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Humorig

Überhaupt, was soll das sein: Neutralität? Schon bezüglich des Speisezettels entwickeln Menschen Vorlieben. Eher süss. Eher salzig. Stéphane Goël und Mehdi Atmani machen sich für «Sonderfall» eher so semi-ernsthaft mit einem deutlichen Einschlag ins Humorige auf die Suche nach dem Wesen eines Begriffs, der angeblich bis in die DNA aller Schweizer:innen eine Wirkmacht entfalten soll. Und finden – wenig überraschend – zuerst einmal zahllose Beispiele, die ihr skeptisches Befremden gegenüber einer solchen Annahme dieses quasi zwingenden Automatismus’ unterfüttern. Der Anlass für ihre Spurensuche ist natürlich die im Herbst anstehende Volksabstimmung, diesen Begriff alias abstrakten Altruismus in die Verfassung als sakrosankt aufnehmen zu wollen. Wobei die beiden Regisseure entgegen den Urheber:innen des Abstimmungsbegehrens keinen Hehl daraus machen, dass die angebliche reine Lehre, die in letzter Konsequenz hinter diesem absoluten Begriff stecken müsste oder würde, nicht hundertprozentig deckungsgleich ist mit der Absicht, die mit dieser Film- oder eben Abstimmungsfrage verknüpft ist. Man kann sich königlich über ihre Art des Filmens aufregen, weil sie es nicht auf die Reihe bekommen, eine todernste argumentative Faktenaneinanderreihung einzufangen, über die ein Publikum nicht in einen Sekundenschlaf verfällt. Man kann ihnen im Umkehrschluss aber auch ein Kränzchen winden, dass sie sich trauen, die Ausgangsfrage bereits als so semi-ballaballa anzusehen und darüber auch die Suche nach einer Beantwortung ungeheuer freihändig in Szene zu setzen. Kann man machen, denn das Argument, das theoretisch schlagende, ist bekanntlich im realen Abstimmungsleben in der Schweiz nicht immer zwingend genau das, was die überzeugendste Breitenwirkung entfaltet und dementsprechend die Meinungsfindung entschieden prägen würde. Der Film ist ein Steilpass. Anhand des inhaltlichen Urteils lässt sich die Redlichkeit eines Absenders ablesen.

«Sonderfall» spielt im Kino RiffRaff.

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Radikale Einbindung der Bevölkerung

Die Zeit um den «längsten Tag» gehörten früher bei den Kelten, Germanen und Slawen zu den wichtigsten Feiertagen im Jahr. Die Christen feiern den Geburtstag von Johannes dem Täufer am 24. Juni seit dem 5. Jahrhundert. Aber nicht nur steht in diesen Tagen die Sonne am höchsten, sondern an feuchten Waldrändern, bei Trockenmauern, auf Friedhöfen sind in dieser Zeit beim Einnachten Glühwürmchen zu beobachten. Legendenumwoben üben sie eine grosse Faszination auf viele Menschen aus. Hotspots wie etwa in Zürich oberhalb des Bucheggplatzes oder im Friedhof Nordheim ziehen bei schönem Wetter jeweils Hunderte von Menschen an. In Winterthur sind aktuell keine ähnlichen Lebensräume bekannt. Das soll sich aber ändern: Dieser Tage schwärmen rund 40 Freiwillige aus, um gezielt nach Glühwürmchen zu suchen. Es ist nicht das einzige Projekt, bei dem Stadtgrün auf die Einbindung der Bevölkerung setzt.

Michael Wiesner, warum hat die Stadt Winterthur diese Suche nach den Glühwürmchen lanciert?

Wir erhalten immer wieder Anfragen aus der Bevölkerung, wo man im Raum Winterthur Glühwürmchen beobachten könne. Und ehrlich gesagt: Wir haben keine Ahnung, ob es überhaupt noch Vorkommen gibt. Daher haben wir zusammen mit der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Winterthur (NGW), dem Naturmuseum und den lokalen Vogel- und Naturschutzvereinen diese Aktion lanciert.

Wie funktioniert das Projekt?

Aufgrund von Berichten und dem Know-how von Biolog:innen haben wir 15 Gebiete evaluiert, an denen früher Glühwürmchen bekannt waren oder die sich aufgrund der Rahmenbedingungen besonders eignen. Diese werden nun ab Mitte Juni bis Mitte Juli von 40 Freiwilligen regelmässig kontrolliert, und wir erhoffen uns, dass wir erfahren, wo es noch minimale Glühwürmchen-Kolonien gibt. Falls wir solche Vorkommen finden, können wir dann gezielt Fördermassnahmen erarbeiten.

Dieses Glühwürmchenmonitoring ist nicht das einzige Projekt, bei dem Stadtgrün die Bevölkerung einbindet. Es gibt die «Winti-Ranger», die «Winti-Scouts», das «Team Stadtnatur»: Sind das einfach verkappte Sparmassnahmen, um Tätigkeiten der Stadt an die Bevölkerung auszulagern?

Nein, natürlich nicht. Alle diese Aktivitäten sind Ausdruck einer klaren Strategie von Stadtgrün, um Fragen der Biodiversität in der Bevölkerung stärker zu verankern. Indem die Teilnehmer:innen dieser Programme ganz konkret erleben, was «Biodiversität» bedeutet, sind sie stärker auf Fragen in diesem Zusammenhang sensibilisiert und werden zu eigenem Handeln angeregt. Letzthin sah ich eine Frau, welche offenbar auf einem Spaziergang war und spontan ein Berufkraut, einen Neophyten, am Wegrand ausgerissen und entsorgt hat.

Wie unterscheiden sich diese Angebote?

Das älteste ist das Projekt «Winti-Ranger». Es wurde bereits 2014 lanciert. Heute umfasst das Team etwa 45 Freiwillige. Da geht es darum, vor allem im Wald draussen und in Naturschutzgebieten Stadtgrün bei den Pflegemassnahmen zu ergänzen. Faktisch jede Woche findet ein Einsatz statt. Neophyten jäten, lichte Waldstücke rechen oder Froschzäune auf- und abbauen. Dazu werden immer wieder Weiterbildungen und Exkursionen angeboten. Inzwischen ist seit rund zwei Jahren auch eine vollamtliche Rangerin angestellt.

Ähnlich wie bei den Winti-Rangern geht es beim neu lancierten «Team Stadtnatur» um praktische Einsätze, jedoch nicht draussen im Wald, sondern innerhalb des Siedlungsraumes. Dieses Projekt haben wir erst in diesem Frühjahr lanciert und es befindet sich im Aufbau.

Anders gelagert ist das Projekt «Winti-Scouts»: Hier geht es um die Erfassung der Artenvielfalt. Dabei können Winterthurer:innen mit dem Handy und einer Botanik-App die Pflanzenvielfalt auf Stadtgebiet dokumentieren und so Grundlagen für den Schutz seltener Arten schaffen. Hier beteiligen sich bereits über 300 Personen. Es hilft, etwa bei bei der Planung von Bauprojekten, frühzeitig seltene Pflanzen zu schützen, eventuell auch zu versetzen. Beispiele sind die ökologischen Ersatzmassnahmen im Zusammenhang mit der Erweiterung der ARA oder das Projekt Mehrspur im Süden der Stadt. Die Beobachtungen werden auf einer interaktiven Karte dokumentiert (https://www.winti-scout.ch/karte/). Auch den Winti-Scouts bieten wir Weiterbildungsmöglichkeiten an. 

