«Als ich die Kündigung bekam, hatte ich Panik», gesteht die 86jährige Elfriede Hojas. Sie lebt schon seit 54 Jahren in Adliswil und bezahlt für ihre einfache aber gepflegte 3-Zimmerwohung in der Sihlmatten-Siedlung der Anlagestiftung der Zurich Versicherung 1100 Franken Monatsmiete. «Wo in Adliswil oder Umgebung soll ich jetzt mit meiner bescheidenen Rente eine bezahlbare neue Wohnung finden?», fragt sie verzweifelt. «Es gibt hier viele alteingesessene Mieter und nebst Rentnern auch viele Familien mit schmalem Budget – wo sollen wir jetzt alle hinziehen?», fragt eine andere Mieterin. Und weitere Sihlmatten-Bewohner:innen beklagen etwa, dass ihre Mitte der 1960er-Jahre erstellten Wohnbauten im Hinblick auf den Abbruch seit vielen Jahren nicht mehr unterhalten wurden. Eine Sanierung aber wäre dennoch möglich, sind sie überzeugt. Dass es in der Sihlmatten früher oder später zu einer Neuüberbauung kommt, war zwar seit Jahren bekannt. Aber spätestens seit die Anlagestiftung der Zurich-Versicherung sämtlichen Mietern im letzten Oktober per Ende September 2027 gekündigt hat, macht sich in den 136 Wohnungen Existenzangst breit. Und etliche Mietparteien haben die Kündigung bei der Schlichtungsbehörde auch angefochten. Nun aber erheben sich mächtige Bauprofile um die vier Wohnblocks und den 31 Meter hohen Wohnturm: Das Baugesuch für die Neuüberbauung mit zwei grossen Wohnbauten und einem Hochhaus mit total 296 neuen Wohnungen sowie einer Tiefgarage mit 200 Parkplätzen ist eingereicht. Gerechnet wird mit Baukosten von 91 Millionen Franken und erforderlich sind auch umfangreiche Altlastensanierungen.
«Unfaire Leerkündigungen» und «Versagen»
Walter Angst, Co-Geschäftsleiter des Mieterinnen- und Mieterverbands (MV) Zürich sprach beim Kampagnenstart für die Wohnschutz-Initiative seines Verbands vor Ort indes von «unfairen Leerkündigungen» und von einem «Versagen der lokalen Politik». Um die höhere und dichtere Neuüberbauung in Adliswil überhaupt erst möglich zu machen, hatten Stadt- und Gemeinderat 2023 einen privaten Gestaltungsplan der Bauherrschaft gutgeheissen und eine Umzonung bewilligt. Dabei hätten sie aber eine «sozialverträgliche» Ausgestaltung des Projekts «etwa mit der Festsetzung von 20 Prozent preisgünstigen Neubauwohnungen» oder mit einer verbindlichen Pflicht zur Etappierung verpasst. Bei einem Treffen vor Jahresfrist hatte der Stadtrat nach eigenen Angaben der Zurich immerhin «klargemacht, dass ein sozialverträglicher Umgang» mit den heutigen Mietern «zwingend notwendig» sei. Und eine Kündigung ohne tolerante Fristerstreckungen und ohne Unterstützung «nicht goutiert» würde. Bei der Medienstelle von Zurich betont man, dass die Mieter:innen bei der Wohnungssuche unterstützt würden und dass die heutigen Wohnungen am Ende ihres Lebenszyklus stünden. Die künftigen Wohnungen würden auf eine breite und durchmischte Mieterschaft ausgerichtet und seien standardmässig nicht mehr mit den jetzigen vergleichbar.
Welle rollt in die Gemeinden
Sozial unverträgliche Leerkündigungen, bei denen ganze Siedlungen einfach plattgemacht würden, um mit einer Neuüberbauung höhere und damit für viele auch unerschwingliche Mieten erzielen zu können, seien in Zukunft noch vermehrt und vor allem kantonsweit zu befürchten, warnte indes Walter Angst vor den Medien. Im Kanton Zürich würden dadurch bereits heute über 13-mal mehr Menschen verdrängt als in vergleichbaren Regionen. Besonders betroffen seien Einkommensschwache und ältere Menschen. Bis zur Hälfte von ihnen fände in ihrer angestammten Gemeinde keine bezahlbare Wohnung mehr.
Ortsspezifische Vorgaben
Mit der Wohnschutz-Initiative, die am 14. Juni zur Abstimmung kommt, aber könnten Mieter:innen vor unfairen Leerkündigungen geschützt werden. Gemeinden dürften demnach ortsspezifische Massnahmen erlassen, um bezahlbaren Wohnraum zu erhalten. Etwa eine Bewilligungspflicht für Abbrüche, Umbauten und Renovationen oder befristete Mietzinslimiten. Zuständig dafür wären jeweils die Stimmbürger:innen.
Widersprochen wurde an der Medienorientierung auch der Kritik, wonach der Wohnungsbau durch die Initiative gehemmt würde. Eine ETH-Studie im Auftrag des Bundesamtes für Wohnungswesen habe 2025 vielmehr ergeben, dass in den Wohnschutzregionen Basel, Genf und Lausanne bei Ersatzneubauten für Mehrfamilienhäuser deutlich mehr Wohnungen erstellt würden als im Kanton Zürich.
Der Beitrag Leerkündigungen bis weit in den Kanton erschien zuerst auf P.S..
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