Seit ich denken kann, bin ich knapp bei Kasse, das jeweils völlig unabhängig davon, wieviel ich gerade verdiene. Nun hat das, nicht nur, aber doch auch, etwas mit einer unbeirrbaren Blödheit meinerseits zu tun und auch damit, dass ich mir diese Blödheit offenbar leisten kann, ansonsten sind die Auswirkungen vernachlässigbar, es ist gelegentlich zwar unpraktisch, aber immer weit entfernt von Armut, von einer tatsächlichen Existenzbedrohung.
Vielleicht habe ich deshalb eine solche Obsession mit dem Thema. Weil ich weiss, dass Blödheit gerade nicht der Ursprung von Armut ist, sondern politische und gesellschaftliche Strukturen. Dass Blödheit mich nie in Bedrängnis gebracht hat (in diesem Bereich), während andere, allein durch äussere Umstände, unverschuldet arm sind oder wurden. Weil ich weiss, dass ich wahnsinnig Glück hatte bisher. Weil ich weiss, dass ich genau eine Generation davon entfernt bin, denn meine Eltern haben als Kinder erlebt, was es bedeutet, wenn das Geld fehlt und die Erwachsenen nächtelang rechnen und reden, wie sie die neuen Schuhe für den Bruder bezahlen sollen oder bei wem sie sich das Geld leihen könnten. Weil ich weiss, dass es schneller passiert, als man es sich überhaupt vorstellen kann.
Die Caritas, die die Armut in der Schweiz bekämpft, definiert diese wie folgt: «Eine Person in der Schweiz ist arm, wenn ihr Einkommen nicht reicht, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten – das heisst, wenn ihr verfügbares Einkommen unterhalb der Armutsgrenze ist. Diese liegt in der Schweiz aktuell bei 2388 Franken pro Monat für eine Einzelperson oder bei 4159 Franken für eine Zweielternfamilie mit zwei Kindern unter 14 Jahren.»
Ich weiss ehrlich nicht, wie man jetzt mit 2389 Franken, also einem Franken über dieser Armutsgrenze, in Zürich überleben soll. Miete, Krankenkasse, Versicherungen, Vorsorgebeiträge, Essen, Handyabo. Und sogar dann, wenn man das Wunder vollbringt und mit so einem Einkommen all das bezahlen kann, ist man raus. Raus aus der Gesellschaft. Raus aus dem Kafi trinken mit einer Freundin, raus aus dem spontanen Restaurant- oder Kinobesuch, raus aus einfach allem, was ich und Sie vermutlich, die diese Zeilen lesen, uns gelegentlich oder häufig gönnen. Raus aus einem würdigen Leben.
Deshalb kann ich hier mit absoluter Sicherheit sagen, dass ich hierzulande noch nie so etwas Beschämendes gesehen habe wie diese jahrelange Blockade der Einführung eines Mindestlohnes.
Wir erinnern uns an den Juni vor drei Jahren, als die Stimmbevölkerung in Zürich und Winterthur mit fast 70 respektive rund 65 Prozent der Einführung eines Mindestlohnes zustimmte. Die Handelskammer und Arbeitgebervereinigung Winterthur, der KMU-Verband Winterthur sowie der Gewerbeverband der Stadt Zürich haben diesen Volksentscheid rechtlich bekämpft, dadurch dessen Einführung blockiert und Menschen in den Tiefstlohnbranchen eine Verbesserung verwehrt. Wir sollten uns die Namen dieser Verbände merken, ebenso die Namen derer, die sie vertreten. Ich möchte, dass wir nie vergessen, dass diese Personen es aus fadenscheinigen Gründen (die Gemeinden seien gar nicht zuständig und ein Mindestlohn sei kein wirksames Mittel gegen Armut) darauf ankommen liessen, das Elend Tausender Menschen zu verlängern. Nun hat am Mittwoch das Bundesgericht endlich und endgültig entschieden, dass die Städte diese vom Volk beschlossenen Mindestlöhne einführen können.
Die Präsidentin des Gewerbeverbandes der Stadt Zürich und Nationalrätin der Mitte, Nicole Barandun, gab sich gönnerisch. Sie sei selbst Juristin und kenne das, wenn es halt anders komme, als sie es sich gewünscht hätte, «sie lebe mit dem Entscheid» und «man akzeptiere es. Diese nonchalanten, schnell hingeworfenen Sätze, irgendwo im Gang der Wandelhalle, zwischen zwei Abstimmungen im Ratssaal und mit dem Kopf schon bei Wichtigerem, sind absolut grausam. Zumal ihre Gelassenheit einen Grund hat. Schon nächste Woche wird im Bundeshaus beschlossen, dass der in einem Gesamtarbeitsvertrag vereinbarte Lohn gilt, auch wenn er tiefer ist als die nun einzuführenden Mindestlöhne.
Das Feilschen um Geld für die Ärmsten in unserem Land. Ich habe noch nie so etwas Beschämendes gesehen.
Der Beitrag So etwas Beschämendes erschien zuerst auf P.S..
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