Wichtig ist uns die Zusammenarbeit mit weiteren Organisationen: Wie erwähnt der NGW oder die Vogel- und Naturschutzvereine in Seen, Veltheim-Wülflingen und neu auch in Töss-Tössfeld. Für alle, die bei einem solchen Projekt mitarbeiten, ist «Biodiversität» kein abstrakter Begriff mehr, und sie wirken für uns in die Bevölkerung hinein, um die Artenvielfalt zu fördern.

Links: www.wintiranger.ch, www.winti-scout.ch, kurzlink.ch/stadtnatur-winterthur

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Ruhe bewahren

Privat ist sie altersgerecht umzingelt von Frühpensionär:innen, die Freizeitbeschäftigungen mit Ferien verwechseln, was sie als professionelle Wortklauberin natürlich rasend macht. Rentner:innen haben kon­stant frei. Ferien machen nur Werktätige. Von denen sich die wenigsten früher aus dem Arbeitsprozess verabschieden können. Wie sie selbst. «Oder glaubed sie öppe, ich mache das freiwillig»,wirft sie ihrem Pu­blikum keck entgegen. Bei den Jungen hat sie sich den Einstiegsthrill abgeschaut und eröffnet ihr neues Programm «Ich weiss» mit einer Betroffenheitsbeichte. An den unmöglichsten Orten, zu den strubsten Zeiten und in den verrecktesten Situationen habe sie es machen müssen. Weil sie einfach nicht anders konnte. Nun endlich hat sie den Zwang überwunden. Dem dramatischen Spannungsaufbau folgt die Erleichterung über eine mutmassliche Banalität, was den Publikumslachern eine Ähnlichkeit mit der Befreiung aus einer Verlegenheit verleiht. Ihr Mann fürs Technische, Markus Ludstock, hat ihr eine piepsende App auf den Allzwecktrolley montiert, damit sie die Medizinalverabreichung nicht durcheinanderbringt. Also zeitlich. Vorkommen kann es in all dem Trubel indes durchaus, dass der Schaumwein zum vereinfachten Runterschlucken Konkurrenz von einem schäumenden Präparat erhält, das in der Hitze des Gefechts fälschlich angewandt wurde. Ein ihr aus dem realen Leben in einem Smart-Home ohnehin hinlänglich bekannte Begleiterscheinung. Immerhin hat das beiläufig zur Bekanntschaft mit dem halben Dorf geführt, wohin sie aus dem Dörfli bereits in «Sweet and Sour» umziehen musste. Dank der Regelmässigkeit eines nächtlichen Frischluftbedarfs und der intelligenten Verknüpfung der architektonischen Bequemlichkeit mit dem Sicherheitsaspekt ist ihre Routine via den Polizeiposten über die Gerüchteküche direkt im Allgemeinwissen der Bevölkerung gelandet. Dort spricht man aber nicht nur übereinander, sondern auch miteinander, allerdings über andere Inhalte. Was herausfordernd werden kann, wenn nicht alle über denselben Hintergrund verfügen. Also sinniert sie frei nach der Alterssiedlung Espenhof für queere Menschen über ein Pendant für Komiker:innen und malt sich Verhaltensmuster respektive Rollenzuteilungen für ihre potenziellen Mitbewohner:innen aus und landet damit natürlich bei der Niveaufrage, die der davor genannten Dorfproblematik wieder wie aufs Ei gleicht. Es ist ein Kreuz mit der Passgenauigkeit von Anpassung und Individualität, mit dem sich bis zur eigenen Beerdigung versöhnt werden will.

«Ich weiss», bis 13.6., Bernhard Theater, Zürich.

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Nachhaltiger verhalten können sich alle

Eine Schlagzeile vom vergangenen Samstag: «In den Züri-Säcken landen zu viele Lebensmittel». Eine Abfallanalyse der Stadt Zürich hatte ergeben, dass 19,6 Prozent des Gewichts in den Züri-Abfallsäcken aus Nahrungsmittelabfällen bestehen. Teilweise wären sie problemlos noch essbar gewesen. Essware über den Kehrichtsack zu entsorgen, ist wohl die dümmste Art, um sie loszuwerden. Besser wäre es allemal, sie zu essen. Wenn nicht, lassen sie sich kompostieren oder in Biogasanlagen zu klimaneutralem Methangas und Dünger verarbeiten.

Woher kommt dein Essen?

Die diesjährigen Nachhaltigkeitswochen der Stadt Uster vom 27. Mai bis 9. Juni drehen sich ums Thema «Nachhaltige Produktion und Ernährung – woher kommt dein Essen?» Schwerpunkte bilden dabei die landwirtschaftliche Produktion und die Ernährung. Vertiefte Einblicke bieten dazu Veranstaltungen und Betriebsrundgänge (siehe Kasten).

Zum Beispiel das zum Mitmachen und Mitessen einladende zweimal durchgeführte Kochen. Gemeinderätin Anita Ajder (Grüne), engagiert im in Uster seit 2018 präsenten Projekt Madame Frigo, eröffnete den ersten Anlass auf dem Zeughausareal, wo auch der Kühlschrank der Organisation steht, mit einigen ernüchternden Zahlen: 2,8 Millionen Tonnen Lebensmittel landen in der Schweiz jährlich nicht auf dem Teller, sondern irgendwo anders. Die Hälfte davon verschwindet bei der Verarbeitung, rund ein Drittel in den Haushalten. Der Rest im Gastrobereich, im Detailhandel oder anderweitig. Laut Ajder ist eine Ursache für die Verschwendung von Lebensmitteln der Preis. 1945 gab eine durchschnittliche Familie rund 30 Prozent des Einkommens für Lebensmittel aus, heute sind es noch sieben Prozent. Ein weiterer Grund seien die oft missverstandenen Ablaufdaten. Richtig gelagerte Lebensmittel können oft noch Wochen nach Ablauf der aufgedruckten Frist problemlos konsumiert werden. Ajder informierte über die verschiedenen Organisationen, die im Bereich Lebensmittelrettung tätig sind, und welch unglaubliche Mengen sie der Wiederverwertung durch gezieltes Verteilen an Organisationen und Bedürftige zugeführt werden. Dann griffen die Anwesenden zum Rüstmesser und rüsteten gerettetes Gemüse für die Suppe, die Gemeinderat Lukas Adam (Grüne) auf der mobilen Veloküche zubereitete.

Nachhaltigkeitsmarkt im Stadtpark

Am Samstag fand der gut besuchte Nachhaltigkeitsmarkt im Stadtpark statt, wo an rund 20 Ständen vielfältige Nachhaltigkeitsprojekte vorgestellt und entsprechende Produkte verkauft wurden. Vom neuen Emmer-Brot bis zum Cidre aus Äpfeln und Birnen von Privaten und Produkten aus Bananenblättern und natürlich geretteten Lebensmitteln aller Art sowie Gemüsesetzlingen war alles vorhanden. Und natürlich auch eine Flut von Informationen zum Thema Ernährung und Pflanzen. Unübersehbar stand da auch der Solar-Butterfly, ein solarbetriebener Wohnwagen, der als reichhaltiges Museum für Klimalösungen im Einsatz steht und bereits einmal um die Welt gereist ist. 

