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Das Klischee Parteizeitung

Wer die jüngere Geschichte studiert, befasst sich gezwungenermassen mit dem Bild als Informationsträger. Und damit verbunden insbesondere mit der Inszenierung von Bildern, ihrer Wirkung in bestimmten Kontexten und der politischen Ikonographie. Dass Bilder viel Macht in sich tragen, ist kein Geheimnis. Das merken wir allerdings auch beim P.S. – oder zumindest glaube ich, dass darin ein wesentliches Problem für uns steckt. Es geht um das Klischee, eine Parteizeitung zu sein.

Die Frage ist, woher das Klischee kommt. Und ja, natürlich: Es stammt aus der Anfangszeit des P.S. mit seinen Wurzeln in der sozialdemokratischen Presse – aus einer Zeit, in der gewisse Verbindungen mit der Zürcher SP tatsächlich bestanden. Aber da hört es dann auch bald mal auf. Natürlich war es für das Klischee auch förderlich, dass bis vor einem Monat immer eine Person mit Parteibindung die Verlagsleitung innehatte. Eine Parteizeitung war das P.S. aber nie. Ich schreibe hier seit 2022. Bereits damals war es ein Thema, dass dieses Klischee ein Problem ist – nicht innerhalb unseres Publikums, sondern gegen aussen.

Das Klischee richtet in meinen Augen einen dreifachen Schaden an, wenn es um das Erschliessen neuer Abonnent:innen geht: Erstens suggeriert eine SP-Nähe, dass das P.S. ohnehin von einer politischen Partei getragen wird, weshalb die Unterstützung mit einem Abo als bedingt wichtig gesehen werden könnte. Zweitens wäre ein Abo so für jene redundant, die ohnehin auf den digitalen Kanälen mitbekommen, was die SP kommuniziert. Und drittens: Ob SP-Wähler:in oder nicht, wer würde schon 250 Franken im Jahr für ‹Parteipropaganda› ausgeben wollen? Als langjährige Abonnent:in mögen Sie dies lachhaft finden – aber so oft, wie sich ein Gespräch schon aufgelockert hat, als Leuten, die das P.S. nicht kannten, klarwurde, dass es keine Parteizeitung ist… ich bin mir ziemlich sicher, das Klischee ist nicht unproblematisch.

Und es hat ehrlich gesagt auch immer ein wenig genervt. Zumindest den SPler:innen aus der Romandie kann ich persönlich keinen Vorwurf machen, dass viele auf meine Medienanfragen hin zunächst meinten, ich sei ein Parteigenosse, weil die SP ennet dem Röstigraben halt PS heisst. Aber gerade im Raum Zürich immer zunächst erklären müssen, dass das mit der SP-Zeitung eben ein Klischee ist und es keine strukturellen und schon gar keine finanziellen Verbindungen gibt – es ist mühsam. Und das sage ich nicht aus einer SP-Aversion heraus, sondern als jemand, dem die Unabhängigkeit des Journalismus ein zentrales Anliegen ist und ohne die ich diesen Job nicht machen wollen würde. Umso verwirrter bin ich, wenn Interviewpartner:innen meinen, ich sei von der SP selbst, auch das ist schon mehrfach vorgekommen.

Was hat das also mit dem Bild als Informationsträger zu tun? Das P.S. hat ein doppeltes Problem. Einerseits wäre da der Name, nach dessen Bedeutung ich eigentlich bei fast jedem Gespräch über das P.S. gefragt werde. Aber dass es für Post Scriptum steht, ist schnell erklärt. Und die Verwirrung rund um den Namen finde ich eigentlich auch weniger dramatisch. Andererseits, und hier sehe ich (insbesondere in Kombination mit dem Namen) die grössere Problematik: die Farbe. Es braucht nicht viel Veränderung im P.S.-Rot, um beim SP-Rot zu landen: Nur etwas weniger Gelb in der Farbmische.

Farben als Marker politischer Zugehörigkeit haben eine lange Tradition und es ist wohl auch kein Zufall, dass der Begriff politische ‹Couleur› gerne für die politische Zugehörigkeit genutzt wird. Nur: Im Laufe der Jahre verändern sich die Inhalte der Couleur. Was vor dem Zusammenbruch des internationalen sozialistischen Blocks noch mit der Farbe Rot assoziiert wurde, ist nicht bedeutungsgleich mit dem, wofür Rot heute steht. Relevant ist aber, wie es wirkt. Und in der Schweiz steht Rot allem voran für die SP, auch wenn es nicht wirklich akkurat ist. Daran rütteln auch die ganzen roten Fahnen am 1. Mai nicht viel.

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der das Bild immer mehr an Wichtigkeit gewonnen hat. Heute bin ich mir nicht sicher, ob es den Text als Informationsträger bereits abgelöst, oder zumindest in seiner Macht ausgestochen hat. Neue Medien und insbesondere die Fähigkeit von KI, Bilder zu generieren, befeuern dieses Wettrennen, das eigentlich kein wirkliches Wettrennen, sondern eine Übernahme ist. Wenn sich Online-Feeds immer stärker ins Bildbasierte verschieben, dann wird Symbolik psychologisch mehr verankert. Damit meine ich: Wenn eine Partei digital kommuniziert, dann werden alle dabei produzierten Bildinhalte kaum einen Farbhintergrund haben, der eher einer anderen Partei zugeordnet wird. Ob man das als Vereinnahmung von Symbolik oder lediglich als konsequentes Marketing sehen will, ist eine Debatte, die man durchaus führen kann – ich finde sie allerdings relativ uninteressant. Wichtiger für uns ist, dass wir schauen müssen, dass das visuelle Auftreten einer unabhängigen Lokalzeitung nicht einen psychologischen Link zur SP herstellt, wenn man den Inhalt sieht.

Ich habe eigentlich nichts gegen das P.S.-Rot. Im Gegenteil. Ich finde es gut, wenn Symbolik nicht einem Monopol über die Definitionshoheit unterliegt und kollektiv definiert wird. Nur: Es wird wohl kaum ein Kampf um die Verwendung einer Farbe stattfinden. Und wir haben farbliche Zugehörigkeit in der Schweiz ja schon aufgeteilt. Die Grünen sind grün, die AL pink, die SP rot, die FDP blau, der feministische Streik violett, die SVP fokussiert sich mehr auf schwarze und weisse Schafe, die Mitte ist orange… und bei den Medien wäre vielleicht noch das WOZ-Gelb zu erwähnen. Sie sehen, viele schöne Farben sind bereits vergeben, weswegen wir eigentlich ein wenig experimentieren wollen – wenn Sie sich also über neue Farben im P.S.-Logo wundern: Die Überlegungen dazu (oder zumindest mein Versuch, sie zusammenzufassen) haben Sie soeben gelesen, wenn es Sie stört oder sie vehement widersprechen oder zustimmen, lassen Sie es uns wissen, oder kommen Sie an unserem Stand am 1. Mai-Fest auf dem Kasernenareal vorbei, wo wir ein kleines Voting über einige Farbversionen vorbereitet haben. Es ist nichts in Stein gemeisselt und inhaltlich ändert sich ja sowieso nichts. Aber ich sehe es trotzdem als Problem, dass Farbe und Name in Kombination eine Nähe suggeriert, die beim P.S. nicht vorhanden ist. Für ein unabhängiges linkes Medium ist das unpräzise.

