Artikel, p.s. Zeitung

Wem sini Zuekunft?

Sie beschäftigt mich schon die Jugend, auch wenn ich schon lange nicht mehr dazu gehöre. Meine Gedanken kreisen oft um sie und es gehört auch nicht so viel Phantasie dazu, um sich einzudenken. Wie es der Jugend geht, wissen wir nicht so ganz genau, das war schon immer so, weil es «die Jugend» nicht gibt. Dazu gibt es jede Menge Déjà-vues: Dass die Jugend mehr Probleme habe als andere Altersklassen, dass es die Jugend eh schon schwer habe (Pubertät, verlängerte Adoleszenz, Berufswahl, Depressionen), dass die Jugend keine Lobby habe, dass sich die Pandemie besonders verheerend auf sie auswirke, und so weiter – und eines bleibt konstant, da eine Banalität: Nur die Jugend hat derart viel Zukunft, und damit mit gutem Grund Zukunftsängste, wie die Jugend.

 

Nochmals eine Banalität: Als meine erste Enkelin vor drei Jahren auf die Welt kam, realisierte ich plötzlich und mit Schrecken, dass sie alle Chancen hat, das Jahr 2100 zu erleben. 2100 gilt in der Nachhaltigkeitsforschung als Annus horribilis. Sie müssen nur mal ein paar entsprechende Suchwörtli eingeben – es wird nichts Tröstliches, Optimistisches oder nur schon Moderates kommen. Dafür lauter Dystopien, Katastro­phen und Horrormeldungen, wobei man immerhin einwenden kann, dass eine Voraussage auf eine solch lange Frist eh unseriös ist. Dennoch, und umso mehr: Gerade weil 2100 derart die Hölle werden könnte, weiss ich seitdem noch mehr, dass wir alles in unserer Macht stehende unternehmen müssen, damit das nicht passiert.

 

Dass viel schief läuft, wird heutzutage nur noch von denen bestritten, die von der Lage profitieren bzw. suchtmässig davon abhängig sind, wie etwa Ölhändlerinnen, SUV-Verkäufer oder Kohlebergbauaktienbesitzerinnen. Wir anderen wissen darum, und dieses Wissen macht Angst. Wieviel Angst müssen erst Kinder und Jugendliche haben, wenn sie sich ausrechnen, was passiert, wenn nichts passiert? Nur haben wir Angst davor, alles zu verändern, und die Jugend hat Angst davor, wenn sich nichts ändert.

 

Also zum Eingemachten: Wer hat Macht? Wer hat Verantwortung? Warum führen wir nicht morgen schon mal als winziger Anfang das Stimmrechtsalter Null ein nach dem Motto «Ein Mensch, eine Stimme»? Und warum stellen wir uns nicht schon heute die richtigen Fragen, wie etwa: Warum zum Henker gehen wir allen Ernstes davon aus, dass unsere heutige Verschwendungswirtschaft ein weltverträgliches Wirtschaftsmodell sein könnte, das bis 2100 und darüber hinaus funktioniert? Das ist ja noch nicht mal heute und global der Fall! Warum, um mit Greta zu sprechen, benehmen wir uns nicht, wie wenn das Haus in Flammen stehen würde? Denn das tut es.

 

Haben Sie gewusst? In der Schweiz wurde das 1,5-Grad-Ziel, momentan das Mass aller (Klima)Dinge – bereits überschritten. Haben Sie nicht gewusst? Können Sie beim BAFU nachlesen. Ist öffentlich zugänglich und lesen können Sie. Und das ist nur eines von diversen Beispielen dafür, dass und wie sehr das Haus in Flammen steht. Vor der Klimakonferenz in Katowice sagte Greta: «Wir sind nicht hierhergekommen, um die Spitzenpolitiker der Welt anzubetteln. Ihr habt uns in der Vergangenheit ignoriert. Und ihr werdet uns wieder ignorieren. Euch gehen die Entschuldigungen aus. Und uns geht die Zeit aus.» Dem kann ich mich nur anschliessen. Die Hoffnung auf Veränderung ist heute zwar noch ein «trotzdem». Aber die Veränderung wird kommen, weil sie kommen muss. Vielleicht beginnen wir ganz bescheiden mal mit der Debatte über netto null in der Stadt Zürich.

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Artikel, p.s. Zeitung

Orientierung

Vielleicht war es immer schon so und ich habs nicht bemerkt, aber mir scheint, es häuft sich ein bisschen, dass ich mit Leuten darüber rede, was links sein eigentlich bedeutet. Man kann solcherlei Selbstfindung ja bereits in der Tageszeitung lesen, wo sich selbstdefinierte Linke hinterfragen, was eine eigenartige Anmutung hat, aber natürlich immer gut ankommt. Sagte nicht schon mein Onkel selig, «wer zwanzig ist und nicht links, hat kein Herz, wer vierzig ist und immer noch links, keinen Verstand»? So eine Art reduzierter Pestalozzi-Meccano, bei dem die unsichtbare Hand vergessen gegangen ist. Diese Debatte, so wie sie gerade auftaucht, weist eine eigenartige Dynamik auf. Ist es derart mainstreamig geworden, links zu sein, dass man sich öffentlich versichern muss, was denn genau der Inhalt sei?

