Artikel, p.s. Zeitung

Empowerment

Der Sprechchor aus Laien und Profis und einem persönlichen Bezug zum Zürcher Kreis 5 als Wohnort, Lebensmittelpunkt und sozialem Netz ist in der Herkunft und im Alter so durchmischt, wie es ein urbanes Quartier vermuten liesse. Allerdings ist diese ebenso bedroht wie jede Einzelperson in einer bislang bezahlbaren Mietwohnung. Elf Personen zwischen elf und 81 Jahren stimmen zu Beginn von «Suchst du noch oder wohnst du schon?» in je eine Begrüssungsfloskel ein, die in ein babylonisches Sprachenwirrwarr respektive einen Lärmpegel der Unverständlichkeit mündet. Schnell ist klar: Gelassenheit, Ruhe und Komfort sind nicht hier zu Hause. Die Idee des Zusammenschlusses führt zu einem Beschwörungskreis der gemeinsamen Kräfte, wie vom Teamsport vor einem Match bekannt. Einzelne Darsteller:innen stehen mit der Erzählung ihrer individuellen Wohnsituation in den Vordergrund, erzählen vom Glück, berichten von beobachteten Veränderungen des Lebens auch im öffentlichen Raum und landen wieder in corpore bei statistischen Fakten. Seit den 1950er-Jahren hat sich der durchschnittliche Flächenbedarf einer Person fürs Wohnen verdreifacht. Verändert haben sich neben der sozialen Struktur insbesondere die Entdeckung des Wohnungsbaus als Investment und damit auch der Sprachgebrauch: Aus Häusern wurden Objekte, aus Familien wurden Parteien. Auf konkrete Beispiele der Grosszahl an verschwundenen Wohnungen im Kostenbereich des Bezahlbaren folgt eine Aufzählung von Begründungen für die absolute Notwendigkeit einer Totalsanierung, die in der satirischen Überhöhung mündet: «Fussleiste verrutscht – Totalsanierung!» Diese Ohnmacht wird sekundiert von unbequemen Wahrheiten wie der, dass «die Mehrheit der Politiker Hausbesitzer sind», um in einer regelrecht ätzenden, momentan noch fiktiven amtlich-bürokratischen Schulung für ein rechtschaffenes Verhalten von Obdachlosen eine vorläufige Spitze zu finden. Ergänzt von Absurditäten, die sich während einer Betrachtung von Tatsachen leider als real herausstellen sollen wie: Leerstand lohnt sich. Der Lösungsansatz für eine dystopisch gemalte Zukunft sieht das Quartierprojekt in einer Vergemeinschaftung von praktisch allem. Aus Besetzer:innen werden Nomad:innen, was die Anspruchshaltung an Besitz verändert, weil an seine Stelle Werte getreten sind, über deren Nutzen und Dringlichkeit sich mit der Zeit alle einig wurden. Der soziale Gewinn setzt sich durch, derweil die akute Drohung zum Schluss halt doch wieder ans Fenster klopft: «Bitte rufen sie nicht an!»

«Suchst du noch oder wohnst du schon?», bis 17.6., Sogar Theater, Zürich.

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