Artikel, p.s. Zeitung

Humorig

Überhaupt, was soll das sein: Neutralität? Schon bezüglich des Speisezettels entwickeln Menschen Vorlieben. Eher süss. Eher salzig. Stéphane Goël und Mehdi Atmani machen sich für «Sonderfall» eher so semi-ernsthaft mit einem deutlichen Einschlag ins Humorige auf die Suche nach dem Wesen eines Begriffs, der angeblich bis in die DNA aller Schweizer:innen eine Wirkmacht entfalten soll. Und finden – wenig überraschend – zuerst einmal zahllose Beispiele, die ihr skeptisches Befremden gegenüber einer solchen Annahme dieses quasi zwingenden Automatismus’ unterfüttern. Der Anlass für ihre Spurensuche ist natürlich die im Herbst anstehende Volksabstimmung, diesen Begriff alias abstrakten Altruismus in die Verfassung als sakrosankt aufnehmen zu wollen. Wobei die beiden Regisseure entgegen den Urheber:innen des Abstimmungsbegehrens keinen Hehl daraus machen, dass die angebliche reine Lehre, die in letzter Konsequenz hinter diesem absoluten Begriff stecken müsste oder würde, nicht hundertprozentig deckungsgleich ist mit der Absicht, die mit dieser Film- oder eben Abstimmungsfrage verknüpft ist. Man kann sich königlich über ihre Art des Filmens aufregen, weil sie es nicht auf die Reihe bekommen, eine todernste argumentative Faktenaneinanderreihung einzufangen, über die ein Publikum nicht in einen Sekundenschlaf verfällt. Man kann ihnen im Umkehrschluss aber auch ein Kränzchen winden, dass sie sich trauen, die Ausgangsfrage bereits als so semi-ballaballa anzusehen und darüber auch die Suche nach einer Beantwortung ungeheuer freihändig in Szene zu setzen. Kann man machen, denn das Argument, das theoretisch schlagende, ist bekanntlich im realen Abstimmungsleben in der Schweiz nicht immer zwingend genau das, was die überzeugendste Breitenwirkung entfaltet und dementsprechend die Meinungsfindung entschieden prägen würde. Der Film ist ein Steilpass. Anhand des inhaltlichen Urteils lässt sich die Redlichkeit eines Absenders ablesen.

«Sonderfall» spielt im Kino RiffRaff.

Der Beitrag Humorig erschien zuerst auf P.S..

Powered by WPeMatico

Facebook Twitter Email