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Müll

Claire Fontaine ist das öffentliche Pseudonym, vulgo Label, unter dem das Konzeptkunst-Duo Fulvia Carnevale und James Thornhill seit zwanzig Jahren auftritt und bereits mit der Wahl eines Allerweltsnamens die Austauschbarkeit als Überbegriff des inhaltlich zentralen Fokus vor sich herträgt. Die von Lynn Kost versammelte Accrochage von Werken suggeriert in mit der Betitelung «Sugar Free» die vorauseilende Vergewisserung einer Harmlosigkeit, wie sie Lutschtabletten oder Erfrischungsgetränken eigen ist, die wiederum bekanntlich damit vor allem ablenken und ein Wohlfühlnarrativ für Konsumierende aufbauen. Nur keine Reue. Der gesamte dritte Stock des Kunst Museums Winterthur/Reinhart am Stadtgarten ist in einer abstrahierten Form als das Innenleben eines Smartphones konzipiert, was nicht die technische Bauart meint, sondern den darüber verhandelten Konsum. An Information, an Ablenkung, an Rausch, an Nonsens. Und damit die Einhelligkeit einer Codierung. Beispielsweise in der Zuschreibung und angeblich sinnstiftenden Aufladung von Wert einer grossen Beiläufigkeit, einer Verkürzung, einer Bequemlichkeit durch Auslagerung der Mühe einer trefflichen Begrifflichkeit durch die Verwendung der Kommunikationskrücke eines einzelnen Symbols. Dass Claire Fontaine hierfür höchstselbst eine regelrechte Materialschlacht veranstaltet, läuft dem aktuellen Zeitgeist entschieden entgegen, der nach Möglichkeiten für eine Nachhaltigkeit in den Künsten sucht, ergibt indes zumindest im Kunstkontext der zurückliegenden Jahre durchaus Sinn. Siehe Sylvie Fleury. Das Ad-absurdum-führen eines Gedankens mit exakt denselben Mitteln des zu beanstandenden führen diese zwei nochmals weiter, wenn sie den an sich festen Begriff des Readymades – die Emporhebung eines Allerweltsgegenstandes in den Rang eines Kunstwerks – dahingehend pervertieren, dass sie Ursprungsideen dazu von Marcel Duchamp und Man Ray zum Allerweltsgegenstand erklären, dem sie in dieser Weise der Aneignung recht eigentlich die originäre Frechheit rauben und in der weiterführenden Konsequenz ebendiesen Anspruch aberkennen. Abgeschlossen wird die Schau von Replikas einer Serie britischer Gemälde maritimer Szenen aus dem 18. Jahrhundert inklusive der zu erwarteten Auktionserlöse in drei Weltwährungen, die das Thema Materialschlacht auf eine nochmals andere Ebene der Eroberung fremder Territorien lenkt und damit den Kreis wieder schliesst. Denn was ist Konsumstimulation anderes?

Claire Fontaine: «Sugar Free», bis 14.5., Kunst Museum Winterthur/Reinhart am Stadtgarten, Winterthur.

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«Die Migros ist eine treibende Kraft gegen das Sonntagsverkaufsverbot»

Die Volkswirtschaftsdirektion hat der Unia recht gegeben: Zwei Migrolino-Filialen in Zürich und Winterthur dürfen am Sonntag nicht geöffnet sein. Am vergangenen Wochenende waren sie trotzdem noch offen. Wann müssen sie schliessen?

Serge Gnos: Aktuell könnte die Migros den Entscheid noch an das Verwaltungsgericht weiterziehen. Das Urteil ist also noch nicht rechtskräftig. Bis es so weit ist, kann die Migros die Geschäfte noch offen halten.

Sonntagsverkauf ist in der Schweiz bis auf einige Ausnahmen nicht erlaubt. Mit welcher Argumentation versuchte die Migros, die beiden Läden am Sonntag zu öffnen?

Die Migros deklarierte die Läden als Gastgewerbe. Ein Migrolino sei quasi ein Take-Away, weil dort Hamburger aufgewärmt und Sandwiches zubereitet würden. Somit könnte sie die Geschäfte dann auch am Sonntag öffnen. Im Gegensatz dazu dürfen Lebensmittelgeschäfte nur am Sonntag geöffnet sein, wenn sie zum Beispiel in einem Bahnhof, am Flughafen oder Teil einer Tankstelle sind. Uns hat dann sehr überrascht, dass das Arbeitsinspektorat die Behauptung der Migros stützte, der Migrolino sei gar kein Laden, sondern ein Take-Away.

Wie kam denn das Arbeitsinspektorat zu diesem Schluss?

Das Inspektorat hielt fest, dass im Migrolino warme Speisen zubereitet beziehungsweise aufgewärmt würden und diverse Heissgetränke angeboten würden. Die meisten Produkte seien für den direkten Verzehr bestimmt. Zudem verfügen die Geschäfte über ein Gastwirtspatent. Das hat offenbar gereicht, um die Behörde zu überzeugen. Persönlich ist mir dieser Entscheid absolut schleierhaft. Ein Take-Away ist doch kein Laden, der Alkohol, Cervelats, Milch, Butter und ein paar vorgefertigte Sandwiches verkauft. An/in einem Take-Away wird doch gekocht. Es ist auch ein Hohn gegenüber all den Restaurants und Bars, die unter anderem genau wegen solcher Läden immer stärker unter Druck geraten. 

Wir haben generell festgestellt, dass der Kanton Zürich sehr zurückhaltend agiert und die bestehenden Gesetze gern mal zugunsten der Unternehmen auslegt. Dabei ist der arbeitsfreie Sonntag enorm wichtig: In der Schweiz sind die Arbeitstage von Montag bis Samstag, das ist der kollektive Rhythmus. Am Sonntag können Events wie Grümpelturniere oder Hochzeiten stattfinden. Wer dann arbeiten muss, verpasst einen wichtigen Teil der Freizeit und des Familienlebens. Das ist auch die Rückmeldung der Beschäftigten aus diesem Bereich.

Besteht die Gefahr, dass die Migros das Verfahren noch weiterzieht, auch weil die Läden in dieser Zeit noch offen bleiben können?

Das kann ich nicht beurteilen. Der Entscheid der Volkswirtschaftsdirektion war zwar für einmal sehr deutlich, ich habe aber die Erfahrung gemacht, dass die Migros immer wieder neue Anläufe nimmt. Sie ist eine treibende Kraft gegen das Sonntagsverkaufsverbot. Gegen die illegale Öffnung der Migros-Filiale an der Zollstrasse in der Nähe des Zürcher Hauptbahnhofs klagen wir mittlerweile zum vierten Mal; und das, obwohl wir bereits dreimal gewonnen haben. Die Migros sucht immer wieder nach neuen Schlupflöchern. Und sie umgeht dabei den Volkswillen, denn eine Ausweitung des Sonntagsverkaufs war bei der Stimmbevölkerung bisher nicht mehrheitsfähig. Das weiss die Migros auch.

Warum hat die Migros ein solches Interesse am Sonntagsverkauf?