Programm Nachhaltigkeitswochen in Uster

Seit dem 27. Mai finden in Uster die Nachhaltigkeitswochen mit zahlreichen zum Thema passenden Veranstaltungen statt. Vom gemeinsamen Kochen mit geretteten Lebensmitteln über den Betriebsrundgang in einer Metzgerei bis hin zu Filmvorführungen und einem Nachhaltigkeitsmarkt oder einem Aroma-Spaziergang mit einer Winzermeistern reicht das Angebotsspektrum. Die Nachhaltigkeitswochen dauern bis am Dienstag, 9. Juni. Folgende Anlässe finden bis zur Schlussveranstaltung im Kino Central am 9. Juni statt.
Am Samstag, 6. Juni, treffen sich Interessierte beim ‹teckte Brüggli› beim Stadtpark zum «Walk&Talk Schokolade». Von 13 bis 15.30 Uhr findet ein interaktiver Spaziergang statt, bei dem man zuhören, sehen und schmecken kann und Kakao von einer neuen Seite kennenlernt. Ebenfalls am Samstag, 6. Juni, findet die zweite Auflage der Veranstaltung «Food Waste – Infos & gemeinsames Kochen» beim Kühlschrank von Madame Frigo im Zeughausareal statt. Der Anlass mit Informationen, Gemüse rüsten und Kochen beginnt um 12 Uhr. 
Am Montag, 8. Juni, findet ein «Feldgespräch im Zuchtgarten» statt. Von 18 bis 19.30 Uhr informiert Getreidezüchter Peter Kunz im Zuchtgarten bei der Silberweide in Mönchaltorf an der Seestrasse 37 über Sinn und Ziele der Züchtung neuer Sorten für die Landwirtschaft.  
Im Kino Central an der Brauereistrasse in Uster wird am Montag 8. Juni, um 18 Uhr und Dienstag, 9. Juni, um 19.30 Uhr der Film «Barbara Buser – Pionierin der Nachhaltigkeit» gezeigt. Die preisgekrönte Architektin verwandelt ehemalige Industrieareale  in urbane Lebensräume. Abgeschlossen werden die Nachhaltigkeitswochen mit drei öffentlichen Führungen Ende Juni im Zuchtgarten bei Peter Kunz an der Seestrasse in Feldbach. Detailliertes Programm und Anmeldungen unter: www.uster.ch/nachhaltigkeitswochen.

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«Wir, Saisonniers …», Zürich 1931–2026

Die Ausstellung «Wir, Saisonniers …» Zürich 1931–2026 in der Photobastei wurde von «histoire publique» in Zusammenarbeit mit den drei Genfer Organisationen Archives contestataires, Collège du Travail und Rosa Brux produziert und lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit erneut auf die Geschichte von Hunderttausenden von Arbeiterinnen und Arbeitern, die zum Aufbau der heutigen Schweiz beigetragen haben, ohne dass ihr grundlegender Beitrag jemals öffentlich anerkannt worden wäre.

Es sind Geschichten und Lebensbedingungen, die oft unbekannt geblieben sind oder für Menschen, die diese Erfahrungen nicht selbst gemacht haben, nur schwer nachvollziehbar sind: die vollständige Prekarisierung des Lebens, die Unmöglichkeit, die Zukunft zu planen, die Abhängigkeit vom Wohlwollen oder der Willkür der Arbeitgeber, die Verpflichtung, monatelang ohne die Familie zu leben oder sogar die eigenen Kinder zu verstecken. Das Saisonnierstatut beruhte auf der Vorstellung, Migrantinnen und Migranten ausschliesslich auf ihre Funktion als Arbeitskräfte zu reduzieren – Arbeitsmaschinen ohne menschliche Dimension, ohne Beziehungen und ohne andere Bedürfnisse als den Lohn. Und doch waren die Saisonniers Menschen, die mit der Realität dieses Landes in vielfältiger Weise in Kontakt standen und zu seiner Veränderung beigetragen haben.

Der Blick in die Vergangenheit, wie ihn eine Ausstellung ermöglicht, hat seine Grenzen. Er ist von Natur aus oft wohlwollender. Auf Fotografien wurden – insbesondere bevor sich digitale Kameras und Smartphones verbreiteten und wenn die Aufnahmen nicht von professionellen Reportern stammten – vor allem lächelnde Gesichter, glückliche Momente, gemeinschaftliche Situationen oder Demonstrationen festgehalten. Verzweiflung, Einsamkeit, Leid und Traurigkeit lassen sich schwieriger dokumentieren.

Trotz dieser inhärenten Grenze gibt die Ausstellung dieser Arbeitskraft Gesichter und Geschichten zurück und macht ihre Menschlichkeit sichtbar. Sie ermöglicht Menschen, die diese Erfahrungen nicht selbst erlebt haben – insbesondere den jüngeren Generationen, aber nicht nur ihnen –, die Geschichte der Migration in der Schweiz jenseits der Statistiken zu verstehen, die den öffentlichen Diskurs gewöhnlich prägen. Sie zeigt die Menschen hinter den Zahlen.

Dieser Blick in die Vergangenheit könnte jedoch auch ein dystopischer Blick in die Zukunft sein – eine ziemlich präzise Darstellung dessen, was uns erwartet, falls die Nachhaltigkeitsinitiative der SVP, über die am 14. Juni abgestimmt wird, von der Mehrheit der Bevölkerung angenommen werden sollte.

Prekarisierung statt Reduktion

Denn die Initiative zielt in Wirklichkeit – ungeachtet der rhetorischen Kunstgriffe ihrer Befürworter während des Abstimmungskampfes – nicht darauf ab, die Zahl der Migrantinnen und Mi­granten, die in der Schweiz Arbeit finden können, drastisch zu reduzieren, sondern darauf, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zu prekarisieren.

Hinter dem Verweis auf die angebliche Notwendigkeit, das Wachstum der Wohnbevölkerung einzudämmen, um die Nachhaltigkeit zu sichern, die Mietpreise zu bremsen oder die Überlastung des öffentlichen Verkehrs zu verhindern – mit denselben Argumenten, die bereits von Ecopop vorgebracht wurden –, schlägt die Initiative vor, die Grenze von zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ausschliesslich auf die ständige Wohnbevölkerung anzuwenden. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit befristeten Bewilligungen sowie Grenzgängerinnen und Grenzgänger würden dabei nicht mitgezählt.

Dies bedeutet faktisch die Rückkehr des Saisonnierstatuts – in einer noch prekäreren Form. Der Arbeitsmarkt würde sich zunehmend auf kurzfristige Arbeitsverträge stützen, und das Produktionssystem müsste entsprechend reorganisiert werden. Es bedeutet die Rückkehr zu Max Frischs berühmtem Satz: «Man rief Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.» Es bedeutet, erneut Arbeitskräfte rufen zu wollen und die Menschen abzulehnen.

Ziel ist es, Migrantinnen und Migranten erneut ihrer menschlichen Dimension zu berauben, ihnen das Recht auf ein Leben ohne Prekarität und das Zusammenleben mit ihren Familien zu verwehren und sie ausschliesslich als Arbeitskräfte zu betrachten – als Maschinen, die man bei Bedarf ‹mietet› und anschliessend wieder entsorgt und in ihre Herkunftsländer zurückschickt.

