Artikel, p.s. Zeitung

Manifeste, Marketing und Mussolini

Am 18. April veröffentlichte Palantir auf seinem X-Kanal 22 Thesen als Manifest, die einen Auszug aus dem Buch darstellten, dass Palantirs CEO Alex Karp vor einem Jahr veröffentlichte. Karp hat in den letzten Jahren den öffentlichen Auftritt immer häufiger gesucht, nachdem er jahrelang im Hintergrund geblieben ist. In der gleichen Zeit hat er sich auch politisch verändert. Karp war nämlich früher – mindestens in seiner eigenen Selbstdarstellung – ein Linker, er bezeichnete sich gar als Neomarxisten. Er hat in Deutschland studiert und wollte bei Jürgen Habermas doktorieren. Habermas habe ihn aber nicht als Doktoranden angenommen, eine Zurückweisung, die ihn sehr gekränkt haben soll. 

Seine politische Einstellung hat sich in den letzten Jahren massiv geändert, unter anderem – auch das eine Selbsterklärung – durch den Hamas-Angriff am 7. Oktober 2023 und die Universitätsproteste danach. Die Palantir-Thesen reihen sich ein in eine Reihe von Manifesten und Schriften der Tech-Elite, die deren Radikalisierung gut illustrieren. Die 22 Thesen beginnen damit, dass Karp meint, dass die Tech-Industrie der Gesellschaft und dem Staat gegenüber eine gewisse Schuld hat. Was man vielleicht noch nachvollziehen könnte, wenn die Schlussfolgerung daraus nicht wäre, dass sich die Tech-Industrie in erster Linie an der Aufrüstung beteiligen sollte. Die Thesen sind teilweise widersprüchlich und wirr, haben aber durchaus eine gewisse Stringenz in den Gesamtaussagen. Diese sind zum einen, dass die Tech-Industrie einen Schwerpunkt in die Produktion von Software für Waffen oder Überwachsungssysteme einsetzen soll,  sowohl für die Armee wie auch für die Polizei. Wo Palantir schon jetzt mehrheitlich tätig ist. Und zum zweiten müsse der Staat massiv aufrüsten. Dann offenbaren die Thesen eine gewisse Wehleidigkeit gegenüber Kritik, was aber ein ziemlich weit verbreitetes Phänomen ist. Und zum Schluss gibt es Thesen, die nur schwach verklausuliert rassistisch sind. Wie dass es halt Kulturen gäbe, die anderen überlegen sind und dass der Pluralismus den Westen zersetzt.

Die Interpretation über die dahinterliegende Ideologie und Motivation geht bei den Palantir-Thesen genauso wie bei anderen Verlautbarungen der Techbros, die sich mittlerweile ziemlich alle solide im Trump-Lager befinden. Ist es Überzeugung, ist es Opportunismus oder ist es schlicht Marketing? Tech-Journalist Ed Zitron, der einer derjenigen ist, der beim AI-Boom in erster Linie einen Hype vermutet, glaubt an Letzteres. Künstliche Intelligenz brauche dermassen viel Investititionen, dass man die nicht nur bei den Konsument:innen holen könne, sondern Geld in erster Linie durch Aufträge fürs Militär verdienen könne. So gibt es auch seit Jahren von einigen Seiten die Vermutung, dass die CEOs der Techfirmen, die Gefahren und Möglichkeiten von Künstlicher Intelligenz absichtlich übertreiben, um sie attraktiver zu machen. Allerdings kann man es damit auch übertreiben. Palantir hat durch seine Tätigkeit für die israelische Armee oder die Einwanderungspolizei ICE mittlerweile einen sehr schlechten Ruf erworben, was vielleicht bei der Kundensuche auch nicht hilfreich ist. Die Schweizer Armee hat – wie die ‹Republik› recherchierte – aus Reputationsgründen auf eine Zusammenarbeit verzichtet, auch in Deutschland gerät der Einsatz von Palantir unter politischen Druck. Es gibt durchaus auch Gründe, warum CEOs von Rüstungskonzernen keine politischen Manifeste publizieren und lieber im Hintergrund bleiben. 

Andere wie der Tech-Journalist Gil Duran, der den Newsletter ‹The Nerd Reich› betreibt, sieht dieses Manifest eindeutig als faschistoid. Die Bewaffnung und Aufrüstung einer Gesellschaft, die Überbetonung von Stärke, das klare Freund-Feind-Schema und das Ausgrenzen gesellschaftlicher Gruppen (minderwertige Kulturen) seien klare Zeichen. Und Karp sei da bei Weitem nicht der einzige. Die ganze Tech-Elite wünsche sich einen autoritäre Gesellschaft, in welcher der Staat weitgehend privatisiert ist, mit Ausnahme der staatlichen Gewalt, und geführt wird wie eine private Firma. Der Lieblingsphilosoph der Techbros ist Curtis Yarvin, der die Demokratie abschaffen und durch eine absolutistische Monarchie ersetzen möchte. Derselbe Curtis Yarvin ist derweil an ein Symposium für Demokratie an der Universität St. Gallen eingeladen zum gepflegten Streitgespräch. Keine Pointe. 

Palantir-Mitgründer Peter Thiel hält Vorträge über den Antichristen, Elon Musk verbreitete rassistische Posts im Minutentakt, Open Ai-Chef Sam Altman philosophiert über die Unterschiede bei der Energiebilanz von Menschen und KI (der Mensch brauche mehr). Es ist zuweilen schwierig zu erkennen, wo die Grenzen zwischen Ideologie, Wahn, aber auch schlicht banalem Geschwätz liegen. Was es auch ein wenig schwierig macht. Soll man die Leute ernst nehmen oder nicht? Sind sie gefährlich oder nehmen sie einfach zu viele Drogen? Sind sie Möchtegerne-Mussolinis oder einfach Hochstapler?

Man fragt sich auch, wie gut denn eine Strategie ist, mit der man sich so ziemlich bedingungslos an eine Seite hängt, die – wenn man den Umfragen glauben kann – rasant an Beliebtheit einbüsst. Noch gibt es eine Demokratie, die bei allen Unzulänglichkeiten im letzten Jahr den Demokraten einige Wahlsiege beschert hat. Ich habe auch noch nicht ganz verstanden, warum ich jetzt mit voller Begeisterung auf eine Technologie setzen soll, deren zwei Hauptverkaufsargumente gemäss deren Firmenchefs entweder zu Massenarbeitslosigkeit oder zur Zerstörung der Menschheit führen soll. 

Nun stimmt das alles auch vermutlich nicht oder ist masslos übertrieben. Die Technologie hat tatsächlich grosses auch disruptives Potenzial, aber in welche Richtung die Reise genau gehen wird, ist da weit umstrittener. Vielleicht lässt sich aber auch nur sagen, dass man diesen Techbros eine intellektuelle Brillianz andichtet, die vielleicht real nicht vorhanden ist. Nimmt man sie ernst, sind sie gefährliche Ideologen, glaubt man es nicht, sind es aufgeblasene Dummschwätzer.

Klar scheint mir so oder so, dass wir die politische Zukunft und den Umgang mit mächtiger Technologie nicht einfach solchen Leuten überlassen sollen. Da wir zum Glück noch nicht in einer absolutistischen CEO-Monarchie leben, bleibt die Gestaltung der Zukunft noch in unseren Händen. Nutzen wir sie. 

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