Generell profitieren die grossen Unternehmen mehr vom Sonntagsverkauf. Der Umsatz nimmt insgesamt nicht zu, er verteilt sich nur. Für grosse Läden wie die Migros ist es relativ einfach, ihre Personalplanung auf eine Sieben-Tage-Woche umzustellen, da sie insgesamt viele Menschen beschäftigen. Der Sonntagsverkauf schafft hier kein zusätzliche Stellen. Kleinere Läden mit weniger Personal müssten aber Personal aufstocken, um am Sonntag öffnen zu können. Das lohnt sich nicht, profitieren würde also die Migros.

Aktuell steht das Sonntagsverkaufsverbot auch politisch unter Druck. Der Zürcher Kantonsrat hat eine Standesinitiative eingereicht, um in Zukunft die Anzahl bewilligungsfreier Sonntagsverkäufe von vier auf zwölf zu erhöhen. Wie erklären Sie sich diese Vorlagen?

Es ist mir ein Rätsel. Die Bürgerlichen behaupten, das Sonntagsverkaufsverbot bremse den Tourismus. Aber der boomt, gerade in Zürich. Von Bremsen keine Spur. Gleichzeitig klagen die gleichen bürgerlichen Politiker:innen, denen am Sonntag nichts anderes als Shoppen einfällt, dass sich heute niemand mehr in Vereinen und Parteien engagiere. Wann soll denn das passieren, wenn nicht am gemeinsamen freien Tag? Vergessen wir nicht: Wenn die Läden am Sonntag offen haben, arbeiten nicht nur die Beschäftigten im Detailhandel. Dann braucht es Logistik, IT-Support, Sicherheit, Reinigung, und und und. Am Ende arbeiten wir alle. Und weil wir dann neu an zwölf Sonntagen im Jahren arbeiten würden, entfällt dann laut Gesetz auch der heutige Lohnzuschlag. Und die Gewinne von Migros & Co. steigen noch mehr.

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Photovoltaik als tragende Säule im Strommix

Die Schweizer Netzbetreibergesellschaft Swissgrid hat vor ein paar Wochen ein White Paper, einen 30-seitigen Bericht, veröffentlicht. Er trägt den Titel «Systemverträgliche Integration Photovoltaik». Die temporäre Expert:innengruppe unter der Leitung von Swissgrid, die ihn verfasst hat, nennt als Ziel ihrer Arbeit, Lösungswege zu folgender Fragestellung zu finden: «Wie können wir Rahmenbedingungen (technisch, regulatorisch, ökonomisch, organisatorisch) schaffen, um die gemäss Bundesgesetz über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien festgeschriebenen Ausbauziele (Fokus auf Photovoltaik) sicher und nachhaltig im Schweizer Stromsystem zu integrieren?»

Zur Einordnung: In der Zeitschrift ‹Erneuerbare Energien› vom April 2026, einer Publikation der Schweizerischen Vereinigung für Sonnenenergie SSES in Zusammenarbeit mit dem Branchenverband für Sonnenenergie Swissolar, wird über die Photovoltaik-Tagung von Ende März berichtet. Die Branche diskutierte dort ebenfalls darüber, «was es braucht, um die ambitionierten Solarziele des Bundesrats zu erreichen, und wie Photovoltaik zur Stabilität und Flexibilität des Energiesystems beitragen kann».

Das Kontrastprogramm dazu findet sich in der NZZ: Dort wurde Anfang April das White Paper vorgestellt. Der Titel lautet, «Swissgrid warnt: Der Solarboom überfordert das Stromsystem».

Lösungen suchen hier, Photovoltaik schlechtmachen da: Die Zusammenfassung des White Papers startet mit der Erkenntnis, dass sich die Schweiz «mitten in einer umfassenden Transformation ihres Energiesystems» befindet. Das mag banal tönen. Wer aber stattdessen wie die NZZ von einem «Solarboom» schreibt, der «das Stromsystem überfordert», geht implizit davon aus, dass das System besser bleiben sollte, wie es ist, also auf AKW und Wasserkraft ausgerichtet. Rückschritt statt Fortschritt als neues liberales Credo, wer hätte das gedacht.

Schneller mehr PV als prognostiziert

Gemäss White Paper ist Photovoltaik (PV) bereits «zu einer tragenden Säule im Schweizer Strommix» avanciert. Mit einer neu installierten PV-Leistung von rund 1,8 Gigawatt (GW) im Jahr 2024 und einer kumulierten Gesamtleistung von rund 8 GW lieferten PV-Anlagen 2024 rund 6000 Gigawattstunden (GWh) Strom, gleich rund zehn Prozent des Schweizer Stromverbrauchs. Für 2025 gingen die Expert:innen von rund 14 Prozent aus. Der schnelle Ausbau von PV bringe jedoch auch erhebliche Herausforderungen mit sich, «da die Integration ins Schweizer Stromsystem bislang nicht unter Berücksichtigung eines ganzheitlichen Ansatzes adressiert wurde». Zu Deutsch: Nicht PV scheint das Problem zu sein, sondern die Tatsache, dass PV bislang vor allem als zusätzlich ins System einzuspeisender und zu vergütender Strom wahrgenommen wurde.

Worin genau sie die grössten Herausforderungen sieht, umschreibt die Expert:innengruppe wie folgt: «Die Herausforderungen betreffen unter anderem die Sicherstellung des Systembetriebs, Netzanschluss, Netzausbau und langfristige Netzplanung, Wirtschaftlichkeit und Marktintegration von PV-Anlagen, Datenverfügbarkeit sowie Flexibilitäts- und Speicherbedarf.» Oder anders gesagt: Die Menge an PV kann dem Stromnetz schaden, wenn man sie nicht als die feste Grösse im Strommix des Landes behandelt, die sie unterdessen ist.

Zum Thema Systemstabilität erwähnen die Expert:innen auch die sogenannte rotierende Masse oder Trägheit, für die Grosskraftwerke wie thermische Kraftwerke oder AKW bisher im Stromsystem quasi nebenbei sorgten. Gibt es, wie in den Szenarien der Energiestrategie 2050+ vorgesehen, immer weniger solche Kraftwerke, muss die Trägheit beziehungsweise deren systemstabilisierende Eigenschaft anderweitig organisiert werden. Sie könnte etwa via Wechselrichter von PV-Anlagen oder Batterien erbracht und «als Anschlussbedingung definiert oder als entschädigter Service durch Swissgrid beschafft werden».

So oder so: «Mit den aktuellen Prozessen und Rahmenbedingungen ist eine Integration von bis zu 40 GW installierter PV-Leistung ins Schweizer Stromsystem kaum vorstellbar», schreiben die Expert:innen weiter. Diese hohe Zahl ist keineswegs frei erfunden: Die Energiestrategie 2050+ des Bundesamts für Energie sieht im Szenario Zero Basis für 2050 eine installierte PV-Leistung von 37,5 GW vor. Wer sich das Szenario genauer anschaut (abrufbar unter https://www.bfe.admin.ch/bfe/de/home/politik/energieperspektiven-2050-plus.html), sieht aber auch, womit es für die Jahre vor 2050 rechnet: Bei der installierten PV-Leistung lauten die Zahlen fürs Jahr 2020 2,9 GW, für 2025 4,8 GW und für 2030 9,8 GW. Wie erwähnt, betrug die Gesamtleistung jedoch 2024 schon rund 8 GW. Wenn man davon ausgeht, dass sich Anpassung und Ausbau des Stromnetzes an der erwarteten installierten Leistung orientieren, tönt es also mehr als logisch, dass es, salopp ausgedrückt, auf dieser Baustelle früher als erwartet mehr zu tun gibt als befürchtet.

