Die Ausstellung «Wir, Saisonniers …» Zürich 1931–2026 in der Photobastei wurde von «histoire publique» in Zusammenarbeit mit den drei Genfer Organisationen Archives contestataires, Collège du Travail und Rosa Brux produziert und lenkt die öffentliche Aufmerksamkeit erneut auf die Geschichte von Hunderttausenden von Arbeiterinnen und Arbeitern, die zum Aufbau der heutigen Schweiz beigetragen haben, ohne dass ihr grundlegender Beitrag jemals öffentlich anerkannt worden wäre.
Es sind Geschichten und Lebensbedingungen, die oft unbekannt geblieben sind oder für Menschen, die diese Erfahrungen nicht selbst gemacht haben, nur schwer nachvollziehbar sind: die vollständige Prekarisierung des Lebens, die Unmöglichkeit, die Zukunft zu planen, die Abhängigkeit vom Wohlwollen oder der Willkür der Arbeitgeber, die Verpflichtung, monatelang ohne die Familie zu leben oder sogar die eigenen Kinder zu verstecken. Das Saisonnierstatut beruhte auf der Vorstellung, Migrantinnen und Migranten ausschliesslich auf ihre Funktion als Arbeitskräfte zu reduzieren – Arbeitsmaschinen ohne menschliche Dimension, ohne Beziehungen und ohne andere Bedürfnisse als den Lohn. Und doch waren die Saisonniers Menschen, die mit der Realität dieses Landes in vielfältiger Weise in Kontakt standen und zu seiner Veränderung beigetragen haben.
Der Blick in die Vergangenheit, wie ihn eine Ausstellung ermöglicht, hat seine Grenzen. Er ist von Natur aus oft wohlwollender. Auf Fotografien wurden – insbesondere bevor sich digitale Kameras und Smartphones verbreiteten und wenn die Aufnahmen nicht von professionellen Reportern stammten – vor allem lächelnde Gesichter, glückliche Momente, gemeinschaftliche Situationen oder Demonstrationen festgehalten. Verzweiflung, Einsamkeit, Leid und Traurigkeit lassen sich schwieriger dokumentieren.
Trotz dieser inhärenten Grenze gibt die Ausstellung dieser Arbeitskraft Gesichter und Geschichten zurück und macht ihre Menschlichkeit sichtbar. Sie ermöglicht Menschen, die diese Erfahrungen nicht selbst erlebt haben – insbesondere den jüngeren Generationen, aber nicht nur ihnen –, die Geschichte der Migration in der Schweiz jenseits der Statistiken zu verstehen, die den öffentlichen Diskurs gewöhnlich prägen. Sie zeigt die Menschen hinter den Zahlen.
Dieser Blick in die Vergangenheit könnte jedoch auch ein dystopischer Blick in die Zukunft sein – eine ziemlich präzise Darstellung dessen, was uns erwartet, falls die Nachhaltigkeitsinitiative der SVP, über die am 14. Juni abgestimmt wird, von der Mehrheit der Bevölkerung angenommen werden sollte.
Prekarisierung statt Reduktion
Denn die Initiative zielt in Wirklichkeit – ungeachtet der rhetorischen Kunstgriffe ihrer Befürworter während des Abstimmungskampfes – nicht darauf ab, die Zahl der Migrantinnen und Migranten, die in der Schweiz Arbeit finden können, drastisch zu reduzieren, sondern darauf, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen zu prekarisieren.
Hinter dem Verweis auf die angebliche Notwendigkeit, das Wachstum der Wohnbevölkerung einzudämmen, um die Nachhaltigkeit zu sichern, die Mietpreise zu bremsen oder die Überlastung des öffentlichen Verkehrs zu verhindern – mit denselben Argumenten, die bereits von Ecopop vorgebracht wurden –, schlägt die Initiative vor, die Grenze von zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern ausschliesslich auf die ständige Wohnbevölkerung anzuwenden. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit befristeten Bewilligungen sowie Grenzgängerinnen und Grenzgänger würden dabei nicht mitgezählt.
