Artikel, p.s. Zeitung

Die Gretchenfrage

In der Bibel, der Thora, dem Koran kommen Frauen schlecht weg. Ihr Körper ist schmutzig, ihre Seele ist schuldig. Entgegen des gemeinsamen Kerns jeder dieser monotheistischen Lehren, der Liebe, werden in angeblich ihrem Namen Kriege geführt, Menschen unterdrückt, Freiheiten sanktioniert. Trotzdem bekennt sich eine grosse Zahl der Frauen auf der Welt zu einem Glauben, versteht sich als zu einer Religion zugehörig. Nicht alle sind gleichermassen willens, sich einem der für dominierend angesehenen Dogmen widerspruchslos zu unterwerfen. Über zwei Dutzend Aktivistinnen aus allen drei monotheistischen Glaubensrichtungen hat Inna Shevchenko dazu befragt, wie sie feministischen Aktivismus und Glauben unter einen Hut zu bringen vermögen respektive ihre Religion in Richtung einer Vereinbarkeit zu verändern suchen. «Girls & Gods» sucht nicht nach der einen Antwort, sondern erarbeitet sich in der klassischen Dialektik von Rede und Gegenrede ein möglichst breites Bild der existierenden Argumentarien für das Recht aufs Predigen, das Recht auf Abtreibung, das Recht auf Kopftuchtragen respektive immer auch das Gegenteil einzufangen. Inna Shevchenko stellt ihre Fragen unverblümt, hakt bei Bedarf nach, aber lässt alle Antworten als solche stehen.

Glaubensfreiheit

So können die Religionshistorikerin Leïla Tamil und die Aktivistin Laureen Both bezüglich des Zusammenhanges des Kopftuchtragens mit einem Glaubensbekenntnis zu komplett widersprüchlichen Schlüssen gelangen und dennoch eins darin sein, dass sogenannte Sittlichkeit im Auftreten und Erscheinungsbild keine Frau vor sexueller Gewalt schützt. Für Leïla Tamil ist das Kopftuch eine vorreligiöse soziale Praxis, um die freien von den versklavten Frauen separieren zu können, während das Kopftuch für Laureen Both bedeutet, sich dem Willen Gottes zu unterwerfen. Hinzu kommt im realen Erleben die dritte Ebene der patriarchalen Machtausübung, die Rechtfertigungen in Glaubenssätzen erfindet, um die Eigendurchsetzung nicht zu gefährden. Inna Shevchenko betont mehrfach die Wichtigkeit der Unterscheidung zwischen der Kritik an Ideen und der Dämonisierung von Menschen. Ein sehr filigraner Balanceakt, den die ‹Charlie Hebdo›-Zeichnerin Coco trotz nur knapp überlebtem Anschlag noch immer mit spitzer Feder provokant bis an die Schmerzgrenze herausfordert und das Anrecht auf Blasphemie hochhält. Im Kern identisch, wenngleich zurückhaltender formuliert, bringt es Jamie L. Manson, ehemalige Präsidentin von «Catholics for Choice» auf den Punkt: «Religionsfreiheit bedeutet auch frei vom Glauben von anderen zu sein.» Gegen ihre Überzeugung des Rechts auf Abtreibung (unter Prämissen) stehen Michele Sterlace-Accorsi und Emily Capello von «Feminists Choosing Life» dezidiert ein, was den Diskurs zuletzt weit über eine religiöse Konnotation hinaus auffächert und in der Frage mündet: Was ist Mord? Derweil die ebenfalls US-amerikanische Rabbinerin Avigayil Halpern darüber aufklärt, dass die Thora überhaupt nicht auf der Idee basiere, das eine gültige Wort Gottes zu repräsentieren, sondern den intellektuellen, moralischen, ethischen Diskurs wiedergebe, den die Herausforderungen des Lebens an einen Menschen stellten, und präsentiert eine Seite, auf der sich fünf Rabbiner über eine Frage entschieden uneins sind, gleichberechtigt nebeneinander.

Machtanspruch

Die studierten Theologinnen des Christentums wie des Islam sind sich wiederum sicher, dass ihr jeweiliger Messias ein Vorreiter der Frauenbefreiung war und dass die Nichtzulassung von Frauen für predigende Funktionen dem Kern ihrer Bücher widerspreche. Die Bischöfin Christine Mayr-Lumetzberger geht sogar noch einen Schritt weiter. Wenn sie darauf hinweist, dass es zu Beginn des katholischen Katechismus heisst, «unsere Sprache rein sein soll, um das Bild Gottes nicht zu entstellen» und darunter auch die sogenannte inklusive Sprache der Geschlechterdiversität versteht, wird eine weitere Diskrepanz manifest. Die zwischen der Verteidigung einer Auslegung der Bücher und dem verbreiteten Mangel einer profunden Kenntnis der Verschriftlichung. Geschweige denn einer Einigkeit darüber, inwieweit die Lebensrealitäten in der Zeit der Niederschrift mit der Bedeutung für das Heute überhaupt deckungsgleich sein können. Zwischen die ungeheuer klugen und erkenntnisreichen Gespräche schneiden die Filmemacher:innen Arash T. Riahi und Verena Soltiz immer wieder Zeugnisse feministischer Kunst, die spielerisch bis provokant im Sinn führen, eine Eindimensionalität der Betrachtung von allem aufzubrechen und so einen eigenen Machtanspruch zu reklamieren.

«Girls & Gods» spielt in den Kinos Houdini, Zürich und Cameo, Winterthur.

Der Beitrag Die Gretchenfrage erschien zuerst auf P.S..

Powered by WPeMatico

Facebook Twitter Email