Artikel, p.s. Zeitung

Z’graggen träumt

Wenn die heutige Urner Mitte-Ständerätin Heidi Z’graggen zum Zugfenster hinausblickt, sieht sie enorm viele Baukräne und kommt ins Sinnieren: «Man merkt, dass immer mehr Menschen in der Schweiz leben.» Daher ist sie für die Chaosinitiative, Nein-Parole ihrer Partei hin oder her. Das war 2006 noch ganz anders. Damals war Z’graggen Regierungsrätin im Kanton Uri, und in der Gemeinde Andermatt hatte das Militär soeben beschlossen abzuziehen, was die Gemeinde ins Desaster stürzte. Da aber kam die Rettung in Gestalt von Samih Sawiris, einem ägyptischen Gross­investor mit ETH-Studium, perfektem Deutsch und einem Faible für die Alpen, der in Andermatt eine Grossüberbauung samt Infrastruktur realisieren wollte. Die Urner:innen waren begeistert. Mit schwierigen Bauherren hatten sie Erfahrung  (Schöllenenbrücke!). Also setzte sich Regierungsrätin Z’graggen in Bewegung.

Der Bund verlangte im Rahmen der üblichen Richtplanung etwas Neues: eine Nachhaltigkeitsprüfung. Dafür gab es noch keine Präzedenzfälle. Als Co-Leiter des Instituts für nachhaltige Entwicklung an der ZHAW war ich einer der wenigen Fachleute im Land, und wir bekamen den Auftrag, zusammen mit einem privaten Ingenieurbüro das Projekt von Samih Sawiris im Frühstadium zu begutachten. Das Resultat ist mir bis heute peinlich, denn ich habe weder vorher noch nachher jemals erlebt, dass man unser Team derart unter politischen Druck gesetzt hat, ein positives Ergebnis herbeizugutachten – unter der Federführung von: siehe oben.

Die ökologische Bilanz war einfach. Man darf ruhig sagen: Wo das Militär ist, da wächst kein Grashalm mehr, daher war der Abzug der Armee ökologisch eher positiv, sogar wenn man den biologisch ärmlichen Golfplatz und die vielen Neubauten berücksichtigt. Wirtschaftlich gesehen war die Lage sogar eindeutig: Man darf ruhig behaupten, dass Andermatt heute ein ausgestorbenes Geisterdorf wäre, in dem noch ein paar wenige Alte leben plus allenfalls der Wolf. Es konnte also nur besser werden. Blieb noch die Gesellschaft, und hier kamen wir zum Schluss, dass das Sawiris-Projekt zumindest heikel sei und negative Wirkungen habe. Denn die Umwälzungen des Projekts in derart kurzer Zeit stellten dessen Sozialverträglichkeit infrage. Dagegen stand die Hoffnung, dass die Abwanderung gestoppt werden könne. Wie üblich bei solchen Nachhaltigkeitsbeurteilungen, wo Äpfel mit Birnen verglichen werden, mussten wir nun alle Auswirkungen werten und gewichten. Der Kanton ‹half› uns dabei: Eine negative Bewertung kam schon gar nicht infrage, und ich bin, wie erwähnt, nicht stolz darauf, dass wir letztlich nachgaben. Das Endresultat lautete: Unentschieden bei der Ökologie, positiv bei der Wirtschaft und leicht positiv bei der Gesellschaft. Also super.

Falls sie wissen wollen, wie das zwanzig Jahre später herausgekommen ist, brauchen Sie nur nach Andermatt zu fahren und sich umzusehen. Vieles kam nicht so, wie gewünscht. Die ersehnte regionale Wertschöpfung blieb unter der Erwartung, die Gesellschaft ist segregiert und ausser Balance, und ob die Abwanderung wirklich gestoppt und nicht einfach die Zuwanderung erhöht wurde, ist fraglich. Der Natur schliesslich geht es tatsächlich besser, aber ohne Sawiris ginge es ihr noch viel besser. Vielleicht ist Heidi Z’graggen deshalb etwas weniger bauwütig und etwas mehr xenophob als damals. Aber wie man ja auch bei der AKW-Thematik sieht, ist das definitive Mitte-Motto eh: Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern.

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