«Unsere Vision ist eine Energieversorgung, die vollständig aus erneuerbaren Quellen stammt», ist im Leitbild der Energiestiftung nachzulesen. Mit dem Ja zur Energiestrategie 2050 am 21. Mai 2017 stellte die Mehrheit der Abstimmenden die Weichen dafür. Warum braucht es die Energiestiftung überhaupt noch?
Nils Epprecht: Die Abstimmung vom 21. Mai 2017 war eine der wichtigsten Abstimmungen, zusammen mit jener über das Klimaschutzgesetz von 2023 und der Weiterentwicklung der Energiestrategie, die in das Stromgesetz vom Juni 2024 mündete. Diese drei Abstimmungserfolge waren wegweisend für uns: Jetzt waren die Ziele klar gesetzt. Dass es uns trotzdem weiterhin braucht, hat direkt damit zu tun: Die Ziele sind noch nicht umgesetzt. Die meisten sind zudem per 2050 terminiert, und bis dahin ist es noch eine lange Zeit. Zwei Drittel unseres Energieverbrauchs stammen immer noch von den Fossilen. Die Klimaveränderungen passieren eher schneller als erwartet, und die Politik orientiert sich nach hinten statt nach vorn. Wir dürfen nicht locker lassen, wir müssen mit Nachdruck dranbleiben.
Ausgerechnet zum 50. Geburtstag aufzuhören, wäre auch eher speziell.
Wir würden uns durchaus gern irgendwann auflösen. Das geschieht allerdings erst dann, wenn unsere Energieversorgung 100 Prozent erneuerbar, suffizient und fair ist. Und das dürfte noch ein wenig dauern.
Die Energiestiftung entstand 1976 als Reaktion auf die damaligen Pläne von Energiewirtschaft und Bundesrat, zehn Atomkraftwerke zu bauen – zu einem Zeitpunkt, als der explodierte Versuchsreaktor Lucens bereits stillgelegt und die AKW Mühleberg sowie Beznau I und II in Betrieb waren. Den Bau von Gösgen und Leibstadt konnte die Energiestiftung aber nicht verhindern.
Stimmt, das ist nicht gelungen. Doch 1976 stand vor allem Kaiseraugst im Vordergrund, und den Bau des dort geplanten AKW haben wir gemeinsam mit unseren Mitstreiter:innen verhindern können. Was zählt ist, dass sich unsere Vorgänger:innen nie haben entmutigen lassen. Bei der Energiestiftung glauben wir daran, dass Sensibilisierung und Aufklärung eine Wirkung haben. Die Menschen sind dankbar, dass sich jemand komplexen Themen wie der Energieproduktion annimmt und einen kritischen Blick darauf hat.
Woran machen Sie das fest?
Schon nur dass wir jetzt seit 50 Jahren bestehen und heute soviele Mitglieder haben wie noch nie, zeigt doch, dass es die Menschen umtreibt, wie wir unsere Energieversorgung bestreiten. Aber man muss nicht die Illusion haben, mit dieser Sensibilisierung immer gleich eine Mehrheit der Bevölkerung erreichen zu können: Das hat auch mit Reichweite zu tun und mit Geld. Nichtsdestotrotz werden wir von der Politik immer wieder als Gesprächspartner begrüsst, und zwar auch von Menschen, die bei Weitem nicht alles teilen, was wir sagen. Will heissen, man nimmt uns und die Art und Weise, wie wir seriös und faktenbasiert zu unseren Position kommen, ernst. Das finde ich wichtig.
Das war zu Zeiten von Mühleberg und Beznau noch nicht der Fall?
Der Widerstand ist erst nach Mühleberg und Beznau entstanden. Das ist häufig so: Die ersten Anlagen entstehen, und es ist noch niemand bereit, sich zu wehren, weil noch gar niemand abschätzen kann, was da genau gemacht wird.
Über den Reaktorunfall von Lucens wusste man damals nichts?