 

Das wäre nicht ganz unverständlich, blicken wir doch seit Jahren verblüfft nach Deutschland, wo eine entfesselte christdemokratische Union, die zu den Zeiten, als ich noch 20 war, sowas von rechtskatholisch war, heute reihenweise Postulate der Sozialdemokratie abarbeitet, so dass wir, noch verblüffter als je, gerade eben zur Kenntnis nehmen konnten, dass die dort eine Art «Konzerninitiative light» einfach so durchs Parlament winken. Da dürften wir uns allerdings auch auf die Schulter klopfen, denn wenn das links ist, dann sind auch mehr als 50 Prozent der SchweizerInnen links. Nur scheint mir diese These nach dem letzten Abstimmungswochenende etwas gar gewagt.

 

Und in der Tat hat das nur am Rande mit links zu tun, eher etwas mit der These, dass die Sozialdemokratie von heute der Liberalismus von gestern ist. Wahrhaftig linke Projekte, wie etwa ein anständiger Mindestlohn, die Verstaatlichung des Bodens als natürlichem Monopol, Umverteilung von oben nach unten, eine Kapitalgewinn- oder eine Finanztransaktionssteuer, Stimmrechtsalter Null (ein Mensch, eine Stimme) und so weiter, haben natürlich auch hierzulande oder im grossen Kanton nicht den Hauch einer Chance. Und wenn die Klimajugend ein bisschen System Change fordert, dann gerät das linke wie das rechte Establishment, wie wir das mit 20 genannt hatten, schon richtig ins Flattern. Was bleibt: Es debattieren Pseudolinke fröhlich-verklemmt darüber, ob sogar pseudo vielleicht noch etwas zu viel Herz sein könnte, in Zeiten, in denen ein kleiner ausgewogener Virus uns aufzeigt, was Systemrelevanz ist und was nicht, wobei sogar die Behauptung auftaucht, Pandemie sei immer links, weil hier nur mehr Staat hilft.

 

Wohl verstanden, das ist nicht der x-te Text darüber, dass sich die Fronten aufgelöst hätten und man bei vielen Themen nicht mehr wisse, wie man sich im politischen Feld orientieren müsse, siehe Burkaverbot, siehe Sozialschnüffler, siehe Fussballstadien nein oder ja. Denn die Fronten sind nach wie vor sehr klar, und bloss weil die Hassprediger von Egerkingen plötzlich einen Beitrag zur Frauenemanzipation leisten wollen, verstört das keinen grossen Geist. Nicht zuletzt sind es die grünen Themen, deren Sprengkraft im politischen Orientierungsschema zwar vorhanden ist, aber beidseits nicht immer verstanden wird. Die gerechte Verteilung der globalen Ressourcen ist ein linkes Projekt, das hat das Rechtsbürgertum mit seinem Geheul, das sei ein Schritt in die Steinzeit, sehr wohl und sehr richtig begriffen. Es fragt sich aber, wer sonst. Ich jedenfalls bin 20 und 40 und immer noch nicht bei Verstand.

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Integration

Alle reden immer von den AusländerInnen, die integriert werden sollen. Ich erzähle Ihnen mal die Geschichte, wie ich eigentlich integriert wurde, und das dauerte notabene nur einen Sonntag. Es war kurz nachdem wir in die Siedlung für kinderreiche Familien eingezogen waren. Ich hatte und habe zwar nur zwei Kinder und weiss auch nicht mehr so genau, warum wir dort einziehen konnten, aber die Zeiten waren eben anders. Und die Wohnungen super. Und gross. Und bezahlbar. Und die Umgebung voll familiengerecht. Alles bestens.

 

Nur eben, mein Söhnchen, damals knapp fünf Jahre alt, verfügte über ebenso viel Wissensdrang wie Experimentierfreude. Und eines schönen Tages beschloss er, eine These, die er zusammen mit seinem neu gewonnenen Freund, einer Brillenschlange aus der Siedlung, entwickelt hatte, auf wissenschaftlich-empirische Weise zu erhärten. Nämlich, ob man mit Hilfe eines kleinen Zweigleins einem Autopneu die Luft ablassen kann. (Spoiler: Man kann.)

 

Gesagt, getan. An einem grauen Sonntag läutete es an unserer Türe, und ein extrem missgelaunter Giovanni fragte, ob das mein Sohn sei, der gerade einer ganzen Reihe von Autos die Luft aus dem Reifen gelassen habe. Da ich mein Söhnchen kenne, gab ich mich mal vorsichtig zerknirscht und trottete nach draussen. In der Tat: Inmitten der Siedlung, vor der mit Maschendraht abgesperrten Tiefgarage (in der übrigens der Quartierschmier, Jahre zuvor, einmal ein paar Stunden eingesperrt worden war – aber das ist eine andere Geschichte), stand eine ganze Reihe von Familienkutschen mit deutlich platten Pneus: These verifiziert. Söhnchen und Brillenschlange hatten sich aus dem Staub gemacht, und ich hielt insgeheim Ausschau, an welchem Laternenpfahl mich die SiedlungsbewohnerInnen, die sich mittlerweile zu einem Pulk zusammengerottet hatten, aufknüpfen würden. Denn, eins ist ja klar: Du kannst die Mutter von Giovanni beleidigen oder seine Heiligen verfluchen – aber lang ja nicht sein Auto an.

