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Radikale Einbindung der Bevölkerung

Die Zeit um den «längsten Tag» gehörten früher bei den Kelten, Germanen und Slawen zu den wichtigsten Feiertagen im Jahr. Die Christen feiern den Geburtstag von Johannes dem Täufer am 24. Juni seit dem 5. Jahrhundert. Aber nicht nur steht in diesen Tagen die Sonne am höchsten, sondern an feuchten Waldrändern, bei Trockenmauern, auf Friedhöfen sind in dieser Zeit beim Einnachten Glühwürmchen zu beobachten. Legendenumwoben üben sie eine grosse Faszination auf viele Menschen aus. Hotspots wie etwa in Zürich oberhalb des Bucheggplatzes oder im Friedhof Nordheim ziehen bei schönem Wetter jeweils Hunderte von Menschen an. In Winterthur sind aktuell keine ähnlichen Lebensräume bekannt. Das soll sich aber ändern: Dieser Tage schwärmen rund 40 Freiwillige aus, um gezielt nach Glühwürmchen zu suchen. Es ist nicht das einzige Projekt, bei dem Stadtgrün auf die Einbindung der Bevölkerung setzt.

Michael Wiesner, warum hat die Stadt Winterthur diese Suche nach den Glühwürmchen lanciert?

Wir erhalten immer wieder Anfragen aus der Bevölkerung, wo man im Raum Winterthur Glühwürmchen beobachten könne. Und ehrlich gesagt: Wir haben keine Ahnung, ob es überhaupt noch Vorkommen gibt. Daher haben wir zusammen mit der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft Winterthur (NGW), dem Naturmuseum und den lokalen Vogel- und Naturschutzvereinen diese Aktion lanciert.

Wie funktioniert das Projekt?

Aufgrund von Berichten und dem Know-how von Biolog:innen haben wir 15 Gebiete evaluiert, an denen früher Glühwürmchen bekannt waren oder die sich aufgrund der Rahmenbedingungen besonders eignen. Diese werden nun ab Mitte Juni bis Mitte Juli von 40 Freiwilligen regelmässig kontrolliert, und wir erhoffen uns, dass wir erfahren, wo es noch minimale Glühwürmchen-Kolonien gibt. Falls wir solche Vorkommen finden, können wir dann gezielt Fördermassnahmen erarbeiten.

Dieses Glühwürmchenmonitoring ist nicht das einzige Projekt, bei dem Stadtgrün die Bevölkerung einbindet. Es gibt die «Winti-Ranger», die «Winti-Scouts», das «Team Stadtnatur»: Sind das einfach verkappte Sparmassnahmen, um Tätigkeiten der Stadt an die Bevölkerung auszulagern?

Nein, natürlich nicht. Alle diese Aktivitäten sind Ausdruck einer klaren Strategie von Stadtgrün, um Fragen der Biodiversität in der Bevölkerung stärker zu verankern. Indem die Teilnehmer:innen dieser Programme ganz konkret erleben, was «Biodiversität» bedeutet, sind sie stärker auf Fragen in diesem Zusammenhang sensibilisiert und werden zu eigenem Handeln angeregt. Letzthin sah ich eine Frau, welche offenbar auf einem Spaziergang war und spontan ein Berufkraut, einen Neophyten, am Wegrand ausgerissen und entsorgt hat.

Wie unterscheiden sich diese Angebote?

Das älteste ist das Projekt «Winti-Ranger». Es wurde bereits 2014 lanciert. Heute umfasst das Team etwa 45 Freiwillige. Da geht es darum, vor allem im Wald draussen und in Naturschutzgebieten Stadtgrün bei den Pflegemassnahmen zu ergänzen. Faktisch jede Woche findet ein Einsatz statt. Neophyten jäten, lichte Waldstücke rechen oder Froschzäune auf- und abbauen. Dazu werden immer wieder Weiterbildungen und Exkursionen angeboten. Inzwischen ist seit rund zwei Jahren auch eine vollamtliche Rangerin angestellt.

Ähnlich wie bei den Winti-Rangern geht es beim neu lancierten «Team Stadtnatur» um praktische Einsätze, jedoch nicht draussen im Wald, sondern innerhalb des Siedlungsraumes. Dieses Projekt haben wir erst in diesem Frühjahr lanciert und es befindet sich im Aufbau.

Anders gelagert ist das Projekt «Winti-Scouts»: Hier geht es um die Erfassung der Artenvielfalt. Dabei können Winterthurer:innen mit dem Handy und einer Botanik-App die Pflanzenvielfalt auf Stadtgebiet dokumentieren und so Grundlagen für den Schutz seltener Arten schaffen. Hier beteiligen sich bereits über 300 Personen. Es hilft, etwa bei bei der Planung von Bauprojekten, frühzeitig seltene Pflanzen zu schützen, eventuell auch zu versetzen. Beispiele sind die ökologischen Ersatzmassnahmen im Zusammenhang mit der Erweiterung der ARA oder das Projekt Mehrspur im Süden der Stadt. Die Beobachtungen werden auf einer interaktiven Karte dokumentiert (https://www.winti-scout.ch/karte/). Auch den Winti-Scouts bieten wir Weiterbildungsmöglichkeiten an. 

Wichtig ist uns die Zusammenarbeit mit weiteren Organisationen: Wie erwähnt der NGW oder die Vogel- und Naturschutzvereine in Seen, Veltheim-Wülflingen und neu auch in Töss-Tössfeld. Für alle, die bei einem solchen Projekt mitarbeiten, ist «Biodiversität» kein abstrakter Begriff mehr, und sie wirken für uns in die Bevölkerung hinein, um die Artenvielfalt zu fördern.

Links: www.wintiranger.ch, www.winti-scout.ch, kurzlink.ch/stadtnatur-winterthur

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