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Hohle Phrasen

Theater ist eine krass hierarchische Angelegenheit. Also Stadttheater. Wobei die Reihenfolge, bezieht es sich für einmal nach dem tatsächlichen Einfluss, in einer Innensicht nicht zwingend dem Bild von aussen entsprechen muss. In John von Düffels «Knechte der Kulturindustrie», einem Gastspiel des TD Berlin, sind alle Figuren in Abstufungen betriebsblind oder von Eitelkeit verblendet. Der regieführende Intendant Hans (Florian Stetter) findet am Tag nach seiner höchstens lau begeisternden Premiere eine einstweilige Verfügung alias Verbot einer weiteren Vorführung dieser Fassung durch die Autorenrechtevertretung im Fax (!), sollte die von ihm und der Chefdramaturgin Ulla (Isabel Schosnig) herausgestrichene Nebenfigur nicht stante pede wieder reingeschrieben werden. Auf der Lohnliste als Ensemblemitglied steht der Schauspieler Manfred (Franke Wiegard), der indes noch nie so wirklich bedeutend besetzt worden ist und darüber hinaus in einem wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnis steckt: als privater Partner von Ulla. Drei Ebenen oder Hierarchiestufen, die sich hier hinter den Kulissen in überragend klugen und tiefschürfenden Voten einzig darum bemühend geben, die Freiheit der Kunst und die Weiterentwicklung des Theaters im Sinn zu führen. Kompromisslos, versteht sich. Also theoretisch. Und natürlich wird neuerdings auch höchster Wert auf Sozialverträglichkeit, Ansprache und Umgang mit Nähe und Distanz gelegt und dies mit einem Tonfall bestärkt, als handelte es sich dabei um eine tatsächliche Selbstverständlichkeit respektive ein intrinsisches Bedürfnis nach Respekt. Georg Scharegg inszeniert diese Verbiegeakrobatik in Verlogenheit mit einem solchen Todernst, dass das Stück den Anschein erweckt, zum Brüllen komisch zu sein und das Zuschauen tatsächlich zur Heidengaudi wird. Derweil das Menschliche im Umgang grad in Echtzeit der Zeitlupe eines Videobeweises in der halluzinierten Grandezza eines Triumphs vor die Hunde geht.

«Knechte der Kulturindustrie», 12.6., Theater Winkelwiese, Zürich.

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«Die Resonanz ist überwältigend»

Elena Nierlich, wie kamen Sie auf die Idee, dass die Langstrasse Weltkulturerbe sein sollte?

Elena Nierlich: Wir haben vor der Bar eine Sitzbank, von der aus man wunderbar das Geschehen an der Langstrasse beobachten kann. Intern nennen wir sie deshalb auch Gafferbank. Dort sassen wir und fanden, eigentlich müsste man die Langstrasse schützen. Als wir uns überlegt haben, wie wir das am besten machen könnten, sind wir auf das Unesco-Weltkulturerbe gekommen. Lange informiert haben wir uns nicht, sondern einfach mal gemacht.

Das Anliegen wird auch durch bekannte Persönlichkeiten unterstützt. Der Schriftsteller Martin Suter, die Kabarettistin Lara Stoll und die Gastronomin Elif Oskan haben die Petition bereits unterschrieben.

Wir dachten, es wäre gut, wenn wir gleich zu Beginn schon ein paar prominente Namen hätten, die unser Anliegen unterstützen, auch um in den Medien vorzukommen. Also haben wir ein paar Personen angefragt, die hier oder sonst an der Langstrasse verkehren, und sie haben sofort zugesagt.

Das scheint zu funktionieren. Fast alle regionalen Medien berichteten darüber und auch einige nationale Medien nahmen das Thema auf.

Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Nun sind auch noch das Westschweizer und das Tessiner Fernsehen vorbeigekommen, um darüber zu berichten. Wir scheinen also einen Nerv zu treffen.

Wie hat sich diese Aufmerksamkeit auf die Petition ausgewirkt?

Die Resonanz ist überwältigend. Bei der Online-Petition mussten wir angeben, wie viele Unterschriften unser Ziel sind, wir haben mal 100 angegeben, eine knappe Woche später waren es schon fast 1000. Dazu kommen noch alle Unterschriften, die vor Ort abgegeben wurden. Man muss aber auch etwas relativieren: Die Hürden, um eine Petition zu unterschreiben, sind ziemlich niedrig. Dafür muss man keinen Schweizer Pass haben oder in Zürich wohnen. Bewerbungen, um einen Ort als Weltkulturerbe anzuerkennen, können nur von staatlichen Stellen eingereicht werden. Deshalb müssen wir uns mit einer Petition an den Stadtrat richten. 

Haben Sie von der Stadt schon etwas gehört?

Die Stadt hat gegenüber den Medien kommuniziert, dass sie das Anliegen zur Kenntnis genommen hat. Als die Petition so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, habe ich eine Mail geschrieben, aber bisher noch keine Antwort bekommen. Falls er will, kann Stadtpräsident Raphael Golta aber gerne für einen Shot in der Bar vorbeikommen, dann können wir das besprechen.

Haben Sie sonst schon Feedback bekommen?

Ich habe schon einige Mails von Personen bekommen, die unser Anliegen unterstützen. Jemand hat mir aber auch geschrieben, dass es innerhalb von Weltkulturerben nicht möglich sei, Sonnenkollektoren auf Dächer zu installieren. Da müssten wir dann vielleicht noch mit der Unesco zusammensitzen, damit so etwas trotzdem möglich wäre. Das Ziel ist schliesslich nicht, dass sich nichts mehr ändern kann.

Was versprechen Sie sich denn davon, wenn die Langstrasse zum Weltkulturerbe würde?

Es wäre eine Anerkennung dieser Strasse, mit ihrem Nachtleben, den inhabergeführten Läden, wo der Goldhändler neben dem Laden steht, wo man den Döner und das Gemüse am selben Ort kaufen kann. Aktuell ist hier auch vieles in Bewegung. Gerade in der Region rund um den Helvetiaplatz wird viel gebaut. Alte Häuser wurden abgerissen, dafür kommt dann ein Neubau mit einem Coop. Die Besitzer dürfen das ja und auch gegen einen Coop habe ich nichts, aber man könnte den Platz doch für etwas Neues nutzen, gerade wenn es hundert Meter weiter bereits einen anderen Coop hat.

Als Gentrifizierungskritik ist Ihr Anliegen aber nicht gemeint?

Nein, das ist nicht unser Fokus. Ich finde Wandel und Stadtentwicklung nichts Schlechtes, aber ich wünsche mir, dass die Langstrasse ein einmaliger Ort bleibt und nicht aussieht wie der Rest der Stadt.

Wie hat sich die Langstrasse aus ihrer Sicht verändert?