 

Man holte den TCS, der einen Kompressor mitbrachte und sich an die Arbeit machte. Währenddem stand ich mit Giovanni und allen anderen Mannen da – Karren und Kinder sind Männersache –, und wir quatschten. Vielleicht rauchten wir auch. Und klönten. Und redeten. Und lamentierten. Der Pulverdampf verzog sich, das Seil wurde eingerollt, denn es blieb als Essenz: Sono bambini! Als der TCS seine luftige Arbeit verrichtet und sich die Familienkutschen wieder aus der Schräglage aufgerichtet hatten, war einzig klar, dass in einer Siedlung für kinderreiche Familien kinderfreundliche Leute wohnen – egal, welcher Herkunft. Sono bambini! Söhnchen ward verziehen, und ich machte mir im Geiste eine Notiz, dass ich ihm noch das elfte Gebot beibringen müsse. Für das nächste Mal.

 

Damit waren wir aufgenommen. Giovanni entpuppte sich als Papierlischweizer, die Kurdin sprach Bärndüütsch, die Katholen waren die einzigen, die wirklich wussten, wie man eine Schwetti Kinder auf die Welt stellt, der Türke war fleissig, die Italiener waren bünzlig, die Schweizer italienisch, und der Dorfschmier getraute sich nie mehr in unsere Siedlung, bis er dann eh wegrationalisiert wurde. Wir waren alle ein grosser Clan, und das sage ich ohne Sozialromantik, denn auch das Clanleben ist meist etwas anstrengend, aber so manchmal hiess es eben: wir gegen sie. Und darum habe ich seither ein entspanntes Verhältnis zur Integration. Sie ist kein Ponyhof, aber im Kleinen funktioniert sie manchmal durchaus. Das ist wissenschaftlich erwiesen.

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Falscher Feind

Und jetzt auch noch das: Die 63 Prozent Zustimmung zum Burkaverbot passen ins Bild. Fragt sich nur, in welches. Die vage Hoffnung besteht, dass die Rückmeldung verzerrt ist, weil die falschen geantwortet haben, aber vermutlich ist es ja nicht so. Eine satte Mehrheit im Land findet das gut, auch wenn die aktuelle Situation, in der wir alle unser Gesicht verdecken, sowohl den (pseudo)kulturellen Einwand entkräftet («Es gehört zu unserer Kultur, das Gesicht zu zeigen») wie auch den anderen, den «feministisch» zu nennen mir falsch vorkommt (nicht zuletzt, weil er vor allem von unglaubwürdiger Seite kommt): Die Frauen würden von ihren Männern gezwungen, eine Burka zu tragen. Wie man es dreht und wendet: es bleibt eine unliberale Vorlage. Ich sehe keinen Zuwachs an Freiheit oder Sicherheit, indem wir ein Burkaverbot aussprechen.

 

Bei den anderen bevorstehenden Vorlagen muss ich das gar nicht erst betonen. Die Nationalitäten-Nennung ist schlicht rassistisch. Noch nie wurde dargelegt, zu welchem Informationsgewinn es führt, wenn man die Unschuldsvermutung ausser Kraft setzt, die Strafprozessordnung verletzt und vermutlich sogar verfassungswidrig handelt. Es sei denn natürlich, man wolle Material sammeln für Hasspredigten und AusländerInnenhetze, aber auch das ist nicht sehr freiheitsfördernd. Liberal schon gar nicht, weshalb ich erstaunt bin, dass die Mitte kneift.

 

Die Sozialdetektiv Innen sodann sind keinen Deut besser. Man muss offenbar nur die Zielgruppe «richtig» definieren, und schon sind breite Kreise bereit, ihre rechtsstaatlichen Grundsätze über Bord zu werfen, oder sagen wir mal, ziemlich zu erweitern. Dass Massnahmen, die wir nicht einmal gegen die Mafia so ohne Weiteres einsetzen würden, bei SozialhilfeempfängerInnen zulässig sein sollen, ist eine Verluderung der Sitten. Heute ist es der vermutete Sozialhilfebetrug, morgen ist es was? Der Präzedenzfall wäre jedenfalls schon mal festgelegt.

 

Das Bundesgesetz über polizeiliche Massnahmen zur Bekämpfung von Terrorismus schliesslich schlägt dem Fass den Boden aus: Es gehört zu den schärfsten Terrorgesetzen in der westlichen Welt. Es ist nicht kompatibel mit der UNO-Kinderrechtskonvention und der Menschenrechtskonvention. Es bedroht sogar 12-jährige Kinder. Es setzt ebenfalls die Unschuldsvermutung ausser Kraft und erfasst Menschen, die nicht straffällig geworden sind, mit unverhältnismässigen Massnahmen. Es ist Gesinnungsjustiz. Kurz, es setzt unseren Rechtsstaat, wie wir ihn kennen, ausser Kraft, und dennoch hat sich dafür eine parlamentarische Mehrheit gefunden, und die Debatte darüber ist merkwürdig lau.