Koordiniertes Vorgehen nötig

Dabei geht es, wie es die erwähnte Liste der Herausforderungen ahnen lässt, längst nicht nur um den Netzausbau im klassischen Sinne: Es braucht nicht nur mehr Kupfer, sondern auch mehr Daten, bessere Prognosen und vor allem mehr Flexibilität und damit verbunden mehr Speichermöglichkeiten. «Die identifizierten Herausforderungen zeigen deutlich, dass eine systemverträgliche Integration von PV ein koordiniertes Vorgehen mit allen involvierten Akteuren erfordert. Viele der Herausforderungen sind miteinander verknüpft und können nur durch ein abgestimmtes Massnahmenpaket adressiert werden», schreiben die Expert:innen.

Es braucht also Vorgaben für den Betrieb von Solaranlagen und gleichzeitig Regeln für Kauf und Verkauf von PV-Strom. Es braucht eine Einigung über Themen wie Grundversorgung, Mindestvergütung von eingespeistem PV-Strom und darüber, wie die von PV-Betreibern vorgehaltene Kapazität vergütet werden soll. Die «Beschleunigung des Netzausbaus» sei trotzdem weiterhin nötig, schreiben die Expert:innen, und zwar «im Gleichschritt mit dem Ausbau der Erzeugung».

Walter Sachs, Präsident des Verbands der unabhängigen Energieerzeuger VESE, der die Solaranlagenbetreiber vertritt, begrüsst die von Swissgrid gemachte Stossrichtung sehr. «Wir haben im Herbst 2025 selbst eine Kurzstudie dazu gemacht und diese unter dem Namen ‹PV-Zubau 2.0› veröffentlicht. Denn eines ist klar: PV ist als drittgrösster Stromerzeuger der Schweiz zur kritischen Infrastruktur geworden. Doch anders als klassische Infrastruktur wird diese neue Infrastruktur von 100 000enden Privatpersonen, KMU und Landwirten gebaut und betrieben werden. Dafür braucht es einfache, standardisierte Refinanzierungsmodelle, welche wir ebenfalls ausgearbeitet haben.» Gleichzeitig betont er, dass ein Ausbau der Netze im Gleichschritt mit dem Ausbau der Erzeugung nicht notwendig wäre, wenn man den Paradigmenwechsel von «jede Kilowattstunde zählt» auf «jedes Panel zählt» vollziehen würde.

Niemand fordert das Maximum

Das tönt nach einem vernünftigeren Ansatz als dem der deutschen Wirtschaftsministerin Katharina Reiche, die gemäss NZZ vom Dienstag vorschlägt, «die Subventionen für Solarpanels auf Dächern einzustellen und die Abnahmegarantie für neue Windräder einzuschränken, wo ein ausreichender Netzanschluss fehlt». Dank solcher Massnahmen sollten «unverhältnismässige Kosten vermieden werden». Was die Alternative dazu wäre, bringt die NZZ natürlich auch – bis neue Kernkraftwerke in Europa in Betrieb gingen, werde sich der Kontinent allerdings «tief in den dreissiger Jahren» befinden. Umso wichtiger sei es, «dass Europa jetzt rasch offen für diese Technologie ist». Merke: Hier scheinen die Kosten kein Thema zu sein.

Dass es zu viel kosten würde, das Netz auf das voraussichtliche Maximum an PV im Jahr 2050 auszurichten, ist trotzdem klar. Nur: Das ist auch bei den Autobahnen und dem Schienennetz so, oder anders gesagt: Dass es keinen maximalen Ausbau geben wird, ist allen bewusst, nicht mal die PV-Branche selbst fordert das. Sie besteht lediglich darauf, dass auch jene Hausbesitzer:innen, die sich erst heute für Solarpanels entscheiden, eine gewisse Planungs- und Investitionssicherheit haben. Sie möchten nicht damit rechnen müssen, dass sie bald keine Einspeisevergütung mehr bekommen und/oder die Leistung ihrer Anlage ohne Entschädigung abgeregelt wird.  

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Kuchen essen

Das beste und einfachste Bild, das mir zur Chaos-Initiative einfällt, ist immer noch dieses hier: Stellen Sie sich einen grossen Tisch vor mit einem grossen Kuchen. Rundherum sitzen 9,1 Millionen Menschen und essen davon. Aber nicht etwa gleichmässig, einige haben sich stinkfrech gleich den halben Kuchen unter den Nagel gerissen, andere erwischen ein Stück, die meisten ein Brösmeli und viele gar nichts. Der Unwille unter den Habenichtsen steigt und steigt, und plötzlich ruft einer – und es ist nicht einer mit den Brösmeli, sondern einer, der ein grosses Stück genommen hat: «Ist ja klar, wir sind zu viele, jetzt müssen wir unbedingt dafür sorgen, dass es nicht 10 Millionen werden!» Das ist natürlich blühender Blödsinn, denn es ist einfach einsehbar, dass die Probleme auch mit weniger Menschen nicht kleiner würden, solange die Verteilung so bleibt, wie sie ist. Aber wir alle wissen: Dieses Framing, wie man das heute nennt, mit den zu vielen Menschen, ist verlockend.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, mit solchen Kuchen auf grossen Tischen umzugehen: Entweder sorgt man dafür, dass er sich ständig vergrössert, also Wirtschaftswachstum. (Da meckern dann die Grünen, denn ewig kann das gar nicht gehen.) Und zugleich sorgt man dafür, dass die Brösmeli mindestens so gross sind, dass niemand auf die Idee kommt auszurufen, weil ein paar sich üppiger bedienen. Das ist eigentlich, salopp zusammengefasst, die Erzählung der Wachstumsjahre von 1950 bis etwa 2010. Das stete Wachstum stellte den Grossteil unserer Gesellschaft zufrieden, oder doch wenigstens ruhig. Doch bereits ab den 80ern sorgte der Neoliberalismus dafür, dass die Ungleichverteilung anstieg (unterfüttert mit schwachsinnigen Theorien wie: «Wenn es den Reichen gut geht, geht es allen gut.») Kurz danach kam die Globalisierung ins Stottern, und das Wachstum stoppte. In der Schweiz findet es seitdem nur noch gering über ein Pro-Kopf-Wachstum der Bevölkerung statt, sprich: Zuwanderung. Die Geburtenrate allein wäre unzureichend. Der Kuchen wird also nicht grösser – und das ist noch nicht alles: Wir tun vieles, um ihn sogar noch zu verkleinern! Denn alleine die rund 330 Kilo Lebensmittel pro Kopf, die wir jährlich fortwerfen, könnten ja fast das Doppelte an Bewohner:innen ernähren! Dasselbe bei der Energie, bei den Textilien, bei der Wohnfläche und so weiter. Solange wir eine derart starke Verschwendung tolerieren – einmal rätseln, wer dabei am meisten zuschlägt: Genau, die mit dem grossen Kuchenstück! –, müssen wir uns nicht wundern, wenn’s vermeintlich nicht reicht.