Ich habe 2013 hier in der Olé Olé Bar angefangen, zuvor war ich als Besucherin hier an der Langstrasse. In letzter Zeit merken wir, dass sich die Nachbarschaft verändert hat. Es gibt mehr Lärmklagen. Die Leute wollen hier wohnen, aber gleichzeitig um halb eins in Ruhe schlafen können. Dann fordern sie, dass wir hier die Fenster doppelt verglasen, damit sie nicht mehr gestört werden. Ich verstehe das Bedürfnis nach Ruhe, aber dann gibt es in Zürich genug andere Orte, an denen man wohnen kann, und man sollte nicht an die Langstrasse ziehen. 

Bisher sind im Weltkulturerbe eher alte Bauten oder Orte mit besonderer Natur. Die Langstrasse ist da schon ziemlich anders.

Irgendwann muss man auch mal anfangen, etwas als wertvoll zu bewerten, auch wenn es noch nicht hunderte Jahre alt ist. Die Langstrasse ist ein einzigartiger Ort, der jede Nacht zum Leben erwacht. Hier gibt es Raum für Spontanität und es ist ein wichtiger Treffpunkt. Das hat Anerkennung verdient.

In Hamburg gab es den Versuch, das Quartier St. Pauli, in dem sich auch die Reeperbahn befindet, zum Unesco-Weltkulturerbe zu machen. Haben Sie sich damit auseinandergesetzt?

Ich habe ein bisschen etwas dazu gelesen, aber mich noch nicht vertieft damit befasst. Ich weiss auf jeden Fall, dass das Verfahren dazu noch hängig ist.

Auf der Webseite der Initiative aus Hamburg heisst es, man wolle auch einen Dialog anstossen, darüber, was man sich vom Quartier erhofft und wie sich St. Pauli entwickeln soll. Wünschen Sie sich das auch für die Langstrasse?

Nein, das ist ehrlich gesagt nicht unser Ziel. Wir sprechen hier schon genug miteinander. Dafür müssen wir nicht zum Unesco-Weltkulturerbe werden.

Die UNESCO-Weltkulturstätten der Schweiz

Aktuell gibt es in der Schweiz neun Weltkulturstätten. Die ersten drei wurden 1983 anerkannt. Es waren die Altstadt von Bern, das Benediktinerinnen-Kloster St. Johann in Müstair und der Stiftsbezirk in St. Gallen. Seit 2001 kamen sieben weitere Stätten dazu: die drei Burgen sowie Festungs-und Stadtmauern von Bellinzona (2000), die Weinberg-Terrassen in Lavaux (2007), die Rhätische Bahn in der Landschaft Albula/Bernina (2008), die Stadtlandschaft und Uhrenindustrie von La Chaux-de-Fonds / Le Locle (2009), prähistorische Pfahlbauten um die Alpen (2011) und das architektonische Werk von Le Corbusier (2016).

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Abgeholt

Es wär ja gelacht, wenn es Denise Wintsch, Christoph Rath und Michel Schröder mit einem selbstredend ausgesuchten Ensemble nicht gelänge, sämtliche Grossanstrengungen für ein massentaugliches Kulturerleben à la Landesausstellung und Mikroanforderungen von Förderstellen à la Teilhabe, Multimedialität und Altersvarietät dergestalt durch ein Passe-vite vermengt zu bekommen, dass sich alle im Publikum amüsiert, informiert, unterhalten fühlten und doch nicht wissen, was genau da jetzt genau verhandelt worden ergo mit ihnen geschehen ist. Die Tonalität aller Spieler:innen ist durchs Band total selbstverständlich und total entspannt. Sowohl im Ernst als der Selbstironie. Diese Lockerheit, begleitet sowohl von einer immer wieder aufploppenden Albernheit als auch der manifesten Beweisführung der gestreng wissenschaftsbasierten Vorbereitung, verleiht der selbsterfüllenden Prophezeiung der Absurdität der Forderung nach Erlangung der Fähigkeiten einer eierlegenden Wollmilchsau, wie sie die Theorie von Förderstellen wie Publikumserwartung und was da als drittes auch mal noch vorhanden war als oberste Erwartung an das Potenzial einer Rezeption über eine Kunstherstellung schreibt, eine hübsch verquere Ambivalenz. Ist also ein Tritt ans Schienbein im Denkorgan, im Lebensmotor und im schulbuchhaften Ohalätz alias Vernunft und Augenmass. Mit «The Bigger Bang» ist im klassischen Sinn der Zirkus in der Stadt, also der Strassenfeger, das Stadtgespräch, die ultimativ nicht zu verpassende Challenge. Aber wie das mit der Entwicklung alias Evolution eben so ist, besonders wenn sie den Menschen betrifft, kann daraus derweil durchaus eine Ahnung erwachsen, man drehte sich zuletzt bloss doch nur im Kreis und habe sich viel zu leichtgläubig einer raffinierten Bande von Neppern, Schleppern, Bauernfängern aufs Glatteis führen lassen. Urknall? Kurzschluss? Hauptsache, nichts ist mehr wie zuvor.

«The Bigger Bang», bis 20.6., Fabriktheater, ZH.

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Zahnlose Wohnpolitik

Die Bevölkerung des Kantons Zürich sah sich am 14. Juni mit drei wohnpolitischen Vorlagen konfrontiert und auch in der Stadt Zürich ging es um eine raumplanerische Massnahme – die Umsetzung von §49b. Das Resultat ist, abgesehen davon, dass die völlig realitätsferne Wohneigentums-Initiative der Bürgerlichen gebodigt wurde, eher ernüchternd. Für die Linke ist es eine zweifache Niederlage, ein Sieg, der eigentlich mehr ein Unentschieden ist und einer, bei dem jedes andere Resultat ein Hohn gewesen wäre.

Aber eins nach dem andern: Die «Wohnungsinitiative» wollte den Ausbau des Angebots an günstigen Wohnungen über die Gründung einer öffentlich-rechtlichen Anstalt angehen wollen. Mindestens 500 Millionen Franken wären dafür aufgewendet worden. Dass ein bürgerlich dominierter Kantonsrat Zürich und auch der Regierungsrat wenig mit einer solchen Idee anfangen können – mit den üblichen Argumenten rund um Schlagworte wie Teuerungen beim Bodenpreis, oder der Effizienz –, überrascht nicht. Im Abstimmungsbüchlein hiess es, es sei zweifelhaft, ob der Kanton den erforderlichen Wohnraum rascher und effizienter erstellen könne als Private. Von günstigem statt erforderlichem Wohnraum spricht aber niemand. Es ist schon ein wenig offenbarend, dass in einem ganzen Absatz zu den «negativen Auswirkungen auf die Wohnraumsituation» günstiger Wohnraum in keinem einzigen Satz thematisiert wird. Die bestehende Wohnbauförderung «wirkt gezielt und ist wirksam». Ich frage mich: Wo? Und wirkt sie tatsächlich so gut, wenn gleich doppelt auf die Wirkung gepocht werden muss?

