Artikel, p.s. Zeitung

Unrecht

Anhand dreier Figuren verschiedenen Alters, aus verschiedenen Schichten und mit verschiedener Wut fächert Annemarie Jacir in «Palestine 36» die Anfänge des Arabischen Aufstandes zwischen 1936 und 39 auf. Während die Jüd:innen aus Europa vor der Vernichtung flüchteten und das Land ihrer Verheissung urbar machen wollten, versuchten die vom Britischen Empire kolonisierten dort bereits ansässigen Palästinenser:innen im Rahmen ihrer Möglichkeiten, die eigenen Rechtsansprüche durchzusetzen. Die dominierende Militärmacht verhielt sich dem Film gemäss auffallend einseitig. Aus Furcht vor einem Präjudiz der vielerorts brodelnden Unzufriedenheit mit der Mandats- oder Kolonialmacht der lokalen Bevölkerung, insbesondere in der Kronkolonie Indien, entschied der örtliche Oberbefehlshaber, jede Anstrengung zur Erlangung von Unabhängigkeit zu unterbinden, weshalb sie auch erkennbar rechtswidrige Akte der Geflüchteten in Kauf nahmen. Der zielstrebiger junge Mann Yusuf (Karim Daoud Anaya), der zwischen den Lebenswelten pendelt, die rebellisch emanzipierte intellektuelle höhere Tochter Khuloud (Yasmine Al Massri) und der ärmliche, einfache Tagelöhner und Hafenarbeiter Khalid (Saleh Bakri) bilden das Dreieck der Hauptpersonen, anhand deren Umfeld, Situationsentwicklung und Dringlichkeitszuspitzung zum Handeln «Palestine 36» ein glaubwürdig erscheinendes Sittenbild einer Zivilisation im Umbruch zeichnet. Diplomatische Bemühungen, aufklärerische Medienarbeit, der Gang in den Untergrund sind drei von zahllosen hier verhandelten möglichen Schicksalen, wobei gerade während der sich formierenden Revolte die sich angeblich im Sinne aller für die potenziell frei werdende Position der Macht nach einem allfälligen Rückzug der Briten in Stellung bringenden Gruppierungen sich gegenseitig am Ärgsten und Perfidesten befehden. Die Einzelperson muss in einer solchen Gemengelage schauen, wo sie bleibt und irgendwie überleben.

«Palestine 36» spielt im Kino Piccadilly

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