 und 1913, von denen Teile des fotografischen Vermächtnisses der Fotostiftung Schweiz überantwortet worden sind. Anhand dieser Auswahl, insbesondere wenn sie in einen grösseren Zusammenhang, hier explizit der Frauenrechte gestellt werden, lässt sich sowohl eine gesellschaftspolitische als auch eine kunsthistorische Geschichtsschreibung erzählen.
Während die frühesten hier ausgestellten Zeugnisse noch einen regelrecht amateurhaften Anschein erwecken und Freizeitszenen der damaligen Oberschicht auch als Bildinhalt vermitteln, wechselt der Blick und die Sujetsuche sichtlich, als die Tochter aus einem Fotografenhaushalt, die wegen veränderter Umstände und natürlich eigenem Interesse das Geschäft (mit dem Bruder) übernahm und eigenständig fortführte, um zuletzt drei Fotografinnen zu erwähnen, die den Beruf als Handwerk regelrecht erlernt hatten, diesen zum Broterwerb verwendeten und sich mit Aufträgen für Publikationen oder Hilfswerke einerseits eine Bekanntheit erarbeiteten und andererseits die Raffinierung ihres Könnens immer weiter vorantrieben, bis ihnen mitunter ikonische Werke glückten (in Reportagen) oder sie sie schufen (im Studio). Dass damit wie nebenher auch ihre Namen in Umlauf gebracht werden, was generationenübergreifend Wirkung entfalten kann, ist sowohl als Absicht erkennbar wie als Wirkung spürbar.
«Frauen. Fragen. Fotoarchive», bis 14.6., Fotostiftung Schweiz, Winterthur.
Der Beitrag Das Schaufenster neu denken erschien zuerst auf P.S..
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