Elena Nierlich, wie kamen Sie auf die Idee, dass die Langstrasse Weltkulturerbe sein sollte?
Elena Nierlich: Wir haben vor der Bar eine Sitzbank, von der aus man wunderbar das Geschehen an der Langstrasse beobachten kann. Intern nennen wir sie deshalb auch Gafferbank. Dort sassen wir und fanden, eigentlich müsste man die Langstrasse schützen. Als wir uns überlegt haben, wie wir das am besten machen könnten, sind wir auf das Unesco-Weltkulturerbe gekommen. Lange informiert haben wir uns nicht, sondern einfach mal gemacht.
Das Anliegen wird auch durch bekannte Persönlichkeiten unterstützt. Der Schriftsteller Martin Suter, die Kabarettistin Lara Stoll und die Gastronomin Elif Oskan haben die Petition bereits unterschrieben.
Wir dachten, es wäre gut, wenn wir gleich zu Beginn schon ein paar prominente Namen hätten, die unser Anliegen unterstützen, auch um in den Medien vorzukommen. Also haben wir ein paar Personen angefragt, die hier oder sonst an der Langstrasse verkehren, und sie haben sofort zugesagt.
Das scheint zu funktionieren. Fast alle regionalen Medien berichteten darüber und auch einige nationale Medien nahmen das Thema auf.
Damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Nun sind auch noch das Westschweizer und das Tessiner Fernsehen vorbeigekommen, um darüber zu berichten. Wir scheinen also einen Nerv zu treffen.
Wie hat sich diese Aufmerksamkeit auf die Petition ausgewirkt?
Die Resonanz ist überwältigend. Bei der Online-Petition mussten wir angeben, wie viele Unterschriften unser Ziel sind, wir haben mal 100 angegeben, eine knappe Woche später waren es schon fast 1000. Dazu kommen noch alle Unterschriften, die vor Ort abgegeben wurden. Man muss aber auch etwas relativieren: Die Hürden, um eine Petition zu unterschreiben, sind ziemlich niedrig. Dafür muss man keinen Schweizer Pass haben oder in Zürich wohnen. Bewerbungen, um einen Ort als Weltkulturerbe anzuerkennen, können nur von staatlichen Stellen eingereicht werden. Deshalb müssen wir uns mit einer Petition an den Stadtrat richten.
Haben Sie von der Stadt schon etwas gehört?
Die Stadt hat gegenüber den Medien kommuniziert, dass sie das Anliegen zur Kenntnis genommen hat. Als die Petition so viel Aufmerksamkeit bekommen hat, habe ich eine Mail geschrieben, aber bisher noch keine Antwort bekommen. Falls er will, kann Stadtpräsident Raphael Golta aber gerne für einen Shot in der Bar vorbeikommen, dann können wir das besprechen.
Haben Sie sonst schon Feedback bekommen?
Ich habe schon einige Mails von Personen bekommen, die unser Anliegen unterstützen. Jemand hat mir aber auch geschrieben, dass es innerhalb von Weltkulturerben nicht möglich sei, Sonnenkollektoren auf Dächer zu installieren. Da müssten wir dann vielleicht noch mit der Unesco zusammensitzen, damit so etwas trotzdem möglich wäre. Das Ziel ist schliesslich nicht, dass sich nichts mehr ändern kann.
Was versprechen Sie sich denn davon, wenn die Langstrasse zum Weltkulturerbe würde?
Es wäre eine Anerkennung dieser Strasse, mit ihrem Nachtleben, den inhabergeführten Läden, wo der Goldhändler neben dem Laden steht, wo man den Döner und das Gemüse am selben Ort kaufen kann. Aktuell ist hier auch vieles in Bewegung. Gerade in der Region rund um den Helvetiaplatz wird viel gebaut. Alte Häuser wurden abgerissen, dafür kommt dann ein Neubau mit einem Coop. Die Besitzer dürfen das ja und auch gegen einen Coop habe ich nichts, aber man könnte den Platz doch für etwas Neues nutzen, gerade wenn es hundert Meter weiter bereits einen anderen Coop hat.
Als Gentrifizierungskritik ist Ihr Anliegen aber nicht gemeint?
Nein, das ist nicht unser Fokus. Ich finde Wandel und Stadtentwicklung nichts Schlechtes, aber ich wünsche mir, dass die Langstrasse ein einmaliger Ort bleibt und nicht aussieht wie der Rest der Stadt.
Wie hat sich die Langstrasse aus ihrer Sicht verändert?
Ich habe 2013 hier in der Olé Olé Bar angefangen, zuvor war ich als Besucherin hier an der Langstrasse. In letzter Zeit merken wir, dass sich die Nachbarschaft verändert hat. Es gibt mehr Lärmklagen. Die Leute wollen hier wohnen, aber gleichzeitig um halb eins in Ruhe schlafen können. Dann fordern sie, dass wir hier die Fenster doppelt verglasen, damit sie nicht mehr gestört werden. Ich verstehe das Bedürfnis nach Ruhe, aber dann gibt es in Zürich genug andere Orte, an denen man wohnen kann, und man sollte nicht an die Langstrasse ziehen.
Bisher sind im Weltkulturerbe eher alte Bauten oder Orte mit besonderer Natur. Die Langstrasse ist da schon ziemlich anders.
Irgendwann muss man auch mal anfangen, etwas als wertvoll zu bewerten, auch wenn es noch nicht hunderte Jahre alt ist. Die Langstrasse ist ein einzigartiger Ort, der jede Nacht zum Leben erwacht. Hier gibt es Raum für Spontanität und es ist ein wichtiger Treffpunkt. Das hat Anerkennung verdient.
In Hamburg gab es den Versuch, das Quartier St. Pauli, in dem sich auch die Reeperbahn befindet, zum Unesco-Weltkulturerbe zu machen. Haben Sie sich damit auseinandergesetzt?
Ich habe ein bisschen etwas dazu gelesen, aber mich noch nicht vertieft damit befasst. Ich weiss auf jeden Fall, dass das Verfahren dazu noch hängig ist.
Auf der Webseite der Initiative aus Hamburg heisst es, man wolle auch einen Dialog anstossen, darüber, was man sich vom Quartier erhofft und wie sich St. Pauli entwickeln soll. Wünschen Sie sich das auch für die Langstrasse?
Nein, das ist ehrlich gesagt nicht unser Ziel. Wir sprechen hier schon genug miteinander. Dafür müssen wir nicht zum Unesco-Weltkulturerbe werden.
Die UNESCO-Weltkulturstätten der Schweiz
Aktuell gibt es in der Schweiz neun Weltkulturstätten. Die ersten drei wurden 1983 anerkannt. Es waren die Altstadt von Bern, das Benediktinerinnen-Kloster St. Johann in Müstair und der Stiftsbezirk in St. Gallen. Seit 2001 kamen sieben weitere Stätten dazu: die drei Burgen sowie Festungs-und Stadtmauern von Bellinzona (2000), die Weinberg-Terrassen in Lavaux (2007), die Rhätische Bahn in der Landschaft Albula/Bernina (2008), die Stadtlandschaft und Uhrenindustrie von La Chaux-de-Fonds / Le Locle (2009), prähistorische Pfahlbauten um die Alpen (2011) und das architektonische Werk von Le Corbusier (2016).
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