Trotzdem: Das Bild vom Kuchen zeigt auch, dass es falsch wäre, die Initiative zu unterschätzen. Denn das Framing ist, wieder einmal, matchentscheidend. Es geht nicht um Argumente, wie: Wir haben doch tatsächlich eine Wohnungsnot, und in der S-Bahn ist ja tatsächlich ein Puff. Stimmt. Bloss geht es nicht darum, sondern wie man so etwas einbettet oder eben: framt. Aus meiner Sicht ist die Wohnungsnot eine Frage der ungerechten Bodenpolitik und des schamlosen Mietwuchers, und der Gesamtauslastungsgrad unseres Schienennetzes liegt immer noch bei unter 70 Prozent, Rush-Hour-Puff hin oder her. Eine Zuwanderungsbeschränkung plus Isolation in Europa ändern daran nichts: Der Kuchen muss gerechter aufgeteilt werden. Und wenn es ein Versagen der Linken hierzulande gibt, dann nicht bei der Analyse, sondern darin, dass es uns nicht gelingt, das Framing zu verändern und auch nicht, mehrheitsfähige Umverteilungsprojekte auf die Beine zu stellen.

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«Wir haben den Auftrag, unsere Stadt voranzubringen»

Frau Helbling, steigen wir mit der SP ein: Was war Ihr prägendes Parlamentserlebnis der letzten vier Jahre?

Bea Helbling: Das war die Volksinitiative für einen städtischen Mindestlohn, bei der wir zwar im Parlament keine Mehrheit erhielten, weil die GLP und die EVP mit SVP, FDP und der Mitte gemeinsame Sache machten, die aber von den Stimmberechtigten klar angenommen wurde. Leider hat die unterlegene Seite dieses demokratische Ergebnis nicht akzeptiert und ist der Mindestlohn immer noch blockiert. Das Beispiel zeigt mehrere Elemente, welche für die Legislatur als Ganzes typisch waren: Erfreulich, dass wir auch gegen die Parlamentsmehrheit in verschiedenen Volksabstimmungen eine Mehrheit fanden. Typisch, dass GLP und EVP sich dem Block von SVP, FDP und der Mitte angenähert haben, während in der Bevölkerung eher eine gegenteilige Tendenz eingetreten ist. Die Schwierigkeit, im Parlament Mehrheiten zu finden.

Roman Hugentobler: Aus unserer Sicht waren die parlamentarische Initiative zur biometrischen Gesichtserkennung und das Referendum zu den Aufwertungsplänen des Campingplatzes Schützenweiher besonders wichtig. In beiden Fällen ging es darum, zentrale gesellschaftspolitische Fragen in die Öffentlichkeit zu tragen und Menschen zu mobilisieren. Gleichzeitig konnte die AL eigenständige Positionen vertreten, die sich von jenen der SP und der Grünen unterschieden. In einem Parlament, in dem linke Kräfte in der Minderheit sind, ergeben sich solche Gelegenheiten nur selten.

Bea Helbling: Die Vorlage betreffend Camping Schützenweiher war auch in der SP nicht einfach. Die Fraktion war grossmehrheitlich dafür, vor allem, um das Areal für breitere Bevölkerungskreise aufzuwerten. Opposition kam innerhalb der Partei eher von den Juso. 

Andreas Büeler: Die erste Hälfte der Legislatur war recht positiv mit den gewonnenen Volksabstimmungen zur Initiative Wohnen für alle, den Gegenvorschlägen zur «Zukunftsinitiative» und der «Gute-Luft-Initiative» bis hin zur Abstimmung über einen städtischen Mindestlohn. Der Bruch kam meines Erachtens mit den nationalen Wahlen 2023, bei welchen Themen wie Klimapolitik und Umweltfragen in den Hintergrund gedrängt worden sind. GLP und Grüne stagnierten oder verloren. Seither hat sich das politische Klima auch lokal verhärtet. Besonders deutlich wurde das beim Budget 2025, mit dem pauschalen Kürzungsantrag von SVP bis EVP, der durch den Stadtrat beim Bezirksrat angefochten wurde – und dann beide Seiten behauptet haben, sie hätten inhaltlich Recht erhalten. Auch der städtische Mindestlohn wurde gerichtlich angefochten. Zum Schluss konnten wir beim Richtplan mit GLP und der EVP wieder eine robuste Koalition bilden und eine zukunftsfähige Vorlage verabschieden. Aber auch da wird nun ja wohl das Referendum kommen.

Bea Helbling: Generell konnten wir bei Sachfragen sehr wohl Mehrheiten bilden – zum Beispiel bei der Pensionskassenvorlage quer durch das ganze Parlament, auch beim Schützenwiesenausbau, oder wie erwähnt beim Richtplan. Bei den Finanzen hingegen haben wir keine Chance, mit den Grünliberalen und der EVP ins Gespräch zu kommen, geschweige denn über mögliche gemeinsame Strategien zu sprechen. Die Blockade ist total, und jetzt nach den Wahlen sagen GLP und EVP, die SP sei schuld. Mir scheint im Rückblick, dass die Fronten von 2018 bis 2022 nicht derart verhärtet waren. 

Andreas Büeler: Interessant ist, dass die GLP in der zweiten Legislaturhälfte sogar ‹grüne› Vorstösse nicht mehr unterstützt hat, die nicht viel gekostet hätten. Andererseits war sie bei gewissen Themen sehr dogmatisch, was sonst eher uns vorgeworfen wird. Zum Beispiel bei der Breite der Fahrradstreifen bei der Frauenfelderstrasse oder der Technikumsstrasse. Mir scheint, dass es da eher darum ging, gegen die Stadtregierung zu agitieren, als um pragmatische Lösungen. Die GLP hat eine unheilige Allianz mit SVP & Co und den Autoverbänden gebildet. Die Folge wird sein, dass wir ‹dank› der GLP weniger umwelt- und velo­freundliche Strassensanierungen haben. 

Roman Hugentobler: Ja, das Handeln der GLP in den letzten vier Jahren ist ärgerlich. Dass soziale Themen in diesem Parlament keine Mehrheit haben, ist nichts Neues. Dass aber nun grüne Anliegen spätestens bei der Budgetdebatte bachab geschickt werden, ist eine neue Dimension. Das bewirkt einen totalen Stillstand des Parlaments. Progressive Inputs kommen deshalb häufig nur noch vom Stadtrat und müssen dann von den linken Parteien im Parlament verteidigt werden.Aus unserer Sicht müsste aber das Parlament die gestaltende Kraft sein und die Stadt nach vorne bringen. Mit den aktuellen Fraktionen von EVP, GLP, Mitte, FDP, SVP und EDU ist dies jedoch nicht machbar.

Andreas Büeler: Der Ton ist laufend immer härter geworden. Es herrscht ein tief verankertes Misstrauen gegenüber dem Stadtrat, obwohl dessen Mitglieder sich sehr bemühen, im Parlament auf unsere Fragen Antworten zu geben. Da wird manchmal gar nicht hingehört. Sogar bei den eigenen Stadträten nicht. Sei dies nun Stefan Fritschis FDP oder die Mitte von Mike Künzle.

