Artikel, p.s. Zeitung

Zwei Biere für Filippo

 

Immer wenn ich zum Bahnhof Wiedikon laufe, komme ich an einem Haus vorbei – man munkelt, in Besitz eines rechtsbürgerlichen Journalisten –, das sein Herz auf der Zunge bzw. an der Fassade trägt. Dort steht nämlich in trotzigen Lettern: «Die Bewohner dieses Hauses sind freie Bürger. Sie verbrauchen so viel Strom wie sie brauchen.» Falls Sie diese Definition von Freiheit kind…äh, komisch finden, dann sind Sie auf dem Holzweg. Obschon die Sache verdächtig nach einem tapferen «Mein Auto fährt auch ohne Bäume!» tönt, gibt es wohl in ganz Zürich keine bessere Definition von Suffizienz. Quasi ein Fall von ungewollter Expertise.

So viel brauchen wie man braucht – genau das ist nämlich die Herausforderung. Genauer: Herauszufinden, wie viel man wirklich braucht! Zwischen brauchen und verbrauchen besteht bei uns bekanntlich ein gewaltiger Unterschied, denn die Menschen sind ja auch beim Brauchen nicht gleich, ganz zu schweigen vom Verbrauch ohne Nutzen. Etwa wenn Sie das Licht brennen lassen, wenn Sie nicht im Raum sind – keine Lappalien, sondern durchaus Handlungen mit Destruktivkraft, «wenn das jeder täte». Was er und sie ja auch tun. Weil sie frei sind. Konsequenzen hat das keine. Strom gibt’s im Überfluss. Die Tapferkeit ist gratis, aber zugleich der beste Beweis dafür, dass Suffizienz wenig mit Verzicht zu tun hat – solange man nur verbraucht, was man braucht.

Es gibt aber noch eine bessere Definition von Suffizienz, die hab ich vom sexiest economist alive, Tomáš Sedláček, der sie vor Jahren an einer Tagung in Winti präsentiert hat. Er hatte uns gefragt: Wissen Sie, was passiert, wenn man ÖkonomInnen die Aufgabe stellt, zwei Biere gleichmässig durch drei Leute zu teilen? – Es passiert immer dasselbe: Die bestellen sofort ein drittes Bier!

Wir haben es hier nämlich nicht nur mit einem grandiosen Versagen derjenigen Wissenschaft zu tun, die andauernd eine grosse Klappe hat, sie wüsste, wie man mit Knappheiten umgeht, und uns doch kein einziges umsetzbares Modell dazu liefert, sondern, viel schlimmer: Wenn Sie sich nun nicht Biere vorstellen, sondern die eine Welt, die wir nun mal haben, verstehen Sie, warum die Grünen eine derartige Konjunktur haben (Scherz!). Mit anderen Worten: Es geht um die Anerkennung von Grenzen, meinetwegen des Wachstums, auf jeden Fall von Ressourcen. Und vor allem geht es um Politik, denn wo das Wachstum aufhört, beginnt die Umverteilung. Und damit wird auch das Versagen der Ökonomie klar, denn dazu gibt es nur ein global anerkanntes Prinzip: das der Gerechtigkeit.

Aber ich seh schon: Sie lechzen nach Anwendung. Kommt sofort: Stadt Zürich. Verkehr. Rämistrasse. Ein schönes Beispiel für Suffizienz. Und so geht’s: Gegeben sei eine Strassenfläche zwischen Bellevue und Pfauen, links denkmalgeschützte Häuser, rechts eine riesige Mauer. Sodann jede Menge von Anspruchsgruppen: FussgängerInnen, Velos, Trämlis, Autos, Töffs. Die brauchen (sic!) alle Platz. Der ist nicht vorhanden. Es gibt also Grenzen. Was tun?

Platz umverteilen, Filippo! Und nach welchen Grundsätzen? Nach demokratischen, Stadtrat! Denn wir leisten uns ja den Luxus einer Demokratie, in der das Volk nicht nur eine klare Prioritätenordnung bei den Verkehrsträgern definiert, sondern diese sogar in ein Gesetz gegossen hat, in dem es heisst: «Die Stadt Zürich setzt konsequent auf den öV, Fuss- und Veloverkehr…»

So. Damit wird’s simpel: Suffizienz bedeutet den Rückbau von Autokapazitäten. Da gibt es keinen Spielraum. Eine Ausweitung der Systemgrenze ist nicht möglich, und die Umverteilungsspielregeln sind glasklar. Da braucht es keine ominöse ‹Gesamtschau›. Und kein Schnattern von der Falkenstrasse. Da muss jetzt einfach der Volksauftrag durchgesetzt (sic!) werden, nach Suffizienzregeln, die sich diese liebliche Stadt schliesslich selber verordnet hat.

Mannomann: Die Welt retten wär so einfach.

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