Aber gut, wie schlimm kann der stattdessen angenommene Gegenvorschlag sein? Naja, eigentlich ging es ja um bezahlbaren Wohnraum. Und von günstig ist hier nirgends die Rede. Das einzige, was hier günstig ist, sind die Rahmenbedingungen, unter welchen Investoren Luxuswohnungen bauen dürfen. Das ist keine Übertreibung, sondern zitiert. Im Abstimmungsbüchlein, das die Vorlage im Detail erklären will, wird das Wort günstig ausschliesslich im Kontext der Rahmenbedingungen genutzt. Und das hängt auch nicht damit zusammen, dass auf andere Begriffe als das umgangssprachliche, undefinierte «günstig» zurückgegriffen wird: Begriffe wie gemeinnützig, bezahlbar oder Kostenmiete kommen gar nicht vor.

Auch bei der Wohnschutzinitiative wurde das eigentliche Anliegen mit Füssen getreten. Gemeinden mit knappem Wohnraumangebot hätten durch die Initiative die Möglichkeit erhalten sollen, Mietzinserhöhungen, die mit wertvermehrenden Investitionen begründet werden, befristet zu begrenzen. Das hätte durchaus mehr Bürokratie und Arbeit für den Kanton bedeutet, denn zusätzlich zur Prüfung der Baugesuche hätten auch Gesuche zur Festlegung des künftigen Mietzinses bearbeitet werden müssen. Was die Bürgerlichen sich unter einem schlanken Staat vorstellen, manifestiert sich auf dem Wohnungsmarkt als regulatorisches Bermudadreieck, in dem man eigentlich geltende Regeln einfach verschwinden lassen kann. Sowohl der Gegenvorschlag als auch die Ablehnung von Kantonsrat und Regierung zeigen, wie wenig sich die Mehrheitsparteien um das eigentliche Problem bei der Belastung für die Bevölkerung in Sachen Mietzinsen scheren. Jeder Mechanismus, der auch nur einen kleinen Hebel in der Bekämpfung von Wuchermieten schaffen würde, bedroht das private Kapital im Wohnungsmarkt zu stark.

Als Gegenargument wurde auf andere Städte verwiesen. «Nirgendwo in der Schweiz geht die Schere zwischen den Mieten in bestehenden Mietverhältnissen und den Mieten für ausgeschriebene Wohnungen so weit auseinander wie in Genf.» Was hier beschrieben wird, ist in meinen Augen aber auch nur eine Konsequenz der Hands-Off-Politik. Interessant ist: Der eigentliche Skandal wird fast zugegeben – dass ein nicht unbedeutender Teil der Mietzinse, vielleicht sogar ein Grossteil, viel höher sind als eigentlich erlaubt. Was bei den HEV-Freund:innen nie zur Diskussion steht, ist auch nur die kleinste Erweiterung der Bedingungen, unter welchen eine Überprüfung der Mietzinse stattfinden könnte. Und eigentlich erlaubt wären 3,5 Prozent Profit/Rendite. Wer in Zürich eine Wohnung sucht, muss kein:e Ökonom:in sein, um zu sehen, dass hier etwas nicht stimmen kann. Das Genfer Problem wäre keines, wenn die eigentliche Illegalität von Marktmieten auch als solche gehandhabt würde. Ähnlich wie die Zürcher Regierung und das Parlament die momentane Wohnraumsituation im Kontext der Wohnungsinitiative wahrnehmen: Der Grad an Realitätsferne und der Entkopplung zwischen politischen Entscheidungsträger:innen und den Menschen, deren Lebensumstände sie (nicht) regulieren, ist absurd. Das zeigt sich auch hier im Gegenvorschlag, der angenommen wurde: Ja, Leerkündigungen werden erschwert. Aber an eigentlich illegalen Renditen ändert der gar nichts.

Das einzig erfreuliche in Sachen Wohnpolitik am Sonntag war die Ablehnung der Wohneigentumsinitiative. Die Annahme hätte, so sagt es sogar der Regierungsrat, die Förderung von preisgünstigem Wohnraum verunmöglicht. Abgesehen davon, dass diese Vorlage einmal mehr zeigt, wie realitätsfern der HEV politisiert, wenn gefordert wird, dass bei jedem staatlich geförderten Projekt ein gewisser Anteil an Private verkauft werden muss: Es braucht ein gewisses Mass an Isolation in einer homogenen Bubble, das Gefühl zu haben, dass eine solche Idee eine faire Chance auf Wohneigentum für den Mittelstand und junge Familie bedeutet. Wenn die Befürworter:innen das ernsthaft glauben, müssten sie vielleicht mal mit jungen Menschen reden, die sich nicht mit Mitte 20 kleiden, als würden sie seit 30 Jahren in der Bank arbeiten. Ausserdem: 75 Prozent Nein-Stimmen sind in einem bürgerlich dominierten Kanton etwas peinlich.

Die Annahme der Vorlage zu §49b des Planungs- und Baugesetzes klingt derweil positiv. Um das eigentliche Thema, das im Kontext von §49b relevant ist – dass Private dazu verpflichtet werden, in jenen Bauten, in denen sie ohnehin ordentlich Rendite erzielen, auch eine Mindestanzahl an Kostenmiete-orientierten Wohnungen anzubieten – ging es am Sonntag aber gar nicht. Sondern nur darum, ob die Einkommen der dort wohnenden Personen nur zu Beginn oder immer wieder kontrolliert werden. Nur: Die Mär von den reichen Linken in «subventionierten» Wohnungen, die gar nicht subventioniert sind, ist halt nur eine Geschichte. Dass Reiche, die alleine wohnen, mehr als zwei Zimmer haben wollen, relativiert die Problematik der nicht stattfindenden Einkommensüberprüfungen sowieso. Der höhere Raumbedarf wohlhabender Personen wirkt selbstregulierend. Weshalb die Abstimmung auch nur bedingt wichtig war: Wie viel gemeinnütziger Wohnraum bei privaten Anbieter:innen geschaffen werden muss, steht noch in den Sternen.

Jede:r Stadtzürcher:in hat also über vier Vorlagen abgestimmt, die die Situation auf dem Wohnungsmarkt verbessern wollten. Was angenommen wurde, ist letztendlich nur der Beibehalt des Status quo. Die Bürgerlichen haben es geschafft, den Bedarf nach bezahlbarem Wohnraum auf jeder Ebene derart zu verzögern, zu verwässern und zu verhindern, dass die Situation für alle auf der Suche nach einer günstigen Wohnung in keinem Aspekt auch nur irgendwie verbessert wurde.

