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Photovoltaik als tragende Säule im Strommix

Die Schweizer Netzbetreibergesellschaft Swissgrid hat vor ein paar Wochen ein White Paper, einen 30-seitigen Bericht, veröffentlicht. Er trägt den Titel «Systemverträgliche Integration Photovoltaik». Die temporäre Expert:innengruppe unter der Leitung von Swissgrid, die ihn verfasst hat, nennt als Ziel ihrer Arbeit, Lösungswege zu folgender Fragestellung zu finden: «Wie können wir Rahmenbedingungen (technisch, regulatorisch, ökonomisch, organisatorisch) schaffen, um die gemäss Bundesgesetz über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien festgeschriebenen Ausbauziele (Fokus auf Photovoltaik) sicher und nachhaltig im Schweizer Stromsystem zu integrieren?»

Zur Einordnung: In der Zeitschrift ‹Erneuerbare Energien› vom April 2026, einer Publikation der Schweizerischen Vereinigung für Sonnenenergie SSES in Zusammenarbeit mit dem Branchenverband für Sonnenenergie Swissolar, wird über die Photovoltaik-Tagung von Ende März berichtet. Die Branche diskutierte dort ebenfalls darüber, «was es braucht, um die ambitionierten Solarziele des Bundesrats zu erreichen, und wie Photovoltaik zur Stabilität und Flexibilität des Energiesystems beitragen kann».

Das Kontrastprogramm dazu findet sich in der NZZ: Dort wurde Anfang April das White Paper vorgestellt. Der Titel lautet, «Swissgrid warnt: Der Solarboom überfordert das Stromsystem».

Lösungen suchen hier, Photovoltaik schlechtmachen da: Die Zusammenfassung des White Papers startet mit der Erkenntnis, dass sich die Schweiz «mitten in einer umfassenden Transformation ihres Energiesystems» befindet. Das mag banal tönen. Wer aber stattdessen wie die NZZ von einem «Solarboom» schreibt, der «das Stromsystem überfordert», geht implizit davon aus, dass das System besser bleiben sollte, wie es ist, also auf AKW und Wasserkraft ausgerichtet. Rückschritt statt Fortschritt als neues liberales Credo, wer hätte das gedacht.

Schneller mehr PV als prognostiziert

Gemäss White Paper ist Photovoltaik (PV) bereits «zu einer tragenden Säule im Schweizer Strommix» avanciert. Mit einer neu installierten PV-Leistung von rund 1,8 Gigawatt (GW) im Jahr 2024 und einer kumulierten Gesamtleistung von rund 8 GW lieferten PV-Anlagen 2024 rund 6000 Gigawattstunden (GWh) Strom, gleich rund zehn Prozent des Schweizer Stromverbrauchs. Für 2025 gingen die Expert:innen von rund 14 Prozent aus. Der schnelle Ausbau von PV bringe jedoch auch erhebliche Herausforderungen mit sich, «da die Integration ins Schweizer Stromsystem bislang nicht unter Berücksichtigung eines ganzheitlichen Ansatzes adressiert wurde». Zu Deutsch: Nicht PV scheint das Problem zu sein, sondern die Tatsache, dass PV bislang vor allem als zusätzlich ins System einzuspeisender und zu vergütender Strom wahrgenommen wurde.

Worin genau sie die grössten Herausforderungen sieht, umschreibt die Expert:innengruppe wie folgt: «Die Herausforderungen betreffen unter anderem die Sicherstellung des Systembetriebs, Netzanschluss, Netzausbau und langfristige Netzplanung, Wirtschaftlichkeit und Marktintegration von PV-Anlagen, Datenverfügbarkeit sowie Flexibilitäts- und Speicherbedarf.» Oder anders gesagt: Die Menge an PV kann dem Stromnetz schaden, wenn man sie nicht als die feste Grösse im Strommix des Landes behandelt, die sie unterdessen ist.

Zum Thema Systemstabilität erwähnen die Expert:innen auch die sogenannte rotierende Masse oder Trägheit, für die Grosskraftwerke wie thermische Kraftwerke oder AKW bisher im Stromsystem quasi nebenbei sorgten. Gibt es, wie in den Szenarien der Energiestrategie 2050+ vorgesehen, immer weniger solche Kraftwerke, muss die Trägheit beziehungsweise deren systemstabilisierende Eigenschaft anderweitig organisiert werden. Sie könnte etwa via Wechselrichter von PV-Anlagen oder Batterien erbracht und «als Anschlussbedingung definiert oder als entschädigter Service durch Swissgrid beschafft werden».

