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Draussen lässt sichs besser ­lernen

Primarschulpflegepräsidentin und Stadträtin Pa­tricia Bernet (SP) ist buchstäblich begeistert vom Projekt «Draussen lernen». Und das nicht nur, aber auch, weil sie Biologin ist. Die Nähe zur Natur und alles was damit zusammenhängt, wenn man sich draussen bewegt, sind ihr wichtig. Und sie kommt – und das ist hier durchaus angebracht – richtig ins Schwärmen, wenn sie auf all die Vorteile zu sprechen kommt, die der Unterricht unter freiem Himmel mit sich bringt. 

Draussen sein gehört zum Stundenplan

Ursprünglich sei vor Jahren geplant gewesen, einen Waldkindergarten einzuführen, was aber an der Finanzierung scheiterte, sagt sie. Das Parlament fand, das Projekt sei zu teuer und komme nur wenigen Kindern zugute. Überzeugt davon, dass etwas in die Richtung Unterricht im Freien getan werden müsse, entstand die Idee, dass man in der Primarschule das zeitlich befristete Pilotprojekt «Draussen lernen» ausprobieren solle. «Draussen lernen» fix einführen und als festen Teil des Stundenplans institutionalisieren, entstand erst im Verlaufe des Projektes. Im Februar 2023 lancierte die Primarschulpflege Uster das Projekt «Draussen lernen» deshalb auf freiwilliger Basis. 

Laut Bernet ist Unterricht ausserhalb des Klassenzimmers, basierend auf den zahlreichen wissenschaftlichen Erkenntnissen äusserst wünschenswert. «Die Vorteile liegen auf der Hand und dass die Kinder von dieser Unterrichtsform profitieren ebenfalls», sagt Bernet. Aber nicht nur die Kinder würden profitieren, sondern auch die Lehrpersonen. Bei einer Befragung gaben 89 Prozent der Lehrpersonen in Uster an, dass sie «Draussen lernen» als klare Bereicherung ihrer Arbeit empfinden würden.

Bessere Beziehungen aufbauen

Die Primarschule hielt fest, dass die Erfahrungen aus Uster sowie wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass Unterricht im Freien die soziale und emotionale Entwicklung fördert, die Konzentration verbessert und das Vertrauen zwischen Lehrpersonen und Kindern stärkt. 86 Prozent der Lehrpersonen gaben an, dass sie die Schülerinnen und Schüler draussen anders kennenlernen und dadurch eine bessere Beziehung zu ihnen aufbauen können. Die Beziehung zwischen Kindern und Lehrpersonen sei die Basis für gelingendes Lernen. Deswegen ist dieser Effekt besonders bedeutend. Zudem hatte die Zahl der Lehrpersonen in der Projektphase zugenommen, die regelmässig draussen unterrichteten. 

Die positiven Ergebnisse bestärkten die Primarschulpflege im Vorhaben, «Draussen lernen» weiterzuführen. Das Lernen im Freien soll für alle Kinder auf allen Stufen der Primarschule Uster zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Schulalltags werden. Deshalb wurde es in der Schulentwicklung verankert.

Umwelt als Schulstoff nutzen

Bernet listet im Laufe des Gesprächs auf, welche Vorteile das «Draussen lernen» mit sich bringen. Sie ist der Meinung, dass es ausserhalb des Klassenzimmers nichts gibt, was nur dort gelernt werden könnte. Im Gegenteil. «Die Kinder bewegen sich draussen mehr, sie reden auch viel mehr, wenn sie draussen sind und werden mit Aufgaben konfrontiert, mit denen sie im Klassenzimmer gar nie konfrontiert werden können.» Eine kleine Brücke über einen Bach bauen zum Beispiel könne man nur, wenn ein Bach vorhanden sei. Und eine Brücke bauen, auch wenn es nur eine kleine sei, sei eine Herausforderung. Über die Brücke zu balancieren, ohne hinunter zu fallen ebenfalls. Draussen im Freien sei alles vorhanden, was man für einen Unterricht brauche. Und es würden sich deutlich mehr Möglichkeiten für praktischen Anschauungsunterricht bieten als im Klassenzimmer. 

Spielerische Schulung von Körper und Geist

Studien haben ergeben, dass Kinder im Wald häufig stolpern, besonders in den ersten Wochen, da der unebene Boden mit Wurzeln und Steinen andere Anforderungen an das Gleichgewicht stellt als Strassen. Dies ist ein normaler Lernprozess, der Motorik und Aufmerksamkeit fördert. Nach kurzer Zeit gewöhnen sich Kinder daran, heben die Beine bewusster und bewegen sich geschickter. Der Waldboden bietet wechselnde Untergründe, weiche, harte, und rutschige. Dies fordert die Koordination heraus und sie wird dadurch verbessert. Von der Schulung dieser motorischen Fähigkeiten würden die Kinder ein Leben lang profitieren, ist sich Bernet sicher. Sie beruft sich dabei nicht nur auf die eigenen Erfahrungen, sondern auch auf die Erkenntnisse aus der Wissenschaft. 

