«Ich verstehe es, aber die Panik ist stärker», leitet Max Kraus aus dem Off die Vorrede zu «Journal d’un corps» von Daniel Pennac ein. Die Erzählstimme beschliesst, fortan ein akribisches Protokoll sämtlicher körperlicher Reizerfahrungen zu führen, um nie wieder in die Verlegenheit eines Unvermögens der Separierbarkeit von Empfindungen zu gelangen. Klingt nachgerade pathologisch und nimmt während der Inszenierung von Camille Roduit diesbezüglich immer weiter steigernde Züge an. Maximilian Reichert als stummer physisch Anwesender ist als Gegenpart zur Stimme von Max Kraus als tumber Zombiekörper gezeichnet. Während seiner Tagesroutine kann er die Augen geschlossen behalten, weil auf die Lider geschminkte Augen ein Sehen suggerieren und die Abläufe ohnehin stereotyp ausfallen. Allerdings auch ungeheuer lust- und antriebslos. Der Text, in sieben Zeitfenstern eines langen Menschenlebens angeblich voneinander unterschieden und doch sehr mannmännlich durchwegs auf ein spezifisches Körperfitzelchen fokussiert, steigert sich derweil in eine Detailversessenheit, womit bald nachfühlbar wird, während einer solchen Besessenheit keine Kapazität mehr für irgend etwas anderes aufbringen zu vermögen. Und sei es zum Preis, mindestens einen der gewichtigeren Teile des Daseins genauso konsequent unterdrücken zu müssen, wie es das Bannen der Gefahr eines Überwältigtwerdens nach sämtliche Kräfte zehrender Anstrengung verlangt: Freude. Zum Beispiel. Mögliche Allegorien sind zahlreich: Fit in den Tod alias Körperwahn, Work-Life-Balance alias Separationsmaxime. Das auf einer entgegengesetzten Stelle fungierende und darum eben gerade nicht kanalisierbare Urvertrauen wird hier als potenziell unnütz untergepflügt und scheints wider Erwarten nicht wieder an die Oberfläche der Wahrnehmung zu schaffen. In der Konsequenz wirkt diese Vermeidungsstrategie trostlos und trist.
«Journal d’un corps», bis 9.6., Chorgasse, Theater Neumarkt, Zürich.
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