Erstaunlich ist, dass kaum jemand – selbst unter den Gegnerinnen und Gegnern der Initiative – da­rauf hinweist, dass all dies auch die Lebensbedingungen der bereits im Land lebenden Bevölkerung gefährdet, einschliesslich der Schweizer Bürgerinnen und Bürger. Die Wiedereinführung des Saisonnierprinzips in bestimmten Branchen oder deren Reorganisation zur Rekrutierung von Arbeitskräften mit Kurzaufenthaltsbewilligungen wird zwangsläufig dazu führen, dass sich auch die Arbeitsbedingungen der dort beschäftigten einheimischen Bevölkerung verschlechtern. Auch ihre Arbeitsverträge werden kürzer und unsicherer werden.

Die Rückkehr zu kurzfristigen Bewilligungen bedeutet zudem zwangsläufig die Wiederbelebung des Rotationsprinzips für ausländische Arbeitskräfte. Damit verbunden wäre der Verzicht auf Integrationsförderung, Sprachunterricht und ähnliche Massnahmen. Die Folge wäre eher mehr als weniger Probleme des Zusammenlebens in den Quartieren.

Dass kurzfristige Bewilligungen mit den Bedürfnissen verschiedener Schlüsselbranchen der Wirtschaft nicht vereinbar sind, bedeutet keineswegs, dass die von Migrantinnen und Migranten besetzten Arbeitsplätze automatisch von der ansässigen Bevölkerung übernommen würden. Das Bildungssystem bringt in vielen Bereichen nicht genügend Fachkräfte mit den erforderlichen Qualifikationen hervor. Die Folge wäre vielmehr, dass diese Arbeitsplätze – und in vielen Fällen ganze Unternehmen – ins Ausland verlagert würden, in Länder, in denen die Rekrutierung von Arbeitskräften weniger problematisch ist.

Man könnte dies in einem einzigen Slogan zusammenfassen: Wer Migrantinnen und Migranten prekarisiert, macht auch dein Leben prekärer.

Bauarbeiter beim Bellevue, um 1962. Fotografie: Hans Krebs. (Bild: ETH-Bildarchiv, Zürich)

Widerstandsfähigkeit dank Migration

In vielen Gesprächen, die ich in den vergangenen Wochen mit Menschen in anderen europäischen Ländern geführt habe, habe ich festgestellt, dass allein die Tatsache, dass eine solche Initiative in einem der reichsten Länder der Welt reale Chancen auf einen Sieg hat, grosses Erstaunen hervorruft. Gerade die Schweiz hat dank der Migration jene Widerstandsfähigkeit entwickelt, die ihr geholfen hat, die Krisen der letzten zwanzig Jahre vergleichsweise gut zu bewältigen.

Um zu verstehen, wie wir in diese Situation geraten sind, lohnt sich ein Blick zurück zur ersten Schwarzenbach-Initiative. Nach deren Ablehnung schrieb die in Zürich von der Föderation der Freien Italienischen Kolonien in der Schweiz herausgegebene Zeitschrift ‹Emigrazione Italia› im Juni 1970:

«Wie vielerorts festgestellt wurde, wurde der arbeitenden Wählerschaft während der gesamten Kampagne geraten, mit rein wirtschaftlichen Argumenten Nein zu stimmen: Eine drastische Reduktion der ausländischen Arbeitskräfte würde den Produktionsprozess lähmen, zahlreiche Fa­briken schliessen und Arbeitslosigkeit verursachen. Im Wesentlichen beschränkte man sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – darauf, dieselben Argumente wie das Unternehmertum vorzubringen, und dies gerade in dem Moment, als sich die Vertreter der Initiative scheinbar gegen das Industriekapital wandten. Mit der Überfremdungsinitiative wurde somit eine grosse Gelegenheit verpasst, den schweizerischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern die Probleme und die Situation der Migrantinnen und Migranten zu erklären und ihnen verständlich zu machen, dass ihre Probleme dieselben sind wie jene der ausländischen Arbeiterinnen und Arbeiter…»

Mit bemerkenswerter Weitsicht erkannte die damalige Führung der grössten Migrantenorganisation der Schweiz bereits damals, was in den folgenden Jahrzehnten geschehen würde. Der Appell an das utilitaristische Eigeninteresse der Wählerschaft mag einige Abstimmungen gewonnen haben – aber keineswegs alle; die Masseneinwanderungsinitiative wurde 2014 angenommen. Gleichzeitig hat er auch in linken Kreisen und in den Volksklassen eine gefährliche Vorstellung verankert: Die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Migrantinnen und Migranten sollen nicht deshalb geregelt werden, weil es sich um Menschen mit Rechten handelt, sondern danach, ob diese Rechte für jene nützlich sind, die über das Wahlrecht verfügen.

Überzeugende Argumente?

Auch viele Gegnerinnen und Gegner der SVP-Initiative, angefangen bei Bundesrat Jans, argumentieren heute nicht damit, dass die Vorlage unmenschlich ist oder die Arbeitnehmerschaft spaltet und dadurch alle Beschäftigten schwächt. Stattdessen sprechen sie von Chaos, Problemen für die AHV oder von Gefahren für die Beziehungen zur Europäischen Union. Es ist jedoch fraglich, ob solche Argumente überzeugen können, nachdem einige derselben Organisationen jahrelang die angeblichen Probleme der Personenfreizügigkeit hervorgehoben und wiederholt damit gedroht haben, die bilateralen Verträge abzulehnen, um minimale Verbesserungen bei den flankierenden Massnahmen zu erreichen. Erst in den letzten Wochen wurden weitere Elemente in die Diskussion eingeführt, nachdem erkannt wurde, dass auch jene Wählerschaft erreicht werden muss, die für utilitaristische Argumente kaum zugänglich ist. Dazu zählt insbesondere die Erinnerung an das Phänomen der versteckten Kinder.

Und doch hat die Frauenbewegung in der Schweiz und in Europa den Männern in den vergangenen Jahrzehnten etwas Entscheidendes gelehrt: Die Rechte der Frauen müssen nicht deshalb anerkannt werden, weil sie das Wohlbefinden anderer erhöhen, sondern weil niemand wirklich frei ist, solange nicht alle frei sind. Dasselbe gilt für die Rechte von Migrantinnen und Migranten. Keiner von uns wird sich noch wirklich frei oder sicher fühlen können, wenn die Nachhaltigkeitsinitiative am 14. Juni angenommen wird. In einer prekären Gesellschaft, in der bestimmten Menschen ihre Rechte vorenthalten werden, werden wir alle prekärer leben.

Bestimmte Bevölkerungsgruppen, beispielsweise diejenigen, die an den Demonstrationen gegen das Massaker in Gaza teilgenommen haben, sind diesen Themen sicherlich aufgeschlossener, ebenso wie der Kultur der Solidarität, und weniger der – wenn auch wichtigen – Finanzierung der AHV. 

Die Ausstellung «Wir, Saisonniers …» Zürich 1931–2026 sollte deshalb nicht besucht werden, um sich an die Vergangenheit zu erinnern, sondern um einen Blick auf die beunruhigende Zukunft zu werfen, die uns möglicherweise bevorsteht. 

