Immer wenn ich keinen Garten hatte, war ich furchtbar neidisch auf jene Mitmenschen, die in der Erde wühlen, eigene Zucchetti ernten und aus dem Treibhäuschen plaudern konnten. Gartenkolumnen las ich mit gemischten Gefühlen. So hoffe ich denn, dass alle Gartensehnsüchte meiner heutigen Leserschaft befriedigt sind, und sei es nur mit einem Balkondschungel, Familiengarten oder Gemeinschafts-Pflanzblätz. Und falls nicht: Neid ist auch ein Motor, und vielleicht gibts im Jahre zwei nach Corona auch schon wieder freie Plätze in den kommunalen Arealen?
Mein letzter Garten war wahnsinnig gross. Dafür lag der sinnvoll nutzbare Teil davon fast vollständig im Schatten. Nachmittags um fünf floh im Hochsommer der letzte Sonnenstrahl. Ich schlug mich mit Mehltau, Schimmel und Krautfäule herum. Die Hälfte der hoffnungsfroh begrüssten Fruchtansätze reifte nie aus. Die Hälfte der anderen Hälfte, wie auch die meisten Blumen, frassen die prächtig gedeihenden Schnecken.
Seither sind zehn Jahre Klimaerwärmung ins Land gegangen, und ich wüsste Schatten vielleicht eher zu schätzen. Aber wie das Leben so spielt, habe ich heute einen überaus sonnigen Garten. Freude herrschte bei unserer ersten Begegnung. Die Bemerkung der Vormieterin, sie werde bis zu meinem Einzug «imfall nicht mehr jäten», überhörte ich grosszügig. Als im ersten Frühjahr grüne Blattspitzen aus dem Erdreich sprossen und so langsam die brache Fläche überwuchsen, quittierte ich dies mit einer Gartenweisheit meines Vaters: Der Boden hat lieber einen Unkrautbewuchs als gar keinen, denn so ist er vor Austrocknung und Erosion geschützt. Unterdessen weiss ich: … mit Ausnahme der Ackerwinde! Was habe ich nicht alles versucht, dieser hundsgemeinen «Problempflanze» Herrin zu werden. Denn von friedlicher Koexistenz hält sie gar nichts: Sie wächst schneller als jede Saat, pflanzt sich mit Samen und Rhizomen fort und erwürgt über- und unterirdisch alles andere.
Zuerst der Sommer-Trick mit dem schwarzen Plastik: Einfach ausbreiten, eine Zeitlang besonnen lassen, und alles darunter ist abgestorben. Denkste! Die Ackerwinde hat weit verzweigte Wurzeln und kann aus jedem vitalen Stück davon wieder austreiben. Um ihr Herrin zu werden, muss man sie mit Stumpf und Stiel ausrotten. Dann eben der Wintertrick: Umgraben und erfrieren lassen. Die Ackerwinde lachte sich in tausend Fäustchen und trieb munter wieder aus. Also halt täglich, Beet für Beet, unerbittlich zwei Spaten tief verfolgen. Bloss: Können vor Lachen! In meinen sonnengetrockneten, schweren Lehmboden liess sich kaum ein Loch stechen, um so tief zu graben, ohne alles rundherum zu entwurzeln. Bodenverbesserung hiess die neue Losung: Erde feinkrümelig häckeln (Braccio di Ferro), jedes Ackerwindenwürzelchen herauslesen (Sisyphus), zentnerweise Sand anschleppen und gleichmässig einarbeiten (Herkules). Sie ahnen es: Zum Anpflanzen und Ernten kam ich schon gar nicht mehr. Irgendwo las ich, man könne mit Ölrettich oder Klee das Erdreich so dicht bewurzeln, dass die Ackerwinde nicht mehr hochkomme und irgendwann ersticke. Aber klappt das auch, so lange die Winde unterirdisch noch wächst und der Klee erst klein ist? Und: hundert Quadratmeter Monokultur statt biodiverser Vielfalt und selbst gezogenem Gemüse? Diesen Sommer gilt daher die kreuzfidele Kombimethode: Hier ignorieren, da überirdisch abschlagen, dort ersticken und den unmittelbar zu bepflanzenden Radius pingelig sauber jäten.
Gleichzeitig gibt es auch im sonnigen Garten Schnecken. Da bin ich mittlerweile radikal. Morgens und abends rücke ich mit der Schere aus: Augen zu und durch! Falls immer noch jemand Neid empfindet: Kürzlich schwirrte so ein grosser grün irisierender Brummi durch die Luft (Japankäfer??), und auch die ersten stinkfiesen Wanzen = Reiskäfer sassen an den Tomatensetzlingen. Ganz ehrlich: Es gibt auch noch andere schöne Hobbys …
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