Nein, darüber wurde nicht informiert, und das hat sich 1986 bei Tschernobyl wiederholt: Bis heute werden Untersuchungen in Weissrussland, das von der Verstrahlung von Tschernobyl am meisten betroffen ist, im Verborgenen gehalten – oder gar nicht erst gemacht. Es gab auch Abklärungen in Deutschland, gemäss denen die Kinder-Krebsrate in der Nähe von laufenden AKW höher ist als im Durchschnitt, doch auch dazu wurden keine vertiefteren Untersuchungen durchgeführt. Meist heisst es bloss, es seien zu wenig Fälle, als dass sich der vermutete Zusammenhang statistisch erhärten liesse.
Zurück zur Energiestiftung: Lebt sie eigentlich ausschliesslich von Spenden?
Ja, wir nehmen weder Geld von der öffentlichen Hand noch von irgendwelchen Stromversorgern an. Das ist für uns überlebenswichtig: Wir wollen die Unabhängigkeit, wir wollen kritisieren können, was wir für falsch halten, ohne uns Sorgen machen zu müssen, dass uns deswegen Einnahmen wegbrechen könnten. Die Energiestiftung gab und gibt es, weil es Menschen gibt, die uns unterstützen und die wollen, dass wir weiterhin unsere Arbeit machen können. Im Umkehrschluss heisst das, solange es Menschen gibt, die bereit sind zu spenden, hat die Energiestiftung auch eine Daseinsberechtigung.
Wie sind Sie zur Energiestiftung gekommen, und was treibt Sie an, dranzubleiben?
Bei der Energiestiftung fing ich ein Jahr vor der Abstimmung vom Mai 2017 an. Damals war ich noch nicht Geschäftsleiter, sondern Leiter Atom und Strom. Ich habe Umweltnaturwissenschaften an der ETH studiert und dabei x Fächer besucht, Physik, Chemie, Ökonomie, Psychologie und so weiter, und etwas fand ich sehr spannend: Was die Herausforderungen für die Umwelt und unseren Planeten betrifft und wie wir ein umweltfreundliches Handeln gestalten und dabei trotzdem noch Wachstum und Fortschritt haben können, darüber war man sich in der Wissenschaft einig. Doch in der Politik ist das nur teilweise angekommen. Ich war schon als Jugendlicher von der Politik fasziniert, und so ergab für mich ein Wirkungsfeld Sinn, in dem es gefragt ist, Themen aus der Wissenschaft in die Politik zu tragen. Das ist gleichzeitig mein Werdegang und mein Antrieb, dranzubleiben.
Die Situation heute ist ähnlich wie jene 1976: Wieder haben Energiewirtschaft und Bundesrat hochfliegende AKW-Pläne, und zuständig dafür ist Bundesrat Rösti von der SVP. Dranzubleiben dürfte also eher schwierig sein.
Wir sind Teil der Umweltallianz und tauschen uns periodisch mit Bundesrat Rösti und anderen Amtsträger:innen aus, aber sie suchen nur sehr bedingt das Gespräch mit uns. Ab und zu gibt es Ausnahmen: Wir setzen uns aktuell für das Stromabkommen ein und haben damit die gleiche Position wie die Behörden. Sofort sind wir dort gesuchter. Zwischen 2019 und 2023 stand Simonetta Sommaruga dem Uvek vor, und es gab eine Mitte-Links-Mehrheit im Parlament. Das war eine spannende Zeit. Jetzt ist es wieder eher ein Abwehrkampf. Das macht uns weniger Spass, als konstruktiv wirken zu können. Aber es gehört auch einfach zu den Zyklen der Politik, das darf man nicht zu persönlich nehmen. In solchen Zeiten konzentriert man sich besser darauf, das Erreichte zu verteidigen. Umso wichtiger ist es, dass dazu eine Organisation wie die Energiestiftung bereitsteht, die auch wieder in die Offensive gehen kann, sobald sich ein entsprechendes Fenster auftut.
Heisst konkret?