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Scherbenhaufen

Ich komme mir vor wie im Eingangszitat von Erich Maria Remarques Anti-Kriegsbuch «Im Westen nichts Neues», das von einer Generation berichtet, «die vom Kriege zerstört wurde, auch wenn sie seinen Granaten entkam». Das Schlimmste wurde zwar mit dem Nein zur Chaos-Initiative abgewendet, aber der Schaden ist natürlich längst angerichtet. Eigentlich viele Schäden, aber einer sticht für mich heraus: Das enorme Politikversagen, das sich hier zeigt.

In der Analyse der zahlreichen «Wachstumsschmerzen» war man sich ja noch ziemlich einig, aber schon das war die pure Verlogenheit. Denn es ist ja nicht so, dass Wachstumskritik von der SVP erfunden worden wäre, wir Grünen leben zum Beispiel seit über 40 Jahren davon. Und wollte das irgendjemand je hören? Aber kaum kommt eine hetzerische Partei und propagiert gegen all diese vermeintlichen und realen Wachstumsschmerzen eine fremdenfeindliche Schocktherapie, trifft sie, wie behauptet wurde, «einen Nerv». Hallo? – Nehmen wir zum Beispiel die überfüllten Züge, die uns scheints täglich plagen. Noch am Samstag vor der Abstimmung musste ich in der Qualitätszeitung lesen: «Züge und Busse seien überfüllt, argumentieren sie [die BefürworterInnen, MK]. Sie treffen damit einen Nerv.» Ach ja? Nicht nur die Grünen, auch andere vernunftbegabte Wesen sagen schon lange, der öffentliche Verkehr sei auszubauen, oder man solle doch endlich die Raumplanung ändern, damit nicht mehr so viele Leute pendeln müssten, oder führt doch endlich mal Gleitzeit in den Schulen und am Arbeitsplatz ein und erlaubt mehr Home-Office, damit die Züge etwas gleichmässiger ausgelastet sind. Aber das alles verpufft wirkungslos. Wenn dann aber die SVP kommt und behauptet, die Züge seien wegen den Fremden voll (obschon sie im Tagesdurchschnitt nur zu 30 Prozent ausgelastet sind), und man müsse daher die Zuwanderung deckeln, dann soll das jetzt den Nerv des Volkes treffen? (Es sei denn natürlich, man erachte den Nerv des Volkes im Kern als fremdenfeindlich.) Gleichzeitig werden sachliche, vernünftige Ansätze, um das vermeintliche (oder meinetwegen: zeitlich beschränkte) Problem überfüllter Züge auch wirklich zu lösen, in den Wind geschossen. Und nur so nebenbei:  Gleich zwei Wohnbauinitiativen, die konkrete Massnahmen gegen die Wohnungsnot vorgeschlagen haben, wurden im Kanton Zürich am gleichen Wochenende vom gleichen Volk abgelehnt. Nerven muss man haben!

Das ist nicht ein Versagen unserer Systeme, die von zu vielen Menschen belastet werden, sondern ein Politikversagen. Keine einzige vernünftige Gesellschaft baut ihre Infrastruktur derart aus, dass sie auf die Spitzenlast ausgelegt ist, das wäre weder ökonomisch noch ökologisch. Und ja, das kann temporär zu Überlastungen führen. Aber das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass sich mit einer solchen temporären Überlastung (nochmals: ein Verteilproblem!) heute trefflich Politik machen lässt. Hetzerische, unsolidarische, destruktive Politik. – Und sorry, wenn ich das sage, auch wenn das aus meinem Mund erwartbar ist: Man muss Ross und Reiter benennen. «Politikversagen» meint die herrschende Mehrheitspolitik, also die bürgerliche. Wir haben einem absoluten bürgerlichen Trauerspiel beigewohnt: Jahrezehntelanges Verschlampen der Wohn-, Mobilitäts-, Steuer-, Raumplanungs-, Klima-, Standortpolitik und und und. Und wenn dann die SVP ihr Süppchen auf all diesen Versäumnissen kocht, dann haben wir einen Scherbenhaufen wie letztes Wochenende.

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Überzeugung

Zweifel. Am politischen System, der Gesellschaftsstruktur, der Verteilung von Reichtum und Macht, am einengenden Rollenverständnis als Frau. Aufgewachsen in einem nonkonformistischen, feministischen, antifaschistischen und antiklerikalen Milieu kannte Goliarda Sapienza (1924-1996) die Power und Wertigkeit von Gegenwehr und intellektueller Theorie. Die Meriten dieser standhaften Lebensführung werden ihr aber zeitlebens verwehrt bleiben. Das literarische Opus Magnum wurde erst im Ausland und posthum veröffentlicht, bevor «L’arte della gioia» endlich auch auf italienisch erschien. «Fuori» von Mario Martone ist eine Mélange aus Biographie, ihren in weiteren literarischen Werken veröffentlichten Gedanken und einem Sittenbild Roms in den frühen 1980er-Jahren. 

Als Gleichwertigkeit und Gerechtigkeit postulierende Intellektuelle war Goliarda Sapienza (Valeria Golino) in den besten Kreisen als eine Art Pausenclown wohlgelitten. Die Diskrepanz zwischen der Ernsthaftigkeit ihres Ansinnens und der Ignoranz jener Gesellschaft, die sich nicht dazu bequemte, die in ihren Händen ruhenden Mittel zur Veränderung zum Positiven auch nur zu denken, trieb sie mehrfach an den Rand der Verzweiflung. Am wirtschaftlichen Tiefpunkt droht sie, ihre Wohnung zu verlieren, findet keine noch so unqualifizierte Arbeit und greift aus einer Art Trotz zur Selbstjustiz. Einer Adligen klaut sie ein Brillantcollier und verhökert es, was auffliegt und sie hinter Gitter bringt. Im Frauengefängnis Rebibbia findet sie eine im Vergleich zur Aussenwelt vollständig veränderte Lebens- und Gesellschaftsordnung vor, in der zwischen Aufrichtigkeit und Hintertriebenheit viel transparenter unterschieden wird. 

Wieder entlassen, steht sie noch weiter entfernt von einem Verständnis für die geltenden Verhältnisse als es ihr bereits zuvor möglich war. Für ein Netzwerk in solidarischer Zugewandtheit kommen nur Mitinsassinnen infrage, die je einen eigenen Weg zur Bewältigung der grossen Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit gefunden zu haben scheinen, oder aber: auf ihre je individuelle Weise leiden. Im Misstrauen gegen alles und jedes vereint, raffen sich in «Fuori» drei Frauen sehr lose zu einer Art Wahlverwandtschaft zusammen und bleiben letztlich doch mausbeinallein. Auf die Stimme der Frau wartet niemand. Auf unbequeme Wahrheiten auch nicht. An ihrer Überzeugung indes, ihre Erkenntnis in anklagende Literatur fliessen lassen zu müssen, um wenigstens nach dem welksten Strohhalm zu greifen, der sich ihr überhaupt anerbietet, hält sie eisern fest. Und findet darüber zurück zu einer Art Lebensfreude.

