Der alte Mann kommt schlurfend die Strasse herunter, langsam, gebückt, mühselig. Der Spazierstock scheint eher den Rollator zu ersetzen, das Ganze sieht anstrengend aus. Er erreicht einen Blumenladen, vor dem ein Bänklein steht. Leer. Der alte Mann hält darauf zu und setzt sich, leicht dabei ächzend. Er schnauft aus. Er sieht in den bläulichen Himmel und schliesst kurz die Augen. Ruhe herrscht. Aber nicht lange. Die Ladeninhaberin schiesst aus der Tür, baut sich vor ihm auf und sagt in einem gewollt falschen Ton: «Sooo? Es meinen heutzutage aber auch alle, sie könnten irgendwo gratis ausruhen, gell?» Nicht, dass das eine ernsthafte Frage gewesen wäre, aber die Polemik ist auch so klar. Der alte Mann schaut zu ihr auf, sieht ihr direkt ins Gesicht, wie um herauszufinden, ob so eine Bemerkung tatsächlich ernst gemeint sei, und dann streckt er langsam seinen Zeigefinger aus, richtet ihn auf die Ladenbesitzerin und zack! – ich könnte schwören, dass ein kleiner Blitz aus der Fingerspitze schoss – verwandelt er die Frau in eine Taube, fragt mich nicht, wie er das gemacht hat. Die Taube sitzt eine Weile da, blinzelt zweimal, guckt etwas blöd aus den Federn und dann macht sie die Flatter und ward nie mehr gesehen. Ruhe herrscht. Der alte Mann stemmt sich mühsam und wieder mit einem kleinen Ächzer auf die Beine, schaut zu mir herüber, zwinkert und geht dann schlurfend die Strasse hinunter. Er biegt um die Ecke und ist weg.
Diese Geschichte ist abgrundtief wahr, ich hab sie ja selber erlebt. – Aber ok, ich geb zu, ich hab beim Erzählen ein kleines bisschen aufgerundet: Der alte Mann bin ich selber, wenn auch weniger alt, und ich habe die Ladenbesitzerin auch nicht verwandelt, sondern nur gut biblisch bis ins 7. Glied verflucht. Lachen Sie nicht, etwas Stärkeres ist mir grad nicht eingefallen. Es vergingen dann allerdings nur ein paar Monate und der Blumenladen war verschwunden. Vermutlich bankrottgegangen. An seiner Stelle ist nun ein Dienstleister, auf dessen Schaufenster «love & magic» steht. Passen Sie also auf, mit wem Sie sich anlegen. Ageismus lohnt sich nicht.
Ich meine es durchaus ernst. All die verächtliche Polemik um die Alten, die nur noch ein Kostenfaktor seien, denen man das Stimmrecht entziehen müsse und die ausser Bedürftigkeit nichts mehr zu bieten hätten, macht nicht nur eine katastrophal falsche Kosten-Nutzen-Rechnung, sondern sie denkt auch nicht zu Ende. Man kann zum Beispiel schon vertreten, dass wir alle länger arbeiten müssten, und vermutlich werden wir (in 20 Jahren vielleicht) bei einer Flexibilisierung des AHV-Alters landen, aber das bedeutet eben auch: mehr Arbeitsplätze, die gestellt werden müssen, eine längere Beitragspflicht der Arbeitgebenden bei den Sozialabgaben, höhere Kosten für die ALV, Wegfall der Gratis-Care-Arbeitsleistungen – es werden, analog zu den Kitas, dann auch Seniorentagesstätten nötig, denn wer soll denn sonst all die Eltern der länger Arbeitenden pflegen? –, vermehrte und lebenslange Weiterbildungsanstrengungen, und vieles mehr. Unter dem Strich wird das vermutlich ein Minusgeschäft, oder eben nur dann nicht, wenn man Ageismus als Voraussetzung betrachtet, analog zur Ausblendung der Frauenarbeit in der offiziellen Ökonomie. Denn Diskriminierung ist ja nicht nur ein ethisches oder politisches Problem, sondern auch ein sachliches. Ältere Menschen sind ein Gewinn, keine Last, wenn man in der Lage ist, Assets richtig zu erkennen und zu nutzen. Aber klar, man kann das natürlich auch auf die harte Tour lernen. Siehe oben.
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