*Guglielmo Bozzolini ist Geschäftsleiter der Stiftung ECAP: www.ecap.ch 

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Winterthurer Parlamentsfraktionen zur Messerattacke

SP-Co-Fraktionspräsidentin Maria Sorgo verlas die Erklärung in der Parlamentssitzung von letztem Montag. Neben den besten Wünschen für die Betroffenen und dem Dank an die Einsatzkräfte betonen die Fraktionspräsidien die Wichtigkeit einer sorgfältigen Aufarbeitung der Vorgeschichte durch die Behörden. «Diese ist zentral, um Unsicherheiten zu reduzieren», hielt Sorgo im Namen der Fraktionspräsidien fest. Das Parlament werde sich dafür einsetzen, dass «wir in Winterthur auch weiterhin friedlich zusammenleben können.»

Auf Nachfrage betont Maria Sorgo, dass sie das Zeichen des Parlamentes insbesondere auch im Vergleich zur Debatte im Kantonsrat (siehe dazu den Bericht von Koni Loepfe auf Seite 4) wichtig finde. Generell hält Sorgo fest, dass sie persönlich auch nichts von vorschnellen Schuldzuweisungen halte und sie sich eine andere Kommunikation «durch gewisse Exponentinnen» gewünscht hätte. Ihrer Meinung nach sind die Kontakte des Täters ins islamistische Umfeld sehr schnell in den Vordergrund gestellt worden, obwohl unklar sei, ob und wie dieses Umfeld aktuell aktiv sei. «In einem solchen Moment ist es jedoch besonders wichtig, der Bevölkerung durch eine sachliche  Kommunikation unter Einbezug aller Fakten Sicherheit zu vermitteln und damit auch die Ausgrenzung einzelner Bevölkerungsgruppen zu verhindern.»

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«Das Projekt ist aus der Zeit gefallen» – «Die einzige ­Alternative wäre Stillstand»

Julia Hofstetter, ein ÖV-Projekt in Affoltern, und Sie als Quartierbewohnerin und Gemeinderätin für die Grünen sagen Nein.

Julia Hostetter: Das ist auch für mich speziell. Wir haben in der Partei mit uns gerungen, schliesslich ist ein guter öffentlicher Verkehr ein Kernanliegen der Grünen. Aber wir haben die Pläne studiert. Die Strasse wird massiv verbreitert und der Autoverkehr hat Vorrang. Wir kamen zum Schluss, dass ein gutes ÖV-Projekt anders aussieht. Ich persönlich trauere dem 32er-Bus nach, der danach nicht mehr von Affoltern aus direkt in die Stadt führen wird.

Felix Hoesch, auch ihre Parteikolleg:innen im Gemeinderat waren vor dem Projekt nicht restlos überzeugt. Wie geht es Ihnen damit?

Felix Hoesch: Ich würde sagen, ich bin kritisch-optimistisch. Vor allem habe ich die Zeit- und Baupläne angeschaut und kam zum Schluss, dass wir bei einer Ablehnung mindestens zwanzig Jahre auf ein nächstes Projekt warten müssten. Wenn der Bau nicht vor dem Frühling 2029 beginnt, verfallen die Bundesgelder für das Projekt und die Finanzierung wäre nicht mehr gesichert. Ich setze mich seit meinem Eintritt in die SP für ein Tram in Affoltern ein. Vor den Gemeinderatswahlen 2010 haben wir schon eine Demonstration für das Tram organisiert. Ich glaube, das Projekt, das jetzt vorliegt, ist so gut, wie es im Rahmen der kantonalen Gesetzgebung sein kann. Die Anti-Stau-Initiative, die 2017 im Kanton Zürich angenommen wurde, verhindert schliesslich einen Kapazitätsabbau des Autoverkehrs.

J.H.: Dieses Projekt ist einfach die totale Unterwerfung gegenüber diesem Anti-Stau-Gesetz. Affoltern wird geopfert und muss den Verkehr des Kantons auffangen.

F.H.: Es ist eine verkehrsplanerische Schwierigkeit: Die Stadt hat die Vorschrift, den Autoverkehr nicht auszubauen, und der Kanton hat die Vorschrift, ihn nicht abzubauen.

J.H.: Deshalb ist es so absurd, dass wir das Projekt als Stadt selber bezahlen sollen.

Der VCS spricht aber gar von einem versteckten Ausbau der Autokapazität. Schliesslich würde mit diesem Projekt das Tram auf einem eigenen Trassee fahren und der Autoverkehr auf zwei eigenen Spuren verlaufen. Heute teilen sich der Bus und die Autos die Fahrbahnen.

F.H.: Das interpretiere ich anders. Ich habe mir die Pläne des Kantons angeschaut und dort weist die Regierung aus, dass die Kapazität nicht zunimmt. Solche Pläne zu analysieren ist aber nicht ganz einfach und es gibt verschiedene Interpretationsmöglichkeiten. Aber ehrlich gesagt ist die Wehntalerstrasse, auf der das Tram verlaufen würde, auch heute keine kleine, verkehrsberuhigte Quartierstrasse.

J.H.: Gerade weil die Wehntalerstrasse bereits heute eine markante Schneise durch das Quartier zieht, ist es unverständlich, weshalb das Tram nicht im bestehenden Strassenraum realisiert wird. Durch die Verbreiterung der Strasse kommt es neben dem Mehrverkehr zu Enteignungen. Dadurch werden etliche private Parkplätze aufgehoben. Ich befürchte, dass hinter den Häusern neue Parkplätze entstehen, da wo sich heute noch Gärten befinden. Im Ergebnis werden viele charmante Grünflächen verloren gehen.

Die Enteignungen sorgen für hohe Kosten. Waren es bei der Limmattalbahn etwas über 40 Millionen Franken pro Kilometer, sind es beim Tram Affoltern nun knapp 120 Millionen Franken pro Kilometer.

F.H.: Das ist so. Je länger ein Projekt in der Planungsphase steckt, desto teurer wird es. Zudem haben die Liegenschaftsbesitzer:innen entlang der Strasse auch gemerkt, dass ihr Grundstück nun an Wert gewonnen hat. Deswegen das Projekt weiter hinauszuschieben, bringt aber nichts. Es wird nur noch teurer und einen Weg zurück gibt es auch nicht. Die einzige Alternative wäre Stillstand und das ist für mich keine Option.

J.H.: Das jetzige Projekt ist schlicht aus der Zeit gefallen. Heute würde man das ganz anders planen. Mich erinnert es an die Pfingstweidstrasse im Kreis 5, wo ebenfalls versprochen wurde, dass mit dem Tram auch Bäume gepflanzt werden und man gemütlich der Strasse entlang flanieren könne. Heute ist die Pfingstweidstrasse eine menschenfeindliche Verkehrswüste.

Was ebenfalls zu reden gab, war die Finanzierung: Die Stadt beteiligt sich neben 99 Millionen Franken für Erneuerungs- und Aufwertungsmassnahmen zusätzlich mit einem Beitrag von 60 Millionen Franken an den Kosten, weil der Kanton, der eigentlich bezahlen müsste, die Investition zurückstellen wollte und damit das Projekt verzögert hätte.

