Artikel, p.s. Zeitung

Das Klischee Parteizeitung

Wer die jüngere Geschichte studiert, befasst sich gezwungenermassen mit dem Bild als Informationsträger. Und damit verbunden insbesondere mit der Inszenierung von Bildern, ihrer Wirkung in bestimmten Kontexten und der politischen Ikonographie. Dass Bilder viel Macht in sich tragen, ist kein Geheimnis. Das merken wir allerdings auch beim P.S. – oder zumindest glaube ich, dass darin ein wesentliches Problem für uns steckt. Es geht um das Klischee, eine Parteizeitung zu sein.

Die Frage ist, woher das Klischee kommt. Und ja, natürlich: Es stammt aus der Anfangszeit des P.S. mit seinen Wurzeln in der sozialdemokratischen Presse – aus einer Zeit, in der gewisse Verbindungen mit der Zürcher SP tatsächlich bestanden. Aber da hört es dann auch bald mal auf. Natürlich war es für das Klischee auch förderlich, dass bis vor einem Monat immer eine Person mit Parteibindung die Verlagsleitung innehatte. Eine Parteizeitung war das P.S. aber nie. Ich schreibe hier seit 2022. Bereits damals war es ein Thema, dass dieses Klischee ein Problem ist – nicht innerhalb unseres Publikums, sondern gegen aussen.

Das Klischee richtet in meinen Augen einen dreifachen Schaden an, wenn es um das Erschliessen neuer Abonnent:innen geht: Erstens suggeriert eine SP-Nähe, dass das P.S. ohnehin von einer politischen Partei getragen wird, weshalb die Unterstützung mit einem Abo als bedingt wichtig gesehen werden könnte. Zweitens wäre ein Abo so für jene redundant, die ohnehin auf den digitalen Kanälen mitbekommen, was die SP kommuniziert. Und drittens: Ob SP-Wähler:in oder nicht, wer würde schon 250 Franken im Jahr für ‹Parteipropaganda› ausgeben wollen? Als langjährige Abonnent:in mögen Sie dies lachhaft finden – aber so oft, wie sich ein Gespräch schon aufgelockert hat, als Leuten, die das P.S. nicht kannten, klarwurde, dass es keine Parteizeitung ist… ich bin mir ziemlich sicher, das Klischee ist nicht unproblematisch.

Und es hat ehrlich gesagt auch immer ein wenig genervt. Zumindest den SPler:innen aus der Romandie kann ich persönlich keinen Vorwurf machen, dass viele auf meine Medienanfragen hin zunächst meinten, ich sei ein Parteigenosse, weil die SP ennet dem Röstigraben halt PS heisst. Aber gerade im Raum Zürich immer zunächst erklären müssen, dass das mit der SP-Zeitung eben ein Klischee ist und es keine strukturellen und schon gar keine finanziellen Verbindungen gibt – es ist mühsam. Und das sage ich nicht aus einer SP-Aversion heraus, sondern als jemand, dem die Unabhängigkeit des Journalismus ein zentrales Anliegen ist und ohne die ich diesen Job nicht machen wollen würde. Umso verwirrter bin ich, wenn Interviewpartner:innen meinen, ich sei von der SP selbst, auch das ist schon mehrfach vorgekommen.

Was hat das also mit dem Bild als Informationsträger zu tun? Das P.S. hat ein doppeltes Problem. Einerseits wäre da der Name, nach dessen Bedeutung ich eigentlich bei fast jedem Gespräch über das P.S. gefragt werde. Aber dass es für Post Scriptum steht, ist schnell erklärt. Und die Verwirrung rund um den Namen finde ich eigentlich auch weniger dramatisch. Andererseits, und hier sehe ich (insbesondere in Kombination mit dem Namen) die grössere Problematik: die Farbe. Es braucht nicht viel Veränderung im P.S.-Rot, um beim SP-Rot zu landen: Nur etwas weniger Gelb in der Farbmische.

Farben als Marker politischer Zugehörigkeit haben eine lange Tradition und es ist wohl auch kein Zufall, dass der Begriff politische ‹Couleur› gerne für die politische Zugehörigkeit genutzt wird. Nur: Im Laufe der Jahre verändern sich die Inhalte der Couleur. Was vor dem Zusammenbruch des internationalen sozialistischen Blocks noch mit der Farbe Rot assoziiert wurde, ist nicht bedeutungsgleich mit dem, wofür Rot heute steht. Relevant ist aber, wie es wirkt. Und in der Schweiz steht Rot allem voran für die SP, auch wenn es nicht wirklich akkurat ist. Daran rütteln auch die ganzen roten Fahnen am 1. Mai nicht viel.

Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der das Bild immer mehr an Wichtigkeit gewonnen hat. Heute bin ich mir nicht sicher, ob es den Text als Informationsträger bereits abgelöst, oder zumindest in seiner Macht ausgestochen hat. Neue Medien und insbesondere die Fähigkeit von KI, Bilder zu generieren, befeuern dieses Wettrennen, das eigentlich kein wirkliches Wettrennen, sondern eine Übernahme ist. Wenn sich Online-Feeds immer stärker ins Bildbasierte verschieben, dann wird Symbolik psychologisch mehr verankert. Damit meine ich: Wenn eine Partei digital kommuniziert, dann werden alle dabei produzierten Bildinhalte kaum einen Farbhintergrund haben, der eher einer anderen Partei zugeordnet wird. Ob man das als Vereinnahmung von Symbolik oder lediglich als konsequentes Marketing sehen will, ist eine Debatte, die man durchaus führen kann – ich finde sie allerdings relativ uninteressant. Wichtiger für uns ist, dass wir schauen müssen, dass das visuelle Auftreten einer unabhängigen Lokalzeitung nicht einen psychologischen Link zur SP herstellt, wenn man den Inhalt sieht.

Ich habe eigentlich nichts gegen das P.S.-Rot. Im Gegenteil. Ich finde es gut, wenn Symbolik nicht einem Monopol über die Definitionshoheit unterliegt und kollektiv definiert wird. Nur: Es wird wohl kaum ein Kampf um die Verwendung einer Farbe stattfinden. Und wir haben farbliche Zugehörigkeit in der Schweiz ja schon aufgeteilt. Die Grünen sind grün, die AL pink, die SP rot, die FDP blau, der feministische Streik violett, die SVP fokussiert sich mehr auf schwarze und weisse Schafe, die Mitte ist orange… und bei den Medien wäre vielleicht noch das WOZ-Gelb zu erwähnen. Sie sehen, viele schöne Farben sind bereits vergeben, weswegen wir eigentlich ein wenig experimentieren wollen – wenn Sie sich also über neue Farben im P.S.-Logo wundern: Die Überlegungen dazu (oder zumindest mein Versuch, sie zusammenzufassen) haben Sie soeben gelesen, wenn es Sie stört oder sie vehement widersprechen oder zustimmen, lassen Sie es uns wissen, oder kommen Sie an unserem Stand am 1. Mai-Fest auf dem Kasernenareal vorbei, wo wir ein kleines Voting über einige Farbversionen vorbereitet haben. Es ist nichts in Stein gemeisselt und inhaltlich ändert sich ja sowieso nichts. Aber ich sehe es trotzdem als Problem, dass Farbe und Name in Kombination eine Nähe suggeriert, die beim P.S. nicht vorhanden ist. Für ein unabhängiges linkes Medium ist das unpräzise.

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