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Noblesse ohne Oblige

Die Soziologin Brooke Harrington befasst sich in ihrer Forschung vor allem mit den Superreichen und deren Steuervermeidungsstrategien. Um diese besser zu verstehen, hat sie sich sogar selbst zur Vermögensverwalterin ausbilden lassen. Sie wurde auch bekannt als eine, die den Ausdruck Broligarchie als erste prägte und damit ein stimmiges Bild zur Tech-Oligarchie fand. Sie stellt fest, dass sich in den letzten Jahrzehnten das Verhältnis der Reichen zur Gesellschaft verändert hat. Diese hätten immer weniger das Gefühl, der Gesellschaft gegenüber verpflichtet zu sein, aber nähmen dennoch in Anspruch, besonders hofiert zu werden. Sie seien zu einer Art Noblesse ohne Oblige geworden, ein Adel ohne Verpflichtung.

Der Zufall wollte es, dass ich vor Kurzem bei einem interessanten Anlass von Avenir Suisse, dem wirtschaftsnahen Think-Tank war. Das Leitthema der Veranstaltung war die Spaltung der Gesellschaft. Und tatsächlich bin ich mir zuweilen selbst nicht sicher, wie weit das mit dieser Spaltung her ist. Man neigt schliesslich dazu, eine Vergangenheit zu romantisieren und sich so zu imaginieren, wie man es gerne hätte. Gab es früher wirklich mehr Austausch zwischen gesellschaftlichen Schichten und unterschiedlichen politischen Positionierungen, zwischen Stadt und Land und Jung und Alt? Vermutlich nicht. 

Vieles scheint mir, funktioniert nach wie vor gut. Während Covid ging es nicht lange und es entstanden viele nachbarschaftliche Hilfsaktionen. Die Zivilgesellschaft funktioniert ganz offensichtlich noch. Gewisse Vereine mögen Schwierigkeiten haben, Personal zu finden, gleichzeitig entsteht viel Neues. Auch traditionelle Organisationen wie beispielsweise eine SP erlebt schon länger eine Trendumkehr bei den Mitgliedschaften. 

Trotzdem gibt es Hinweise darauf, dass der Zusammenhalt vor allem an den sozialen Rändern erodiert. Das zeigen beispielsweise Studien von Pro Futuris, die nachgewiesen haben, dass die Polarisierung besonders gross bei jenen Menschen ist, die sich sozial und wirtschaftlich abgehängt fühlen. Auch Einsamkeit oder psychisches Wohlbefinden hat eine starke sozioökonomische Komponente. Aber es sind eben nicht nur die Armen, die durch die Maschen fallen, sondern teilweise – und dies durchaus selbstgewählt – die Reichen. Wer nur eine kleine Steuererhöhung vom Wegzug entfernt ist, hat vermutlich nicht die tiefsten Wurzeln in einer Gesellschaft. 

Natürlich ist die Ungleichheit in der Schweiz nicht die gleiche wie in den USA, beim Einkommen geht die Schere weit weniger auseinander – beim Vermögen ist sie hingegen durchaus vergleichbar. Aber es geht auch darum, wie fest man sich der Allgemeinheit verpflichtet fühlt. 

Im deutschen Grundgesetz ist die Sozialpflichtigkeit des Eigentums verankert: «Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.» Das heisst nichts anderes, als dass das eigene Profitstreben nicht über allem steht. Ob diese Überzeugung bei vielen Superreichen noch vorhanden ist, könnte man bezweifeln. Während die Stahl- und Eisenbahnbarone des 19. Jahrhunderts Universitäten und Kunstinstitutionen stifteten, investieren heutige Broligarchen lieber in Reisen zum Mars oder in extravagante Jachten. Diejenige von Jeff Bezos soll so gross sein, dass sie nicht in einem gewöhnlichen Hafen anlegen kann. Auch in der Schweiz sagen viele, dass es immer schwieriger ist, Mäzen:innen für karitative oder kulturelle Zwecke zu finden. 

