Artikel, p.s. Zeitung

Rationierung

Wer in der Politik Verzicht predigen wollte, wäre schnell abgewählt. In einer Wirtschaft, die vom Wachstum so abhängig ist wie ein Junkie vom Stoff, ist jede Aussage in Richtung «weniger» politisch tödlich. Ausser natürlich, man predige etwa weniger Sozialhilfe für Geflüchtete oder weniger Prämienverbilligungsgelder, da ist dann der Verzicht plötzlich salonfähig, was uns eines lehrt: Es geht weniger um das Pfuiwort an sich, sondern darum, wer damit geplagt werden soll. Dennoch nähern wir uns in grossen Schritten einer Debatte, die unausweichlich ist und die, je länger man sie hinauszögert, umso hässlicher werden wird: Der Streit um Ressourcen in einer Welt, die immer ungleicher wird.

Das kann man am vergangenen Hitzesommer wunderbar illustrieren, der einen eklatanten Wassermangel aufzeigte. Und da man Wasser durch nichts ersetzen kann, um das wieder einmal in aller Deutlichkeit zu sagen, gibt es nur eines, die Rationierung: AKW werden nicht mehr gekühlt, die Kühe vorzeitig von der Alp geholt, das Gemüsefeld weniger gewässert, und so weiter. Und schöner könnte man nicht zeigen, dass das Sprichwort «By design or by desaster» abgrundtief wahr ist, denn nun musste man aus dem Stand den Verzicht durchziehen. Nichts war geplant, Wasserkonzepte existieren in der Schweiz nirgends, noch nicht einmal aussagekräftige Verbrauchsdaten, denn man wähnt sich ja nun seit 1291 in einem Wasserschloss mit ewigem Schnee, ergo ewigem Wasser. Lernen tun wir übrigens nichts daraus: Schon wieder prügelt man sich, im Hinblick auf die bevorstehende Beschneiungssaison, desaströs um das knappe Nass aus den Bergen.

Rationierungen werden unser Alltag werden. Und nein, wir werden sie natürlich nicht «Verzicht» nennen, sondern schönere Wörter finden wie «Priorisierungsplan» oder so, und wir werden höllisch aufpassen müssen, dass sie demokratisch ablaufen. Denn die Folgen der Umweltzerstörung und des Klimawandels sind ein wunderbarer Nährboden für Autoritarismus und Ellenbogengesellschaft. Wir haben nicht die geringste Vorstellung, wie man diese Priorisierung organisieren soll. Ob es klüger wäre, Flusskraftwerke abzustellen oder Fische aussterben zu lassen oder Golfanlagen zu verbieten oder weniger zu duschen. Klar ist einzig: Der Markt wird es nicht richten, weil er weder ein soziales noch ein ökologisches Bewusstsein hat. Der Markt rationiert nur über den Preis, wobei herauskommt, dass die Reichen sich alles leisten können und der Rest sehen kann, wie er über die Runden kommt. (Und ja, das gilt auch global: Die immer noch vergleichsweise reichen Schweizer Bauern konnten daher ja auch Heu in Frankreich kaufen. Was die französischen Viecher fressen werden, ist uns egal.) Die klassische Ökonomie wird es auch nicht richten, weil sie kein einziges Modell für weniger Wachstum vorweisen kann. Was bleibt, ist der Staat. Rationierungen sind genuin staatliche Aufgaben. Ich würde daher nicht vorschnell den Verzicht verteufeln. Verzichten werden wir nämlich ohnehin alle irgendwie. Aber der Verzicht, oder nennen wir es doch lieber: eine faire, demokratisch abgestützte, auf gemeinsam geteilten Werten basierte Rationierung knapper Güter, würde viel Druck wegnehmen. Auch Lasten müssen gleichwertig verteilt werden und es kann schon gar nicht sein, dass knappe Güter zum Luxus für Reiche werden. Diese demokratische Herausforderung wird in Zeiten des grassierenden Autoritarismus immer grösser. Wir müssen daher unbedingt über das Pfuiwort reden.

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