Bea Helbling: Gerade die zwei neu gewählten Stadtratsmitglieder, Romana Heuberger und An­dreas Geering waren zwei der härtesten Kritiker:innen – und sind es auch nach ihrer Wahl bis zuletzt geblieben. Ihre Äusserungen in der Richtplandebatte waren nicht dazu angetan, das Gefühl zu vermitteln, dass sie in einem Kollegialitätsgremium arbeiten wollen. Auch ihre ständige Abwertung der Verwaltung wirkt auf mich schwierig. Aber vielleicht werden wir positiv überrascht…

Andreas Büeler: Diese Hardliner haben auf die Stadtregierung Einfluss gehabt. 

Bea Helbling: Manchmal müssen wir als SP vielleicht auch wieder deutlicher auf den Stadtrat einwirken, dass eine rot-grüne Mehrheit besteht. Natürlich kann es sein, dass dann eine Vorlage vom Parlament beerdigt wird – aber trotzdem sind solche Zeichen im Moment wichtig. Die Dynamik wird sonst immer schwieriger. 

Andreas Büeler: …bis zum Moment, wo auch harmlose Vorlagen, wie die Übertragung der Halle 53 ins Finanzvermögen, keine Mehrheit mehr finden…

Wie war die Zusammenarbeit im rot-grünen Lager?

Roman Hugentobler: Die gemeinsamen Niederlagen in den Budgetdebatten schweissen zusammen… Nein, ernsthaft: Die Dynamik unter den linken Parteien ist grundsätzlich sehr gut. Trotzdem zeigt sich bei gewissen Geschäften, dass SP und Grüne in der Exekutive mit einer Mehrheit vertreten sind und entsprechend in der Regel die Position des Stadtrats stützen. Nach unserer Auffassung dürften SP und Grüne gerne etwas staatskritischer sein. Uns ist jedoch auch bewusst, dass die AL natürlich eine andere Rolle im Parlament hat. Manchmal wünschten wir uns etwas mehr Verständnis der beiden grossen Schwestern für unsere Art und Weise der Politik. Allerdings ist es mir wichtig festzuhalten, dass die Zusammenarbeit mit den Fraktionspräsidien von Grünen und SP immer sehr wertschätzend und auf Augenhöhe ist.

Bea Helbling: Ich kann das unterstreichen. Die Zusammenarbeit mit den Grünen und der AL ist angesichts der geballten Sparallianz vor allem in Finanzfragen sehr eng, und wir halten zusammen. Aber wir müssen auch nicht überall der gleichen Meinung sein. Ich finde es positiv, wurde die AL bei den Wahlen gestärkt. 

Andreas Büeler: Ich glaube auch, dass wir unter uns gut funktionieren, aber vielleicht manchmal etwas forscher auftreten können oder dem Stadtrat deutlichere Forderungen stellen können. Aber es stellt sich schon die Frage, wie wir wieder an GLP und EVP herankommen, respektive ob es noch eine genügende gemeinsame Basis dafür gibt.

Bea Helbling: Dass die SP ihre Position ausbauen konnte, geht vielen gegen den Strich. Wenn dann die Möglichkeit besteht, die SP spüren zu lassen, dass sie keine Mehrheit hat, machen die Parteien von rechts aussen bis zur EVP gerne mit.

In zehn Tagen sind Stadtpräsidiumswahlen, am Tag darauf dann die konstituierende Sitzung des Parlamentes: Mit welchen Vorstellungen gehen Sie in diese neue Legislatur? Welche Schwerpunkte stehen an?

Roman Hugentobler: Wir werden auch in Zukunft in der Minderheit im Parlament sein. Daher wird es umso wichtiger sein, dass wir unsere Zusammenarbeit gegen aussen noch verstärken. Thematisch wichtig ist die Umsetzung von Netto Null CO2-Emissionen bis ins Jahr 2040 und alle dazugehörigen Massnahmen wie Tempo 30, Entsiegelung, Energieversorgung, Kreislaufwirtschaft usw. Weiter der Kampf gegen die zunehmende Repression der Stadtpolizei gegen Demonstrationen und Kundgebungen. 

Nach dem Richtplan folgt nun die Revision der Bau- und Zonenordnung. Sie ist für uns als AL prioritär und es sind wichtige Schritte notwendig, damit der kommunale Richtplan möglichst optimal umgesetzt werden kann. Da wir im Parlament keine Mehrheit haben, müssen wir mit Hilfe der Stimmbevölkerung eine progressive, gestaltende Politik voranbringen. 

Bea Helbling: Thematisch hat Roman die Schwerpunkte genannt. Wichtig ist, dass die rot-grüne Mehrheit im Stadtrat spürbar wird, und wir gleichzeitig wieder und wieder versuchen, mit kleinen Schritten mit GLP und EVP voranzukommen. Die Richtplandebatte war eine positive Entwicklung. Und die Stadtpräsidiumswahl wird hoffentlich zudem ein Zeichen für eine fortschrittliche Stadt setzen.

Andreas Büeler: Wir machen weiter, hartnäckig…

Bea Helbling: Es gibt auch immer wieder neue Möglichkeiten, um Allianzen zu bilden. Wir haben den Auftrag, unsere Stadt voranzubringen und nicht in einem Blockade-Jammern zu versinken.

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Artikel, p.s. Zeitung

Familienaufstellung

Laut schreiend und wild alles mit sich reissend wütet Claudia (Angela Molina) durchs Haus, bis sie die Sanitäter auf der Bahre fixieren können. «Polvo Seran» von Carlos Marques-Marcet suggeriert in keinem Moment, die im Film verhandelten existenziellen Themen wären eine rein theoretische Fingerübung. Er ist zärtlich und brutal zugleich. 

Claudia plagt ein inoperabler Hirntumor. Für einen Menschen, der als Bühnenstar in Lebens- und Arbeitspartnerschaft mit dem regieführenden Flavio (Alfredo Castro) seit Jahrzehnten ein freies und selbstbestimmtes Leben geführt hat, ist die Vorstellung, die Herrschaft über Körper und Geist zu verlieren gleichbedeutend mit dem Verlust von allem wahrhaftig Wichtigen, weshalb die Sterbebegleitung als Alternative dazu vergleichsweise verlockend erscheint. Wie aber stellt sich dieselbe Situation für eine Partnerperson, die in symbiotischer Weise die letzten vierzig Jahre nie ohne den/die andere/n verbringen musste und sich im Traum nicht vorstellen kann, nach dem Hinschied des/der anderen jemals wieder so etwas wie Lebensfreude oder Glück empfinden zu vermögen. 

«Polvo Seran» ist schwere Kost, die formal mit Showeinlagen und inhaltlich unter Einbezug der drei erwachsenen Kinder des Paares die Komplexität der Gemengelage klug auffängt und wiedergibt. Während Manuel (Alvan Prado) die Entscheidung der Eltern akzeptiert und Lea (Patricia Bargallo) die Dominanz der Mutter längst ohnehin geflohen ist, fühlt sich die jüngste Tochter Violeta (Monica Armiral Battet) davon zutiefst gekränkt und um die Möglichkeit, eigenständig ein Glück zu finden betrogen, weshalb sie den künstlich herbeigeführten Familienfrieden zur Verkündung nach Kräften torpediert. Von der gläubigen Haltung, allein dem Allmächtigen stünde die Festlegung einer Lebensdauer zu einmal abgesehen, stellt dieser Film die Frage nach der Vereinbarkeit eines theoretischen Einverständnisses mit der praktischen Akzeptanz für ein Handeln.