F.H.: Das finde ich problematisch. Nicht, weil die Stadt Zürich ein paar Millionen bezahlen wird, sondern weil es einen Präzedenzfall schafft. Der Kanton wird nun auch bei kleineren Gemeinden verlangen, dass sie sich an den Kosten für Infrastruktur beteiligen. Das kantonale Personenverkehrsgesetz schreibt nämlich nicht abschliessend vor, wie die Aufteilung zwischen Kanton und Gemeinden aussieht.

Wofür die Stadt definitiv aufkommen müsste, sind die Bäume: 682 müssten für das aktuelle Projekt gefällt werden. Danach würden 851 neue Bäume gepflanzt.

J.H.: Die neuen Bäume werden so nahe an die Häuser gepflanzt, dass ihnen der Platz fehlt, grosse Baumkronen auszubilden. 

F.H.: Das sehe ich ähnlich, meiner Meinung nach sind von diesen 680 Bäumen aber vielleicht 100 wirklich wirklich alt und dick. Die werden zwar wehtun, aber ein Tram ist ein Generationenprojekt und so betrachte ich auch diese Baumpflanzung als Generationenprojekt. Die Baumkronen werden wohl auch dann nicht so gross werden, wie sie heute sind, aber der Wurzelraum wird dafür grösser sein, was den Bäumen dafür zugute kommt.

J.H.: Das ist schön und gut, aber zur Hitzeminderung braucht es eine grosse Baumkrone und nicht einen dicken Stamm.

Auch nicht gerade viel Platz zur Entfaltung bekommen die Velofahrer:innen. Es gibt zwar eine Velospur, die ist allerdings gerade einmal 1,50 Meter breit.

J.H.: Ein weiteres Beispiel, warum das Projekt vor allem eine Auto-Vorlage ist. Ich fahre schon heute viel auf der Wehntalerstrasse und als Velofahrerin muss ich sehr aufmerksam sein. Es gibt zwar auch eine geplante Velovorzugsroute, die ich manchmal nehme, aber die geht steil den Hügel hinauf und wenn ich von der Stadt schon all die  Höhenmeter hoch zum Bucheggplatz gefahren bin, dann bin ich am Feierabend manchmal einfach zu müde für eine weitere Steigung. Als Velofahrerin sollte ich das gleiche Recht wie die Autofahrer haben, in Sicherheit den kürzesten Weg nehmen zu dürfen.

F.H.: Für Velofahrer:innen ist es tatsächlich keine Freude. 1,50 Meter ist der Minimalstandard und für eine solche Achse eigentlich zu wenig. Durch die Velovorzugsroute, die parallel verläuft, haben weniger geübte Velofahrer:innen die Möglichkeit, auszuweichen, und wer sportlich und oft mit dem Velo fährt, wird mit dem geringen Platz klarkommen. Dafür erwarte ich von den Autofahrer:innen aber auch etwas Rücksicht. Nur dieses Projekt bringt überhaupt eine Verbesserung für die Velos. Bei einem Stillstand bleibt der miserable Status quo.

Trotz aller Bedenken: Affoltern ist in den letzten Jahren enorm gewachsen. Der 32er-Bus sei zu Stosszeiten jeweils randvoll, beschweren sich Bewohner:innen. Gefährden Sie mit Ihrer Nein-Parole einen notwendigen ÖV-Ausbau, Julia Hofstetter?

J.H.: Wir sind nicht gegen den Ausbau des öffentlichen Verkehrs oder gegen das Tram Affoltern. Wir sind nur gegen dieses Projekt, das bereits heute nicht mehr zeitgemäss ist.

Ist das nicht ein generelles Problem bei Verkehrsprojekten? Bis sie umgesetzt sind, dauert es mehrere Jahre und die Planung ist nicht mehr aktuell.

J.H. Es hat durchaus ein Vorprojekt gegeben, das mehr in unserem Sinn war. Es ist doch einfach wichtig, etwas Gutes zu machen.

F.H.: Das sehe ich zwar fast genau gleich, ich komme aber zu einer anderen Schlussfolgerung. Wenn sich das Verkehrsverhalten verändert, dann werden wir auch eine Lösung finden, um die bestehende Infrastruktur anders zu nutzen.

J.H.: Wo der Autoverkehr Raum erhält, nutzt er ihn auch. So wird sich das Verkehrsverhalten nicht ändern.

F.H. Aber ohne Angebot haben die Menschen auch keine Chance, auf den ÖV umzusteigen.

Für FDP-Stadtrat Michael Baumer ist das Projekt alternativlos.

J.H.: Ich finde es stossend, wie Stadtrat Baumer in dieser Abstimmung kommuniziert. Zuletzt veröffentlichte er eine Medienmitteilung, in der es hiess, Affoltern brauche das Tram, weil der Stadtteil bis 2040 um 70 Prozent wachse. Aber die Basis für diese Zahl war die Jahrtausendwende und der grosse Teil des Wachstums ist bereits passiert. Heute leben in Affoltern 27 000 Menschen. 2040 werden es 30 000 sein. In den nächsten 14 Jahren kommen also noch rund 3000 Menschen zusätzlich nach Affoltern und nicht 70 Prozent mehr.

Bei einem Nein am 14. Juni: Was wäre für Sie ein realistischer Zeithorizont für ein neues Projekt?

J.H.: Sie könnten das Vorprojekt aus der Schublade ziehen und daran weiterarbeiten.

F.H.: Das glaube ich nicht. Alleine ein neues Plangenehmigungsverfahren würde mehrere Jahre dauern. Ein Baustart im Frühjahr 2029, der für die Bundesgelder notwendig ist, erachte ich als unmöglich, wenn die Vorlage abgelehnt wird. Also müssen wir nun das Beste daraus machen.

Felix Hoesch, trotz Ihrer Zustimmung, sehen auch Sie viele Punkte kritisch. Haben Sie nicht Angst, in zwanzig Jahren die Autos über die Strasse brettern zu sehen und zu bereuen, dass man das Projekt nicht noch einmal überarbeitet hat?

F.H.: Die Gefahr besteht durchaus, aber ich traue mir zu, auch in zwanzig Jahren noch rechnen zu können und zu wissen, dass ein gewisser Zeitdruck bestand. Wenn ich an die Pfingstweidstrasse denke, finde ich sie zwar bei Weitem nicht perfekt, aber immerhin fährt dort nun ein Tram, das nicht fahren würde, wenn man das Projekt abgelehnt hätte. Eine Strasse in einigen Jahren den Bedürfnissen anzupassen, ist weniger schwierig, als ein neues Tramprojekt zu planen.

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Schnägge. Jätt. Lähm. Chäfer. 

Immer wenn ich keinen Garten hatte, war ich furchtbar neidisch auf jene Mitmenschen, die in der Erde wühlen, eigene Zucchetti ernten und aus dem Treibhäuschen plaudern konnten. Gartenkolumnen las ich mit gemischten Gefühlen. So hoffe ich denn, dass alle Gartensehnsüchte meiner heutigen Leserschaft befriedigt sind, und sei es nur mit einem Balkondschungel, Familiengarten oder Gemeinschafts-Pflanzblätz. Und falls nicht: Neid ist auch ein Motor, und vielleicht gibts im Jahre zwei nach Corona auch schon wieder freie Plätze in den kommunalen Arealen?