So oder so: «Mit den aktuellen Prozessen und Rahmenbedingungen ist eine Integration von bis zu 40 GW installierter PV-Leistung ins Schweizer Stromsystem kaum vorstellbar», schreiben die Expert:innen weiter. Diese hohe Zahl ist keineswegs frei erfunden: Die Energiestrategie 2050+ des Bundesamts für Energie sieht im Szenario Zero Basis für 2050 eine installierte PV-Leistung von 37,5 GW vor. Wer sich das Szenario genauer anschaut (abrufbar unter https://www.bfe.admin.ch/bfe/de/home/politik/energieperspektiven-2050-plus.html), sieht aber auch, womit es für die Jahre vor 2050 rechnet: Bei der installierten PV-Leistung lauten die Zahlen fürs Jahr 2020 2,9 GW, für 2025 4,8 GW und für 2030 9,8 GW. Wie erwähnt, betrug die Gesamtleistung jedoch 2024 schon rund 8 GW. Wenn man davon ausgeht, dass sich Anpassung und Ausbau des Stromnetzes an der erwarteten installierten Leistung orientieren, tönt es also mehr als logisch, dass es, salopp ausgedrückt, auf dieser Baustelle früher als erwartet mehr zu tun gibt als befürchtet.

Koordiniertes Vorgehen nötig

Dabei geht es, wie es die erwähnte Liste der Herausforderungen ahnen lässt, längst nicht nur um den Netzausbau im klassischen Sinne: Es braucht nicht nur mehr Kupfer, sondern auch mehr Daten, bessere Prognosen und vor allem mehr Flexibilität und damit verbunden mehr Speichermöglichkeiten. «Die identifizierten Herausforderungen zeigen deutlich, dass eine systemverträgliche Integration von PV ein koordiniertes Vorgehen mit allen involvierten Akteuren erfordert. Viele der Herausforderungen sind miteinander verknüpft und können nur durch ein abgestimmtes Massnahmenpaket adressiert werden», schreiben die Expert:innen.

Es braucht also Vorgaben für den Betrieb von Solaranlagen und gleichzeitig Regeln für Kauf und Verkauf von PV-Strom. Es braucht eine Einigung über Themen wie Grundversorgung, Mindestvergütung von eingespeistem PV-Strom und darüber, wie die von PV-Betreibern vorgehaltene Kapazität vergütet werden soll. Die «Beschleunigung des Netzausbaus» sei trotzdem weiterhin nötig, schreiben die Expert:innen, und zwar «im Gleichschritt mit dem Ausbau der Erzeugung».

Walter Sachs, Präsident des Verbands der unabhängigen Energieerzeuger VESE, der die Solaranlagenbetreiber vertritt, begrüsst die von Swissgrid gemachte Stossrichtung sehr. «Wir haben im Herbst 2025 selbst eine Kurzstudie dazu gemacht und diese unter dem Namen ‹PV-Zubau 2.0› veröffentlicht. Denn eines ist klar: PV ist als drittgrösster Stromerzeuger der Schweiz zur kritischen Infrastruktur geworden. Doch anders als klassische Infrastruktur wird diese neue Infrastruktur von 100 000enden Privatpersonen, KMU und Landwirten gebaut und betrieben werden. Dafür braucht es einfache, standardisierte Refinanzierungsmodelle, welche wir ebenfalls ausgearbeitet haben.» Gleichzeitig betont er, dass ein Ausbau der Netze im Gleichschritt mit dem Ausbau der Erzeugung nicht notwendig wäre, wenn man den Paradigmenwechsel von «jede Kilowattstunde zählt» auf «jedes Panel zählt» vollziehen würde.

Niemand fordert das Maximum

Das tönt nach einem vernünftigeren Ansatz als dem der deutschen Wirtschaftsministerin Katharina Reiche, die gemäss NZZ vom Dienstag vorschlägt, «die Subventionen für Solarpanels auf Dächern einzustellen und die Abnahmegarantie für neue Windräder einzuschränken, wo ein ausreichender Netzanschluss fehlt». Dank solcher Massnahmen sollten «unverhältnismässige Kosten vermieden werden». Was die Alternative dazu wäre, bringt die NZZ natürlich auch – bis neue Kernkraftwerke in Europa in Betrieb gingen, werde sich der Kontinent allerdings «tief in den dreissiger Jahren» befinden. Umso wichtiger sei es, «dass Europa jetzt rasch offen für diese Technologie ist». Merke: Hier scheinen die Kosten kein Thema zu sein.

Dass es zu viel kosten würde, das Netz auf das voraussichtliche Maximum an PV im Jahr 2050 auszurichten, ist trotzdem klar. Nur: Das ist auch bei den Autobahnen und dem Schienennetz so, oder anders gesagt: Dass es keinen maximalen Ausbau geben wird, ist allen bewusst, nicht mal die PV-Branche selbst fordert das. Sie besteht lediglich darauf, dass auch jene Hausbesitzer:innen, die sich erst heute für Solarpanels entscheiden, eine gewisse Planungs- und Investitionssicherheit haben. Sie möchten nicht damit rechnen müssen, dass sie bald keine Einspeisevergütung mehr bekommen und/oder die Leistung ihrer Anlage ohne Entschädigung abgeregelt wird.  

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