Die Sammlung Bührle des Kunsthauses bereitet weiterhin Kopfzerbrechen. Gut so! In den Köpfen der Gegenwart sitzen noch einige zu knackende Begriffe und Vorstellungen allzu selbstgefällig auf ihren bequemen Plätzen:Angenehm beschattet von einer abgehakten Vergangenheit, sorgsam einem Anderswo zugeordnet, Luftdicht im gnädigen Formaldehyd der Neutralität eingelegt und in einer ewigen Quarantäne der Unantastbarkeit am Ausbruch ins Hier und Heute verhindert.
«Raubkunst» etwa. Wie wir letzten Monat in der WOZ lesen konnten, darf eine private Stiftung via öffentliches Museum ungeniert Geschichte klittern: etwa jene des Verkaufs von Manets Gemälde «La Sultane» durch die jüdische Familie Silberberg 1937. «Der Grund für (deren) finanzielle Notlage sei nicht die NS-Verfolgung ab 1933, sondern die Weltwirtschaftskrise von 1929 gewesen», so laut WOZ die wohlfeile Beurteilung der damaligen Verkaufsumstände durch die Stiftung Bührle. Verkauft wurde das Bild in höchster Not, 1938 kam der Sohn der Silberbergs ins KZ, und ihre Fabrik wurde «arisiert». Die Holocaust-Enzyklopädie (encyclopedia.ushmm.org) über jene Zeit: «Adolf Hitler wurde am 30. Januar 1933 Reichskanzler von Deutschland / Von Anfang an übte das NS-Regime Druck auf die jüdische Bevölkerung aus, das Land zu verlassen / Nach der Machtübernahme … beschloss die NS-Führung die Durchführung eines Wirtschaftsboykotts gegen die Juden / Zwischen 1933 und 1939 verloren Juden in Deutschland ihre Bürgerrechte und Staatsbürgerschaft / Arisierung bezieht sich auf die Übertragung von jüdischem Eigentum an Nichtjuden im nationalsozialistischen Deutschland zwischen 1933 und 1945.» usw. usf.
Warum aber ist Bührle selbst in der Wirtschaftskrise nicht verarmt? Wie vermochte es ein Beamtensohn, ab 1936 hochkarätige Kunst zusammenzukaufen, 1937 sowohl alleiniger Fabrikinhaber wie auch Villenbesitzer am Zürichberg zu werden und 1939 ein Hotel in der Innenstadt zu eröffnen? Die Stiftung (buehrle.ch) fasst sich kurz. Wir erfahren immerhin: Ab 1924 verdiente er in Oerlikon sein Geld mit der «verdeckten deutschen Rüstung» durch deren Verlagerung ins «neutrale» Ausland, dass er damit das Rüstungsverbot des Versailler Friedensvertrags untergrub, wird in etwa als Kavalliersdelikt gewürdigt. Seine Waffengeschäfte mit den als «Achsenmächte» in die Geschichte eingegangenen BöFei Italien, Deutschland und Japan von 1924 bis 1929, mithin in der Hochblüte des Faschismus, lässt die Website unkommentiert. Ab 1933 soll er sich zur Rüstungsindustrie Nazideutschlands in Konkurrenz befunden haben, erledigte aber Grossaufträge für die historischen «Alliierten» Frankreich und Grossbritannien. Die Stiftung deutscht nicht aus, dass Bührle somit sein Vermögen machte, indem er beide Kriegsparteien belieferte. Dazu unterschlägt sie die Tatsache, dass er auch mit Nazideutschland geschäftete, als die Schweiz 1938 begann, Kriegsmaterialexporte zu kontrollieren, eben unter falscher Etikette.
Man darf dieses Ineinandergreifen der Zahnräder von Verfemung, Krieg, Flucht und ‹unbeteiligtem› Profit keinesfalls als Glück des Tüchtigen oder Gunst der Stunde verkennen. Denn allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass mit den Juden nicht zufällig die wohlhabendste Bevölkerungsschicht geächtet wurde. Vielmehr wurde der anfällige Mob gezielt auf seinen latenten Antisemitismus eingeschworen, um die Reichsten im Lande bei helllichtem Tage ausrauben zu können und den ‹Urdeutschen› den ihnen angeblich zustehenden Luxus zu finanzieren, für den keine annähernd ausreichenden Einnahmen oder Reserven vorhanden waren. Vor der Entdeckung der unvermeidlichen Pleite beschwor man den Endkampf herauf. Götz Aly («Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 – 1945») nennt denn auch den Zweiten Weltkrieg, mit vielen Belegen untermauert, die grössenwahnsinnigste Konkursverschleierung der Geschichte.
Es wäre nun an der Zeit, die Denkmäler der Profiteure von damals mit Getöse von ihren Sockeln zu stossen!
Der Beitrag Mit dem Hammer ins Museum erschien zuerst auf P.S..
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