«Fuori» spielt im Kino Piccadilly.

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Klimastadt und Finanzplatz Zürich – wie geht das zusammen?

Der Schweizer Finanzplatz mit seinen Hauptquartieren in Zürich ist einer der global wichtigsten. Tausende Milliarden von Franken fliessen über diesen in wirtschaftliche Aktivitäten weltweit. Zürcher Finanzunternehmen finanzieren mit Krediten in grossem Stil klimaschädliche Projekte wie Ölbohrungen, Flüssiggas-Infrastrukturen, Stahlwerke, Schwertransporte oder die Abholzung von Regenwald für die Fleischproduktion. Die Weltwirtschaft, welche aktuell durch den Finanzplatz Zürich mit Kapital versorgt wird, produziert ein Vielfaches der Treibhausgase der Stadt und trägt zu einer Klimaerhitzung von 4 bis 6 Grad bei. Doch statt die Klimakatastrophe immer weiter voranzutreiben, sollte der Finanzplatz zu einem Teil der Lösung werden. Den Zürcher Banken, Vermögensverwaltern, Versicherungen und Pensionskassen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. 

Ein sehr aktuelles Problem sind die zunehmenden Flüssiggasimporte v.a. aus den USA nach Europa. Daniel Stern zeigte kürzlich in einer Hintergrundrecherche der ‹Wochenzeitung› (22/2026) auf, wie der Schweizer Finanzplatz massiv in den Bau von neuen Flüssiggas-Terminals in Nordeuropa investiert. In Deutschland bildet sich dagegen gerade eine starke Protestbewegung. Statt sich an diesem vom US-Präsidenten Donald Trump angefeuerten Rollback zu beteiligen, wären diese Gelder für den weltweiten Ausbau der erneuerbaren Energien besser angelegt. 

Klimastadt Stadt Zürich – ein Mythos?

Die Stadt Zürich hat sich mit ihrem Klimaziel verpflichtet, die CO2-Emissionen auf Stadtgebiet bis ins Jahr 2040 (Stadtverwaltung 2035) netto auf Null zu reduzieren. Die direkten CO2-Emissionen (Verkehr, Wärmeproduktion etc.) sollen um hundert Prozent, die indirekten Emissionen (Konsum, Flugverkehr etc.) zu dreissig Prozent reduziert werden. Um diese ambitiösen Ziele zu erreichen, betreibt die Stadt einen grossen Aufwand und investiert viel Know-how und Geld. Was bei diesen Bemühungen ausgeklammert wird, ist der Finanzplatz. Obwohl dieser für ein Vielfaches der städtischen Emissionen verantwortlich ist, unternimmt die städtische Politik keine Anstrengungen, den Finanzplatz zu einem klimaverträglichen Handeln zu bewegen. Wie geht das mit der Klimastadt Zürich zusammen? Ist diese nicht mehr als Mythos, wenn die Rolle des Finanzplatzes von den politisch Verantwortlichen nicht einmal thematisiert wird?

Es gibt Handlungsmöglichkeiten

Von offizieller Seite wird in Zürich der Standpunkt vertreten, dass die Klimaschutzpolitik für einen nachhaltigen Finanzplatz auf übergeordneter Ebene angegangen werden müsse. Die Stadt besitze keine Möglichkeiten und Kompetenzen, die Grossfinanz in Richtung eines klimagerechten Handelns zu beeinflussen. Das mag für die gesetzliche Ebene stimmen, ist aber dennoch nur die halbe Miete. 

Tatsächlich bestehen für die Stadt Zürich eine ganze Reihe von Handlungsmöglichkeiten, die angegangen werden können:

Aktive Kommunikation: Der Stadtrat kann eine aktive Kommunikation aufbauen bezüglich der Rolle des Zürcher Finanzplatzes im Rahmen der Klimakrise. Er kann die Notwendigkeit darlegen, dass sich dieser stärker um den Klimaschutz kümmern muss. Die Politiker:innen können diese Forderung im direkten Gespräch mit den Finanzunternehmen betonen. Die Stadt kann zivilgesellschaftliche Organisationen finanziell unterstützen, die einen klimaverträglicheren Finanzplatz einfordern.

Nationales Engagement: Als grösste Stadt der Schweiz hat Zürich die Möglichkeit, im Verbund mit anderen Städten (z.B. Genf) in Bundesbern aktiv zu intervenieren und Bundesrat und Parlament dazu aufzufordern, für den Finanzplatz die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit dieser klimaverträglicher agieren kann. Wenn sich die Städte in Sachen Klimaschutz zusammentun, haben sie in Bern einen stärkeren Hebel.

Pensionskassen: Die Zürcher Pensionskassen sind relevante Player auf dem Schweizer Finanzplatz und investieren jedes Jahr Milliarden von Franken. Die Stadt und die städtischen Angestellten besitzen die Kompetenz, ihre Pensionskassen zu einem klimaverträglichen Handeln zu verpflichten und sie damit zu einem Modell für andere Pensionskassen zu machen. Das tun auch bereits andere Städte.

Globaler Süden: In den Städten des globalen Südens wehren sich NGOs und Bewegungen gegen die klimaschädlichen Aktivitäten von Finanzkonzernen, darunter auch solchen aus Zürich. Die Stadt Zürich könnte einen Kredit zur Verfügung stellen, mit dem die internationale Arbeit von Klimaschützer:innen finanziell unterstützt wird, zum Beispiel für die Kosten von Rechtsverfahren.

Grundlagen: Es ist offensichtlich, dass der Zürcher Finanzplatz mit seinen Aktivitäten massiv zur Verschärfung der globalen Klimakrise beiträgt. Es fehlt jedoch an Transparenz darüber, welche Finanzakteur:innen in welchen Bereichen und in was für einem Ausmass klimaschädliche Investitionen tätigen. So wie die Stadt Grundlagenstudien zu ihrem Klimaziel in Auftrag gegeben hat, kann sie das auch bezüglich des Zürcher Finanzplatzes tun.