 

Grundrechte haben es momentan schwer in diesem Land. Die Diskussion dazu wird verlogen geführt: Der Zuwachs an Freiheit ist nicht ersichtlich, für einige Gruppen ist es klar eine Einschränkung. Der Zuwachs an Sicherheit ist nicht bewiesen, die Stimmung im Land wird im Gegenteil destabilisiert und vergiftet. Was ich nicht verstehe: Was bringt es den Leuten, solchen Mist zu unterstützen? Was habe ich davon, wenn Menschen in der Sozialhilfe schikaniert werden, 12-Jährige Fussfesseln tragen müssen, oder wenn ich weiss, dass 37,45 Prozent aller Delikte von AargauerInnen begangen werden? Und warum schaut die liberale Welt enthusiastisch zu, wie ihre Werte entsorgt werden? Es mag schon sein, dass die offene Gesellschaft ihre Feinde hat. Aber im Moment sieht es ganz so aus, also ob diese Feinde, wenn sie nicht gerade das Kapitol stürmen, solchen Vorlagen zustimmen.

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Exponentiell, hoffentlich

Und es geht weiter. Nichts hat sich verändert, das Pingpong verschärft sich sogar noch. Lächerlich. Wie wenn die Verantwortlichen sich nicht durch Zahlen, sondern durch ihre Wahrnehmung dieser Zahlen leiten liessen. Offenbar wissen noch lange nicht alle, was «linear» genau heisst oder was «exponentiell» bedeutet. Zumindest tun manche so, wie wenn sie damals in der Mathi einen Fensterplatz gehabt hätten. Dafür lassen wir uns extrem durch unser Gefühl leiten, wenn es um Einschätzung von Tendenzen geht, auch und gerade beim Wachstum. Sie kennen ja vermutlich die schöne Geschichte von der Erfindung des Schachspiels: Der Kaiser, für den das Spiel erfunden wurde, wollte den Erfinder belohnen. Dieser wollte aber nur etwas Reis dafür haben: Ein Reiskörnchen auf dem ersten Feld, zwei auf dem zweiten, vier auf dem dritten, acht auf dem vierten und so weiter. Der Kaiser lachte ihn aus. Der Hofmathematiker trat dann aber etwas näher und flüsterte ihm etwas ins Ohr, worauf der Kaiser etwa so säuerlich reagierte wie der Bundesrat auf das Taskforce-Gemecker. Rechnen Sie selber nach, warum das so ist.

 

Exponentiell bedeutet, dass auch das Wachstum noch wächst. Vulgo explodiert. Beim Coronavirus verpacken wir diese Info in eine R-Zahl, und alles über 1 ist von Übel. Aber auch Umweltentwicklungen verlaufen häufig so. Beim Klimawandel, bei der Luftverschmutzung, bei den Lärmemissionen oder bei der Artenvielfalt berechnen wir zwar keine R-Zahl, aber so einige Kennwerte würden wohl ebenfalls bei 1 oder drüber liegen.

 

Nur würde wohl auch hier gelten: Solange ich nicht meine Nachbarn reihenweise sterben sehe, geht mir das alles am Allerwertesten vorbei. Meine Wahrnehmung ist die Grenze meiner Welt. Der Vogel mit dem Kopf im Sand lässt grüssen.

 

Soweit so schlecht. Aber vielleicht nicht nur. Denn es stellt sich doch die Frage, ob das auch umgekehrt funktioniert. Gibt es eine exponentielle Verbesserung der Lage, quasi Teufelskreis mit negativen Vorzeichen? Die Rasanz, mit der sich gewisse Biotope, dem Vernehmen nach (ich bin vorsichtig), erholt haben sollen, ist gewaltig und gibt etwas Hoffnung. Klare Kanäle in Venedig, saubere Luft in Mailand, massiv reduzierte CO2-Konzentration in Oberitalien, und so weiter. Und das nach nur gerade ein paar Monätchen reduzierter menschlicher Aktivität! Hier kommt etwas hinzu, das sich der reinen Mathematik entzieht. Nämlich, dass viele Entwicklungen nicht linear oder sonst irgendwie kurvig, sondern in Sprüngen verlaufen. Quasi Kipp-Effekte, die im schlechten Fall katastrophal sind, im guten Fall aber das Gegenteil. So wie es gelingen muss, gewisse un-umkehrbare Entwicklungen, etwa beim Artensterben zu verhindern, muss es uns gelingen, positive Kipp-Effekte zu erreichen.

 

Wir erleben das grad bei der Elektrifizierung des Autos. Ob die gut oder schlecht ist, bleibe noch schön dahingestellt, aber sie wird immerhin unweigerlich dazu führen, dass der Benziner schneller ausstirbt als das Dodo. Gleichzeitig kippen auch die Infrastrukturen und Dienstleistungsangebote der Benzinwirtschaft. Und darauf die der fossilen Wirtschaft. Dominomässig. Und exponentiell.

 

Zugegeben, das tönt furztrocken und noch sehr theoretisch. Was ich sagen will ist, dass mir die ganze lächerliche Entwicklung um Corona auch etwas Hoffnung gibt, dass nämlich exponentielle Kurven ja auch mal erfreuliche Entwicklungen und Kennwerte anzeigen können. Weil das Prinzip dasselbe ist. Und weil Kurven keine Prognosen sind. In diesem Sinne: Bonne année!