Als ich bei der Energiestiftung anfing, hatten wir nicht nur die Energiestrategie auf dem Tisch, sondern auch die Atomausstiegsinitiative der Grünen Partei. Eigentlich stellten die beiden Vorlagen im Kern die Frage, ob wir sehr schnell transformieren wollten – der geordnete Atomausstieg hätte auch einen raschen Ausbau der Erneuerbaren bedeutet –, oder ob wir eher eine gemächlichere Variante wählen würden, nämlich die Energiestrategie. Mein Vorgänger bei der Energiestiftung war nicht euphorisch über die Energiestrategie: Man war sich einig, dass die darin gesetzten Ausbauziele viel zu wenig ambitioniert seien. Natürlich war sie trotzdem ein Schritt in die richtige Richtung, einfach eher im Sinne vom Spatz in der Hand. Spätestens mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine war klar, dass wir den inländischen Ausbau effektiv auf die lange Bank geschoben haben. Diese Scharte konnten wir mit dem Ja zum Stromgesetz vom Juni 2024 ausmerzen, heute haben wir deutlich ambitioniertere Ausbauziele – einfach acht Jahre zu spät. Umgekehrt war auch klar, dass es mit der Atomlobby, die im Mai 2017 die Abstimmung verloren hat, deswegen nicht vorbei war. Die Atom-Familie Aegerter hat sehr viel Geld, und seit es die Energiestiftung gibt, ist sie gegen die Energiestiftung und für neue AKW unterwegs.
Aber neue AKW aus dem Boden stampfen kann sie trotz des vielen Geldes nicht allein.
Zu dem, was weiter zu den neuen AKW-Plänen geführt hat, gehören auch gewisse Abschottungsgelüste. Am Sonntag kommt die 10-Millionen-Schweiz zur Abstimmung, aber das Misstrauen gegenüber Europa ist so oder so gross. Denn bei der Energieversorgung geht es im Kern darum, ob wir eher mit Europa zusammenspannen wollen – das wäre Strom, oder lieber von gewissen Autokratien abhängen – das wäre Benzin, Öl, Gas und Uran. Für mich persönlich ist diese Wahl sehr einfach und so überrascht es mich immer wieder, wie gross die Abwehrreflexe in der Schweiz gegenüber Europa zuweilen sind.
Dass unser Gas und Uran aus Russland kommen, wird uns auch nicht speziell unter die Nase gerieben.
Es kommt alles irgendwie über Russland, und was nicht über Russland kommt, ist sehr begrenzt und sehr begehrt. Die Axpo beispielsweise wollte 100 Prozent ihres Urans aus Kanada beziehen. Bekommen hat sie 15 Prozent, der Rest kommt nun aus Kasachstan. Dort geht es uns also gleich wie bei den militärischen Abwehrsystemen, wo man als kleine Schweiz hinten anstehen muss.
Allein das sollte doch alle überzeugen, auf einheimische erneuerbare Energien zu setzen.
Es lassen sich ja viele überzeugen: Wir hatten in den letzten Jahren einen Boom, und zwar einen von unten nach oben, in Form von Photovoltaik auf Dächern. Aus Sicht der Energieversorger ist das jedoch nicht Teil der Lösung, sondern ein Problem, denn es kostet sie Marktanteile. Dazu kommt, dass heute 50 bis 90 Prozent der Käufer von PV-Anlagen gleichzeitig eine Batterie dazu kaufen. Das macht es aus Sicht der Energieversorger nicht besser. Grosskraftwerke, egal welcher Technologie, sind für sie interessanter, da haben sie eine strategische Macht. Entsprechend stelle ich zurzeit eine Gegenbewegung gegen die Demokratisierung der Energieversorgung fest, die in den letzten Jahren stattgefunden hat.
Und deshalb stimmen wir bald über die Blackout-stoppen-Initative ab?