«Polvo Seran» spielt im Kino Movie.

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Artikel, p.s. Zeitung

Kontrolle über die eigene Infrastruktur

Der französische Staat ist gerade daran, seine digitale Infrastruktur umzukrempeln. Es geht um Souveränität. Und ich sitze momentan im gleichen Boot. Emmanuel Macron und ich haben also gerade etwas gemeinsam – wir sind neue Linux-Nutzer, nachdem wir dem Betriebssystem Windows den Rücken gekehrt haben. Das ist kein Zufall, sondern eine Tendenz – und es wäre wünschenswert, die Diskussion darüber, ob sensible und weniger sensible Daten bei Techkonzernen im Ausland gelagert werden sollten, auch hierzulande ernsthaft zu führen.

Vielleicht waren Sie vor einem halben Jahr in der gleichen Situation. Microsoft hatte angekündigt, dass der Unterhalt von Windows 10, zu jenem Zeitpunkt zehn Jahre alt, gegen Jahresende abgestellt würde. Im Netz hatte das einen ziemlichen Shitstorm gegen den US-Konzern ausgelöst. Insbesondere das Ende der Sicherheitsupdates wurde in die Kritik genommen. Windows 10-Nutzer:innen wurden somit letzten Endes dazu gedrängt, Windows 11 zu installieren oder andere Optionen in Betracht zu ziehen. Diese Situation führte zu einem unerwarteten Hype rund um quelloffene bzw. Open-Source-Alternativen: Also um das Linux-Ökosystem.

Das, obwohl der Marktanteil, also der Prozentsatz aller Desktopgeräte, die ein Linux-Betriebssystem nutzen, vergleichsweise sehr gering ist. Hier wird auch offensichtlich, wie dominant Windows ist – und wie stark in die Autonomie der Nutzer:innen eingegriffen wurde, wenn sie implizit dazu gezwungen werden, auf das neue Betriebssystem zu wechseln. Rund 70 Prozent aller Computer weltweit benutzen Windows. Im Oktober 2025, als Windows 10 abgestellt wurde, sackte dieser Wert auf 66 Prozent ab. Derweil gewinnt Linux Prozente – auch, weil alle neuen Nutzer:innen merken, dass das mit der technischen Komplexität ein Vorurteil war. An dieser Stelle: Meine Installation dauerte fünf Minuten und ich musste zu keinem Zeitpunkt irgendetwas in die Kommandozeile tippen. Die Windows-Installation war komplizierter. 

Aber wieso eigentlich der Widerstand gegen Windows 11? Microsoft ist im Diskurs rund um Betriebssysteme insbesondere für eines bekannt: Bloatware. Heisst: Für die meisten Anwender:innen unnötige, privatsphäretechnisch oft hochinvasive, vorinstallierte und mühsam zu entfernende Programme. Dazu kommt der von vielen Tech-Unternehmen adaptierte Ansatz «AI-first». Für Windows 11 bedeutet das: Ein eingebauter KI-Assistent, den man fast nicht deinstalliert bekommt. 

Dass das für einen Staat ein grundlegendes Sicherheitsrisiko ist, dürfte selbsterklärend sein. Ein Programm, das für vieles, was es macht, mit dem Hauptquartier in Silicon Valley – oder wo auch immer die Server stehen – kommunizieren muss, als Nutzungsstandard für eine ganze staatliche Verwaltung, die tagtäglich mit sensibelsten Daten arbeitet … naja, es klingt nicht nach der besten Idee. 

Ich kann mich an Pressekonferenzen erinnern, insbesondere jene zum Datenleck in der Justizdirektion, an denen das Thema Datensicherheit angeschnitten wurde. Auch dass man sich der Abhängigkeit von Tech-Konzernen im Ausland bewusst zu sein scheint, ist mir geblieben. Was ich allerdings nie konkret gehört habe, ist, inwiefern es sich dabei um ein Sicherheitsrisiko handelt. Und das betrifft nicht nur die staatliche Ebene. Ich kenne niemanden, der ausserhalb der Tech-Branche in einem Betrieb arbeitet, in dem die Nutzung der Cloud-Dienste von Tech-Konzernen so kritisch gesehen wird, dass man die Entwicklung einer Alternative ernsthaft angestossen hätte. Klar: Das wäre sauteuer. Und das ist wohl auch der Grund, warum es nie gemacht wird, auch wenn man sich in den IT-Abteilungen den Datenschutzproblematiken bewusst ist. Und wenn es die IT-Bewanderten im Kantons- oder Gemeinderat thematisieren, wäre mir auch nie aufgefallen, dass die anderen Anwesenden allzu offen für solche Diskussionen gewesen wären. 

Aber zurück zu Frankreich. Dass der französische Staat Windows den Rücken kehrt und eine eigene Linux-basierte Alternative entwickelt, ist keine Folge des neu aufgefachten Hypes rund um quelloffene Software. Es geht letzten Endes um die Kontrolle der eigenen Infrastruktur. Wenn ein Staat auf ausländische Firmen angewiesen ist, wenn es um die genutzten Betriebssysteme, Office-Programme, Cloud-Lösungen etc. geht, ist die vollständige Kontrolle über alles, womit der Staat seine Arbeit verrichtet, nicht gegeben. Es ist eine Abhängigkeit von Entitäten, über die man keine rechtliche Hoheit hat – also eine potenzielle Schwachstelle: ob strategisch, wirtschaftlich, sicherheitstechnisch oder auch politisch. Dass solche Schwachstellen ausgenutzt werden können, haben verschiedenste Skandale längst gezeigt, ob im Kontext politischer Einflussnahme bei Wahlen, von Spionage oder auch Datenpannen. 

Gleichzeitig muss man auch sagen, dass eigens entwickelte Lösungen ebenfalls Probleme mit sich bringen. Gerade in Zeiten autoritärer Tendenzen, insbesondere im Kontext der Überwachung, vertraue ich einer staatlichen Entität in Bezug auf ethische Nutzung nicht mehr, nur weil sie ein Überwachungsinstrument selbst entwickelt und sich dafür nicht beim profitgesteuerten Tech-Konzern einklinkt. Als Beispiel eines, das ich gerne wähle: Dass der US-Datenkonzern Palantir in der Schweiz bei Polizei und Verwaltung erfolglos für die eigenen Anwendungen genau dann lobbyierte, nachdem die Schweiz mit dem PMT ein Gesetz beschlossen hatte, das der Polizei mehr Spielraum für Überwachung und Profiling bietet, ist sicher kein Zufall. Denn was Palantir an Software anbietet (namens «Gotham») eignet sich perfekt, um Einzelpersonen zu isolieren – durch den Abgleich mit allen anderen. Dass dann das Militär das Veto ergreift und mahnt, dass eine solche Kooperation sicherheitstechnisch problematisch wäre, hat wohl weniger mit Ethik und einem Respekt vor der Autonomie und Würde des Menschens zu tun und mehr damit, dass es ein sinnloses Risiko ist, dies ins Ausland zu verlagern. Denn die gesetzlichen Grundlagen für die Erfassung und Auswertung von vielen zur Überwachung von Einzelnen sind ja trotzdem gegeben. 

