Artikel, p.s. Zeitung

Ruhe bewahren

Privat ist sie altersgerecht umzingelt von Frühpensionär:innen, die Freizeitbeschäftigungen mit Ferien verwechseln, was sie als professionelle Wortklauberin natürlich rasend macht. Rentner:innen haben kon­stant frei. Ferien machen nur Werktätige. Von denen sich die wenigsten früher aus dem Arbeitsprozess verabschieden können. Wie sie selbst. «Oder glaubed sie öppe, ich mache das freiwillig»,wirft sie ihrem Pu­blikum keck entgegen. Bei den Jungen hat sie sich den Einstiegsthrill abgeschaut und eröffnet ihr neues Programm «Ich weiss» mit einer Betroffenheitsbeichte. An den unmöglichsten Orten, zu den strubsten Zeiten und in den verrecktesten Situationen habe sie es machen müssen. Weil sie einfach nicht anders konnte. Nun endlich hat sie den Zwang überwunden. Dem dramatischen Spannungsaufbau folgt die Erleichterung über eine mutmassliche Banalität, was den Publikumslachern eine Ähnlichkeit mit der Befreiung aus einer Verlegenheit verleiht. Ihr Mann fürs Technische, Markus Ludstock, hat ihr eine piepsende App auf den Allzwecktrolley montiert, damit sie die Medizinalverabreichung nicht durcheinanderbringt. Also zeitlich. Vorkommen kann es in all dem Trubel indes durchaus, dass der Schaumwein zum vereinfachten Runterschlucken Konkurrenz von einem schäumenden Präparat erhält, das in der Hitze des Gefechts fälschlich angewandt wurde. Ein ihr aus dem realen Leben in einem Smart-Home ohnehin hinlänglich bekannte Begleiterscheinung. Immerhin hat das beiläufig zur Bekanntschaft mit dem halben Dorf geführt, wohin sie aus dem Dörfli bereits in «Sweet and Sour» umziehen musste. Dank der Regelmässigkeit eines nächtlichen Frischluftbedarfs und der intelligenten Verknüpfung der architektonischen Bequemlichkeit mit dem Sicherheitsaspekt ist ihre Routine via den Polizeiposten über die Gerüchteküche direkt im Allgemeinwissen der Bevölkerung gelandet. Dort spricht man aber nicht nur übereinander, sondern auch miteinander, allerdings über andere Inhalte. Was herausfordernd werden kann, wenn nicht alle über denselben Hintergrund verfügen. Also sinniert sie frei nach der Alterssiedlung Espenhof für queere Menschen über ein Pendant für Komiker:innen und malt sich Verhaltensmuster respektive Rollenzuteilungen für ihre potenziellen Mitbewohner:innen aus und landet damit natürlich bei der Niveaufrage, die der davor genannten Dorfproblematik wieder wie aufs Ei gleicht. Es ist ein Kreuz mit der Passgenauigkeit von Anpassung und Individualität, mit dem sich bis zur eigenen Beerdigung versöhnt werden will.

«Ich weiss», bis 13.6., Bernhard Theater, Zürich.

Der Beitrag Ruhe bewahren erschien zuerst auf P.S..

Powered by WPeMatico

Facebook Twitter Email