Es gab in der Vergangenheit drei Momente, die uns in die aktuelle Debatte geführt haben. Der erste war das CO2-Gesetz, das 2021 abgelehnt wurde, weil die SVP sich mit ihrem Nein durchsetzen konnte. Doch die SVP änderte während des Abstimmungskampfes die Strategie, weg von der Position der Klimaleugner:innen hin zum Narrativ, Klimawandel finde zwar statt, doch die im CO2-Gesetz vorgeschlagenen Massnahmen seien falsch und zu teuer. Als sie dann die Abstimmung gewann, war klar: Jetzt musste die SVP liefern. Also brachte Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher in der Sonntagspresse die einfachste Scheinlösung, die garantiert nichts ändern würde, nämlich die Forderung nach neuen AKW. Ein Jahr später lancierten Aegerters die Blackout-Initiative, und bald darauf folgte die Wahl von Albert Rösti ins Uvek. Dass die Initiative dort auf fruchtbaren Boden fallen würde, versteht sich von selbst.
Aus Sicht der Energiestiftung läuft damit aktuell alles in die falsche Richtung?
In der Politik geht es selten lange nur in eine Richtung, bevor das Pendel wieder zurückschlägt. 2017 war es sehr ruhig geworden um die Atombefürworter:innen, doch sie waren nie weg. Umgekehrt ist es heute ruhig um die Atomgegner:innen, doch auch sie sind immer noch da. Echte Seitenwechsel gab es kaum. Das atombefürwortende Nuklearforum selbst hat kürzlich eine Umfrage herausgegeben, die zum Ergebnis kam, dass 49 Prozent gegen neue AKW sind und 47 Prozent dafür. Es ist seit eh und je ziemlich fifty-fifty, und das ist ein Problem für diese Technologie.
Weshalb?
Um ein neues AKW bauen zu können, bräuchte man stabile Mehrheiten, und das über jenen langen Zeitraum hinweg, der nur schon wegen der Finanzierung nötig ist. Kommt hinzu: Je konkreter ein Energieprojekt wird, umso grösser wird auch der Widerstand. Das zeigte sich bei den alpinen Photovoltaikanlagen, das zeigt sich bei der Windenergie: Erst waren alle dafür, dann wollten einige Direktbetroffene nichts mehr davon wissen. Das dürfte bei neuen AKW nicht anders sein. Kommt tatsächlich ein konkretes Projekt, wird der Widerstand noch viel grösser.
Diese Woche hat der Nationalrat stundenlang über die Blackout-Initiative und den indirekten Gegenvorschlag debattiert und den Entscheid schliesslich auf nächste Woche vertagt. Der Ausgang ist offen: Wie bereiten Sie sich auf ein allfälliges Referendum vor?
Die Vorbereitungen auf das Sammeln der Unterschriften für das Referendum sind vor einigen Wochen angelaufen. Um uns formiert sich ein breites Bündnis gegen neue AKW, mit Greenpeace, den Grünen, der SP und den Grünliberalen und weiteren Organisationen. Bereits beim Stromgesetz 2024 haben wir die Umweltkampagne angeführt, und auch jetzt wieder werden wir bei der Abstimmungskampagne über neue AKW in den Lead gehen.
Mit welchen Plänen startet die Energiestiftung in die nächsten 50 Jahre?
AKW-Pläne bodigen, Energiewende beschleunigen, Energieversorgung so schnell wie möglich dekarbonisieren – und darauf pochen, dass alle per 2050 dafür gesetzten Ziele eingehalten werden. Gleichzeitig wollen wir nicht dafür plädieren, auf Teufel komm raus auszubauen, sondern prioritär Effizienz und Suffizienz fördern. 2050 werde ich übrigens pensioniert. Doch unabhängig davon, ob ich bis dann bei der Energiestiftung arbeite, mache ich mir keine Illusionen: Die Energiestiftung wird es wohl auch danach noch brauchen.
Der Beitrag 50 Jahre Einsatz für 100 Prozent erneuerbare Energie erschien zuerst auf P.S..
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