Der französische Staat ist gerade daran, seine digitale Infrastruktur umzukrempeln. Es geht um Souveränität. Und ich sitze momentan im gleichen Boot. Emmanuel Macron und ich haben also gerade etwas gemeinsam – wir sind neue Linux-Nutzer, nachdem wir dem Betriebssystem Windows den Rücken gekehrt haben. Das ist kein Zufall, sondern eine Tendenz – und es wäre wünschenswert, die Diskussion darüber, ob sensible und weniger sensible Daten bei Techkonzernen im Ausland gelagert werden sollten, auch hierzulande ernsthaft zu führen.
Vielleicht waren Sie vor einem halben Jahr in der gleichen Situation. Microsoft hatte angekündigt, dass der Unterhalt von Windows 10, zu jenem Zeitpunkt zehn Jahre alt, gegen Jahresende abgestellt würde. Im Netz hatte das einen ziemlichen Shitstorm gegen den US-Konzern ausgelöst. Insbesondere das Ende der Sicherheitsupdates wurde in die Kritik genommen. Windows 10-Nutzer:innen wurden somit letzten Endes dazu gedrängt, Windows 11 zu installieren oder andere Optionen in Betracht zu ziehen. Diese Situation führte zu einem unerwarteten Hype rund um quelloffene bzw. Open-Source-Alternativen: Also um das Linux-Ökosystem.
Das, obwohl der Marktanteil, also der Prozentsatz aller Desktopgeräte, die ein Linux-Betriebssystem nutzen, vergleichsweise sehr gering ist. Hier wird auch offensichtlich, wie dominant Windows ist – und wie stark in die Autonomie der Nutzer:innen eingegriffen wurde, wenn sie implizit dazu gezwungen werden, auf das neue Betriebssystem zu wechseln. Rund 70 Prozent aller Computer weltweit benutzen Windows. Im Oktober 2025, als Windows 10 abgestellt wurde, sackte dieser Wert auf 66 Prozent ab. Derweil gewinnt Linux Prozente – auch, weil alle neuen Nutzer:innen merken, dass das mit der technischen Komplexität ein Vorurteil war. An dieser Stelle: Meine Installation dauerte fünf Minuten und ich musste zu keinem Zeitpunkt irgendetwas in die Kommandozeile tippen. Die Windows-Installation war komplizierter.
Aber wieso eigentlich der Widerstand gegen Windows 11? Microsoft ist im Diskurs rund um Betriebssysteme insbesondere für eines bekannt: Bloatware. Heisst: Für die meisten Anwender:innen unnötige, privatsphäretechnisch oft hochinvasive, vorinstallierte und mühsam zu entfernende Programme. Dazu kommt der von vielen Tech-Unternehmen adaptierte Ansatz «AI-first». Für Windows 11 bedeutet das: Ein eingebauter KI-Assistent, den man fast nicht deinstalliert bekommt.
Dass das für einen Staat ein grundlegendes Sicherheitsrisiko ist, dürfte selbsterklärend sein. Ein Programm, das für vieles, was es macht, mit dem Hauptquartier in Silicon Valley – oder wo auch immer die Server stehen – kommunizieren muss, als Nutzungsstandard für eine ganze staatliche Verwaltung, die tagtäglich mit sensibelsten Daten arbeitet … naja, es klingt nicht nach der besten Idee.
Ich kann mich an Pressekonferenzen erinnern, insbesondere jene zum Datenleck in der Justizdirektion, an denen das Thema Datensicherheit angeschnitten wurde. Auch dass man sich der Abhängigkeit von Tech-Konzernen im Ausland bewusst zu sein scheint, ist mir geblieben. Was ich allerdings nie konkret gehört habe, ist, inwiefern es sich dabei um ein Sicherheitsrisiko handelt. Und das betrifft nicht nur die staatliche Ebene. Ich kenne niemanden, der ausserhalb der Tech-Branche in einem Betrieb arbeitet, in dem die Nutzung der Cloud-Dienste von Tech-Konzernen so kritisch gesehen wird, dass man die Entwicklung einer Alternative ernsthaft angestossen hätte. Klar: Das wäre sauteuer. Und das ist wohl auch der Grund, warum es nie gemacht wird, auch wenn man sich in den IT-Abteilungen den Datenschutzproblematiken bewusst ist. Und wenn es die IT-Bewanderten im Kantons- oder Gemeinderat thematisieren, wäre mir auch nie aufgefallen, dass die anderen Anwesenden allzu offen für solche Diskussionen gewesen wären.