 

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Last Exit Corona

Es war neblig und es war dunkel, also war es nicht überraschend, dass ich ihn erst nach einer Weile bemerkte, den Tod. Er ging neben mir her, übrigens weder kleiner noch grösser als ich, weshalb ich ihn wohl übersehen hatte, aber bald gerieten wir ins Plaudern (wobei ich zuerst reflexartig meine Maske anziehen wollte, es dann aber bleiben liess. So etwas nennt man Situationskomik.) Wir redeten über die Zukunft der Zürcher Fussballclubs, über die SVP, über das nahe Ende des Kapitalismus – ich unterhalte mich gern mit Fachleuten über solche Dinge. Ich bemerkte mit Erleichterung, dass er mich siezte. Irgendwann war’s dann nicht mehr zu vermeiden, dass ich ihn auf seine Arbeit ansprach, denn er ist mir etwas gar zu oft über den Weg gelaufen in den letzten Jahren.

Das sei normal für mein Alter, fand er. Die Leute sterben weg. Aber, so fragte ich, das mit Corona, wie das denn nun gemeint sei? Er zuckte mit der Schulter, was ein leichtes Klappern auslöste. Das sei ja in der Regel nicht tödlich, ein Grippchen, wie manche sagen würden, und dabei grinste er ganz brasilianisch vor sich hin. Und die Übersterblichkeit, fragte ich, was ist damit? Er zuckte nochmals mit den Rabenbeinen. Das sei nun gewiss nicht sein Wording, solches täten nur wir Menschen erfinden. Eine rein statistische Grösse, für ihn einfach quasi etwas Mehrarbeit. Er sei im Übrigen nicht gerade der richtige Gesprächspartner, wenn es darum ginge, Wirtschaft gegen Gesundheit abzuwägen, da solle ich doch lieber jemanden von der Economiesuisse fragen. Ob er denn jemanden kenne, fragte ich, aber er winkte nur ab: Berufsgeheimnis. Im Übrigen verstehe er unsere Politik sowieso nicht. Volkswirtschaftlich seien zwar auch Todesfälle durchaus lukrativ, wie alles, was das Bruttoinlandprodukt erhöht, aber es schwäche halt schon auch die Kaufkraft. Ganz abgesehen von der Moral, ergänzte ich, und zudem sei es eine Belastung für das Personal in den Spitälern und Heimen. Was er zur Kenntnis nahm, wie ein Kaminfeger es zur Kenntnis nimmt, dass der Russ, den er hinterlässt, unwillkommen ist.

Ich führte aus, dass ich unsere Politik ja auch nicht verstehen würde. Denn die Wirtschaft leide ja so oder so, das sei bei einer Seuche, die auf Kontakt basiert, nicht zu vermeiden. Unser ganzes Konsumverhalten sei nun mal auf Kontakt ausgerichtet, es sei denn, man wolle nur noch via Internet bestellen, was allerdings auch ginge, ausser halt bei denjenigen Menschen jenseits des digitalen Grabens. Nur dass wir bei jeder Lockerung eine erhöhte Übersterblichkeit, vor allem bei den Risikogruppen, in Kauf nehmen würden, und das sei genau genommen skandalös. Aber schon klar, er sei ja eigentlich der falsche Gesprächspartner dafür, man müsse ja auch nicht die Frösche fragen, wenn man einen Sumpf trockenlegen wolle.

Die ganze Pandemiekrise zeige halt in aller erschreckender Deutlichkeit, dass gesellschaftliche Konsense, wie etwa bei Zielkonflikten zwischen Wirtschaft und Gesundheit, wenn das überhaupt einer sei, nicht nur brüchig, sondern auch beinahe unmöglich seien. Es fehle quasi an Mechanismen, wie man so etwas auf saubere Art regeln könne. Ob ihm vielleicht etwas dazu einfalle, fragte ich ohne grosse Hoffnung, denn eigentlich war er ja kein Frosch, sondern so oder so einer, der das letzte Wort hat. Und da nichts kam, schaute ich mich um, und tatsächlich, er war ohne Worte abgebogen, was mich ja irgendwo enorm erleichterte. – Aber ein komisches Treffen war das schon, kann ich euch sagen.

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Lebenslüge

«Eigenverantwortung, die [Subst.]: Feenhafte Gestalt aus dem liberalen Märchenbuch. Wird sehr oft gesichtet, wurde aber noch nie nachgewiesen. Siehe auch: Einhorn» Soweit der Duden. Oder so ähnlich, bin nicht mehr sicher. Manchmal kommt es mir so vor, wie wenn gerade die Schweiz besonders anfällig darauf sei, sich etwas ins Poschettli zu lügen. Das Bankgeheimnis zum Beispiel war so ein Ding: Jahrhunderte als unverzichtbaren Bestandteil unseres Wohlstands gehalten und verbissen verteidigt. Bis man plötzlich merkte, dass man dann eher so im Schäm-di-Eggli stand und dass es ja auch ohne geht. Oder dann auch die Mär vom Wohlstand durch puren Fleiss im rohstoffarmen Land, wo sich doch zunehmend herausstellt, dass die Schweiz auch indirekt an Rohstoffen teilhaben konnte und kann (Ölhandel! Sklaven! Kakao! Blutdiamanten!).