Nun hatte die gesellschaftliche Grosszügigkeit vielleicht wenig mit innerer Einsicht und grösserer Moral zu tun, sondern war vor allem eine eher pragmatische Reaktion auf politische Forderungen. Das Kalkül war wohl, dass es unter dem Strich doch viel weniger weh tut, ab und an was zu spenden, als wenn einem der Mob die Villa anzündet. Und im Moment scheint die Angst vor diesem Mob noch nicht allzu gross zu sein.

Vielleicht gibt es erste Anzeichen darauf, dass sich Widerstand regt. Zum Beispiel gegen Künstliche Intelligenz, wo es in den USA relativ viel Widerstand gegen den Bau von Datenzentren gibt und Tech-Chefs, die während Reden ausgebuht werden, wenn sie über Künstliche Intelligenz sprechen. Das grosse Revival des Klassenkampfs bleibt aber noch aus. Gerade in der Schweiz wird lieber gegen Migrant:innen denn Milliardär:innen geze­­tert.

Ob die Auseinandersetzung zwischen oben und unten in nächster Zeit wieder ins Zentrum der politischen Debatte gerät, ist offen. Klar scheint mir, dass der Rechtspopulismus elektoral noch erfolgreicher unterwegs ist als sein linkes Pendant. Vielleicht, weil er das Bedürfnis nach Ressentiments besser bespielen kann. Natürlich pflegt auch der Linkspopulismus ein Freund-Feind-Schema, aber mit weit weniger Energie. Unter dem Strich zielt der Hauptfokus des linken Populismus da­rauf, den Menschen etwas zu geben und weniger, ihnen etwas wegzunehmen – auch wenn Umverteilung ein Teil der Agenda ist. 

Ein vielleicht unterschätzter Teil der Debatte ist die Auswirkung unserer Medienkonsumgewohnheiten durch das Internet. Marshall McLuhan hat bereits in den 1960er-Jahren von einer Retribalisierung der Gesellschaft gesprochen (damals stand noch das Fernsehen im Mittelpunkt). Die textbasierte Gesellschaft wird durch eine orale Gesellschaft abgelöst, die einer Stammeskultur ähnelt. Eine Gesellschaft, in der das Lesen und Schreiben von der Künstlichen Intelligenz übernommen wird, deren Wahrheitsgehalt zweifelhaft ist, wird sich noch mehr tribalisieren, weil das persönliche Gespräch zur einzigen vertrauenswürdigen Quelle wird. Ökonomisch gesehen sind Stammesgesellschaften innerhalb des Stammes meist relativ egalitär. Aber gleichzeitig definieren sie sich stark in Abwehr gegenüber anderen Gruppen. 

Demokratische Gesellschaften leben auch davon, dass man über die eigene Gruppe hinausdenken kann. Dass sich auch Kinderlose dafür aussprechen, eine gute Volksschule zu wollen, dass auch Gutsituierte sich dafür einsetzen, dass weniger Privilegierte unterstützt werden, dass man Dinge finanziert, die man selber nicht braucht. Die Moderne brachte zudem mit sich, dass man nicht nur einer Gruppe angehört und diese auch wechseln kann, dass Identitäten vielschichtiger und komplizierter sind und sein dürfen. 

Mir scheint weder Klassenkampf noch Tribalisierung wünschenswert. Um das zu verhindern, braucht es aber einen realen Einsatz für die Demokratie, und zwar nicht nur aus der Mitte, sondern insbesondere auch von Oben. Das Liebäugeln gewisser Wirtschaftskreise mit dem Autoritarismus, sei es China oder Trump, ist da nicht hilfreich. Eine demokratische Gesellschaft und ein gutes Zusammenleben funktionieren nicht mit reinem Eigennutz. Die Verpflichtung gehört nun einmal dazu. 

Der Beitrag Noblesse ohne Oblige erschien zuerst auf P.S..

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