Musische Fächer verbessern das Lernen 

«Leider werden solche Erkenntnisse oft gar nicht wahrgenommen», bedauert sie und weist in auf die Wichtigkeit der musischen Fächer hin. «Ist ein Kind schwach in Mathematik, wird als erstes eine Erhöhung der Zahl der Mathematikstunden gefordert. Besser wäre es aber, wenn das Kind zum Beispiel ein In­strument lernen würde. Denn dies würde die schulischen Leistungen messbar verbessern.» Studien bestätigen dies, wurden doch bessere Leistungen in den Bereichen Lesen, Mathematik und Schreiben festgestellt, wenn zum Beispiel musischen Fächern mehr Zeit gewidmet wird. Ähnliche Erfolge werden auch dem «Draussen lernen» zugeordnet. Ein grosser Teil dessen, was den Menschen im Leben zu dem mache, was er sei, beruhe auf praktischen, sinnlichen Erfahrungen. Nämlich dem Anfassen, Spüren, Erleben. Ein ganz besonderer Vorteil des Unterrichts unter freiem Himmel sei die Einprägung des Erlebten. «Was man selber erlebt hat, prägt sich einem ein», sagt Bernet. Und das sei nachhaltiger, als wenn man nur etwas darüber gelesen habe. In einem Bach zu stehen und die Strömung und die Temperatur des Wassers zu spüren, sei nur möglich, wenn man in einem Bach stehe. Wenn Emotionen geweckt werden, ist Lernen nachhaltig.

Soziales Verhalten stärken

Schulleiterin Flurina Derungs weist noch auf einen weiteren Aspekt des Lernens im Freien hin. Es habe positive Auswirkungen auf das Miteinander. Kinder die Mühe hätten, auf andere Kinder zuzugehen, falle dies draussen leichter als im Klassenzimmer. Bernet ist denn auch davon überzeugt, dass mit diesem Projekt nicht nur die Sozialkompetenz der Kinder gestärkt werde, sondern auch der Klassenverband. Aus all diesen Überlegungen ist Bernet überzeugt davon, dass «Draussen lernen» nicht nur zufällig stattfinden soll, sondern als fester Teil des Schulalltags. «Es braucht Strukturen», sagt Bernet, und die seien nun geschaffen worden und würden in Zukunft von der ganzen Primarschule genutzt. 

Chancengleichheit fördern

In der Lehrerschaft sei auch eine gewisse Skepsis vorhanden. »Draussen lernen» wird von vielen begrüsst und unterstützt. Seitens der Eltern der Kinder habe es praktische keine Reaktion gegeben. «Das Projekt sorgte auch für eine gewisse Chancengleichheit, da nicht alle Familien ihren Kindern die Möglichkeit bieten können, regelmässig etwas draussen in der Natur zu unternehmen und zu erleben», sagt Bernet. Zudem habe sich gezeigt, dass dank dem Unterricht im Freien Stress abgebaut werden könne, die Konzentration erhöht werde und sich darüber hinaus die Kinder viel mehr bewegen, sie also körperlich viel aktiver seien, als wenn sie im Schulzimmer sitzen. Das alles sei, auch wenn es etwas banal töne, enorm wichtig. Vor allem in der heutigen Zeit, in der sich viele Kinder zu wenig bewegen, weil sie sich unter anderem zu lange Zeit im, satt ausser Haus aufhalten.

Projektpartner

Intensiv zusammengearbeitet wurde bei der Einführung des Projekts «Draussen lernen» in der Primarschule Uster mit der Stiftung Silviva. Mit dem schweizweit aktiven Kompetenzzentrum für «Draussen unterrichten» wird die Zusammenarbeit auch in Zukunft weiterbestehen. Ein Teil dieser Zusammenarbeit besteht in der Unterstützung und Beratung der am Projekt beteiligten Lehr- und Betreuungspersonen. 70 von ihnen wurden in den vergangenen zwei Jahren diesbezüglich betreut. Im Gegenzug verpflichteten sich die Teilnehmenden, ihre Erfahrungen festzuhalten und bei der abschliessenden Aus- und Bewertung des Projekts mitzuwirken. Silviva fasst die wichtigsten Vorteile von «Draussen lernen» so zusammen: 1. Förderung der sozialen und emotionalen Entwicklung. 2. Stärkung des Vertrauens zwischen Lehrpersonen und Kindern. 3. Lerninhalte bleiben dank mehr Aktivität und Bewegung besser im Gedächtnis haften. 4. Unterschiedliche Lernräume bedienen unterschiedliche Lernbedürfnisse der Kinder. 5. Förderung der Kommunikation, Kooperation, Kreativität, kritischem Denken und Umgang mit Unvorhergesehenem.   
Ein zweiter wichtiger Partner im Projekt «Draussen lernen» ist das Bundesamt für Sport (Baspo). Das Baspo hat den zweijährigen Versuch «Draussen unterrichten» im Rahmen des beim Baspo angesiedelten Innovationslabor «lab 7×1» inhaltlich und finanziell unterstützt. Mit dem Begriff 7×1 wird die Idee von täglich 1 Stunde Sport 7 Tage die Woche zusammengefasst. Das Innovationslabor lab7x1 vom Baspo war zu Besuch im Schulhaus Gschwader und gibt mit einem Kurzfilm Einblicke in das Projekt.
(www.primarschule-uster.ch)

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