Unabhängig davon, dass ich mich wundere, weshalb Überwachung dann eine Affäre wird, wenn sie analog in Fichen archiviert ist, und dann nicht, wenn die Datensammlung einfach digital passiert, und die öffentliche Diskussion über die Verwertung und den Speicherort der Daten versandet, will ich eigentlich auf etwas hinaus, was insbesondere das Persönliche betrifft. Von profitgesteuerten Tech-Unternehmen abhängig zu sein, ist (in der Regel) kein Zwang. Und es ist nur logisch, dass jene, die mit dieser Abhängigkeit Profit machen, nicht daran interessiert sind, dass Sie zur kostenlosen, quelloffenen Alternative wechseln. Also: Wechseln Sie!

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Artikel, p.s. Zeitung

Widerstand!

Der 1. Mai in Zürich steht dieses Jahr im Zeichen der Blockade: «Blocchiamo tutto!» – wir blockieren alles, steht auf der Zeitung in den Briefkästen, auf gekleisterten Plakaten, auf geklebten Stickern. Aber wie gelingt die Blockade? Wie gelingt es, sich kollektiv gegen autoritäre Strömungen in der Gesellschaft, gegen den Verlust der Lebensqualität im Stadtraum, gegen prekäre Arbeitsbedingungen, gegen systemische Ungerechtigkeit oder gegen die Übersteuerung dessen, was die Bevölkerung demokratisch beschliesst, zu wehren?

Mit solchen und weiteren Fragen beschäftigen wir uns dieses Jahr in der 1. Mai-Beilage des P.S., der letzten linken Lokalzeitung Zürichs – anhand des Fokusthemas «Widerstand». Unsere Journalist:innen haben sich dafür umgesehen. An den Hauswänden vor unsern Türen, in der Geschichte der Zürcher Arbeiter:innenquartiere, aber auch über die Grenzen des Kantons und der Schweiz hinweg bis ins Dreiländereck bei Basel.

Wem ist eigentlich zu danken, dass die Zürcher Innenstadt nicht vollständig aus vielspurigen autoexklusiven Verkehrsachsen zusammengesetzt ist? Dass das Zürcher Ypsilon nie realisiert wurde? Und warum hat Filippo Leutenegger eigentlich mal eine Strasse à la Klimakleber blockiert? 
Hannes Lindenmeyer mit Lokalgeschichte über die aktivistische Eroberung des Strassenraums.

Wie verhindern wir, dass die «Technologieoffenen» uns entgegen dem AKW-Neubauverbot, das wir beschlossen haben, neue Atomkraftwerke in die Region lobbyieren? 
Nicole Soland berichtet über den trinationalen Widerstand sowohl gegen neue wie auch gegen unsere Uralt-Atomkraftwerke.

Wie gehen wir vor, wenn Europa im Asylwesen einen Pfad einschlägt, auf dem die Rechte geflüchteter Menschen systematisch eingeschränkt werden? Wie gehen wir damit um, dass eine mögliche Zukunft eine solche ist, in der wir zurückschauen und uns fragen, wie wir das zulassen konnten? 
Juristin Lara Hoeft von Pikett Asyl spricht mit Tim Haag über die grösste Reform des europäischen Asylrechts.

Wie forcieren wir Verbesserungen im Bereich der Care-Arbeit, der bezahlten und der unbezahlten, wenn jede demokratisch beschlossene Verbesserung verwässert wird oder versandet? Wie würdigen wir die 10 000 Millionen Stunden Care-Arbeit, die in der Schweiz jährlich unbezahlt geleistet werden? Und ist ein Streik denkbar? 
Sergio Scagliola hat sich mit dem Care-Streik 2027 befasst. Und damit, was es zum Streik braucht.

Wir wünschen gute Lektüre und gute Blockade!

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Artikel, p.s. Zeitung

Dialog

Nicht ganz so dreist wie Nedko Solakov zuletzt in der Villa Flora, der für die Auseinandersetzung mit Félix Vallotton Zimmerwände und Schutzglas von Gemälden bemalte, wirken die Interventionen von Simon Starling im Kunst Museum Winterthur/Reinhart am Stadtgarten. Konrad Bitterli und Andrea Lutz versammeln sowohl bestehende Werke, über deren kunsthistorische Anlehnungen ein kostenloser Reader Auskunft erteilt, als auch sogenannte In-situ-Arbeiten, die einen ganz direkten Zusammenhang mit den häufigen Vertretern der deutschen Romantik herstellen. Selbst wenn die eine Natürlichkeit suggerierenden Rauminstallationen bloss ein als solches gekennzeichnetes Substitut für Holz darstellen, zeugen sie im Gemäldesaal der akademisch gemalten Sehnsucht nach einer Verbundenheit mit einer möglichst intakten, vulgo wilden Natur von der entweder genauso aufrichtigen oder genauso verlogenen Absicht nach Bewahrung, nach Nähe, nach Kontemplation. Der Sponti-Slogan «alle wollen zurück zur Natur, nur nicht zu Fuss» ist in diesem doch komplexen Verhältnis Mensch-Natur nur der reflexhaft erste Einfall, der diese Gegenüberstellung auslöst. Ganz konkret ein Gemälde der Sammlung, nämlich «Berliner Hinterhäuser im Schnee» von Adolf Menzel, ist Ausgangspunkt für die wirkmächtigste Bearbeitung von Simon Starling. Das wegen seiner geringen Dimensionen leicht überschaubare Werk steht in einer zehnfach vergrösserten Reproduktion (inklusive Rahmen) direkt vis-à-vis des Originals, das wiederum hinter der Replika der gesamten Ausstellungswand allein als Schwarzweisswiedergabe auf Tapete alias Druck hängt, vom Publikum also das Vertrauen einfordert, hier schon nicht belogen zu werden. Gerade weil die Erinnerung trotz zigfacher Durchgänge in vergangenen Jahren nicht beschwören könnte, dass dieses nicht aufdringlich einprägsame Werk tatsächlich hier hinge. Was eine im Sinn recht ähnliche Verunsicherung und Infragestellung von Wahrnehmung wie auch grundsätzlich Haltung verursacht, wie die skulpturalen Holzabbildungen bei den abgebildeten Holzszenen. Darüber hinaus stellt Simon Starling die Hinterhofbetrachtung in Öl in ihrer vergrössterten Form 170 Jahre nach dem Maler in den Kontext der Veränderung, indem er es in einen Berliner Hinterhof montiert und davon ein fotografisches Zeugnis abliefert. Womit sich Vergänglichkeit und Wandel und damit exakt ein zentrales Thema der Romantiker mit grosser Dringlichkeit als Dauerbrenner zugleich monströs als auch komplett unaufgeregt in den Vordergrund drängt.

«Simon Starling», bis 5.7., Kunst Museum Winterthur/Reinhart am Stadtgarten, Winterthur.

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