Fazit

Das heutige städtische Klimaziel, das den Finanzsektor ausklammert, reicht bei Weitem nicht aus, um Zürich auf Netto-Null zu bringen. Während sich in unserer Stadt Verwaltung, Organisationen und Betriebe engagiert darum bemühen, den städtischen CO2-Ausstoss zu reduzieren, richtet der Finanzplatz permanenten Schaden von weitaus grösserem Ausmass an. Ohne klimaverträgliche Finanzbranche bleibt der Klimaschutz in der Stadt Zürich Stückwerk. Stadt, Kanton und wir alle sind aufgefordert, für ein tatsächliches Netto-Null-Ziel von Zürich aktiv zu werden.

* Dominik Siegrist ist Präsident des Vereins Klimastadt Zürich

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Dauerbrenner Kitafinanzierung

Die Legislatur ist noch jung, Wechsel im Gemeinderat gibt es trotzdem schon, auch vorab angekündigte: In ihrer Medienmitteilung vom Montag vermeldet die AL den bevorstehenden Rücktritt von David Garcia Nuñez. Er ist seit 2017 im Gemeinderat und war von März 2022 bis März 2026 Co-Präsident der AL-Fraktion. Zum letzten Mal an seinem Platz im Rat wird er an der letzten Sitzung vor den Sommerferien sitzen. Für ihn rückt Isabel Maiorano nach.

Vor der Sitzung hatte die IG «Carl für All» dem Stadtrat eine Petition mit 2176 Unterschriften gegen die Leerkündigung an der Carl-Spittelerstrasse in Witikon übergeben, worauf Mischa Schiwow (AL) in einer persönlichen Erklärung hinwies. Dort seien Ersatzmassnahmen geplant für Häuser, die «noch gut im Schuss» seien. Den Bewohner:innen sei noch nicht gekündigt und auch keine Gespräche angeboten worden, «wie es die Wohnschutz-Initiative vorsah, die in der Stadt 58 Prozent der Abstimmenden angenommen haben». Dass die Stadt dennoch bereits «die Planung der Ersatzneubauten begleitet», sei «stossend», hielt Mischa Schiwow fest.

Gegen die «planwirtschaftliche Verwaltung»

Um einen alten Bekannten ging es bei der Motion von Marita Verbali und Thomas Hofstetter (beide FDP) vom 4. Juni 2025: Sie forderten die «Einführung eines Betreuungsgutscheinsystems für die familienergänzende Kinderbetreuung im Vorschulalter (Kitas)». Die Kitas standen letztmals an der Sitzung vom 17. Dezember 2025 zur Debatte (siehe auch P.S. von 19. Dezember 2025). Damals ging es darum, dass gegen die Teilrevision der Verordnung über die familienergänzende Kinderbetreuung in der Stadt Zürich ein Rekurs eingegangen war, den der Bezirksrat teilweise gutgeheissen hatte. Diese Verordnung hat ihrerseits eine lange Vorgeschichte, die aufzurollen hier aber der Platz fehlt. Jedenfalls hatte der Gemeinderat im Dezember 2025 zu entscheiden, ob er gegen den teilweise gutgeheissenen Rekurs Beschwerde beim Verwaltungsgericht des Kantons Zürich erheben sollte oder nicht. Die Mehrheit entschied sich dafür. Dagegen waren FDP, SVP und Mitte/EVP. Marita Verbali verwies damals auf ihre Motion, mit der die FDP einen Systemwechsel hin zu Betreuungsgutscheinen fordere, und fügte an, der Stadtrat lehne dieses «moderne, gute System» leider ab. Dieser hatte seine Motionsantwort bereits am 3. Dezember 2025 geliefert, also vor der Weiterzugs-Debatte.

Damit zurück zur Sitzung vom Mittwoch und zu Marita Verbalis Motion: In der Begründung der Motion heisst es unter anderem, in der Stadt Zürich würden Kitas «durch eine komplexe Kombination aus Subjekt- und Objektsubventionen finanziell unterstützt». Doch «etliche Schweizer Gemeinden in den Kantonen Bern und Luzern» hätten bei der familienergänzenden Kinderbetreuung im Vorschulalter «bereits erfolgreich auf ein Betreuungsgutscheinsystem umgestellt, und das «mit positiven Effekten für Familien, Kitas und die öffentliche Hand». Marita Verbali nannte etwa, dass alle gleiche Bedingungen hätten, denn die Gutscheine liessen sich überall einlösen, was die «Planbarkeit und Flexibilität» stärke. So würden die Eltern entscheiden, welches Angebot sich durchsetze, «nicht die planwirtschaftliche Verwaltung». Wenn dies zu höheren Kosten und weniger Chancengerechtigkeit führte, würden es andere Gemeinden nicht machen, erklärte sie weiter und verwies zum Schluss noch darauf, dass die Beschwerde noch hängig sei und deshalb nicht klar, ob sich das Modell, für das sich die Mehrheit entschieden hatte, überhaupt zulässig sei.

«Bewährtes System nicht auf den Kopf stellen»

Unterdessen heisst der zuständige Stadtrat nicht mehr Raphael Golta, doch auch seine Nachfolgerin, Sozialvorsteherin Céline Widmer, sieht keinen Grund für einen Systemwechsel. Sie erklärte, es gebe viele unterschiedliche Systeme, ja «eine grosse Vielfalt». Sie masse sich nicht an, «eines viel besser zu finden als andere», doch in Zürich gebe es ein «bewährtes System», und das wolle sie nicht auf den Kopf stellen. Die Mehrheit wolle eine qualitativ gute und zahlbare Betreuung, und der Stadtrat sehe keinen Anlass, das System grundsätzlich zu ändern. Eine solche Änderung könnte zudem dazu führen, dass die tiefsten Einkommen einen schlechteren Zugang zu Kitaplätzen hätten und dass sich schlechter steuern liesse, was die Eltern zahlen müssten. Ein komplett neues System aufzubauen bedeutete auch kaum einen geringeren bürokratischen Aufwand. Der Stadtrat lehne die Motion ab, schloss sie, würde den Vorstoss jedoch als Postulat entgegennehmen.

Julia Hofstetter (Grüne) fasste sich kurz: Ihre Fraktion finde das Normkostenmodell sinnvoll und finde, es wäre unvorsichtig, «es ohne Grund aufzugeben und nochmals etwas anderes auszuprobieren». Karin Stepinski (Die Mitte) hingegen befand, dieser Systemwechsel würde dazu führen, dass die Stadt einen schwächeren Einfluss hätte, oder wie sie es bildlich formulierte: «Der Arm des Staates würde ein bisschen kürzer.» Florine Angele (GLP) erklärte, ihre Fraktion finde Betreuungsgutscheine «grundsätzlich gut», möchte den Vorstoss aber nicht als Motion unterstützen, sondern nur als Postulat. Dies, «weil wir ein gut funktionierendes System haben». Zudem sei bereits «vor nicht allzu langer Zeit» im Rat darüber diskutiert worden. Jetzt noch eine Motion zu bringen, sei «ein bisschen inkonsequent».