Dies bedeutet faktisch die Rückkehr des Saisonnierstatuts – in einer noch prekäreren Form. Der Arbeitsmarkt würde sich zunehmend auf kurzfristige Arbeitsverträge stützen, und das Produktionssystem müsste entsprechend reorganisiert werden. Es bedeutet die Rückkehr zu Max Frischs berühmtem Satz: «Man rief Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.» Es bedeutet, erneut Arbeitskräfte rufen zu wollen und die Menschen abzulehnen.
Ziel ist es, Migrantinnen und Migranten erneut ihrer menschlichen Dimension zu berauben, ihnen das Recht auf ein Leben ohne Prekarität und das Zusammenleben mit ihren Familien zu verwehren und sie ausschliesslich als Arbeitskräfte zu betrachten – als Maschinen, die man bei Bedarf ‹mietet› und anschliessend wieder entsorgt und in ihre Herkunftsländer zurückschickt.
Erstaunlich ist, dass kaum jemand – selbst unter den Gegnerinnen und Gegnern der Initiative – darauf hinweist, dass all dies auch die Lebensbedingungen der bereits im Land lebenden Bevölkerung gefährdet, einschliesslich der Schweizer Bürgerinnen und Bürger. Die Wiedereinführung des Saisonnierprinzips in bestimmten Branchen oder deren Reorganisation zur Rekrutierung von Arbeitskräften mit Kurzaufenthaltsbewilligungen wird zwangsläufig dazu führen, dass sich auch die Arbeitsbedingungen der dort beschäftigten einheimischen Bevölkerung verschlechtern. Auch ihre Arbeitsverträge werden kürzer und unsicherer werden.
Die Rückkehr zu kurzfristigen Bewilligungen bedeutet zudem zwangsläufig die Wiederbelebung des Rotationsprinzips für ausländische Arbeitskräfte. Damit verbunden wäre der Verzicht auf Integrationsförderung, Sprachunterricht und ähnliche Massnahmen. Die Folge wäre eher mehr als weniger Probleme des Zusammenlebens in den Quartieren.
Dass kurzfristige Bewilligungen mit den Bedürfnissen verschiedener Schlüsselbranchen der Wirtschaft nicht vereinbar sind, bedeutet keineswegs, dass die von Migrantinnen und Migranten besetzten Arbeitsplätze automatisch von der ansässigen Bevölkerung übernommen würden. Das Bildungssystem bringt in vielen Bereichen nicht genügend Fachkräfte mit den erforderlichen Qualifikationen hervor. Die Folge wäre vielmehr, dass diese Arbeitsplätze – und in vielen Fällen ganze Unternehmen – ins Ausland verlagert würden, in Länder, in denen die Rekrutierung von Arbeitskräften weniger problematisch ist.
Man könnte dies in einem einzigen Slogan zusammenfassen: Wer Migrantinnen und Migranten prekarisiert, macht auch dein Leben prekärer.

Widerstandsfähigkeit dank Migration
In vielen Gesprächen, die ich in den vergangenen Wochen mit Menschen in anderen europäischen Ländern geführt habe, habe ich festgestellt, dass allein die Tatsache, dass eine solche Initiative in einem der reichsten Länder der Welt reale Chancen auf einen Sieg hat, grosses Erstaunen hervorruft. Gerade die Schweiz hat dank der Migration jene Widerstandsfähigkeit entwickelt, die ihr geholfen hat, die Krisen der letzten zwanzig Jahre vergleichsweise gut zu bewältigen.
