Selten hatte ich so wenig Lust, Jahresrückblicke zu lesen, zu hören, zu schauen. Nicht nur, weil sie mit Trump anfingen und endeten, aber gewiss auch. Selten war der Rückblick derart erschreckend, beängstigend und deprimierend. Kaum Hoffnung, nirgends. Man rettete sich mit letzter Kraft in den Jahresendtrubel – und erwachte in Crans-Montana. Welcome 2026. Es wird (wie man allerdings zugegebenermassen von fast jedem Jahr sagen könnte) ein Schicksalsjahr.
Ressourcen ist das Stichwort. Autoritarismus und Rechtsbruch mögen bestimmend sein für die Art all der Übergriffe, die wir im Moment von Seiten der Mächtigen weltweit erleben, aber ein wesentlicher Grund für all diese Übergriffe liegt in der Abhängigkeit von Ressourcen. Man muss kein Grüner sein um zu wissen, dass viele der aktuellen globalen Konflikte im Hintergrund (manchmal aber auch sehr unverblümt) ein Konflikt um Wasser, Erdöl, Seltene Erden, Gold und so weiter ist.
Unsere Abhängigkeit von (digitalen) Technologien, die immer noch erschreckende Abhängigkeit der Industrie von billigem Erdöl und -gas und die totale Weigerung, über Alternativen zu alledem auch nur nachzudenken, lassen befürchten, dass sich nicht so schnell etwas daran ändern wird. Grönland lässt grüssen, und ob Putin an der Westgrenze der Ukraine Halt macht, nachdem ihm Trump als Teil eines Deals erlaubt hat, bis dorthin zu gehen, wird sich weisen.
Und was heisst das für uns? Es rächen sich nun schweizerische Eigenheiten, wie der Hang, Regeln zu übertreten (Bankgeheimnis!), der Hang, Rosinen zu picken, der Hang, andere für sich arbeiten zu lassen und sie auszubeuten, oder auch die unglaubliche Dummheit, Gefahren und Risiken anstehen zu lassen, statt sie anzugehen, nicht selten mit der Ausrede, das Anpacken sei viel zu teuer, was bewirkt, dass das Aussitzen-Wollen noch viel teurer wird. Siehe Sicherheit, siehe Klimakrise, siehe Bodenschutz, siehe Energieversorgung, siehe Gesundheitswesen. Oder aktuell, siehe Brandschutz. Dem schwachen Bundesrat kann man nicht mehr nur mit Sarkasmus entgegentreten, sondern er bildet mittlerweile eine Gefahr. Er ist den Anforderungen der Staatsführung ganz eindeutig nicht gewachsen, intellektuell, auf der Handlungsebene, punkto Entscheidungsfähigkeit, und ob das Parlament 2027 darauf reagieren wird, steht mehr als nur in den Sternen.
Auch müssen wir über Korruption sprechen. Nicht mehr nur in Gestalt einer vergleichsweise harmlosen Vetterliwirtschaft (wir sind halt ein kleines Land, jede kennt jeden, gell Wallis), sondern in Form von Intransparenz, handfester Bestechung (dein Name sei «Rolex») und der Haltung, alles Politische sei mit einem Deal zu lösen, die letztlich eine logische Folge dieser korrupten Denkweise und zugleich der Untergang der Politik ist.
Die amerikanische Publizistin Anne Applebaum meinte Ende Jahr in einem Interview: «Wenn Menschen die Situation verstehen, reagieren sie oft auf positive Weise. Und das macht mich optimistisch.» Leider könnte sie nicht falscher liegen. Nur schon die Klimakrise beweist das Gegenteil. Unsere Zuwanderungspolitik beweist das Gegenteil. Unser katastrophaler Umgang mit der Natur (Gift in der Landwirtschaft!) beweist das Gegenteil. Und so weiter. Die Kräfte des Gewinnstrebens, des Machtstrebens oder des Reformunwillens sind stärker als dieser längst wiederlegte aufklärerische Gedanke, man müsse die Menschen nur richtig informieren und dann würden sie «das Richtige tun». Aber immerhin: Manche tun das. Auf ihnen beruht meine Hoffnung.
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