Mein letzter Garten war wahnsinnig gross. Dafür lag der sinnvoll nutzbare Teil davon fast vollständig im Schatten. Nachmittags um fünf floh im Hochsommer der letzte Sonnenstrahl. Ich schlug mich mit Mehltau, Schimmel und Krautfäule herum. Die Hälfte der hoffnungsfroh begrüssten Fruchtansätze reifte nie aus. Die Hälfte der anderen Hälfte, wie auch die meisten Blumen, frassen die prächtig gedeihenden Schnecken. 

Seither sind zehn Jahre Klimaerwärmung ins Land gegangen, und ich wüsste Schatten vielleicht eher zu schätzen. Aber wie das Leben so spielt, habe ich heute einen überaus sonnigen Garten. Freude herrschte bei unserer ersten Begegnung. Die Bemerkung der Vormieterin, sie werde bis zu meinem Einzug «imfall nicht mehr jäten», überhörte ich grosszügig. Als im ersten Frühjahr grüne Blattspitzen aus dem Erdreich sprossen und so langsam die brache Fläche überwuchsen, quittierte ich dies mit einer Gartenweisheit meines Vaters: Der Boden hat lieber einen Unkrautbewuchs als gar keinen, denn so ist er vor Austrocknung und Erosion geschützt. Unterdessen weiss ich: … mit Ausnahme der Ackerwinde! Was habe ich nicht alles versucht, dieser hundsgemeinen «Pro­blempflanze» Herrin zu werden. Denn von friedlicher Koexistenz hält sie gar nichts: Sie wächst schneller als jede Saat, pflanzt sich mit Samen und Rhizomen fort und erwürgt über- und unterirdisch alles andere. 

Zuerst der Sommer-Trick mit dem schwarzen Plastik: Einfach ausbreiten, eine Zeitlang besonnen lassen, und alles darunter ist abgestorben. Denkste! Die Ackerwinde hat weit verzweigte Wurzeln und kann aus jedem vitalen Stück davon wieder austreiben. Um ihr Herrin zu werden, muss man sie mit Stumpf und Stiel ausrotten. Dann eben der Wintertrick: Umgraben und erfrieren lassen. Die Ackerwinde lachte sich in tausend Fäustchen und trieb munter wieder aus. Also halt täglich, Beet für Beet, unerbittlich zwei Spaten tief verfolgen. Bloss: Können vor Lachen! In meinen sonnengetrockneten, schweren Lehmboden liess sich kaum ein Loch stechen, um so tief zu graben, ohne alles rundherum zu entwurzeln. Bodenverbesserung hiess die neue Losung: Erde feinkrümelig häckeln (Braccio di Ferro), jedes Ackerwindenwürzelchen herauslesen (Sisyphus), zentnerweise Sand anschleppen und gleichmässig einarbeiten (Herkules). Sie ahnen es: Zum Anpflanzen und Ernten kam ich schon gar nicht mehr. Irgendwo las ich, man könne mit Ölrettich oder Klee das Erdreich so dicht bewurzeln, dass die Ackerwinde nicht mehr hochkomme und irgendwann ersticke. Aber klappt das auch, so lange die Winde unterirdisch noch wächst und der Klee erst klein ist? Und: hundert Quadratmeter Monokultur statt biodiverser Vielfalt und selbst gezogenem Gemüse? Diesen Sommer gilt daher die kreuzfidele Kombimethode: Hier ignorieren, da überirdisch abschlagen, dort ersticken und den unmittelbar zu bepflanzenden Radius pingelig sauber jäten. 

Gleichzeitig gibt es auch im sonnigen Garten Schnecken. Da bin ich mittlerweile radikal. Morgens und abends rücke ich mit der Schere aus: Augen zu und durch! Falls immer noch jemand Neid empfindet: Kürzlich schwirrte so ein grosser grün irisierender Brummi durch die Luft (Japankäfer??), und auch die ersten stinkfiesen Wanzen = Reiskäfer sassen an den Tomatensetzlingen. Ganz ehrlich: Es gibt auch noch andere schöne Hobbys …

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Die eigene Partei gehört auch zu den Eckpunkten

Als Delegierter der SP hätte ich am letzten Donnerstag gegen eine vierte Nomination von Daniel Jositsch als SP-Ständerat gestimmt. Obwohl ich etliche seiner umstrittenen Meinungen teile. Ich gehöre sicher nicht zum linken Flügel der SP und bin auch nicht Mitglied der Badran-Community. Ihre faktische Gegenkandidatur der letzten Tage vor der Delegiertenversammlung hat das knappe Ergebnis zuungunsten von Daniel Jositsch beeinflusst. Das empfinde ich auch als grössten Mangel dieser denkwürdigen Delegiertenversammlung: Dass man sozusagen über Daniel Jositsch richtete (er hatte es so gewollt), statt dass man die Kandidatin oder den Kandidaten für das nächste Jahr unter zwei oder mehr Bewerber:innen auswählte. Das scheiterte unter anderem daran, dass niemand offiziell gegen Daniel Jositsch antreten wollte, was nicht gerade von Mut zeugt. Bevor ich auf die Gründe der Nichtwiederaufstellung als Ständeratskandidat der SP eingehe, muss ich noch meinen Ärger über das sozialliberale Lamento loswerden. Die Parteispitze wolle sozusagen den sozialliberalen Teil der Partei loswerden, behaupten Daniel Jositsch und ein grosser Teil der Medien. Dazu führen sie eine Reihe von Personen an, die angeblich zu den Sozialliberalen gehörten und nun weg sind. Bei Mario Fehr und Daniel Frei stimmt dies wenigstens formell. Beide verliessen die Partei im Unfrieden und betätigen sich weiterhin politisch, Simonetta Sommaruga trat wegen der Krankheit ihres Mannes zurück, dass Anita Fetz aus der Partei gemobbt worden sei, höre ich zum ersten Mal. 

Auch eher ist es ein Gerücht, dass es einen Plan zu seiner Verhinderung gab. Selbstverständlich haben sich einige Argumente gegen ihn überlegt und diese Überlegungen auch schriftlich als «Sündenregister» festgehalten. Aber das haben seine Freund:innen hoffentlich auch getan. Dass sich keine/r seiner Mitparlamentarier:innen aus Zürich für ihn an der Delegiertenversammlung einsetzte, hat mit Druck von der Parteileitung nichts zu tun. Ich kenne zumindest die Nationalrät:innen Zürichs und ich weiss, dass diese sich den Mund nicht so schnell verschliessen lassen. Wenn sie sich nicht für Daniel Jositsch einsetzten, hat das viel mit ihren alltäglichen Erfahrungen mit ihm zu tun. Er legte nur bedingt Wert auf eine intensive Zusammenarbeit mit seiner Fraktion.

Auch die SP benötigt für ihren Erfolg eine Kombination aus Geschlossenheit und aus Personen, die ihre Bekanntheit aus anderen Bereichen in die Partei bringen. Daniel Jositsch erlangte eine grosse Bekanntheit als Rechtsprofessor, der in der Lage ist, juristische Fälle im TV gut und fundiert zu erklären. Auch mit Mut zum Eigenen. Er trieb mich einmal mit seinen Thesen zur Jugendgewalt zur Weissglut, kämpfte sehr wirksam gegen Autoraser, handkehrum bewunderte ich ihn dafür, wie er gegen den Trend darauf aufmerksam machte, dass das Verbrechen der Morettis in Crans-Montana juristisch nicht sehr schwer wiege und darum Untersuchungshaft alles andere als zwingend sei. Dank seiner Bekanntheit und seiner Anziehungskraft über die SP-Wählerschaft hinaus schaffte er, was auch sehr bekannten SP-Politikern wie Josef Estermann nicht gelang: Ständerat von Zürich zu werden und zweimal glänzend wiedergewählt zu werden.

