Claire Fontaine ist das öffentliche Pseudonym, vulgo Label, unter dem das Konzeptkunst-Duo Fulvia Carnevale und James Thornhill seit zwanzig Jahren auftritt und bereits mit der Wahl eines Allerweltsnamens die Austauschbarkeit als Überbegriff des inhaltlich zentralen Fokus vor sich herträgt. Die von Lynn Kost versammelte Accrochage von Werken suggeriert in mit der Betitelung «Sugar Free» die vorauseilende Vergewisserung einer Harmlosigkeit, wie sie Lutschtabletten oder Erfrischungsgetränken eigen ist, die wiederum bekanntlich damit vor allem ablenken und ein Wohlfühlnarrativ für Konsumierende aufbauen. Nur keine Reue. Der gesamte dritte Stock des Kunst Museums Winterthur/Reinhart am Stadtgarten ist in einer abstrahierten Form als das Innenleben eines Smartphones konzipiert, was nicht die technische Bauart meint, sondern den darüber verhandelten Konsum. An Information, an Ablenkung, an Rausch, an Nonsens. Und damit die Einhelligkeit einer Codierung. Beispielsweise in der Zuschreibung und angeblich sinnstiftenden Aufladung von Wert einer grossen Beiläufigkeit, einer Verkürzung, einer Bequemlichkeit durch Auslagerung der Mühe einer trefflichen Begrifflichkeit durch die Verwendung der Kommunikationskrücke eines einzelnen Symbols. Dass Claire Fontaine hierfür höchstselbst eine regelrechte Materialschlacht veranstaltet, läuft dem aktuellen Zeitgeist entschieden entgegen, der nach Möglichkeiten für eine Nachhaltigkeit in den Künsten sucht, ergibt indes zumindest im Kunstkontext der zurückliegenden Jahre durchaus Sinn. Siehe Sylvie Fleury. Das Ad-absurdum-führen eines Gedankens mit exakt denselben Mitteln des zu beanstandenden führen diese zwei nochmals weiter, wenn sie den an sich festen Begriff des Readymades – die Emporhebung eines Allerweltsgegenstandes in den Rang eines Kunstwerks – dahingehend pervertieren, dass sie Ursprungsideen dazu von Marcel Duchamp und Man Ray zum Allerweltsgegenstand erklären, dem sie in dieser Weise der Aneignung recht eigentlich die originäre Frechheit rauben und in der weiterführenden Konsequenz ebendiesen Anspruch aberkennen. Abgeschlossen wird die Schau von Replikas einer Serie britischer Gemälde maritimer Szenen aus dem 18. Jahrhundert inklusive der zu erwarteten Auktionserlöse in drei Weltwährungen, die das Thema Materialschlacht auf eine nochmals andere Ebene der Eroberung fremder Territorien lenkt und damit den Kreis wieder schliesst. Denn was ist Konsumstimulation anderes?
Claire Fontaine: «Sugar Free», bis 14.5., Kunst Museum Winterthur/Reinhart am Stadtgarten, Winterthur.
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