 

Und jetzt also die Eigenverantwortung. Kein Begriff wird schöner missbraucht und ist so hohl wie der Halloweenkürbis auf dem Misthaufen. Sie wird desto mehr zelebriert, umso nutzloser ihr Dasein ist. Sie ist aber unendlich nützlich als Nebelpetarde oder als Projektionsfläche. Daherkommen tut sie très sympa, irgendwie einleuchtend als Konzept und unwiderstehlich als Ideologie. Nur hat sie halt wenig mit der Realität zu tun. Dabei: Was ist denn eigentlich so falsch an Regeln? Immerhin bedeuten Regeln, dass alle gleich behandelt werden (mein Rechtschreibeprogramm überholt mich grad ideologisch und schlägt vor: «gleichbehandelt» in einem Wort). Und das Resultat ist ja dasselbe, ob ich mich an eine Regel oder an meine eigenverantwortliche Massnahme halte. Das haben viele noch nicht gemerkt: Ob die Leute nicht mehr ins Resti gehen, weil’s verboten ist oder weil sie Bedenken haben, kommt für die GerantInnen aufs selbe hinaus. Nur, dass es beim ersteren Fall höhere Gewalt wäre, was entschädigungstechnisch vorteilhafter ist.

 

Aber darum geht’s ja nicht, werden Sie sagen. Eine Einschränkung durch eine auferlegte Regel sei ein massiver Eingriff in die Freiheit, werden Sie sagen, und wenn ich das eigenverantwortlich mache, sei es eben freiwillig. Und ich so: Ich fühl mich also besser, wenn ich mich selbst einschränke, mir freiwillig die Freiheit nehme? Das nennt man glaubs Masochismus, aber bitte schön. Und Sie so: Das war jetzt aber etwas unreif, es geht schliesslich um Verantwortung, und die sollten alle selber übernehmen! Und ich so: Eben, sag ich ja: Konjunktiv. Ein tolles Konzept. Leider ohne Rückfallposition, falls das Soll ein Soll bleibt und die realexistierende Welt nicht ganz mitkommen sollte.

 

Aber lassen wir das. Der springende Punkt ist: Der Gegensatz von Eigenverantwortung ist nicht etwa Regulierung, sondern Solidarität. Kollektive Verantwortung, gemeinschaftliches Denken und Handeln. Rücksicht. Dagegen ist das Konzept Eigenverantwortung eher eine Schwester der Ich-AG, dieser gloriosen Erfindung des Neoliberalismus. Hinter der Betonung der Eigenverantwortung steckt oft die Verweigerung, sich einordnen zu wollen in kollektive Massnahmen und Konsense. Dass meine Freiheit, keine Maske zu tragen, ihre Grenze findet an der Freiheit des Nächsten, gesund zu bleiben, wird gerade in Zeiten der wabernden Aerosole schnell missachtet. Wenn Eigenverantwortung funktionieren würde, gäbe es, vielleicht, keine Pandemie. Daher bin ich eher auf der Seite derjenigen, die staatliches Handeln und Einschreiten in diesen Zeiten befürworten. Nicht begeistert. Aber wer ist das schon hinter einer Maske.

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Banalität des Irrsinns

Ich versuche ja, das zu verstehen, ehrlich, aber einfach ist das nicht. Ich versuche zu verstehen, warum langsam aber sicher alle durchdrehen, bloss weil sie eine Maske aufhaben müssen und nicht mehr ganz alles so ausleben können wie das früher eventuell einmal war. Ich gebe zu, ich hab einfach reden, für mich hat sich im Leben nicht so viel verändert, das Homeoffice behagt mir, und dass ich zum Ausgleich etwas mehr spazieren gehen muss, ist voll ok, meint ja auch der Doktor. Clubs waren eh nie mein Ding und eine Maske im Grossverteiler oder in der S-Bahn ist es wert, wenn ich dafür auch noch einer simplen Erkältung ausweichen kann. Warum und woher jetzt aber dieser Furor, der manche Menschen, sogar solche, die noch kaum je im Leben demonstriert haben, auf die Strasse treibt mit komischen Schildern in der Hand und abstrusen Ideen im Kopf?

Ich versuche weiter zu verstehen, warum der liberale Rechtsstaat zunehmend abdankt, sich selber auflöst, ohne Not, und warum er mit dem ewigen Totschlagargument von mehr Sicherheit immer mehr Freiheiten abbaut. Sogar die Zwölfjährigen wollen sie jetzt nicht mehr wie Kinder behandeln, sondern rabiat und präventiv einsperren, scheiss auf Kinderrechte! Im Namen der Sicherheit. Aber nicht in meinem Namen. Ich versuche zu verstehen, warum ganz plötzlich diese zugegebenermassen heikle und diffizile Balance zwischen persönlichen Freiheiten und kollektiver Sicherheit ausser Kontrolle geraten ist. So dass man sogar noch ein bisschen verstehen kann, dass die Leute stinkig reagieren, wenn eine Maske verordnet wird. Nur, dass das verdächtig nach Stellvertreterkrieg riecht. Die wahren Feinde der Freiheit sitzen momentan im bürgerlich dominierten National- und Ständerat, und sie sitzen in den globalen Grosskonzernen, die uns zunehmend entmündigen, aber eher nicht in der Regierung.

