Artikel, p.s. Zeitung

Kuchen essen

Das beste und einfachste Bild, das mir zur Chaos-Initiative einfällt, ist immer noch dieses hier: Stellen Sie sich einen grossen Tisch vor mit einem grossen Kuchen. Rundherum sitzen 9,1 Millionen Menschen und essen davon. Aber nicht etwa gleichmässig, einige haben sich stinkfrech gleich den halben Kuchen unter den Nagel gerissen, andere erwischen ein Stück, die meisten ein Brösmeli und viele gar nichts. Der Unwille unter den Habenichtsen steigt und steigt, und plötzlich ruft einer – und es ist nicht einer mit den Brösmeli, sondern einer, der ein grosses Stück genommen hat: «Ist ja klar, wir sind zu viele, jetzt müssen wir unbedingt dafür sorgen, dass es nicht 10 Millionen werden!» Das ist natürlich blühender Blödsinn, denn es ist einfach einsehbar, dass die Probleme auch mit weniger Menschen nicht kleiner würden, solange die Verteilung so bleibt, wie sie ist. Aber wir alle wissen: Dieses Framing, wie man das heute nennt, mit den zu vielen Menschen, ist verlockend.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, mit solchen Kuchen auf grossen Tischen umzugehen: Entweder sorgt man dafür, dass er sich ständig vergrössert, also Wirtschaftswachstum. (Da meckern dann die Grünen, denn ewig kann das gar nicht gehen.) Und zugleich sorgt man dafür, dass die Brösmeli mindestens so gross sind, dass niemand auf die Idee kommt auszurufen, weil ein paar sich üppiger bedienen. Das ist eigentlich, salopp zusammengefasst, die Erzählung der Wachstumsjahre von 1950 bis etwa 2010. Das stete Wachstum stellte den Grossteil unserer Gesellschaft zufrieden, oder doch wenigstens ruhig. Doch bereits ab den 80ern sorgte der Neoliberalismus dafür, dass die Ungleichverteilung anstieg (unterfüttert mit schwachsinnigen Theorien wie: «Wenn es den Reichen gut geht, geht es allen gut.») Kurz danach kam die Globalisierung ins Stottern, und das Wachstum stoppte. In der Schweiz findet es seitdem nur noch gering über ein Pro-Kopf-Wachstum der Bevölkerung statt, sprich: Zuwanderung. Die Geburtenrate allein wäre unzureichend. Der Kuchen wird also nicht grösser – und das ist noch nicht alles: Wir tun vieles, um ihn sogar noch zu verkleinern! Denn alleine die rund 330 Kilo Lebensmittel pro Kopf, die wir jährlich fortwerfen, könnten ja fast das Doppelte an Bewohner:innen ernähren! Dasselbe bei der Energie, bei den Textilien, bei der Wohnfläche und so weiter. Solange wir eine derart starke Verschwendung tolerieren – einmal rätseln, wer dabei am meisten zuschlägt: Genau, die mit dem grossen Kuchenstück! –, müssen wir uns nicht wundern, wenn’s vermeintlich nicht reicht.

Trotzdem: Das Bild vom Kuchen zeigt auch, dass es falsch wäre, die Initiative zu unterschätzen. Denn das Framing ist, wieder einmal, matchentscheidend. Es geht nicht um Argumente, wie: Wir haben doch tatsächlich eine Wohnungsnot, und in der S-Bahn ist ja tatsächlich ein Puff. Stimmt. Bloss geht es nicht darum, sondern wie man so etwas einbettet oder eben: framt. Aus meiner Sicht ist die Wohnungsnot eine Frage der ungerechten Bodenpolitik und des schamlosen Mietwuchers, und der Gesamtauslastungsgrad unseres Schienennetzes liegt immer noch bei unter 70 Prozent, Rush-Hour-Puff hin oder her. Eine Zuwanderungsbeschränkung plus Isolation in Europa ändern daran nichts: Der Kuchen muss gerechter aufgeteilt werden. Und wenn es ein Versagen der Linken hierzulande gibt, dann nicht bei der Analyse, sondern darin, dass es uns nicht gelingt, das Framing zu verändern und auch nicht, mehrheitsfähige Umverteilungsprojekte auf die Beine zu stellen.

Der Beitrag Kuchen essen erschien zuerst auf P.S..

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