Ich hätte das dieswöchige Interview auch gerne vierseitig gemacht. Transkribierten Gesprächsstoff hätte es allemal genug gegeben, auch um ein sechsseitiges Gespräch daraus zu machen. Aber gut, diese Woche ist Auffahrt, was heisst, dass wir einen Tag früher drucken und kurzfristige Änderungen in der Seitenplanung eher suboptimal sind. Diese Kolumne heisst aber nicht umsonst Gedanken zur Woche, weswegen ich noch ein wenig näher auf das Thema eingehen will. Es ist das dritte Interview, in dem ich mit einer Person spreche, die persönliche Berührungspunkte mit dem Genozid in Gaza hat. Alle diese Interviews beschäftigen mich bis heute.
Sei es die Fluchterfahrung von Dr. Abed Schokry (siehe P.S. Nr. 23/2025), einem Ingenieursprofessor der Universität in Gaza-Stadt, der bei Akademiekolleg:innen und in einer Sammelaktion einen fünfstelligen Betrag zusammenkratzen musste, um die Profiteure an der ägyptischen Grenze bezahlen zu können, sodass man ihn, seine Frau und die drei Kinder im Winter 2023 aus Gaza nach Ägypten einreisen liess. Sei es Dr. Khaled Dawas (siehe P.S. Nr. 01/2026), ein britischer Chirurg, der stundenlang, Patient:in um Patient:in, verletzte Zivilist:innen nach Raketenbeschüssen operieren musste – ohne sich die Hände waschen zu können, weil es kein Wasser gab, während die Patient:innen von Staub und Schutt und Asche bedeckt waren.
Oder eben Orly Noy, eine iranisch-israelische Journalistin für das Medium +972 – eines der wichtigsten Investigativmedien Israels, das eine zentrale Rolle in der Aufarbeitung der militärischen Aktionen Israels spielte und es noch immer tut – und Aktivistin, beispielsweise für die Menschenrechtsorganisation B‘Tselem. Sie alle exponieren sich mit dem Erzählen dieser Erfahrungen. Wie heikel das ist, ist nur zu sehen, wenn man sich genauer anschaut, was in der hiesigen Berichterstattung nur selten oder nur am Rande thematisiert wird. Forscher:innen widmen sich vermehrt der Auffälligkeit, wie viele Personen aus dem palästinensischen Bildungssystem beschossen wurden. Die systemische Zerstörung des Gesundheitssystems und die potenziell gezielte Tötung medizinischen Personals wird von UNO-Expert:innen und verschiedenen NGO angeprangert. Und die Zahl der bei militärischen Aktionen der Israel Defence Forces getöteten Journalist:innen seit 2023 ist dreistellig.
Und dennoch setzen sich enorm viele Menschen aktiv und vor Ort für das Ende dieser Aggression und für die Aufarbeitung ein. Und jene, mit denen ich gesprochen habe, vereinen zwei Dinge: Einerseits eine bemerkenswerte, fast dissoziative Ruhe, wenn sie das traumatische Erlebte schildern. Und andererseits ein fundamentaler Pazifismus – egal, wie oft auf Demozüge mit Prügel reagiert wird, egal wie oft Bomben einschlagen, während man ein:e Patient:in auf dem Operationstisch am Leben zu halten versucht, egal wie oft man das Zeltlager ab und wieder aufstellen muss, während rundherum Bomben auf Zivilist:innen einschlagen.
Das ist die gelebte Realität. Und anders als bisher ist diese Realität für die Weltöffentlichkeit sichtbar. Egal wie stark man darauf pocht, dass Bilder inszeniert sein können – die verbreiteten Bilder bezeugen trotzdem, dass Gaza dem Erdboden gleichgemacht wurde. Auch die Aufnahmen von bewaffneten, aggressiven Siedlern in der West Bank, die eine Familie schikanieren, gewalttätig angehen oder schlimmer, existieren nunmal. Das sind nicht nur Erzählungen.
Stellt man dem nun gegenüber, was die politische Elite Europas thematisiert, wird nicht nur die Distanz offensichtlich, die zwischen ihnen und den etlichen solidarischen Menschen auf den Strassen der Welt herrscht, sondern auch die Absurdität dessen, was uns Medien und die institutionelle Politik vermitteln. Von einer Ruhe oder Pazifismus kann hier kaum die Rede sein. Es wirkt mehr nach einer solidarischen Versetzung in den gelebten Kriegsmodus eines Regimes. Gerade bei den Medien macht das die Berichterstattung auch unzuverlässig, wenn es darum geht, ein differenziertes Bild über die Lage in Palästina zu erhalten oder sich immerhin dazu informieren zu können. Die Medienmitteilungen der israelischen Regierung und des IDF und die Social-Media-Beiträge der Minister:innen geben oft ähnlich viel her. Und kosten nicht 320 Franken im Jahr, sind aber auch nicht in der Schweizer Mediendatenbank.
Die noch heikleren Themen sind damit noch nicht einmal angesprochen. Ende April berichtete unter anderem die WOZ, dass ein ehemaliger Genfer FDP-Nationalrat und Anwalt sich vom Staat Israel mandatieren liess, um Klagen gegen Regierungsmitgieder in der Schweiz abzuwenden. Massnahmen wie Sanktionen gegen Schweizer Firmen, die wegen ihrer Rolle in Israels Kampagne in der West Bank oder in Gaza in Kritik geraten sind, wären mir auch nur punktuell bekannt.
Eine Zürcher Lokalzeitung hat nicht die Aufgabe, aufzuarbeiten, wann es sich bei Kriegsverbrechen um einen Genozid oder bei einem illiberalen Regime um ein Apartheid-Regime handelt.
Gleichzeitig sehe ich es auch nicht im Rahmen eines Interviews als meine Aufgabe, auf einer Pro-Regime-Grundlage zu arbeiten. Ich frage mich wirklich, wie tief man den Bibi-Netanyahu-Stiefel im Rachen haben muss, bis es unbequem wird. Was muss passieren, dass man die militärischen Aktionen dieses Regimes kritisch sieht und dieser Kritik auch Taten folgen lässt? Gerade bei allen, die sich als Demokrat:innen sehen, finde ich es besonders absurd. Als ich Orly Noy getroffen habe, am Medico-Stand am 1. Mai-Fest, stand sie da mit riesigen Augen, begeistert, was am 1. Mai-Wochenende in Zürich los ist. Dabei war noch gar nichts los. Gerade die Menschen von den Essensständen waren daran, sich einzurichten. Und derweil erzählt sie mir, dass der 1. Mai für sie eigentlich eher bedeutet, dass es einen kleinen Demozug gibt, der in Jerusalem innert 5 Minuten von der Polizei und Rechtsextremen gekesselt und verprügelt wird, in Tel Aviv geht es immerhin 15 Minuten. Das ist das System, was jede unserer Parteien von links bis rechts de facto schützt, auch wenn alle die antidemokratischen Tendenzen nicht gerade toll finden, auch wenn sie die Siedlergewalt kritisieren, etc. Warum hat niemand ein ernsthaftes Problem damit?
Der Beitrag Zwischen Solidarität und Kriegsmodus erschien zuerst auf P.S..
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