Falls Sie als langjährige:r P.S.-Leser:in meine Kolumnen zum Thema Gendersprache herausgerissen und aufbehalten haben (was Sie ja gewiss alle tun!*), werden Sie beim Wiederlesen feststellen, dass sich gewisse Dinge an meiner Einstellung dazu über die Jahre entwickelt haben. Das Thema ist ja auch enorm komplex, und alle, die behaupten, es sei ganz einfach, man müsse es nur so oder so machen, tun ihrem Anliegen keinen Gefallen – egal aus welchem Lager sie kommen.
Die Gender-Gegner:innen: Sie möchten gern zum Deutsch der Siebzigerjahre zurück mit dem generischen Maskulinum und dem Femininum als Sonderfall. Sie ignorieren die berechtigten Anliegen vieler Anwender:innen der Sprache: Das Anliegen der Frauen, gleichberechtigt genannt zu werden. Das Anliegen queerer Menschen, mit ihren Geschlechtsidentitäten überhaupt genannt zu werden.
Die Gender-Turbos: Sie möchten eine Sprache, die alle möglichen Geschlechtsidentitäten explizit einschliesst, und erfinden zu diesem Zweck neue Formen, die sie als inklusiv deklarieren. Damit ignorieren auch sie die berechtigten Anliegen vieler Anwender:innen der Sprache: Das Anliegen von Menschen ohne höhere Schulbildung, Texte verstehen und formulieren zu können. Das Anliegen fremdsprachiger Menschen, Deutsch einfach zu lernen. Das Anliegen Schreibender aller Art, elegante und flüssig lesbare Texte zu verfassen.
Die Gegenseite als ewiggestrig und frauen-/queerfeindlich oder aber als woke-wahnsinnig zu verunglimpfen, hilft nicht weiter, denn die Wünsche beider Seiten sind ernsthaft und legitim. Das Problem ist, dass aktuell kein brauchbarer Ansatz in Sicht ist, der allen Anliegen Rechnung trägt. Die feministische Linguistin Luise F. Pusch schlug in den 1980er-Jahren vor, alle Bezeichnungen für Menschen sächlich zu machen (also «das Leser»), und nur mit dem Artikel zu spezifizieren, wenn explizit ein männliches oder weibliches Leser gemeint ist (also «der Leser» resp. «die Leser»). Aus heutiger Sicht würde ich gar noch weiter gehen und das sprachliche Geschlecht ganz abschaffen. Wenn wir von Menschen sprechen, ist in den meisten Fällen das Geschlecht unerheblich. Und wieso ist ein Tisch männlich, ein Bett sächlich und eine Liege weiblich? Das ist reine Schikane, im Englischen geht es tipptopp ohne sowas. Puschs Vorschlag wurde damals als unrealistisch angesehen, da er zu weit vom aktuellen Sprachgebrauch abwich – so ist es schon recht ironisch, dass wir uns heute an «der/die Leser:in» zu gewöhnen versuchen, was von einem intuitiven Sprachgebrauch noch wesentlich weiter entfernt ist.
Für den Moment plädiere ich für einen entspannten Umgang mit dem Thema. Solange es keine brauchbaren Regeln gibt, soll jede:r schreiben, wie es ihr/ihm/them (?) sinnvoll erscheint. Um die Freude an der Sprache nicht zu verlieren, empfehle ich kreatives Gendern. Heisst es etwa Weihnachtsmensch oder Weihnachtsperson? Egal, Hauptsache, auf dem Guetzliteller liegen Spitzkinder. Danach gehts in die Ferien nach St. Moritz/Sta. Maurizia, oder doch lieber nach Griech:innenland? Muota-/Vatathal (Eltarateilthal?) und Menschenfeld sind auch schön. Wir sind rechtzeitig zurück zum 3-Royals-Kuchen, und dann kommt auch schon bald das Osterlangohr. Sowas ist schweineglatt, oder? Und mit etwas Übung lässt es sich gut beherrschen. Oha… bepersonmitweisungsbefugnisschen.
*Falls Sie meine Kolumnen nachlesen wollen, finden Sie sie auf https://www.pszeitung.ch/author/markus-ernst/. Leider nur zurück bis April 2024; die gesammelten Kolumnen zum Thema Gender und Sprache finden Sie unter dem Link https://derernstdeslebens.ch/tag/gender/.
Der Beitrag Spitzkinder erschien zuerst auf P.S..
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