Ich versuche zu verstehen, warum die Welt spinnt, aber dieses Mal richtig und nicht nur versuchsweise, dieses Mal mit vollem Durchgriff auf die Macht, so dass wir uns im Jahre vier nach der Wahl des wohl durchgeknalltesten Menschen zum US-amerikanischen Präsidenten fragen, was dort, aber auch hier, eigentlich noch normal sei und was nicht, und woran wir uns ganz einfach gewöhnt haben. Ich versuche zu verstehen, warum man sich an den Klimawandel gewöhnen kann, diesen Wahnsinn, der sich zunehmend klar vor uns ausbreitet, wenn man sich nur schon – nur einer von Tausenden von Indikatoren – anschaut, wie viele Sommer schon «Jahrhundertsommer» waren, wie die Temperaturen ausser Rand und Band geraten, wie die Welt sich aufheizt und welche irrwitzigen Gefahren uns damit drohen. Und gleichzeitig müssen wir uns tatsächlich und ernsthaft sagen lassen, dass dieses CO2-Gesetz das beste sei, was wir herausholen konnten. Glaub ich sogar. Macht den Irrsinn, in dem wir drinstecken, aber erst recht sichtbar und nicht geringer.

Ich versuche zu verstehen, was es nicht zu verstehen gibt. Ich werde gebremst durch den altmodischen Glauben an Vernunft und Logik und letztlich halt doch so etwas wie gesunden Menschenverstand. An Aufklärung. An Humanität. Das alles tönt mittlerweile ein bisschen altbacken, wie aus ferner Zeit, als das Denken noch geholfen hat. Vielleicht hatte Hannah Arendt ja recht mit der Strukturlosigkeit totalitärer Regierungen, vor allem aber mit der Banalität des Bösen. Man muss es aktuell einfach umdenken auf die Banalität des Irrsinns, auf eine Normalität des Unverständlichen. Ich tu mich grad ein bisschen schwer damit.

 

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Ungeduld

«Macht kaputt, was euch kaputt macht!» Dass der Klimawandel nicht nur uns kaputt macht, sondern sogar sehr gut geeignet ist, die ganze Welt ziemlich viel kaputter zu machen, ist langsam so jeder und jedem klar. Und dass hinter dem Klimawandel ein paar systemische Problemchen und Fehlentwicklungen stecken, man kann sie kapitalistisch nennen oder auch nicht, ist auch kein Geheimnis.

Daher hab ich jetzt ein Déjà-vue. Oder gleich mehrere. Wenn die Klimajugend – ob mit oder ohne Support von Erwachsenen oder NGO ist sowas von irrelevant – auf dem Bundesplatz eine klare Haltung zeigt, dann muss man nicht austicken, sondern von guter alter Tradition sprechen. Schon der zweite Vorname der 1980er-Bewegung war «Subito». Es ist logisch, dass Jugendliche ungeduldiger sind, weil sie mehr Zukunft vor sich haben als die Alten. Was mich nicht davon abhält, es auch zu sein, was etwa die Klimafrage oder die nachhaltige Entwicklung betrifft. Jeder Tag, an dem nichts passiert, ist ein verlorener Tag. Und in manchen Bereichen passiert seit einer Generation nichts, was ich, der ich eine Generation älter bin, sehr gut beurteilen kann. Wir reden immer noch von den gleichen Problemen wie vor 30, 40 Jahren. Und von den gleichen Lösungen. Die nicht oder viel zu zögerlich angepackt werden. Und weil heute auch Leute mitreden, die etwas später auf die Welt gekommen sind, haben sie noch nicht mal den Diskussionsstand von vor 30 Jahren intus und reden fröhlichen Stuss. Letzthin hab ich in einer Fachpublikation zum solaren Bauen von mehreren ETH-ProfessorInnen gelesen, dass sie erst gerade unlängst Dinge «entdeckt» haben, die an der ETH schon vor 25 Jahren erforscht wurden, unter anderem von einer ETH-Forschungsstelle in den 1990ern. Was natürlich dokumentiert ist, aber das interessiert ja keine und keinen. Hauptsache, wir tun so, wie wenn wir aktiv wären.

Dass hier die Jugend ausrastet, was die Klimajugend noch nicht mal tut, sondern bemerkenswert ruhig bleibt, ist normal. Auch ich könnte hie und da in den Tisch beissen, und ich bin normal. Denn mittlerweile wissen wir mehr: Wir wissen, dass Handeln gegen die Klimakatastrophe möglich ist. Es gibt, vom individuellen Verhalten bis zum Systemwandel, genug Hinweise, was zu tun wäre. Wir wissen weiter, denn Corona hat es uns gelehrt, dass der Wandel, egal ob disruptiv oder nicht, sehr schnell gehen kann. Die Einführung und geradezu totalitäre Verbreitung des Benzinautos lief in nur gerade zehn bis zwanzig Jahren ab. Der Lockdown ging nur eine Woche. Und das meiste klappte sogar.