Hannah Locher (SP) hielt ebenfalls fest, während die FDP einen grundsätzlichen Systemwechsel fordere, sei die SP überzeugt, «dass wir schon ein bewährtes und soziales System haben». Mit den Betreuungsgutscheinen würde sich das ändern, «aber es wäre kein Fortschritt», betonte sie. In Bern beispielsweise sorgten die Betreuungsgutscheine für steigende Kosten ausgerechnet für jene, die auf Unterstützung angewiesen wären. Auch die angebliche Wahlfreiheit dank Betreuungsgutscheinen sei nicht für alle im gleichen Ausmass gegeben: «Wahlfreiheit gibt es nur, wenn man sie sich leisten, sprich die Differenz selber zahlen kann.» Auch wer einen Gutschein in die Hand gedrückt bekomme, müsse selber eine Kita auswählen, es werde also nicht einfacher. Marita Verbali hielt entgegen, für jene mit tieferen Einkommen gäbe es natürlich höhere Gutscheine, und Standards einfordern könnte man trotzdem. Zudem sei das Normkostenmodell eben gerade nicht «bewährt», fügte sie mit Verweis auf das Gerichtsverfahren an.

Moritz Bögli (AL) wurde grundsätzlich: «Mit Kitas Geld zu verdienen, finden wir problematisch», sagte er, und den Angestellten weniger zu zahlen, sei auch nicht in Ordnung. Die linke Stadt Bern habe die Betreuungsgutscheine nicht selber gewählt, fügte er an, sondern dieses Modell werde ihr vom Kanton vorgeschrieben. Die AL würde auch ein Postulat ablehnen. Die Motion wurde jedoch nicht in ein solches umgewandelt, sondern als Motion abgelehnt: 41 Ja (von SVP, FDP und Mitte) gegen 75 Nein, lautete das Verdikt. 

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Tor zur Welt

Das Tor zur Welt sei er, der Flughafen Zürich. Das mag sein, aber für viele, die auch nur halbwegs in seiner Nähe wohnen, ist es in erster Linie ein lautes Tor. Die ersten zwei Stunden seiner Sitzung beschäftigte sich der Kantonsrat mit der «Flughafen-Nachtruhe-Initiative». Die Volksinitiative wollte eine Nachtflugsperre durchsetzen, um die Nachtruhe zwischen 23:00 und 7:00 Uhr zu gewährleisten. Bereits im März hatte sich der Rat gegen die Initiative ausgesprochen. Der Gegenvorschlag verlangt etwas salopp gesagt lediglich, dass die Regierung das Thema auf dem Radar behält. 

Das Problem: Die Volksinitiative wäre ohnehin nicht umsetzbar gewesen. Weshalb am Montag verkündet wurde, dass die Initiant:innen die Initiative zurückziehen, sofern es kein Referendum gibt und der Gegenvorschlag so durchkommt, wie er ausgearbeitet wurde, erklärte Andreas Hasler (GLP) in deren Namen. Heisst: Weil die Nachtruhe nicht durchgesetzt werden kann – das wäre eine Ebene weiter oben beim Bund angesiedelt –, sollen zumindest die Lärmgebühren progressiv steigend ausgestaltet werden, wovon man sich eine Lenkungswirkung erwartet. Der Regierungsrat soll zudem jährlich Bericht über die Entwicklung des Fluglärms und die Veränderungen bei den vom Fluglärm gestörten Personen erstatten. 

Kein Referendum

Eine Diskussion entstand dennoch. Ueli Bamert (SVP) versprach zwar, dass die Bürgerlichen das Referendum nicht ergreifen würden, aber er mahnte trotzdem nochmals, wie schädlich die Forderung sei. Und auch, dass mit dem Gegenvorschlag den Lärmgeplagten Sand in die Augen gestreut würde, denn man suggeriere, dass der Kanton etwas gegen den Fluglärm machen könne. Die FDP mahnte auch nochmals, dass beides keine gute Idee sei. Auch der Gegenvorschlag sei eine Verschlechterung in jedem Punkt. Die GLP wollte sich derweil rechtfertigen, dass sie, anders als ihr immer unterstellt werde, sicher nicht grundsätzlich flughafenfeindlich sei. Weshalb Daniel Rensch auch stolz war, dass seine Partei massgeblich mitbeteiligt war bei der Ausarbeitung des Gegenvorschlags: «Ein Flughafen, der die Nerven der Bevölkerung grundsätzlich überstrapaziert, verliert seine politische Legitimation.»

Für die Ratslinke war eines klar: Lärm macht krank. Und bei den Grünen verstand man die Vehemenz der Flughafenlobby nicht, gegen den Gegenvorschlag zu weibeln. Er gehe kaum über Transparenz hinaus. «Nur wenn man weiss, weshalb Flüge zu spät sind, kann man sagen, ob Verspätungen nicht als zusätzliche Betriebszeit missbraucht werden», so David John Galeuchet. An der Initiative hielt nur die AL fest. Die Debatte habe gezeigt, dass die wirtschaftlichen Interessen des Flughafens mehr gewichtet werden als die der Bevölkerung, so Gianna Berger. Der Gegenvorschlag wurde schliesslich mit 105:71 Stimmen angenommen, die Initiative mit 171:5 Stimmen abgelehnt – worüber Regierungsrätin Carmen Walker Späh sich freute.

Erker, Balkone, Veloweg

Bevor sich der Rat einem andern Projekt aus der Flughafenregion widmete, waren noch kurz die Raumplanung und das Planungs- und Baugesetz Thema. Etwas reduziert zusammengefasst ging es um die Frage, wie weit Erker und Balkone hervorragen dürfen. Die Bürgerlichen warfen der Ratslinken vor, sie gönne den Menschen keine gemütlichen Balkone, bei den Angeschuldigten sorgte man sich aber eher um ortsbauliche Verschlechterung in Sachen Qualität. Und sowieso: Die Bürgerlichen wollten nur mehr Spielraum für Investoren und die Abschwächung der Schutzmechanismen. «Wollen wir wirklich mehr Pseudoverdichtung ohne qualitative Leitplanken?», fragte Jonas Erni (SP). Die Antwort war ein relativ klares Ja (115:59), erneut zur Freude von Carmen Walker Späh und laut ihr auch zur Freude der Menschen, die diese Balkone benutzen und lieben würden.

