Artikel, p.s. Zeitung

Verwandlung

Üblicherweise warnt das Kleingedruckte bei pharmazeutischen Präparaten im Kurzschluss mit: Die Einnahme von Medizin kann sie töten. Vergleichbar auf einen Nenner heruntergebrochen, fasst Susanne Abelein in «Wind of Change» die möglichen körperlichen, physischen und seelischen Nebenwirkungen einer Menopause zusammen mit: «alles ausser Fusspilz». Die Aufzählung bis dorthin wirkt furchteinflössend fachchinesisch und steht im krassen Gegensatz zur ärztlichen Maulfaulheit beim Thema Wechseljahre. Also bleibt nichts anderes übrig, als das drohende «Wegschrumpeln mit Hormonen zu substituieren». Das neutral formulierte «Endlichkeit und Verfall betrifft uns alle» verkehrt sich im Handumdrehen in die gebellte Beschimpfung «nehmt es mit Humor». Um dann aufzuzählen, wie ausgeprägt das Vorhandensein von Fachärztinnen in leitenden und lehrenden Funktionen eben gerade nicht ist und in welchem Fall überhaupt ein allgemeines Interesse an der zweiten Transformation einer Frau besteht: Wenn ein Investment darin Profit verspricht. «Älterwerden wird wegperformt», sagt sie und illustriert dies anhand einer Wachsimulation während einer total wichtigen beruflichen Unterredung, deren Diskussionslevel und Lösungsfindung die Notwendigkeit der physischen Anwesenheit aller Beteiligten absolut bedingt. Also: scheints. Mehrere Folgeerscheinungen dieses sich konstant verwandelnden Körpers, die in der Kurzform während der Experimentierplattform «Inkubator» vor einem Jahr noch ausformuliert worden waren, sind jetzt in Publikumserlebnisse überführt. Die Wankelmütigkeit, die Vergesslichkeit, das Gehetztsein. Wohingegen das erwartete Verständnis für ein allgemeines Unverständnis gegenüber der Frau in dieser Situation, die schlappe drei bis fünfzehn Jahre andauern kann, am eindringlichsten als verbalisierte sarkastische Breitseite wirkt. Um nicht in ein eindimensionales Schimpfen, Zetern und sich Beklagen zu kippen, spielt zwischenzeitlich Charles Aznavours «Tu t’laisses aller» auf Deutsch und rückt die eindimensionale Alleserwartungshaltung und Schuldzuweisung an die Frau in einer stupenden Deutlichkeit ins rechte Licht. Denn die Zweifel, ob sie mit diesem Programm jetzt noch Vorreiterin oder schon Mainstreamopfer sei, die vor allem von aussen an sie getragen werden, sind mit nur wenig Anstrengung von Phantasie als Gegengleich zu diesem Machogesäusel von vor sechzig Jahren erkennbar. Der Kampf mit dem Krampf kennt indes ganz zuletzt ein befreiendes Ende: Als erstmaliges Erleben eines komplett gelösten Freiheitsgefühls.

«Wind of Change», bis 6.6., Fabriktheater, Zürich.

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