«Wer Jositsch wählt, bekommt Jositsch.» Mit diesem an sich guten Satz erklärte er, warum er sich bei den Delegierten mit Konzessionen nicht anbiederte. Man kann den Satz als ehrlich und mutig sehen, aber auch als rücksichtslos. «Ich weiss, was ich will und was richtig ist und wie das bei euch ankommt, ist mir egal», ist die negative Interpretation, die eben auch zutrifft. Ich möchte dafür drei Beispiele erwähnen, die im Übrigen mit sozialliberal kaum etwas am Hut haben:

Dass die Nachfolge von Simonetta Sommaruga an eine Frau gehen würde, war eigentlich allen klar, auch Daniel Jositsch. Ohne jegliche Not erklärte das SP-Präsidium, dass nur Frauen aufs SP-Bundesratsticket kommen können, sich Männer also nicht einmal bewerben dürfen. Dass Daniel Jositsch sich dagegen wehrte, fand ich durchaus berechtigt. Man soll niemals ohne Not jemanden präsidial vor einer Ohrfeige bewahren, wenn er darauf besteht. Dass er aber diese Frage fast zu einer Frage der Menschenrechte erhob und einen Riesenwirbel veranstaltete, war derart übertrieben, dass er bei der nächsten Möglichkeit, beim Rücktritt von Alain Berset, keine Chance mehr bei seiner Fraktion hatte, obwohl es ihm an Qualifikationen nicht mangelte.

Dass ihn als Jurist der Entscheid Strassburgs zur Klimaklage der Seniorinnen nicht passte und er fand, das Gericht masse sich Kompetenzen an, die ihm nicht zustünden, war durchaus verständlich und dass er diese Meinung auch äusserte, in Ordnung. Aber musste er sich im Wissen darum, dass für dieses Urteil sich viele Genoss:innen jahrelang eingesetzt hatten und es für viele ein Herzensprojekt war, als Rädelsführer des Widerstandes aufspielen? 

In Uster unterstützte er seinen Freund Daniel Frei (GLP) bei der Wahl in den Stadtrat, den eigenen Kandidaten nicht. Dieser habe ihn nicht angefragt, war seine Antwort. Dass er die Unterstützung der SP Uster nicht vor dem Erscheinen bekannt machte, sorgte für böses Blut und zeigte im Kleinen, dass ihm an der eigenen Partei nicht immer soviel lag. Dass diese an der Delegiertenversammlung ihm knapp mitteilte, dass sie das Spiel so nicht mehr weiter spielen wolle, ist durchaus logisch. Man muss die Ideen der Partei nicht zwingend übernehmen, aber zur Ausübung eines Ständeratsmandats gehört nicht nur die eigene Meinung, diejenige des Kantons, sondern auch diejenige der eigenen Partei.

Die SP verliert mit der Absage an Daniel Jositsch einen sicheren Sitz im Ständerat. Ob er nun als Parteiloser antritt oder verzichtet (seine Medienorientierung fand nach Redaktionsschluss statt), die Wahl von Jacqueline Badran ist weniger sicher. Die Kehrseite: Bei aller Popularität wäre Daniel Jositsch kein Wahlzugpferd für die SP mehr gewesen. Für ihn gehen die meisten Parteiaktiven nicht mehr auf die Strasse. Wohl aber für Jacqueline Badran. Sie wird bei den Wahlen einen gewaltigen Wirbel erzeugen und viele werden für sie laufen. Ob das zur Wahl reicht, ist sehr unsicher, aber es nützt ganz sicher für die Nationalratsliste. Daniel Jositsch bringt viele Wähler:innen aus Nicht-SP-Kreisen dazu, ihn als Ständerat zu wählen, Jacqueline Badran kann erstens die eigene Basis mobilisieren und eventuell mehr Wähler:innen dazu animieren, zusammen mit ihr auch die SP-Liste einzulegen.

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Artikel, p.s. Zeitung

Verwandlung

Üblicherweise warnt das Kleingedruckte bei pharmazeutischen Präparaten im Kurzschluss mit: Die Einnahme von Medizin kann sie töten. Vergleichbar auf einen Nenner heruntergebrochen, fasst Susanne Abelein in «Wind of Change» die möglichen körperlichen, physischen und seelischen Nebenwirkungen einer Menopause zusammen mit: «alles ausser Fusspilz». Die Aufzählung bis dorthin wirkt furchteinflössend fachchinesisch und steht im krassen Gegensatz zur ärztlichen Maulfaulheit beim Thema Wechseljahre. Also bleibt nichts anderes übrig, als das drohende «Wegschrumpeln mit Hormonen zu substituieren». Das neutral formulierte «Endlichkeit und Verfall betrifft uns alle» verkehrt sich im Handumdrehen in die gebellte Beschimpfung «nehmt es mit Humor». Um dann aufzuzählen, wie ausgeprägt das Vorhandensein von Fachärztinnen in leitenden und lehrenden Funktionen eben gerade nicht ist und in welchem Fall überhaupt ein allgemeines Interesse an der zweiten Transformation einer Frau besteht: Wenn ein Investment darin Profit verspricht. «Älterwerden wird wegperformt», sagt sie und illustriert dies anhand einer Wachsimulation während einer total wichtigen beruflichen Unterredung, deren Diskussionslevel und Lösungsfindung die Notwendigkeit der physischen Anwesenheit aller Beteiligten absolut bedingt. Also: scheints. Mehrere Folgeerscheinungen dieses sich konstant verwandelnden Körpers, die in der Kurzform während der Experimentierplattform «Inkubator» vor einem Jahr noch ausformuliert worden waren, sind jetzt in Publikumserlebnisse überführt. Die Wankelmütigkeit, die Vergesslichkeit, das Gehetztsein. Wohingegen das erwartete Verständnis für ein allgemeines Unverständnis gegenüber der Frau in dieser Situation, die schlappe drei bis fünfzehn Jahre andauern kann, am eindringlichsten als verbalisierte sarkastische Breitseite wirkt. Um nicht in ein eindimensionales Schimpfen, Zetern und sich Beklagen zu kippen, spielt zwischenzeitlich Charles Aznavours «Tu t’laisses aller» auf Deutsch und rückt die eindimensionale Alleserwartungshaltung und Schuldzuweisung an die Frau in einer stupenden Deutlichkeit ins rechte Licht. Denn die Zweifel, ob sie mit diesem Programm jetzt noch Vorreiterin oder schon Mainstreamopfer sei, die vor allem von aussen an sie getragen werden, sind mit nur wenig Anstrengung von Phantasie als Gegengleich zu diesem Machogesäusel von vor sechzig Jahren erkennbar. Der Kampf mit dem Krampf kennt indes ganz zuletzt ein befreiendes Ende: Als erstmaliges Erleben eines komplett gelösten Freiheitsgefühls.

«Wind of Change», bis 6.6., Fabriktheater, Zürich.

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