Artikel, p.s. Zeitung

Klimazynismus

«Alle klagen über das Wetter, aber niemand tut etwas dagegen», schrieb Mark Twain ungewollt prophetisch. Zum vergangenen Hitzesommer wurde nun wohl alles gesagt, vieles davon war, sagen wir es mal höflich: Bullshit. Wer tatsächlich meint, er müsse die beiden Strategien der Anpassung und der Vermeidung des Klimawandels gegeneinander ausspielen, hat nicht begriffen, dass das weder Widersprüche sind, noch wie gefährlich die Lage ist. Um es bildlich zu sagen: Wir sitzen im selben Boot. Alle. Und wir schauen ein paar Leuten zu, wie sie mit grossen Äxten Löcher in den Boden schlagen. Das Wasser steigt, aber Rettung naht: Alle scheinen sich einig zu sein, dass wir in dieser Lage einfach grössere Schöpfkellen anschaffen müssen. «Adaption» nennen das manche Politiker:innen. Und bewilligen im gleichen Moment noch mehr Subventionen für noch grössere Äxte. Denn das eine hat ja mit dem anderen rein gar nichts zu tun. Die Welt spinnt.

Dieser Schachzug ist ebenso clever wie hinterlistig und hat sogar mir kurz die Sprache verschlagen: Nachdem die bürgerliche Umweltpolitik sich jahrzehntelang geweigert hat, den Klimawandel ernsthaft zu bekämpfen, hat man nun gemerkt, dass er eine tödliche Realität ist und «tut etwas dagegen»:  Mehr Klimaanlagen ist der Konsens, und wer widerspricht, darf als unmenschlich gebrandmarkt werden. Die Klimaanlage dient als Vorwand dafür, dass man effektiv nichts gegen die Ursachen der Hitze tun muss. Allerdings ist das zugleich ein Ja zu all den katastrophalen Zuständen, wie wir sie erlebt haben und noch erleben werden und die aufzuzählen ich mir wohl ersparen kann.

Wir sitzen im selben Boot. Alle. Und wir schauen ein paar Leuten zu, wie sie mit grossen Äxten Löcher in den
Boden schlagen.

Und wenn Ölbert Rösti, «der mit Abstand wichtigste Aktivist der Umweltzerstörung in der jüngeren Schweizer Politik», wie ihn Daniel Binswanger nennt, nun genau das Minimum unternimmt, das nötig ist, um behaupten zu können, er tue etwas, dann ist das ein Hohn und eine Beschädigung der Demokratie. Man kann nicht genug wiederholen, dass wir in der Schweiz nicht von 1,4 Grad höherer Temperatur reden, wie in der Restwelt, sondern von 3 Grad. Wir liegen also schon lange jenseits der roten Linie, und es würde mich nicht wundern, wenn etwa der Untergang von Blatten darauf zurückzuführen wäre. Aber wie auch immer: Dass wir uns auf dieses Klima einstellen müssen, ist dem puren Menschenverstand geschuldet, also Realpolitik, hat aber rein gar nichts damit zu tun, dass wir die Welt immer noch davor bewahren müssen, auch auf 3 Grad zu steigen. Ein grünes Ja zu Klimageräten hat nichts mit einem Politikwandel zu tun, sondern mit Pragmatismus, der aber nicht vergisst, dass das eigentliche Ziel Netto-NULL heisst. Denn, wie Meteo Suisse lakonisch meldet: «Diese Entwicklung wird sich auch in Zukunft fortsetzen.»

Der Kampf gegen den Klimawandel und gegen die Ungleichheit seien die beiden grössten Kämpfe, die momentan ausgefochten werden müssen, habe ich letzthin gelesen. Beide seien existenziell und eine Grundlage für den Kampf gegen die aktuelle Faschisierung. Das ist nicht ganz neu, zeigt aber die Dringlichkeit der Debatte nochmals klar auf. Wir reden jetzt schon seit Jahren davon, wie sich das Klima desaströs entwickle, und seit Jahren überholt die Realität regelmässig die eh schon üble Prognose. Man braucht keine hellseherischen Fähigkeiten, um zu sehen, dass uns andauernde extreme Ereignisse bevorstehen, nicht erst in einigen Jahrzehnten, sondern 2027, 2028, etcetera. Der Zynismus der aktuellen Verweigerungshaltung hilft da auch nicht weiter.

Der Beitrag Klimazynismus erschien zuerst auf P.S..

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