Zweifel. Am politischen System, der Gesellschaftsstruktur, der Verteilung von Reichtum und Macht, am einengenden Rollenverständnis als Frau. Aufgewachsen in einem nonkonformistischen, feministischen, antifaschistischen und antiklerikalen Milieu kannte Goliarda Sapienza (1924-1996) die Power und Wertigkeit von Gegenwehr und intellektueller Theorie. Die Meriten dieser standhaften Lebensführung werden ihr aber zeitlebens verwehrt bleiben. Das literarische Opus Magnum wurde erst im Ausland und posthum veröffentlicht, bevor «L’arte della gioia» endlich auch auf italienisch erschien. «Fuori» von Mario Martone ist eine Mélange aus Biographie, ihren in weiteren literarischen Werken veröffentlichten Gedanken und einem Sittenbild Roms in den frühen 1980er-Jahren.
Als Gleichwertigkeit und Gerechtigkeit postulierende Intellektuelle war Goliarda Sapienza (Valeria Golino) in den besten Kreisen als eine Art Pausenclown wohlgelitten. Die Diskrepanz zwischen der Ernsthaftigkeit ihres Ansinnens und der Ignoranz jener Gesellschaft, die sich nicht dazu bequemte, die in ihren Händen ruhenden Mittel zur Veränderung zum Positiven auch nur zu denken, trieb sie mehrfach an den Rand der Verzweiflung. Am wirtschaftlichen Tiefpunkt droht sie, ihre Wohnung zu verlieren, findet keine noch so unqualifizierte Arbeit und greift aus einer Art Trotz zur Selbstjustiz. Einer Adligen klaut sie ein Brillantcollier und verhökert es, was auffliegt und sie hinter Gitter bringt. Im Frauengefängnis Rebibbia findet sie eine im Vergleich zur Aussenwelt vollständig veränderte Lebens- und Gesellschaftsordnung vor, in der zwischen Aufrichtigkeit und Hintertriebenheit viel transparenter unterschieden wird.
Wieder entlassen, steht sie noch weiter entfernt von einem Verständnis für die geltenden Verhältnisse als es ihr bereits zuvor möglich war. Für ein Netzwerk in solidarischer Zugewandtheit kommen nur Mitinsassinnen infrage, die je einen eigenen Weg zur Bewältigung der grossen Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit gefunden zu haben scheinen, oder aber: auf ihre je individuelle Weise leiden. Im Misstrauen gegen alles und jedes vereint, raffen sich in «Fuori» drei Frauen sehr lose zu einer Art Wahlverwandtschaft zusammen und bleiben letztlich doch mausbeinallein. Auf die Stimme der Frau wartet niemand. Auf unbequeme Wahrheiten auch nicht. An ihrer Überzeugung indes, ihre Erkenntnis in anklagende Literatur fliessen lassen zu müssen, um wenigstens nach dem welksten Strohhalm zu greifen, der sich ihr überhaupt anerbietet, hält sie eisern fest. Und findet darüber zurück zu einer Art Lebensfreude.
«Fuori» spielt im Kino Piccadilly.
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