Um zu verstehen, wie wir in diese Situation geraten sind, lohnt sich ein Blick zurück zur ersten Schwarzenbach-Initiative. Nach deren Ablehnung schrieb die in Zürich von der Föderation der Freien Italienischen Kolonien in der Schweiz herausgegebene Zeitschrift ‹Emigrazione Italia› im Juni 1970:
«Wie vielerorts festgestellt wurde, wurde der arbeitenden Wählerschaft während der gesamten Kampagne geraten, mit rein wirtschaftlichen Argumenten Nein zu stimmen: Eine drastische Reduktion der ausländischen Arbeitskräfte würde den Produktionsprozess lähmen, zahlreiche Fabriken schliessen und Arbeitslosigkeit verursachen. Im Wesentlichen beschränkte man sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – darauf, dieselben Argumente wie das Unternehmertum vorzubringen, und dies gerade in dem Moment, als sich die Vertreter der Initiative scheinbar gegen das Industriekapital wandten. Mit der Überfremdungsinitiative wurde somit eine grosse Gelegenheit verpasst, den schweizerischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern die Probleme und die Situation der Migrantinnen und Migranten zu erklären und ihnen verständlich zu machen, dass ihre Probleme dieselben sind wie jene der ausländischen Arbeiterinnen und Arbeiter…»
Mit bemerkenswerter Weitsicht erkannte die damalige Führung der grössten Migrantenorganisation der Schweiz bereits damals, was in den folgenden Jahrzehnten geschehen würde. Der Appell an das utilitaristische Eigeninteresse der Wählerschaft mag einige Abstimmungen gewonnen haben – aber keineswegs alle; die Masseneinwanderungsinitiative wurde 2014 angenommen. Gleichzeitig hat er auch in linken Kreisen und in den Volksklassen eine gefährliche Vorstellung verankert: Die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Migrantinnen und Migranten sollen nicht deshalb geregelt werden, weil es sich um Menschen mit Rechten handelt, sondern danach, ob diese Rechte für jene nützlich sind, die über das Wahlrecht verfügen.
Überzeugende Argumente?
Auch viele Gegnerinnen und Gegner der SVP-Initiative, angefangen bei Bundesrat Jans, argumentieren heute nicht damit, dass die Vorlage unmenschlich ist oder die Arbeitnehmerschaft spaltet und dadurch alle Beschäftigten schwächt. Stattdessen sprechen sie von Chaos, Problemen für die AHV oder von Gefahren für die Beziehungen zur Europäischen Union. Es ist jedoch fraglich, ob solche Argumente überzeugen können, nachdem einige derselben Organisationen jahrelang die angeblichen Probleme der Personenfreizügigkeit hervorgehoben und wiederholt damit gedroht haben, die bilateralen Verträge abzulehnen, um minimale Verbesserungen bei den flankierenden Massnahmen zu erreichen. Erst in den letzten Wochen wurden weitere Elemente in die Diskussion eingeführt, nachdem erkannt wurde, dass auch jene Wählerschaft erreicht werden muss, die für utilitaristische Argumente kaum zugänglich ist. Dazu zählt insbesondere die Erinnerung an das Phänomen der versteckten Kinder.
Und doch hat die Frauenbewegung in der Schweiz und in Europa den Männern in den vergangenen Jahrzehnten etwas Entscheidendes gelehrt: Die Rechte der Frauen müssen nicht deshalb anerkannt werden, weil sie das Wohlbefinden anderer erhöhen, sondern weil niemand wirklich frei ist, solange nicht alle frei sind. Dasselbe gilt für die Rechte von Migrantinnen und Migranten. Keiner von uns wird sich noch wirklich frei oder sicher fühlen können, wenn die Nachhaltigkeitsinitiative am 14. Juni angenommen wird. In einer prekären Gesellschaft, in der bestimmten Menschen ihre Rechte vorenthalten werden, werden wir alle prekärer leben.
Bestimmte Bevölkerungsgruppen, beispielsweise diejenigen, die an den Demonstrationen gegen das Massaker in Gaza teilgenommen haben, sind diesen Themen sicherlich aufgeschlossener, ebenso wie der Kultur der Solidarität, und weniger der – wenn auch wichtigen – Finanzierung der AHV.
Die Ausstellung «Wir, Saisonniers …» Zürich 1931–2026 sollte deshalb nicht besucht werden, um sich an die Vergangenheit zu erinnern, sondern um einen Blick auf die beunruhigende Zukunft zu werfen, die uns möglicherweise bevorsteht.
*Guglielmo Bozzolini ist Geschäftsleiter der Stiftung ECAP: www.ecap.ch
Der Beitrag «Wir, Saisonniers …», Zürich 1931–2026 erschien zuerst auf P.S..
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