Nicht ganz so dreist wie Nedko Solakov zuletzt in der Villa Flora, der für die Auseinandersetzung mit Félix Vallotton Zimmerwände und Schutzglas von Gemälden bemalte, wirken die Interventionen von Simon Starling im Kunst Museum Winterthur/Reinhart am Stadtgarten. Konrad Bitterli und Andrea Lutz versammeln sowohl bestehende Werke, über deren kunsthistorische Anlehnungen ein kostenloser Reader Auskunft erteilt, als auch sogenannte In-situ-Arbeiten, die einen ganz direkten Zusammenhang mit den häufigen Vertretern der deutschen Romantik herstellen. Selbst wenn die eine Natürlichkeit suggerierenden Rauminstallationen bloss ein als solches gekennzeichnetes Substitut für Holz darstellen, zeugen sie im Gemäldesaal der akademisch gemalten Sehnsucht nach einer Verbundenheit mit einer möglichst intakten, vulgo wilden Natur von der entweder genauso aufrichtigen oder genauso verlogenen Absicht nach Bewahrung, nach Nähe, nach Kontemplation. Der Sponti-Slogan «alle wollen zurück zur Natur, nur nicht zu Fuss» ist in diesem doch komplexen Verhältnis Mensch-Natur nur der reflexhaft erste Einfall, der diese Gegenüberstellung auslöst. Ganz konkret ein Gemälde der Sammlung, nämlich «Berliner Hinterhäuser im Schnee» von Adolf Menzel, ist Ausgangspunkt für die wirkmächtigste Bearbeitung von Simon Starling. Das wegen seiner geringen Dimensionen leicht überschaubare Werk steht in einer zehnfach vergrösserten Reproduktion (inklusive Rahmen) direkt vis-à-vis des Originals, das wiederum hinter der Replika der gesamten Ausstellungswand allein als Schwarzweisswiedergabe auf Tapete alias Druck hängt, vom Publikum also das Vertrauen einfordert, hier schon nicht belogen zu werden. Gerade weil die Erinnerung trotz zigfacher Durchgänge in vergangenen Jahren nicht beschwören könnte, dass dieses nicht aufdringlich einprägsame Werk tatsächlich hier hinge. Was eine im Sinn recht ähnliche Verunsicherung und Infragestellung von Wahrnehmung wie auch grundsätzlich Haltung verursacht, wie die skulpturalen Holzabbildungen bei den abgebildeten Holzszenen. Darüber hinaus stellt Simon Starling die Hinterhofbetrachtung in Öl in ihrer vergrössterten Form 170 Jahre nach dem Maler in den Kontext der Veränderung, indem er es in einen Berliner Hinterhof montiert und davon ein fotografisches Zeugnis abliefert. Womit sich Vergänglichkeit und Wandel und damit exakt ein zentrales Thema der Romantiker mit grosser Dringlichkeit als Dauerbrenner zugleich monströs als auch komplett unaufgeregt in den Vordergrund drängt.
«Simon Starling», bis 5.7., Kunst Museum Winterthur/Reinhart am Stadtgarten, Winterthur.
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