Ich sitze in der Dolderbahn an der Endstation, hoch über Zürich, bereit zur Abfahrt, als der Lautsprecher die Durchsage der Leitstelle durchsagt: Wegen Schneefalls sei der gesamte Busbetrieb in der Stadt eingestellt worden. Und ich schaue hinaus und sehe nebst ein paar Flöckchen nur ein feines Schäumchen Schnee auf dem Boden, obschon wir hoch über Zürich sind, und ich denke, was ich in solchen Fällen immer denke: Auf den Mond fliegen können sie, aber ein paar Zentimeter Schnee legt die gesamte Technik lahm.
Überhaupt, so scheint mir, ist Technik immer weniger das, was wir uns von ihr versprechen. Während die gute alte Mechanik noch vergleichsweise stabil und störungsfrei und vor allem reparierbar war, ist die Elektronik fehleranfällig, komplex und labil, und Software teuer und letztlich immer zu hacken. Denken wir nur mal an die sauteuren Kampfflieger, die meist kaputt am Boden herumstehen. Die technischen Systeme sind zunehmend instabil geworden, oder um es moderner zu formulieren: weniger resilient. Das gilt allerdings auch für andere Bereiche. Zum Beispiel bei der Hiobsbotschaft, dass die Firma Bichsel, die wichtige medizinische Grundversorgungsgüter herstellte, soeben den Betrieb eingestellt hat. Nun fehlen in der Schweiz medizinische Basisversorgungsgüter wie Dialysemittel oder Infusionen. Gemäss dem Spitalapotheker Enea Martinelli habe bereits die Brandkatastrophe von Crans-Montana gezeigt, dass zum Beispiel Infusionen knapp wurden. Eine stabile medizinische Versorgung stelle ich mir anders vor. Offenbar haben wir aus der Pandemie (Masken!) nichts gelernt. Resilienz geht anders. Kein Wunder, sind immer mehr Menschen verunsichert, was politisch brandgefährlich ist.
Ich könnte noch lange Beispiele aufzählen, um diese These zu stützen, will aber noch den Sprung zur Lokalpolitik wagen: die linke Mehrheit in Zürich. Sie zu erhalten ist nicht nur einfach eine Frage des ideologischen Machtanspruchs, sondern es geht ganz konkret um die Sicherung wichtiger sozialer und ökologischer Errungenschaften. Vielen ist nicht bewusst, dass das Parlament gemäss unserer Verfassung die Budgethoheit hat. Das Budget bestimmt einerseits, wie viel Geld ausgegeben werden soll, vor allem aber, was die Stadt Zürich überhaupt machen soll. Oder eben: was nicht. Es wäre also einer bürgerlichen Mehrheit im Gemeinderat ein leichtes, den Wohnbaukredit derart zu kürzen, dass das einer Streichung nahekommt. Eine Fachstelle für Gleichstellung, seit Jahren unter (vergeblichem) Beschuss der Bürgerlichen, würde mir nichts, dir nichts weggespart. Personalkürzungen würden zur Verzögerung wichtiger Projekte führen. Und eine happige Steuersenkung – warum nicht gar um 20 Prozent, damit die magische Grenze von 100 unterschritten wird? – wäre nicht nur ein symbolischer Coup, sondern kann mit drastischem Sparen, das daraufhin ja leider nötig wird, auch kompensiert werden. Das ist keine Phantasterei, wir kennen das vom Kanton und erleben ja ähnliches gerade auf der nationalen Ebene.
Es geht also um viel – nein, es geht um alles! Kleinliches Gemecker an der rot-grünen Politik, so berechtigt es manchmal vielleicht ist (vegane Menüs! Gendersterne! Gratiswahn!), ist kein guter Ratgeber für die Wahlen. Denn wer nicht will, dass die sozialen und ökologischen Errungenschaften der letzten drei Jahrzehnte durch ein eher blindwütiges Bürgertum – siehe Kantonsrat – zunichte gemacht werden, soll an die Urnen! Und links wählen! Ein kleiner Beitrag zur Resilienz gegen den Backlash.
Der Beitrag Widerstand(sfähigkeit) erschien zuerst auf P.S..
Powered by WPeMatico