Damit zurück nach Kloten und zu einem Staatsbeitrag für ein dreispuriges Projekt – die Verlängerung der Glatttalbahn, die Velohauptverbindung und den Hochwasserschutz in Kloten. Die Bürgerlichen hatten vor allem Probleme damit, dass die Velohauptverbindung zu teuer sei und kritisierten grundsätzlich, dass hier ein öV-Projekt mit Geldern aus dem Strassenfonds (man hätte meinen können, er heisst Autofonds) mitfinanziert werde. Beziehungsweise: Es war vor allem einer, Paul von Euw, der Carmen Walker Späh halbexplizit Veruntreuung von Staatsgeldern vorwarf, was die Regierungsrätin etwas ungläubig entgegennahm, in etwas schärferem Ton zurückwies und fragte, ob er denn im Sinn habe, eine Strafanzeige gegen sie einzureichen – wenn er schon mit solchen Worten um sich warf. Grosse Mühe mit dem Geschäft hatte aber nur die SVP, die alleine einen Rückweisungsantrag gestellt hatte. Wobei: Selbst die Ortspartei der SVP in Kloten hätte sich vom Nutzen des Projekts überzeugen lassen können, so Christoph Fischbach (SP). Und auch Roman Schmid (SVP) räumte ein, dass er die Strecke, die von der Velohauptverbindung abgelöst würde, nicht mit seinen Kindern fahren würde. Mit 130:44 stimmte der Rat gegen die SVP und für das Eintreten auf die Vorlage.

Auch in der Detailberatung hatte ein Minderheitsantrag der SVP keine Chance. Wieder monierte Paul von Euw, es sei zu teuer und dafür, dass wir unseren Wohlstand dem Auto zu verdanken hätten, sei die Arroganz, mit der dem motorisierten Individualverkehr begegnet werde, «erschütternd». Auch wenn hier für die SVP-Fraktion «der Spass längst aufgehört» hatte – das Resultat war dasselbe wie in der Abstimmung zum Eintreten auf die Vorlage. Nach einer Fraktionserklärung von SP, AL und Grünen zu den Zürcher Mindestlöhnen wurde der Rat in den Nachmittag entlassen.

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So etwas Beschämendes

Seit ich denken kann, bin ich knapp bei Kasse, das jeweils völlig unabhängig davon, wieviel ich gerade verdiene. Nun hat das, nicht nur, aber doch auch, etwas mit einer unbeirrbaren Blödheit meinerseits zu tun und auch damit, dass ich mir diese Blödheit offenbar leisten kann, ansonsten sind die Auswirkungen vernachlässigbar, es ist gelegentlich zwar unpraktisch, aber immer weit entfernt von Armut, von einer tatsächlichen Existenzbedrohung. 

Vielleicht habe ich deshalb eine solche Obsession mit dem Thema. Weil ich weiss, dass Blödheit gerade nicht der Ursprung von Armut ist, sondern politische und gesellschaftliche Strukturen. Dass Blödheit mich nie in Bedrängnis gebracht hat (in diesem Bereich), während andere, allein durch äussere Umstände, unverschuldet arm sind oder wurden. Weil ich weiss, dass ich wahnsinnig Glück hatte bisher. Weil ich weiss, dass ich genau eine Generation davon entfernt bin, denn meine Eltern haben als Kinder erlebt, was es bedeutet, wenn das Geld fehlt und die Erwachsenen nächtelang rechnen und reden, wie sie die neuen Schuhe für den Bruder bezahlen sollen oder bei wem sie sich das Geld leihen könnten. Weil ich weiss, dass es schneller passiert, als man es sich überhaupt vorstellen kann. 

Die Caritas, die die Armut in der Schweiz bekämpft, definiert diese wie folgt: «Eine Person in der Schweiz ist arm, wenn ihr Einkommen nicht reicht, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten – das heisst, wenn ihr verfügbares Einkommen unterhalb der Armutsgrenze ist. Diese liegt in der Schweiz aktuell bei 2388 Franken pro Monat für eine Einzelperson oder bei 4159 Franken für eine Zweielternfamilie mit zwei Kindern unter 14 Jahren.»

Ich weiss ehrlich nicht, wie man jetzt mit 2389 Franken, also einem Franken über dieser Armutsgrenze, in Zürich überleben soll. Miete, Krankenkasse, Versicherungen, Vorsorgebeiträge, Essen, Handyabo. Und sogar dann, wenn man das Wunder vollbringt und mit so einem Einkommen all das bezahlen kann, ist man raus. Raus aus der Gesellschaft. Raus aus dem Kafi trinken mit einer Freundin, raus aus dem spontanen Restaurant- oder Kinobesuch, raus aus einfach allem, was ich und Sie vermutlich, die diese Zeilen lesen, uns gelegentlich oder häufig gönnen. Raus aus einem würdigen Leben. 

Deshalb kann ich hier mit absoluter Sicherheit sagen, dass ich hierzulande noch nie so etwas Beschämendes gesehen habe wie diese jahrelange Blockade der Einführung eines Mindestlohnes. 

Wir erinnern uns an den Juni vor drei Jahren, als die Stimmbevölkerung in Zürich und Winterthur mit fast 70 respektive rund 65 Prozent der Einführung eines Mindestlohnes zustimmte. Die Handelskammer und Arbeitgebervereinigung Winterthur, der KMU-Verband Winterthur sowie der Gewerbeverband der Stadt Zürich haben diesen Volksentscheid rechtlich bekämpft, dadurch dessen Einführung blockiert und Menschen in den Tiefstlohnbranchen eine Verbesserung verwehrt. Wir sollten uns die Namen dieser Verbände merken, ebenso die Namen derer, die sie vertreten. Ich möchte, dass wir nie vergessen, dass diese Personen es aus fadenscheinigen Gründen (die Gemeinden seien gar nicht zuständig und ein Mindestlohn sei kein wirksames Mittel gegen Armut) darauf ankommen liessen, das Elend Tausender Menschen zu verlängern. Nun hat am Mittwoch das Bundesgericht endlich und endgültig entschieden, dass die Städte diese vom Volk beschlossenen Mindestlöhne einführen können. 

Die Präsidentin des Gewerbeverbandes der Stadt Zürich und Nationalrätin der Mitte, Nicole Barandun, gab sich gönnerisch. Sie sei selbst Juristin und kenne das, wenn es halt anders komme, als sie es sich gewünscht hätte, «sie lebe mit dem Entscheid» und «man akzeptiere es. Diese nonchalanten, schnell hingeworfenen Sätze, irgendwo im Gang der Wandelhalle, zwischen zwei Abstimmungen im Ratssaal und mit dem Kopf schon bei Wichtigerem, sind absolut grausam. Zumal ihre Gelassenheit einen Grund hat. Schon nächste Woche wird im Bundeshaus beschlossen, dass der in einem Gesamtarbeitsvertrag vereinbarte Lohn gilt, auch wenn er tiefer ist als die nun einzuführenden Mindestlöhne. 

Das Feilschen um Geld für die Ärmsten in unserem Land. Ich habe noch nie so etwas Beschämendes gesehen.

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