Hört mir auf damit, es ginge nicht. Es gibt zum Beispiel keinen einzigen vernünftigen Grund (ausser den Interessen der Verkäufer fossiler Energieträger natürlich), warum man nicht heute schon damit beginnen kann, fossile Heizungen zu ersetzen. Es gibt keinen gesetzlichen Zwang, CO2 ausstossen zu müssen. Man kann sofort damit aufhören, in fossile Energien zu investieren, denn sie sind ja nicht einmal mehr ökonomisch interessant. Aber es gibt nur Faulheit, Ausreden und die immer gleichen kommerziellen Interessen. Kein Grund, die Klimajugend in herablassenden Kommentaren zu belehren, sie müsse halt mit einer Volksinitiative kommen. Was sollte denn das nützen? Dass am Ende in der Bundesverfassung ein weiterer Sonntagspredigtartikel steht? Es geht ja nicht um die Verfassung, es geht um den Vollzug, ihr intellektuellen Arschbomben! Wenn die Jugend nur ungeduldig ist, dann könnt ihr noch von Glück reden.

 

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Diskurs in der Enge

Recht haben ist nicht immer lustig. Es kommt leider, wie ich gesagt habe, die Debatte über die Begrenzungsinitiative nimmt den erwarteten unerwünschten, falschen Verlauf. Wir reden tatsächlich und allen Ernstes über ökologische Überbelastung aufgrund der Zuwanderung, das Wort «Dichtestress» ist salonfähig geworden, und dass unsere S-Bahnen überfüllt seien, wird unwidersprochen hingenommen, auch wenn die Auslastung über alles nur etwa bei 35 Prozent liegt. Und an all dem sei die Zuwanderung schuld, auch das wird kaum dementiert, es wird einzig erwähnt, sie sei halt leidergottes nötig für unsere Wirtschaft und die Altersvorsorge.

Schwach. Und falsch.

Die WoZ rettet ein bisschen die mickrige Ehre einer innerlinken, aber auch liberalen Debatte, indem sie darauf hinweist, dass die Zuwanderung und das (Bevölkerungs)Wachstum klar benennbare ökonomische Treiber hat: allen voran die Fremdinvestitionen in der Schweiz, aber generell der Kapitalzuwachs, der in den letzten Jahren rasant anstieg und den auch Corona kaum stoppen wird. Die ebenfalls massiv zunehmende Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen führt dann dazu, dass am Ende der Debatte nur noch die blanke Emotion (Neid!) und der subjektive Eindruck bleibt: Alles geht den Bach runter und ich profitiere nicht einmal davon. Wasser auf die Mühlen der Fremdenfeinde.

Nur: Es ist und wird gar nicht eng. Das Boot ist nicht voll. Nicht in den Zügen, wenn man vielleicht am Arbeitsplatz und in den Schulen etwas flexibler punkto Präsenzzeiten wäre. Nicht auf dem Arbeitsmarkt, wenn man endlich die Produktivitätsgewinne der letzten Jahre und Jahrzehnte in die Reduktion von Arbeitszeit stecken und damit Arbeitsplätze schaffen würde. Nicht bei der Wohnungssuche, wenn alle, wie die in dieser Hinsicht vorbildlichen Genossenschaften, Belegungsvorschriften hätten. Nicht in der Energieversorgung, wenn wir endlich vorwärts machen und vollständig auf neue erneuerbare Energieträger umstellen würden. Nicht in den Sozialwerken, wenn man die unsägliche 2. Säule abschaffen und in die erste integrieren würde. Und so weiter.

Stattdessen: Keine Rede ist von der unsäglichen Verlogenheit der SVP, welche die Zersiedelungsinitiative der Jungen Grünen abgelehnt hat, obschon diese die Verbauung der Landschaft gestoppt hätte. Die sich nun plötzlich als Hüterin von Löhnen und Arbeitsplätzen aufspielt. Die Ströme von Krokodilstränen über verschwundene grüne Landschaften und grassierenden Beton vergiesst (Kulturlandverlust!). Oder über die vielen Personenwagen auf unseren Strassen. Es ist zum Kotzen, aber wir haben uns ja offenbar daran gewöhnt, Protest wird eigentlich kaum mehr laut. Dumm und blöd auch das Argument eines Ökonomie-Professors, dessen Name ich hier nicht nennen will: Die CO2-Reduktionsziele seien «recht problemlos» zu erreichen, wenn’s keine Zuwanderung geben würde. Sackstark! Wenn’s keine Professoren geben würde, wär das fürs Klima übrigens ebenfalls nützlich.

Kein Wort schliesslich über die immer noch und überall grassierende Verschwendung. Von Lebensmitteln (ein Drittel!), von Energie (mehr als ein AKW produziert!), von Geld (Kampfflugzeuge!). Kein Wort über den bemerkenswerten Ansatz der Initiative, für fast alle Probleme, die wir teilweise in der Tat haben, eine einzige Ursache zu finden. Nur ist diese nicht nur falsch, sondern die Simplifizierung vernebelt auch den Blick auf die wahren Gründe. Eng ist eigentlich nur die real existierende Debatte.

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