Aber zurück zu Frankreich. Dass der französische Staat Windows den Rücken kehrt und eine eigene Linux-basierte Alternative entwickelt, ist keine Folge des neu aufgefachten Hypes rund um quelloffene Software. Es geht letzten Endes um die Kontrolle der eigenen Infrastruktur. Wenn ein Staat auf ausländische Firmen angewiesen ist, wenn es um die genutzten Betriebssysteme, Office-Programme, Cloud-Lösungen etc. geht, ist die vollständige Kontrolle über alles, womit der Staat seine Arbeit verrichtet, nicht gegeben. Es ist eine Abhängigkeit von Entitäten, über die man keine rechtliche Hoheit hat – also eine potenzielle Schwachstelle: ob strategisch, wirtschaftlich, sicherheitstechnisch oder auch politisch. Dass solche Schwachstellen ausgenutzt werden können, haben verschiedenste Skandale längst gezeigt, ob im Kontext politischer Einflussnahme bei Wahlen, von Spionage oder auch Datenpannen.
Gleichzeitig muss man auch sagen, dass eigens entwickelte Lösungen ebenfalls Probleme mit sich bringen. Gerade in Zeiten autoritärer Tendenzen, insbesondere im Kontext der Überwachung, vertraue ich einer staatlichen Entität in Bezug auf ethische Nutzung nicht mehr, nur weil sie ein Überwachungsinstrument selbst entwickelt und sich dafür nicht beim profitgesteuerten Tech-Konzern einklinkt. Als Beispiel eines, das ich gerne wähle: Dass der US-Datenkonzern Palantir in der Schweiz bei Polizei und Verwaltung erfolglos für die eigenen Anwendungen genau dann lobbyierte, nachdem die Schweiz mit dem PMT ein Gesetz beschlossen hatte, das der Polizei mehr Spielraum für Überwachung und Profiling bietet, ist sicher kein Zufall. Denn was Palantir an Software anbietet (namens «Gotham») eignet sich perfekt, um Einzelpersonen zu isolieren – durch den Abgleich mit allen anderen. Dass dann das Militär das Veto ergreift und mahnt, dass eine solche Kooperation sicherheitstechnisch problematisch wäre, hat wohl weniger mit Ethik und einem Respekt vor der Autonomie und Würde des Menschens zu tun und mehr damit, dass es ein sinnloses Risiko ist, dies ins Ausland zu verlagern. Denn die gesetzlichen Grundlagen für die Erfassung und Auswertung von vielen zur Überwachung von Einzelnen sind ja trotzdem gegeben.
Unabhängig davon, dass ich mich wundere, weshalb Überwachung dann eine Affäre wird, wenn sie analog in Fichen archiviert ist, und dann nicht, wenn die Datensammlung einfach digital passiert, und die öffentliche Diskussion über die Verwertung und den Speicherort der Daten versandet, will ich eigentlich auf etwas hinaus, was insbesondere das Persönliche betrifft. Von profitgesteuerten Tech-Unternehmen abhängig zu sein, ist (in der Regel) kein Zwang. Und es ist nur logisch, dass jene, die mit dieser Abhängigkeit Profit machen, nicht daran interessiert sind, dass Sie zur kostenlosen, quelloffenen Alternative wechseln. Also: Wechseln Sie!
Der Beitrag Kontrolle über die eigene Infrastruktur erschien zuerst auf P.S..
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